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Pracchardana–vidharanabyam va pranasya
प्रच्छर्दनविधारणाभ्यां वा प्राणस्य

 

Patanjali kommt zum Pranayama. Der bewussten Beeinflussung des Atems (konkrete Hinweise kommen von den Kommentatoren) ermöglicht tiefgehende Erfahrungen. Oder ist diese Sutra ganz anders gemeint? Schauen wir uns die Übersetzungsvarianten an:

 

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrit

  • Pracchardana, Prachchhardana = Ausstoßen, Ausatmen; (vollständiges) Hinauswerfen;
  • Vidharanabhyam, vidhāraṇa = Zurückhalten, Bewahren; (besonderes) Anhalten; Zurückhalten;
  • Abhya, ābhya = beidem, und; aus den beiden;
  • Va = oder; auch;
  • Pranasya = des Pranas, des Atems;

 

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Das "Oder", mit dem Sutra I-34 beginnt, bezieht sich laut allen von mir gelesenen Kommentatoren auf die "Klarheit" des Geistes aus Sutra I-33, Iyengar schreibt "... den inneren Sinn zu befrieden".

  • Die 12koerbe.- Übersetzung deutet m.E. nach in Richtung "heftiges" Ausatmen: "... durch Hervorstoßen ... des Atems".
  • Viele, z.B. Hariharananda Aranya, I. K. Taimni übersetzen Pracchardana nur mit "das Ausatmen".
  • Barbara Miller: "... gemäßigte Ausatmung und Zurückhaltung des Atems.";
  • Satchidananda: "... kontrollierte Ausatmung und Zurückhaltung ...".
  • Prabhavananda: "... Ausweisung ... des Atems".
  • Vivekananda: "... Auswerfen ...".
  • Dr. Ronald Steiner: "... durch Atemübungen mit Ausatmen und Anhalten ..."
  • Iyengar erweitert die Sutra in seiner Übersetzung: "... (sanftes und gleichmäßiges) Ausatmen und (passives) Anhalten ... (nach dem Ausatmen)".
  • R. Sriram: " ... vollständige Ausatmen ...".
  • Skuban ergänzt ebenfalls etwas freier: " ... wenn wir den Fokus auf die Ausatmung legen und auf die Stille ...", die nach dem Ausatmen folgt.

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Einordnung

Starten wir mit den Worten von Wim van den Dungen: "Pranayama ist eine außergewöhnliche Technik, die ausgiebig im hinduistischen Yoga, dem chinesischen Ch’i Kung und dem tibetanischen Tantrayâna genutzt wird."

 

 

Nur zweitrangig ...

Deshpande meint (S. 64ff), dass die Wege in Sutra I-23 bis I-39 nicht bis zum finalen Ziel des Yoga führen, sondern (lediglich) einen "ruhigen, gefestigten Gemüts- und Geisteszustand" erzeugen. Übung und Loslassen seien primäre Methoden, die anderen nur sekundäre. Es gehe bei allen Yogabemühungen letzlich um die finalen Implikationen der Yoga-Welt- und Menschensicht. Diese erfordern eine völlige Umkremplung des Menschen. Mehr dazu u.a. im vierten Kapitel des Yogasutra.

 

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Wunderwerkzeug Pranayama

Eliade zitiert auf Seite 63 einen Kommentar Bhojas: "Da die Funktion der Atmung allen Organfunktionen vorausgeht – und da immer eine Verbindung zwischen Atmung und Bewusstsein in ihren beiderseitigen Funktionen besteht – verwirklicht die Atmung, wenn alle Organfunktionen eingestellt sind, die Konzentration des Bewusstseins auf ein einziges Objekt." Darum ist Pranayama für die Meditationspraxis so hilfreich.

Man beachte die Betonung: "immer eine Verbindung zwischen Atmung und Bewusstsein". Eliade deutet dies so: Dieser Satz geht weit über die reine Beobachtung hinaus, dass ein wütender Mensch hektisch atme und ein konzentrierter ruhig. Hier wird behauptet, dass der Yogi mittels Steuerung seiner Atmung alle Bewusstseinszustände erfahren kann. Auch die tieferen wie das Schlafbewusstsein. Und zwar bewusst!

Auch Sukadev schreibt: "Richtige Atmung im täglichen Leben kann sehr viel bewirken. ... Verändern wir das Prana, ändert sich der Geist". Und ergänzend: Satchidananda (S. 58) Thirumoolar zitierend: "Wohin dein Geist geht, folgt das Prana. Verändern wir die Atmung, verändert sich das Prana."

 

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Konkretisierung des Ablaufs

Iyengar schreibt, dass durch das Anhalten des Atems nach dem Ausatmen die Klarheit des Geistes beibehalten werde. Ein- und Ausatmung habe langsam zu erfolgen. Das Anhalten solle nur solange erfolgen, wie es nicht als unangenehm empfunden wird.

 

Anhalten nach Ein- oder Ausatmung?

Viele Kommentatoren deuten Patanjalis Empfehlung wie Iyengar als Anhalten nach dem Ausatmen. Satchidananda sieht dafür keinen direkten Beleg, wir sollen lediglich "... beobachten und den Atem regulieren, um einen friedvollen Geist zu erhalten." Dies könne in langen Meditationssitzungen erfolgen, oder auch immer mal wieder zwischendurch um den Geist zu beruhigen, z.B. wenn wir ärgerlich oder aufgeregt sind.


(Nur) eine Meditationsempfehlung?

Marcel Turnau von vedanta-yoga.de deutet diese Sutra nicht primär im Zusammenhang mit Pranayama, sondern in Bezug auf das Beobachten der Atmung in der Meditation: "Durch die einpünktige Beobachtung des Atems beruhigen wir ihn, und überwinden die Hindernisse und Klären dadurch den Geist." Und er konkretisiert: " Es gilt den Atem automatisch geschehen zu lassen und ihn dabei nur zu beobachten, ohne ihn zu beeinflussen."

In diese Richtung geht auch die Übersetzung dieser Sutra von Deshpande: "... (Meditation mit Hilfe) des Ausstoßens und Anhaltes des Atems ..." führe zur gewünschten Klarheit des Geistes. Genau wie Satchidananda.

 

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Totale Aufmerksamkeit

Deshpande formuliert (S. 66) weiter: "Atmen und Leben sind so eng miteinander verknüpft, dass sie ... voneinander abhängig sind."

Interesse am Atem sei Interesse am Leben.

Dies würde "... völlige Aufmerksamkeit erfordern ..." und "den Geist in seiner Ganzheit" beanspruchen.

Er erläutert: Wenn der Yogi dies erkenne "… beginnt man sein immer vollzogenes Atmen mit totaler und wachsamer Aufmerksamkeit zu beobachten." Und das sei letztendlich mit Dhyana, mit Meditation gemeint. Reine Atem-Schau, nicht-urteilende Beobachtung, völlige Aufmerksamkeit.

So kommt es zur Zusammenführung von Sehenden und Gesehenem, die Ganzheit des Geistes kommt in einen "Zustand gleichmäßiger Ruhe" (Deshpande S. 67).

 

Beachte: Dies alles soll durch Meditation über den Atem und dessen feiner "Regulierung" (mehr von selbst erfolgender Verlangsamung bis zum zeitweiligen Stillstand) erfolgen, nicht durch spezielle Atemtechniken.

 

Deshpande verspricht tiefgreifende Erlebnisse und Erfahrungen, wenn die Atembeobachtung in dieser leidenschaftlichen Weise erfolge. Unter anderem erkenne man, dass "eine vitale Beziehung besteht zwischen den Pausen, die am Ende des Ein- und Ausatmens eintreten und der Beständigkeit oder Ruhe des Geistes".

Siehe hierzu auch Sutra II-52:

Yoga Sutra II-52: Dadurch wird der Schleier vom Licht der Klarheit aufgelöst

 
Tataḥ kṣīyate prakāśāvaraṇam
ततः क्षीयते प्रकाशावरणम्

 

 

Übung zu Yoga Sutra I-34

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche:

Übe diese Woche Meditation mit dem Atem als Meditationsobjekt. Habe dabei Vers 567 des Tirumantiram im Sinn:

"Lass Prana mit dem Geist verschmelzen
Und beides zusammen still werden."

 

Ergänzend zu den obigen Ausführungen siehe auch Sutra II-49:

Yoga Sutra II-49: Nachdem dies erreicht ist folgt Pranayama, die Beherrschung der Lebensenergie über Ein- und Ausatmung


Tasmin sati shvâsa-prashvâsayor gati-vicchedah prânâyâmah
तस्मिन् सति श्वासप्रश्वास्योर्गतिविच्छेदः प्राणायामः

 

 

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