wellenringe


Yogash citta–vritti–nirodhah 
योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः

 

Wenn ich festlegen müsste, welche Sutra die Bedeutsamste ist, dann würde ich diese wählen. Hier wird der Yogaweg in einem Satz zusammengefasst. Alle weiteren Sutras erläutern den Weg.

Auslegung und Deutung dieser Sutra erfolgt unterschiedlich. Lese hier, welche Prioritäten du gemäß der Sutras-Deuter bei deiner täglichen Praxis setzen solltest.

Übersetzung

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Die Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin.

  • Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken.

  • Yoga ist der Zustand, in dem die seelisch-geistigen Regungen zur Ruhe kommen.

  • Yoga ist das Zuruhekommen aller Bewegungen im Geist.

  • Yoga ist der Bewusstseinszustand, in dem die Bewegungen des meinenden Selbst in die Stille kommen.

  • Der Zustand des Yogas wird durch vollkommene Beherrschung des Denkens und Fühlens erreicht.

  • Yoga ist, die Strukturierung des Bewusstseins zu beruhigen.

  • Yoga ist die Bewusstseins-Regungs-Stillung.

  • Yoga ist die Unterdrückung der Modifikationen des Geistes.

  • Yoga ist die Hemmung der Modifikationen des Geistes.

  • Yoga ist der Prozess der Beendigung der Vrittis des Feldes des Bewusstseins.

  • Die Hemmung der Modifikationen des Geist-Zeugs ist Yoga.

  • Yoga ist die Kontrolle der Gedanken-Wellen im Geist.

  • Yoga ist die Hemmung des Geistes vor der Einnahme verschiedener Formen.

  • Yoga ist das Beruhigen der Gedankenwellen.

  • Yoga ist die Unterdrückung der Änderung des Geistes.

  • Yoga ist das Auflösen aller Trübungen im Wandelbaren des Menschen.

  • Yoga ist die Beschränkung der Fluktuationen des Bewusstseins.

Deutung: Die große Stille

Yoga ist also - das ist eine grundlegende Definition und von großer Bedeutung im Yoga - das zur Ruhe-Kommen und/oder das Unterdrücken (je nach Auslegung der Lehren) der Bewegungen im Geist/Bewusstsein. Eliade (S. 44) sieht daraus die Notwendigkeit, sich aus eigener Erfahrung Kenntnis über alle möglichen Bewusstseinszustände zu verschaffen, die einen normalen, "profanen", nichterleuchteten Geist (Bewusstsein) im täglichen Leben in Wallung bringt.

Dies schafft die Voraussetzung für die "Vernichtung" dieser profanen Bewusstseinszustände. (Eliade S. 45) "... die Gruppen, Arten und Varietäten von Bewusstseinszuständen - citta-vritti - zu vernichten". Dies gelinge aber nur, wenn man diese vorher erkannt hat.

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Diese "Vernichtung der Bewusstseinszustände" ist ein Gedanke, der dem Samkhya gemäß Eliade noch fremd ist. Dort wird die Freiheit (einfach ;-) ) durch die metaphysische Erkenntnis erlangt.

Nebulös

Citta, Vritti und Nirodha - keines dieser Worte wird von Patanjali laut Deshpande im Yogasutra konkret erläutert. Demzufolge ergeben sich die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten.

Zum Citta

Schwer zu fassen

 

Yogalehrer und Sanskrit-Gelehrte zaubern für Citta stets neue Übersetzungen hervor. Meines Erachtens werden nicht alle Interpretationen der weiten Bedeutung von Citta gerecht. Für mich ist es zum Beispiel klarer, von "Bewusstseinszuständen" als nur von "Gedanken" zu sprechen, da mit Vritti auch alle Gefühle, und sonstigen emotionalen Aufwallungen gemeint sind. Ich habe mich für "Citta = Geist" entschieden.

Zum Vritti - dem Schleier

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Der Schleier

 

Wenn dieses Citta in Bewegung gerät - durch Emotionen, Gedanken etc. - spricht Patanjali von Vritti. Ich übersetze es mit "Bewegungen im Geist (Citta)". Populär ist es auch, von "Wellen im Geist" zu sprechen, beispielsweise als Gedankenwellen oder "emotionalen Aufwallungen".

Manche übersetzen Vritti mit "wählen". Deshpande verweist darauf, dass das normale Wählen bei einem unterleuchteten Menschen gemäß Patanjali nicht aus einem Zustand der Freiheit erfolgt, sondern aus der Identifikation des Wählenden mit dem Gewählten.

Wählen findet, so verstanden, nicht wirklich in Freiheit statt, sondern "gefesselt" von den eigenen Zuneigungen und Abneigungen: Ich will dies haben und jenes meiden. Das sei - obwohl auf der ganzen Welt als "normal" angesehen - gemäß Deshpande und vielen anderen Yogis keine wirkliche Freiheit. Freiheit entsteht (erst) aus der Fähigkeit, nicht zu wählen.

Yoga hier also verstanden als Aufruf zu: "Höre auf zu wählen, und schaue, was dann passiert." Und was soll passieren? Wenn du aufhörst zu wählen, kommt dein Geist zur Ruhe. Erst verlangsamt er sich, dann kommt er irgendwann zum Stillstand - mit all den damit versprochenen Segnungen.

Nirodha - die klare Sicht

Segnung des Schleierentzugs

 

Diese Segnung liegt zum einen darin, dass wir das, was ist, klar erkennen, nicht mehr getrübt, verfärbt oder verfälscht durch die Vrittis. Zum anderen darin, und hier unterscheiden sich Yoga und Buddhismus ein wenig, dass der so befreite Yogi Purusha, das eigene Selbst, die eigene Seele, erkennt. Dazu mehr in der nächsten Sutra (I-3). Ruhe und Glückseligkeit sollen mit diesem Erkennen einhergehen (Sat, Chit, Ananda).

Anders ausgedrückt: Wenn man die Vrittis mit einem Schleier vor dem Gesicht einer Frau vergleicht, hängt ihre Wahrnehmung von der Farbe des Schleiers ab. Sie könnte auch jeden Tag eine andere Farbe tragen und so jeden Tag die Welt anders wahrnehmen.

Das Perfide: Wenn wir uns durch die Vrittis täuschen lassen, die Welt also "falsch" wahrnehmen, wird diese Täuschung durch alles bestätigt, was wir sehen. Die Welt erscheint so, wie wir meinen, dass sie ist.

Der Weg zur Klarheit

Wofür steht Nirodha: Unterdrücken oder locker lassen?

"Vernichtung", "Beherrschung" - diese Übersetzungen klingen nach krampfhafter Ruhigstellung der Vrittis. Aber Deshpande und andere beteuern, dass mit Nirodha nicht das zwanghafte Zur-Ruhe-Bringung des Geistes gemeint sei. Dies wäre ein "Akt des Wählens" und damit eine aus der Ego-Zentrierung hervorgegangene Tätigkeit, die zur weiteren "Konditionierung des Geistes" führe und nicht in die ersehnte Freiheit.

Nirodha meint, wie oben erläutert, laut Deshpande (S. 10) vielmehr "Nicht-Wählen". Es stehe hier nicht für eine Unterdrückung der Denktätigkeit, sondern deren langsames Zur-Ruhe-Kommen. Yoga sei keine Sache der egozentrischen Bemühung, der Anstrengung und Unterdrückung. Dazu gelte es, die eigene wahre Identität zu finden, Samadhi sei das Gegenteil bewusster Unterdrückung.

Ähnlich äußert sich Desikachar (Über Freiheit und Meditation), der eine Beruhigung des Geistes durch "strömenlassen" oder "lenken" favorisiert. Dazu muss der Geist aber die Fähigkeit trainiert bekommen, seine Aufmerksamkeit ganz auf ein Objekt strömen zu lassen:

Desikachar: Yoga ist die Fähigkeit, sich ausschließlich auf einen Gegenstand, eine Frage, oder einen anderen Inhalt auszurichten und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verweilen.

Sriram: Einheit findet statt, wenn alle Gefühle und Gedanken zueinandergefunden haben.

Iyengar: Wenn Yoga erlangt ist, beruhigt sich der Geist wie "die Lampe an einem windlosen Ort".

Zusammenfassung

Fazit

Nirodha ist also eher ein Prozess, weniger eine Aufgabe an sich, weniger Kampf, sondern ein allmähliches Verblassen, das durch die Übungen des Yogas irgendwann von selbst eintritt. Den Vrittis wird sozusagen über unsere Selbstbeherrschung Energie entzogen, die Affen des Geistes werden nicht mehr gefüttert, so dass sie sich ermattet niederlegen.

Wofür steht dann dabei das Üben der Meditation? Vielleicht kann man eine Parallele aus dem Sport heranziehen: Die Meditation ist die Nirodha-Trainingsstunde, das tägliche Leben hingegen das Punktspiel, in dem das Training zur Anwendung kommt.

Übung zu Yoga Sutra I-2

uebung sutre

Achte in dieser Woche darauf, wie du wählst. Anders ausgedrückt: Beobachte in dieser Woche dein Citta. Woraus besteht dein Geist alles?

Kannst du erkennen, was Vrittis sind? Was bewegt den Geist bei dir am meisten: Gedanken, Wünsche, Freude, Ängste, Alltagssorgen, Zeitstress ...?

Videos zur zweiten Sutra:

Ausführliche Erklärung

17 minütige Erläuterung zur zweiten Sutra auf Deutsch:

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Kommentare zum Beitrag

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Kommentare  

Sachit
#1 Sachit 2016-09-28 11:23
Cittavrittiniro dha erinnert mich an die Meditationsanwe isung von Bhante Vimalaramsi; beim Abschweifen vom Meditationsobje kt: Bemerken, Loslassen, Entspannen, Lächeln, zurück zum Meditationsobje kt, diese Schritte immer wiederholen... Nicht versuchen alles Abzuschotten und mit starker Konzentration dabeibleiben, sondern Loslassen, Raum geben ... dabei verflüchtigen sich störende Gedanken wie sich auflösender Neben oder Wolken.
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Peter
#2 Peter 2016-09-28 12:37
Danke für die Ergänzung
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Roman
#3 Roman 2016-10-15 08:04
Mich würde interessieren, wie ich im Alltag nirodha z.B. bei Auftauchen von Ärger umsetze. Gehe ich in die Position des Beobachters, wähle ich doch auch und bin von dem getrennt , was ich beobachte. Wie kann ich Tun und Lassen gleichzeitig erreichen oder ist nichts zu erreichen?
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Tina
#4 Tina 2016-10-16 17:21
Ich verstehe nicht ganz, was du meinst. Im Nirodha - Stillstand - gibt es keine Ärger-Vrittis. Wie du Nirdodha erreichst? Durch Yoga! :-)

Wenn du dich bemühst, die Ursache deines Ärgers zu ermitteln, wie der Ärger entsteht und wieder vergeht, dann ist das Selbsterkenntni s. Was dich wiederum auf dem Weg des Yoga voranbringt.

Alles dies mündet dann - hoffentlich, vielleicht - im Nirodha.
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Peter
#5 Peter 2016-10-18 11:11
Hallo Roman, vielleicht kann man Ärger generell als "Ablehnung" von irgendetwas definieren. Diese rät Patanjali generell zu überwinden, um den Geist ruhig zu bekommen. Siehe z.B. http://www.yoga-welten.de/sutras/kapitel-1/sutre-15.htm
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Roman
#6 Roman 2016-10-18 16:34
Hallo Peter!
Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du, dass der Übende etwas zu überwinden hat, damit es nachher nicht mehr da ist. Also rätst du mir, meinen Geist zur Ruhe zu bringen, denn dann zieht mich nichts mehr an oder stößt mich auch nichts mehr ab. Kann man das dann Gelassenheit nennen? Bedeutet das, dass die Bewegungen des Geistes immer noch da sind, aber mein Selbst hält sich nicht mehr damit auf, oder sind die Bewegungen dann nicht mehr da? Geht es darum innerlich die Natur zu verwirklichen, die klar ist, wie der Bergkristall? Was klar ist, kann nicht zugleich düster sein, also schließt die Klarheit den Ärger aus. LG Roman
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Roman
#7 Roman 2016-10-18 17:00
@ Peter: Ich hätte eigentlich "nur" das nächste Sutra I.3 durchlesen müssen, da ist es genau erklärt. Danke nochmals für den passenden Hinweis.
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