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kristall klar zr 250Kshîna-vritter abhijâtasy eva maner grahîtri-grahana-grâhyeshu tatstha-tadanjanatâ samâpattih
क्षीणवृत्तेरभिजातस्येव मणेर्ग्रहीतृग्रहणग्राह्येषु तत्स्थतदञ्जनता समापत्तिः

Im Laufe einer langen und ernsthaft betriebenen Meditationspraxis verändert sich unser Geist und wir vertiefen beständig das Verständnis von unserer inneren Natur und der äußeren Welt. Diese Sutra spielt auf einen besonderen Aspekt dieser Entwicklung an: der Verschmelzung von Wahrnehmenden, Wahrgenommenen und Wahrnehmung.

Damit sind höchst erstaunliche Fähigkeiten verbunden, wie wir in den Kommentaren lesen.

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Ksihna, Kshîna, ksina = reduziert, vermindert, geschwächt, zusammengebrochen, ruiniert, entleert, nahezu völlig versiegt;
  • Vritti = Geisteswellen, Gedanken; Tätigkeiten oder Bewegungen des Geistes;
  • Kshîna-vritteh = von dem, dessen Bewegungen im Geist (fast) ganz zum Stillstand gekommen sind; die geschwundenen Bewegungen;

  • Abhijatasya, abhijâtasya, abhijâtasyeva, abhijata = transparent; von edler Herkunft, hochgeboren; edel; kostbar, wertvoll; rein;
  • Eva, iva = als ob; wie;
  • Maneh, maner, maṇer, mani = Juwel, Kristall, Edelstein;
  • Abhijâtasy eva maner = wie ein makelloser Edelstein;

  • Wortwurzel grabh = ergreifen, zupacken;
  • Grahitri, grahîtri = der Erkennende/Wahrnehmende; das Subjekt; der Begreifende;
  • Grahana = Wahrnehmung, Erkenntnis; Subjekt-Objekt-Beziehung; das Mittel zum Begreifen bzw. Erkennen; Begreifensvorgang; Vorgang des Erkennens;
  • Grahyeshu, grâhyeshu = das Wahrgenommene, erkannte Objekte; das Begriffene; Erkanntes;

  • Tat = diese; seine;
  • Stha = stehen; dabei bleiben;
  • Tatstha = auf dem es ruht, wurzelt oder steht;

  • Anjana = Klärung; einfärben, salben, schminken; offenbaren;
  • Tadantanjanata, tadanjanatâ = das Annehmen der Form oder Farbe von etwas anderem; Annehmen der Farbe irgendeines nahen Objektes;
  • Samapatti, Samapatti, samâpattih, samāpattiḥ = Versenkung; Erfüllung, Verschmelzung; Übereinstimmung; Vereinigung; Zusammenkommen; genaues Treffen; genaue Erkenntnis; In-eins-Fallen; durchdringende Zusammenschau; Erhebung; kognitive Versenkung, bei der man sich mit dem Meditationsgegenstand identifiziert;

 

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

  • Iyengar: "... Bewegungen des Bewusstseins aufhören ... Einheit des Erkennenden, des Instruments des Erkennens und des Erkannten makellos wiederspiegeln. ..."
  • R. Sriram: "... Der begreifende Drasta, das begriffene Objekt und Citta, das Mittel zum Begreifen, sind in einer Einheit ..."
  • Sukadev: "... verschmelzen der Wahrnehmende, das Wahrgenommene und die Wahrnehmung, so ist das die Versenkung"
  • R. Palm: "... im Subjekt, im Vorgang und im Objekt der Erfahrung die Farbe desen angenommen wird, wo es [ruhig] steht ..."
  • Feuerstein: "... Bewusstsein ... das wie ein durchsichtiger Kristall [erscheint], ... Zustand der unterschiedslosen Koinzidenz ..."
  • Govindan: "Ebenso, wie ein reiner Kristall die Farben [oder Formen] der in der Nähe befindlichen Objekte annimmt, ..."
  • R. Skuban: "... Bewusstsein, dessen Regungen fast ganz zur Ruhe gekommen sind ..."
  • Swami Satchidananda: "... der Geist wird ... klar und ausbalanciert ... dieser Höhepunkt der Meditation ist Samadhi."
  • 12koerbe.de: "... bei Auflösung aller Regung ... bewirkt die zwischen ihnen stattfindende Klärung "Übereinstimmung"."
  • Hariharananda Aranya: "... scheint der Geist die Eigenschaften des Objekts der Meditation anzunehmen ..."
  • Barbara Miller: " Wenn die Gedankengänge aufhören, kommt es zu einer kontemplativen Haltung, in der ..."
  • Swami Prabhavananda: "... Diese Errungenschaft der Gleichheit oder Identität mit dem Objekt der Konzentration ist als Samadhi bekannt."
  • Swami Vivekananda: "... dessen Vrttis dadurch machtlos (kontrolliert) geworden sind, ..."
  • R. Steiner: "... - Eines steht auf dem anderen, eines färbt das andere. Dies ist die Erleuchtung ..."
  • Recht anders "Roots of Yoga": "Der Zustand der Identität (samapatti) eines [Geistes], dessen Fluktuationen im Hinweisen auf den Wahrnehmer, das Wahrnehmungsorgan und die Wahrenommenschaften abgeschwächt wurden ..."

 

wald licht weg ur 564

Ausgangspunkt

Wir können die Meditation in drei Phänomene unterteilen:

  1. Der Mensch, der meditiert bzw. sich auf eine Wahrnehmung ausrichtet (Subjekt)
  2. Der Prozess dieser Ausrichtung mittels des Geistes
  3. Das Objekt der Wahrnehmung, hier das Meditationsobjekt

"Normalerweise" betrachten wir die Dinge da draußen (oder Phänomene in unserem eigenen Inneren) gefärbt durch Meinungen, Einstellungen, unserem momentanen Gemütszustand und andere Verzerrungen. Wir sind – um mit den Worten dieser Sutra zu sprechen – kein reiner Kristall, der das Licht, das auf ihn trifft, nicht verändert.

Sukadev nennt zur Verdeutlichung unsere Beurteilung anderer Menschen: Wir sehen einen Menschen und deuten anhand seines Gesichtsausdrucks seine Worte und machen uns gleichzeitig ein Bild von seiner Stimmung. Wir ergänzen das hereinfallende weiße Licht (hier: der Gesichtsausdruck) mit zahlreichen Farben (Urteilen). Unsere Deutung kann völlig falsch sein.

In der vorhergehenden Sutra I-40 schreibt Patanjali, dass beim Erreichen des Zieles (Samadhi), eine neue Ebene – Vashikara (Meisterschaft) – vom Yogi erreicht wird. Sutra I-41 und die folgenden Sutra beschreiben nun die Geistesfähigkeit, die mit Samadhi einhergeht: Samapatti und dessen Entwicklungsstufen.

Deshpande schreibt, dass der Geist dabei äußerst empfindsam für das werde, was im Inneren und Äußeren vor sich geht. Das ist eventuell ein Grund dafür, warum intensiv Praktizierende gerne die Einsamkeit aufsuchen.

leuchtturm licht rot ut 564

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Schritt 1: Klarheit des Geistes

Durch erfolgreiches Üben und Loslassen (siehe Sutra I-12), Iyengar nennt es "Läuterung", wird das Bewusstsein des Yogis rein und empfindsam. Zugleich wählt der Geist nicht ständig zwischen den (vergänglichen) Dingen (Phänomenen). Feuerstein kommentiert: "Wenn der Geist ganz still ist, wird er durchsichtig." Sukadev schreibt, dass die Wahrnehmung immer weniger gefiltert wird.

Das funktioniert nicht wie das Umlegen eines Schalters. Ksihna, das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen, meint vielmehr einen Prozess, "umfasst alle Stadien des Verfalls" der Geistesbewegungen (R. Palm).

Tatstha ("auf dem es ruhig wurzelt") kann als Symbol für den Geist des Yogis gesehen, der völlig ruhig steht.

Der Chitta, der Geist, hat nun seine Triebhaftigkeit, seine Gier nach Dingen und Erlebnissen verloren und ist unbewegt. Klarheit zieht ein. R. Skuban: "Der Geist des Yogi, dessen mentale Muster schwach geworden sind, wird klar wie ein Kristall." Sriram schreibt: "Chitta ist hier wie ein Edelstein von hoher Herkunft'".

 

Siehe zum Zur-Ruhe-Kommen der Vrittis Sutra I-2:

Yoga Sutra I-2: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen im Geist

wellenringe


Yogash citta–vritti–nirodhah 
योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः

 

Wenn ich festlegen müsste, welche Sutra die Bedeutsamste ist, dann würde ich diese wählen. Hier wird der Yogaweg in einem Satz zusammengefasst. Alle weiteren Sutras erläutern den Weg.

Auslegung und Deutung dieser Sutra erfolgt unterschiedlich. Lese hier, welche Prioritäten du gemäß der Sutras-Deuter bei deiner täglichen Praxis setzen solltest.

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Schritt 2: Ungefiltertes Schauen

Sukadev merkt an, dass es kein objektives Denken gibt, wohl aber – gemäß Patanjali in dieser Sutra – eine objektive (direkte) Wahrnehmung, eine unmittelbares Erfassen der Wirklichkeit: Samapatti.

Nun kann der Geist die Dinge ohne Filterung und ohne Aufwallung betrachten. Beliebt ist in den Kommentaren zu dieser Sutra die Metapher, dass der Geist die Dinge wie ein klarer Spiegel zurückwirft, unverzerrt. Alternativ wird das folgenden Bild genutzt: Der See, dessen Wasser sich bei Windstille klärt. Im Wasser gelöster Schmutz sinkt herab, so dass der Grund des Sees erkennbar wird.

Coster verweist zum Verständnis dieses Schrittes auf das Gleichnis vom Wasser im Vedanta. Dort heißt es bei Tookaram Tatya, dass das innere Organ des Verstehens in diesem Zustand dem Wasser gleiche. Genauer dessen Bereitschaft, sich jeglicher Form, die es umfließt, anzupassen. Willenlos, ohne Beeinflussung der Form, die es umspült. So werde die Erkenntnisfähigkeit des Geistes in Samapatti.

Deshpande formuliert, dass der Geist "durchlässig" wird.

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Schritt 3: Erfahrung der Einheit allen Seins

Durch die ungefilterte Schau kann es zur Erkenntnis der Verbundenheit und Einheit aller Dinge (Phänomene, Menschen ...) kommen. Der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt verschwindet. Damit "endet" auch der Prozess des Wahrnehmens, alle drei Aspekte des Wahrnehmens vereinen sich. "... als würden zwei Flüssigkeiten ineinanderfließen" (R. Skuban).

Swami Sivananda erläutert, dass in Samadhi der Geist sein eigenes Bewusstsein verliert und mit dem Objekt der Meditation identisch wird.

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Zu Samapatti

Siehe auch den Beitrag zu Samapatti.

Samapatti ist die Fähigkeit eines geübten Bewusstseins, alles Wahrgenommene unverändert widerzuspiegeln. Der Besitzer dieses Bewusstseins, der Seher, der Betrachtende, findet damit zu ursprünglicher Schau zurück.

Der Weg: Yoga üben -> Samadhi erreichen –> Samapatti anwenden

Anders ausgedrückt: Wer Yoga übt, erreicht irgendwann Samadhi (Samadhi hat mehrere Entwicklungsstufen). In dieser vollkommen ruhigen und ausgeglichen Geistesverfassung erhält der Yogi die Fähigkeit zu Samapatti, der völlig reinen Schau. Yoga und Samadhi sind der Weg, Sampatti der Zustand, eine Fähigkeit.

Deshpande zu Samapatti: "Dieser äußerst durchlässige und höchst sensible Geisteszustand ..."

Feuerstein schreibt: Im Zustand des Samadhi "... nimmt der Gegenstand der Konzentration derart große Ausmaße im Bewusstsein ein ...", dass der Unterschied zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenen verschwindet.

Govindan kommentiert hingegen: "Hier [in Sutra I-41] wird ein Prozeß beschrieben, durch den Samadhi erreicht wird."

Beim konkreten Verständnis von Samapatti existieren unterschiedliche Ansichten. Manche Kommentatoren sehen Samapatti nur als Synonym für Nirodha (siehe Sutra I-2) und Samadhi (z.B. R. Skuban). Wieder andere sehen einen Widerspruch zwischen Nirodha ("Unterdrückungsyoga") und Samapatti (dann als "Aneignungsyoga" betrachtet).

Meist wird Samapatti als eine Erkenntnisfähigkeit angesehen, die mit den ersten Stufen des Samadhi einhergeht. Samapatti gehört dabei zum Samprajnata-Samadhi, dem Samadhi mit Samen (gemeint ist tiefste Meditation, aber noch mit Meditationsobjekt). Sutra I-42 bis I-45 erläutern verschiedene Stufen von Samapatti (respektive Samadhi).

In der Hatha Yoga Pradipika Kapitel 4 wird diese Art der Erkenntnis übrigens Laya genannt.

 

Sutra I-42 bis I-45 erläutern, wie dieser Samapatti-Zustand zu vier Arten von Versenkung führen kann, die in Sutra I-46 als Sabija Samadhi (Samadhi mit Samen) bezeichnet werden.

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Das Bild des Kristalls

"Iva Abhijâtasyeva maner" wird meist als "wie bei einem edlen Kristall" übersetzt. Es ist ein bekanntes und schönes Bild für ein geklärtes Bewusstsein und will mit dem Bildnis des Kristalls bzw. Edelsteines dessen Wert symbolisieren. Ein Kristall ist völlig ruhig und – bestimmte Kristalle – verändern nicht die Farbe des Lichts, das sie durchdringt.

Wenn du eine Blume neben einen solchen Kristall stellst, wirst du die Farbe der Blume im Kristall wahrnehmen.

Getrübte Geisteszustände können ebenfalls mit bestimmten Kristalltypen in Verbindung gebracht werden. Sukadev verweist auf einen grünen Malachit, der immer in gleicher Farbe bleibt. Ähnlich sind manche Menschen völlig "verbohrt" bzw. sehen alles durch eine ganz bestimmte Brille.

R. Skuban verweist darauf, dass sich das Bild des Kristalls für einen klaren Geist auch in der christlichen Mystik findet. Thomas Scheffler (1624-1677) schreibt in "Cherubinischer Wandersmann":

"Ganz lauter wie ein Kristall soll dein Gemüte sein."

 

Übung zu Yoga Sutra I-41

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Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra 1-41:

Der Vorgang des Verschmelzens mit dem Meditationsobjekt führt zu tiefer Erkenntnis und Erfahrung über das Meditationsobjekt. Besonders fruchtbar ist es darum, über eine von mir als heilig angesehene Person, ein Vorbild (Buddha, deine Yogalehrerin, Jesus, deinen Opa ...) zu meditieren. Probiere dies einmal aus, indem du diese Person zu deinem Meditationsobjekt machst.

Idee: Stelle dir diese Person leuchtend in der Mitte deines Herzens vor.

Alternativ kannst du den Vorgang des Verschmelzens in der Wahrnehmung mit deinem Mantra üben.

Oder: Meditiere über dein Wahrnehmen.

 

Siehe zum Verständnis dieser Sutra auch Sutra I-44:

Yoga Sutra I-44: In den vorhergehenden Yoga Sutran wurden die Unterscheidung zwischen der mit Erwägung verbundenen und der von Erwägung freien Betrachtung und das, was noch subtiler ist, erklärt.

Etayaiva savichârâ nirvichârâ cha sûkshmavishayâ vyâkhyâtâ
एतयैव सविचारा निर्विचारा च सूक्ष्मविषय व्याख्याता

 

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