Lebenspfad-Übung yogisch betrachtet: Den eigenen Lebensweg bewusst gehen

Manchmal braucht es keinen Tempel, keine Matte und keine komplizierte Technik, um dem eigenen Leben näherzukommen – manchmal reicht ein stiller Weg in der Natur. Die Übung „Mein Lebenspfad“ lädt dazu ein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht nur zu bedenken, sondern Schritt für Schritt zu durchwandern. Sie verbindet Achtsamkeit, Erinnerung, Yoga-Philosophie und die nüchterne Einsicht, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Gerade darin liegt ihre Kraft: Sie kann helfen, das Wesentliche vom Lärm zu unterscheiden und den eigenen Weg wieder etwas klarer zu sehen.

Übung Mein Lebenspfad - Symbolbild mit Wiese

Inhalt: Lebenspfad-Übung yogisch betrachtet

Ablauf der Lebenspfad-Übung

Gehe zu einem möglichst einsamen Pfad in deiner Lieblings-Natur.

Lege nun ein Stück dieses Weges als "Meinen Lebenspfad" fest. Der Anfang des Pfades markiert deine Geburt, das Ende des Wegstückes steht für deinen Tod.

Dein "Heute" liegt in der Mitte dieses Pfades, unabhängig davon, wie viele Jahre du momentan zählst.

Das Gestern

  1. • Stell dich nun zunächst an den Anfang deines Lebenspfades. Willkommen im Leben!
  2. Gehe einen Schritt vor – wann setzt deine erste Erinnerung ein?
  3. Gehe langsam weiter, eventuell (wenn ohne Stolpergefahr möglich) mit geschlossenen Augen.
  4. Was war (zum Beispiel) am ersten Schultag?

    Bleibe (ungefähr) an der Stelle deines Lebenspfades stehen, an dem das Ereignis geschehen ist und erinnere dich mit allen Sinnen.

  5. Erinnerst du die erste Liebe?
  6. Wann kam die erste Verzweiflung?
  7. Deine erste Berührung mit Yoga.
  8. Der Start in den Job.
  9. Der erste Tod eines geliebten Menschen.
  10. Die nächste große Liebe ...
  11. usw....

Du kannst auch immer mal wieder zurückgehen, wenn dir noch etwas einfällt.

Das Heute

Wenn du beim Heute ankommst, blicke zunächst nach vorne. Du weißt nicht, für wie viele Jahre der vor dir liegende Pfadabschnitt steht. Aber das ist für diese Übung nicht wichtig.

Mache dir zunächst bewusst, dass du irgendwann sterben wirst. Das ist für die meisten Menschen ein hilfreiches Ritual für ein sensibleres Selbstbewusstsein und eine klügere Priorisierung im Leben. Zusätzlich verlieren dabei kleinere Alltagssorgen ihren Schrecken. Buddha rief sogar dazu auf, sich des eigenen Todes stets gewahr zu sein.

Das Morgen

Dann gehe langsam vorwärts und überlege währenddessen, was auf deinem Pfad wohl noch passieren wird. Hast du (Yoga-)Pläne? Wünsche?

Bleibe immer dann stehen, wenn dir etwas in den Sinn kommt.

Du kannst die Übung jederzeit abbrechen und an einem anderen Tag wieder aufnehmen. Vielleicht wird dies "Dein Pfad", auf den du immer wieder zurückkehrst, um dir deines Lebens bewusster zu werden, Vergangenes zu erinnern, Kommendes zu erträumen ...

Was hat dich bei der Lebenspfad-Übung besonders stark berührt?

 

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Bezüge zur Yogaphilosophie: Warum diese Übung erstaunlich gut passt

Diese Übung wirkt zunächst schlicht: ein Weg, ein Anfang, ein Ende, ein paar Erinnerungen. Aber unter der Oberfläche steckt viel Yogaphilosophie. Sie berührt einige der großen Themen des Yoga: Vergänglichkeit, Selbsterkenntnis, Erinnerung, Loslassen, Lebensausrichtung und die leise, unbequeme Frage: Wofür will ich meine begrenzte Zeit eigentlich verwenden?

Besonders deutlich ist der Bezug zu Svadhyaya, also der Selbsterforschung. Im klassischen Yoga meint das nicht bloß „ein bisschen über sich nachdenken“, sondern ein ernsthaftes Sich-selbst-Lesen: Welche Muster begleiten mich? Welche Geschichten erzähle ich mir über mein Leben? Wo bin ich gewachsen, wo hänge ich noch fest? Der Lebenspfad macht genau das körperlich erfahrbar. Du denkst nicht nur über dein Leben nach – du gehst es ab.

Yoga Sutra II-44: Durch Selbstserforschung (Svadhyaya) wird man eins mit der ersehnten Gottheit (bzw. dem Ideal)

Zur Sutra


Auch Smriti, die Erinnerung, spielt eine wichtige Rolle. In den Yogasutras gehört smriti zu den Bewegungen des Geistes. Erinnerung ist dort nicht einfach ein Archiv im Kopf, sondern etwas Lebendiges: Sie färbt Wahrnehmung, Entscheidungen und Selbstbild. Wer an einer bestimmten Stelle des Weges stehen bleibt und sich „mit allen Sinnen“ erinnert, begegnet nicht nur einem alten Ereignis, sondern auch den Spuren, die es im Inneren hinterlassen hat.

Yoga Sutra I-11: Die Vritti "Erinnerung" ist das Bewahren von Erfahrungen der Vergangenheit

Zur Sutra


Ein weiterer starker Bezug liegt bei den Kleshas, den leidvollen Grundverstrickungen des Menschen. Patanjali nennt unter anderem Raga – das Anhaften –, Dvesha – die Abneigung – und Abhinivesha, das Festhalten am Leben beziehungsweise die Angst vor dem Tod. Gerade der Moment, in dem man in der Mitte des Pfades steht und nach vorne blickt, führt direkt an Abhinivesha heran. Nicht theoretisch, nicht als philosophisches Vitrinenstück, sondern ziemlich handfest: Auch mein Weg endet. In den Yogasutras wird abhinivesha als eine der tief sitzenden Ursachen des Leidens beschrieben.

Yoga Sutra II-9: Haften am Leben (Abhinivesa) ist das instinktive Verlangen nach Leben, das man sogar beim Weisen findet

Zur Sutra


Die Übung hat außerdem eine Nähe zu Vairagya, dem bewussten Loslassen. Vairagya bedeutet nicht, kalt zu werden oder das Leben innerlich abzumelden. Eher im Gegenteil: Man sieht klarer, was wirklich Gewicht hat – und was nur laut ist. Patanjali stellt Abhyasa und Vairagya, also Übung und Loslösung, als zentrale Kräfte auf dem Yogaweg dar.

Yoga Sutra I-12: Übung (Abhyasa) und Nichtanhaften (Vairagya) führen zur Beruhigung der Bewegungen des Geistes (Nirodha)

Zur Sutra


Auch der Gedanke von Dharma klingt an: Was ist mein Weg? Was ruft mich? Was soll durch mich noch in die Welt? Beim Blick nach vorn geht es nicht darum, eine perfekte Zukunft zu planen. Es geht eher darum, die eigene innere Ausrichtung zu spüren. Manche Wünsche sind nur Wunschkonfetti. Andere haben Wurzeln.

Nicht zuletzt ist der Lebenspfad eine Art verkörperte Meditation. Der Körper wird nicht als störendes Beiwerk betrachtet, sondern als Resonanzraum. Gehen, Stehenbleiben, Zurückblicken, Vorwärtsschauen: Das alles bringt Denken, Fühlen und Körperempfinden zusammen. Genau darin liegt die Kraft der Übung. Sie bleibt nicht im Kopf hängen.

Welche Ergänzung würdest du dir zu dieser Übung wünschen?

 

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Ergänzung nach der Übung: Was Yoga dazu sagen würde

Nach dieser Übung lohnt sich eine ruhige Nachbetrachtung. Nicht zu schnell weggehen, nicht sofort das Handy zücken, nicht gleich wieder in den Alltag springen. Der Lebenspfad wirkt oft nach – manchmal wie ein stiller See, manchmal wie ein Kiesel im Schuh.

Hilfreich kann sein, sich danach einige Fragen zu stellen:

  • Was hat sich lebendig angefühlt?
    Welche Erinnerung kam mit Wärme, Weite oder Dankbarkeit? Manchmal sind das gar nicht die großen Ereignisse. Vielleicht war es ein Nachmittag im Garten, ein Blick, ein Geruch, ein Satz, der irgendwann einmal genau zur rechten Zeit fiel.
  • Wo wurde es eng?
    An welchen Stellen des Pfades zog sich etwas zusammen? Im Bauch, im Brustkorb, im Hals? Solche Reaktionen sind keine Fehler. Sie zeigen, wo noch etwas gesehen werden möchte.
  • Welche alten Geschichten trage ich weiter, obwohl sie mir nicht mehr dienen?
    Yoga interessiert sich sehr für Samskaras, also innere Eindrücke, Prägungen und Spuren. Manche helfen uns, andere halten uns in alten Bahnen. Die Übung kann sichtbar machen, wo man innerlich noch immer auf einem alten Bahnsteig steht, obwohl der Zug längst abgefahren ist.
  • Was möchte ich nicht länger aufschieben?
    Der Blick auf den Tod ist kein morbider Trick, sondern ein Weckruf. Nicht schrill, eher glockenhell. Wer sich der Endlichkeit stellt, erkennt oft schneller, was wirklich zählt: ein Gespräch, eine Versöhnung, eine Praxis, ein mutiger Schritt, ein Abschied von etwas, das innerlich längst morsch geworden ist.

Weitere mögliche Fragestellungen

Nach dem Lebenspfad kann eine einfache Praxis helfen, das Erlebte zu integrieren:

Setze dich für einige Minuten ruhig hin. Spüre den Atem. Lege eine Hand auf den Brustraum und eine auf den Bauch. Dann frage dich innerlich:

Was darf ich würdigen?
Was darf ich loslassen?
Was will ich nähren?

Du musst die Antworten nicht erzwingen. Yoga ist kein Verhörraum. Manchmal kommt nur ein Gefühl, ein Bild, ein Wort. Das reicht.

Wer mag, kann anschließend drei kurze Sätze notieren:

Ich danke meinem bisherigen Weg für …
Ich lasse heute ein wenig los von …
Ich gehe weiter mit …

Diese drei Sätze sind unscheinbar, aber sie haben Kraft. Sie verbinden Dankbarkeit, Loslösung und Ausrichtung – drei Dinge, die auf dem Yogaweg immer wieder auftauchen.

Übertreibe es nicht

Diese Übung kann berührend sein. Bei manchen Menschen öffnet sie Erinnerungen, die schwer wie nasses Holz sind. Wenn sehr belastende Erfahrungen, Trauer, Panik oder alte Verletzungen auftauchen, ist es sinnvoll, die Übung zu unterbrechen. Dann braucht es keine yogische Tapferkeitsnummer. Ein warmer Tee, ein vertrauter Mensch oder professionelle Begleitung können hilfreicher sein als jedes Weitergehen um jeden Preis.

Yoga meint nicht: alles aushalten. Yoga meint eher: wacher, ehrlicher und freundlicher mit sich selbst werden.

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Ergänzung oder Frage von dir

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Hier weiterlesen: Memento Mori Übung mit Fotos


Seltene, interessante und leicht schräge Fakten rund um Lebensweg, Erinnerung und Yoga

  • Die Angst vor dem Tod hat im Yoga einen eigenen Fachbegriff.
    In Patanjalis Yogasutras wird Abhinivesha als tief verwurzeltes Festhalten am Leben beschrieben – sogar bei Weisen. Das ist tröstlich: Todesangst ist kein persönliches Versagen, sondern ziemlich menschliche Grundausstattung.
  • Buddha empfahl tatsächlich eine Art Todesbewusstsein – aber nicht als Gruselübung.
    In buddhistischen Quellen wird Maraṇasati, die Achtsamkeit auf den Tod, als Praxis beschrieben, die Dringlichkeit und Klarheit fördern soll. Der Ton ist nicht morbide, eher nüchtern: Nutze dein Leben, solange du es hast.
  • In der Bhagavad Gita wird die Endlichkeit mit bemerkenswerter Direktheit formuliert.
    Kapitel 2, Vers 27 sagt sinngemäß: Wer geboren ist, wird sterben; wer gestorben ist, wird wieder geboren. Unabhängig davon, wie man zur Wiedergeburtslehre steht: Der Vers ist ein starkes Beispiel dafür, wie indische Weisheitstexte den Tod nicht ausblenden.
  • Eine der berühmtesten Todesgeschichten der indischen Philosophie handelt von einem Jungen.
    In der Katha-Upanishad begegnet Nachiketa dem Todesgott Yama und fragt ihn nach dem, was nach dem Tod bleibt. Das ist fast schon philosophisches Kino: ein Kind, ein Todesgott, drei Nächte Wartezeit – und eine Frage, an der Erwachsene bis heute kauen.
  • Ein Spaziergang in der Natur kann Grübeln messbar reduzieren.
    Eine vielzitierte Stanford-Studie fand: Ein 90-minütiger Spaziergang in natürlicher Umgebung senkte selbstberichtetes Grübeln und reduzierte Aktivität in einem Hirnareal, das mit selbstbezogenem Grübeln verbunden ist. Für die Lebenspfad-Übung ist das spannend: Natur ist hier nicht nur Kulisse, sondern kann innerlich den Boden bereiten.
  • Gerüche sind kleine Zeitmaschinen.
    Das sogenannte Proust-Phänomen beschreibt, dass Gerüche besonders starke autobiografische Erinnerungen auslösen können. Wer den Lebenspfad geht, sollte also ruhig wahrnehmen: feuchte Erde, Harz, Gras, Herbstlaub. Manchmal öffnet nicht der Kopf die Erinnerungstür, sondern die Nase.
  • „Lebensrückblick“ ist nicht nur spirituell, sondern auch psychologisch interessant.
    In der Psychologie gibt es Ansätze der Life Review Therapy, bei denen autobiografische Erinnerungen bewusst aufgerufen und geordnet werden. Studien untersuchten solche Verfahren unter anderem bei älteren Menschen mit depressiver Symptomatik. Das ersetzt keine Therapie, zeigt aber: Das bewusste Erinnern des eigenen Lebens ist mehr als Nostalgie.
  • Autobiografische Erinnerung ist keine starre Festplatte.
    Moderne Forschung beschreibt autobiografisches Gedächtnis als System, das persönliche Ereignisse mit Kontext verbindet: Was geschah, wo geschah es, wann geschah es – und wie fühlte es sich an? Genau deshalb kann eine Weg-Übung so stark sein: Sie gibt Erinnerungen wieder einen Ort, einen Körper und eine Richtung.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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