Einführung in die Gheranda Samhita
Die Gheranda Samhita gehört zu den bedeutenden klassischen Quelltexten des Hatha-Yoga. Sie ist in Sanskrit verfasst und wird traditionell dem Weisen Gheranda zugeschrieben, der seinen Schüler Chanda oder Chandakapali unterweist. Der Titel bedeutet sinngemäß „Sammlung des Gheranda“ oder „Lehrsammlung Gherandas“.
Wer heute Yoga vor allem mit Matten, Kursplänen, Rückengesundheit und Entspannung verbindet, begegnet in der Gheranda Samhita einer älteren, raueren und technischeren Welt. Hier ist Yoga kein Wohlfühlprogramm, sondern ein umfassender Weg der Reinigung, Körperbeherrschung, Atemlenkung, Sinneszügelung, Meditation und schließlich Samadhi. Der Text ist dadurch zugleich faszinierend und fordernd. Er erklärt viel, aber er erklärt nicht alles. Er setzt Erfahrung, Anleitung und eine bestimmte Übungskultur voraus.
Kurz zusammengefasst
- Gheranda Samhita
Die Gheranda Samhita gehört zu den wichtigen klassischen Quelltexten des Hatha-Yoga. Sie beschreibt Yoga nicht als einzelne Übungspraxis, sondern als umfassenden Weg von Reinigung, Körperstabilität, Atemlenkung, Meditation und Samadhi. - Ghatastha Yoga
Der Text nennt seinen Weg Ghatastha Yoga, also sinngemäß den Yoga des „Gefäßes“. Gemeint ist der Körper als Übungsfeld, der gereinigt, gefestigt und für höhere Bewusstseinszustände vorbereitet wird. - Sieben Stufen statt acht Glieder
Im Unterschied zu Patanjalis achtfachem Yoga beschreibt die Gheranda Samhita einen siebenstufigen Yogaweg. Auffällig ist, dass Yama und Niyama nicht als eigene Stufen erscheinen; der Text beginnt stattdessen mit körperlicher Reinigung. - Umfangreiche Praxislehre
Die Schrift nennt unter anderem 32 Asanas, 25 Mudras, 10 Pranayamas, 3 Dhyanas und 6 Samadhis. Damit ist sie besonders reich an konkreten Techniken und wirkt stärker wie ein Kompendium als wie eine knappe Lehrschrift. - Körper, Atem und Geist
Die Gheranda Samhita zeigt Yoga als einen Weg, der den Menschen nicht in Körper und Geist trennt. Körperarbeit, Atemschulung, Sinnesrückzug und Meditation greifen ineinander. - Historischer Quellentext, kein modernes Übungsbuch
Viele Techniken werden knapp beschrieben und setzen Erfahrung oder Anleitung voraus. Besonders intensive Reinigungstechniken, Atemübungen und Mudras sollten heute nicht unkritisch oder ohne fachkundige Begleitung geübt werden. - Bedeutung für heutige Leser
Der Wert der Gheranda Samhita liegt weniger darin, jede Übung nachzumachen, sondern den klassischen Hatha-Yoga tiefer zu verstehen. Sie zeigt eine Yoga-Welt, die körperlich, technisch, asketisch und spirituell zugleich ist. - Datierung und Überlieferung
Die Gheranda Samhita wird häufig in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert. Die erhaltene Überlieferung ist jedoch jünger; moderne Ausgaben beruhen auf Handschriften und gedruckten Fassungen aus späterer Zeit.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Eine klassische Schrift des Hatha-Yoga
Die Gheranda Samhita wird meist zu den klassischen Schriften des Hatha-Yoga gezählt, neben Texten wie der Hatha-Yoga-Pradipika und der Shiva Samhita. In manchen Darstellungen wird sie auch in eine Gruppe von vier besonders wichtigen Hatha-Yoga-Quellen eingeordnet, je nachdem, welche weiteren Texte einbezogen werden. Sicher ist: Sie gehört zu den zentralen Werken, wenn man verstehen möchte, wie vormoderner Hatha-Yoga gedacht und praktiziert wurde.
Besonders auffällig ist ihr Umfang an beschriebenen Techniken. Im Vergleich zur Hatha-Yoga-Pradipika wirkt die Gheranda Samhita stärker wie ein Kompendium. Sie sammelt, ordnet und beschreibt zahlreiche Übungen: Reinigungstechniken, Körperhaltungen, Mudras, Atemübungen, Formen der Meditation und verschiedene Samadhi-Zustände. Man kann sagen: Während manche Yogaschriften eher knapp und programmatisch wirken, breitet die Gheranda Samhita ihr Material gründlicher aus. Sie ist kein dünner Wegweiser, sondern eher eine Werkstatt mit vielen Werkzeugen. Einige davon glänzen. Einige sollte man besser nicht ohne Anleitung anfassen.
Aufbau und Inhalt
Die Gheranda Samhita besteht in modernen Ausgaben aus sieben Kapiteln und insgesamt 351 Versen. Diese sieben Kapitel beschreiben einen siebenstufigen Yogaweg, der im Text als Ghatastha Yoga bezeichnet wird. Die sieben Stufen sind:
- 1. Shatkarma – Reinigung
Am Anfang stehen Reinigungsübungen. Gemeint sind nicht bloß äußerliche Waschungen, sondern yogische Verfahren, die den Körper auf die weitere Praxis vorbereiten sollen. Die Gheranda Samhita beschreibt sechs Hauptgruppen von Reinigungstechniken, die wiederum in mehrere Einzelpraktiken unterteilt werden. - 2. Asana – Körperhaltung und Festigkeit
Der Text nennt 32 Asanas. Diese Haltungen dienen nicht primär der sportlichen Beweglichkeit, sondern der Stabilität, Kraft und Übungsfähigkeit. Asana ist hier nicht Lifestyle, sondern Vorbereitung und Schulung des Körpers. - 3. Mudra – Siegel, Geste und energetische Lenkung
Die Gheranda Samhita beschreibt 25 Mudras. Diese nehmen im Text einen breiten Raum ein. Mudras sind im Hatha-Yoga oft keine einfachen Handgesten, sondern komplexe Praktiken, die Körperhaltung, Atem, Konzentration und energetische Vorstellungen verbinden. - 4. Pratyahara – Rückzug der Sinne
Mit Pratyahara beginnt der Übergang von der stark körperorientierten Praxis zur inneren Sammlung. Die Sinne sollen weniger von äußeren Reizen fortgerissen werden. Der übende Mensch lernt, seine Aufmerksamkeit nicht ständig an die Welt zu verlieren. - 5. Pranayama – Atem und Lebensenergie
Die Schrift beschreibt zehn Formen des Pranayama. Dabei geht es nicht nur um ruhiges Atmen, sondern um die bewusste Regulierung von Atem, Energie und innerer Sammlung. Gerade hier ist aus heutiger Sicht Vorsicht nötig, denn intensive Atemtechniken können körperlich und psychisch stark wirken. - 6. Dhyana – Meditation
Die Gheranda Samhita nennt drei Formen der Meditation. Die Praxis führt nun deutlich nach innen. Der Körper ist nicht verschwunden, aber er ist nicht mehr der Hauptdarsteller. Die Aufmerksamkeit wird feiner, stiller, gerichteter. - 7. Samadhi – Versenkung und Befreiung
Am Ende stehen sechs Formen des Samadhi. Samadhi bezeichnet einen Zustand höchster Sammlung oder Versenkung, in dem die gewöhnliche Trennung von Wahrnehmendem, Wahrgenommenem und Wahrnehmung überschritten wird. Das Ziel ist nicht Entspannung im modernen Sinn, sondern Befreiung.
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Parallelen und Unterschiede zu Patanjalis achtfachem Yoga
Der Aufbau der Gheranda Samhita erinnert auf den ersten Blick an den achtfachen Yogaweg aus Patanjalis Yoga-Sutra. Auch dort geht es um eine Stufenfolge, die von grundlegender Schulung bis zur meditativen Versenkung führt. Der Unterschied ist jedoch deutlich: Die Gheranda Samhita nennt nicht Yama und Niyama als eigene Anfangsstufen. Ethische Grundhaltungen, Selbstdisziplin und Lebensführung stehen dadurch weniger sichtbar im Vordergrund als bei Patanjali.
Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas. Gleichzeitig sind die Yamas und Niyamas die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga-Yoga genannt). Patanjali, der bekannteste Yogaphilosoph, definiert die Yamas und Nyamas im Yogasutra. Dieser Artikel zeigt, wie sich alte Weisheit im modernen Alltag verankern lässt: Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat. Hier weiterlesen: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwendenBeitrag: Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden
Yamas und Niyamas: Ethik im Yoga verstehen und im Alltag anwenden
Das bedeutet nicht automatisch, dass Ethik unwichtig wäre. Es zeigt aber, dass dieser Text einen anderen Schwerpunkt setzt. Die Gheranda Samhita beginnt mit dem Körper. Sie behandelt den Menschen als verkörpertes Wesen, nicht als reinen Geist mit lästiger biologischer Verpackung. Der Weg führt vom Groben zum Feinen: erst reinigen, dann stabilisieren, dann lenken, dann zurückziehen, dann sammeln, dann versenken.
Das ist typisch für den Hatha-Yoga. Der Körper wird nicht verachtet, aber auch nicht verklärt. Er ist Gefäß, Werkzeug, Widerstand und Übungsfeld zugleich.
Was bedeutet Ghatastha Yoga?
Ein Schlüsselbegriff der Gheranda Samhita ist Ghatastha Yoga. Ghata bedeutet wörtlich etwa „Topf“, „Krug“ oder „Gefäß“. Gemeint ist der menschliche Körper beziehungsweise der Mensch als leiblich-geistige Einheit. Der Körper ist ein Gefäß, das gereinigt, gestärkt und vorbereitet werden soll.
Dieses Bild ist einfach, aber stark. Ein Gefäß kann trüb, spröde, undicht oder stabil sein. Es kann etwas aufnehmen oder verlieren. So sieht die Gheranda Samhita den übenden Menschen: als ein Wesen, das durch Praxis geformt wird. Der Körper ist dabei nicht Selbstzweck. Er ist der Ort, an dem Transformation beginnt.
Obwohl die Gheranda Samhita eindeutig zum Umfeld des Hatha-Yoga gehört, ist wichtig: Der Text bezeichnet seinen Weg selbst als Ghatastha Yoga. Das Wort Hatha steht nicht im Mittelpunkt der Selbstbeschreibung. Deshalb ist es präziser zu sagen: Die Gheranda Samhita ist eine klassische Schrift aus dem Bereich des Hatha-Yoga, deren eigener Ausdruck für den Weg Ghatastha Yoga lautet.

Ursprung und Datierung
Die genaue Entstehungszeit der Gheranda Samhita ist nicht mit letzter Sicherheit festzulegen. Häufig wird sie in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert, vermutlich mit einem Entstehungshintergrund im nordöstlichen Indien oder im weiteren bengalischen Raum. Es gibt auch frühere Datierungsvorschläge, z. B. derenzufolge sie bereits im 13. Jhd. verfasst worden sein könnt, doch diese sind vorsichtiger zu behandeln.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen vermuteter Entstehung, erhaltener Handschriftenüberlieferung und gedruckten Ausgaben. Das am frühesten datierte und erhaltene Manuskript stammt von 1802, die erste bekannte gedruckteAusgabe von Bhuvanan Chandra Vasaka in Kalkutta aus dem Jahre 1877.
Solche Abstände sind bei indischen Quellentexten nicht ungewöhnlich. Viele Texte zirkulierten lange in handschriftlicher, mündlicher oder schulischer Überlieferung, bevor sie gedruckt und wissenschaftlich ediert wurden.
Die Schrift wird gelegentlich mit Bengalen in Verbindung gebracht. Mircea Eliade beschreibt Gheranda als einen Vishnuverehrer aus Bengalen. Solche Angaben sind interessant, sollten aber nicht so behandelt werden, als läge eine moderne Autorenbiografie vor. Bei alten Yogatexten bleibt die historische Person hinter dem Namen oft schwer greifbar. Man weiß genug, um den Text einzuordnen, aber zu wenig, um daraus ein sauberes Porträt zu malen.
Mehr Techniken als viele andere Yogaschriften
Ein Grund für die besondere Stellung der Gheranda Samhita ist ihre Fülle an Praktiken. Sie beschreibt:
- Reinigungstechniken, die den Körper vorbereiten sollen.
- 32 Asanas, die Stabilität und Kraft fördern.
- 25 Mudras, die im klassischen Hatha-Yoga eine zentrale Rolle spielen.
- Pratyahara, den Rückzug der Sinne.
- 10 Pranayamas, also Atem- und Energieübungen.
- 3 Formen der Meditation.
- 6 Formen des Samadhi.
Damit bietet sie einen besonders breiten Überblick über die technische Seite des klassischen Hatha-Yoga. Einige Verse ähneln in Inhalt oder Formulierungen Passagen aus anderen Yogaschriften. Das ist kein Plagiat im modernen Sinn, sondern typisch für eine Textkultur, in der Lehrtraditionen, Formeln und Verse weitergegeben, angepasst und neu geordnet wurden.
Gerade für historisch interessierte Leser ist das wertvoll. Die Gheranda Samhita zeigt, dass Hatha-Yoga bereits früh eine komplexe Praxislandschaft war. Er bestand nicht nur aus Körperhaltungen und auch nicht nur aus Atemübungen. Er war ein System, das Körper, Atem, Sinne, Geist und Befreiungslehre miteinander verband.
Keine moderne Übungsanleitung
So bedeutend die Gheranda Samhita ist: Sie sollte nicht als modernes Praxisbuch missverstanden werden. Viele Anweisungen sind knapp. Manche Techniken wirken aus heutiger Sicht ungewöhnlich oder sogar riskant. Dazu gehören bestimmte Reinigungstechniken, intensive Atemübungen, längeres Luftanhalten, Drucktechniken und fortgeschrittene Mudras.
Historische Yogatexte setzen oft eine enge Beziehung zwischen Lehrer und Schüler voraus. Sie erklären nicht jede Sicherheitsfrage, weil vieles mündlich vermittelt wurde. Wer heute aus einem solchen Text direkt üben möchte, sollte sehr vorsichtig sein. Besonders Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Augenerkrankungen, Schwangerschaft, neurologischen Beschwerden, psychischer Instabilität oder unklaren körperlichen Symptomen sollten intensive Praktiken nicht eigenständig ausprobieren.
Das nimmt dem Text nichts von seiner Bedeutung. Im Gegenteil: Gerade wer ihn ernst nimmt, liest ihn nicht wie eine Bastelanleitung. Die Gheranda Samhita ist vor allem ein Quellentext, ein Dokument einer bestimmten Yoga-Tradition. Sie hilft zu verstehen, woher viele spätere Praktiken stammen und in welchem geistigen Rahmen sie ursprünglich standen.
Warum die Gheranda Samhita heute noch lesenswert ist
Die Gheranda Samhita ist nicht bequem. Sie spricht nicht die Sprache moderner Yogastudios. Sie ist stellenweise knapp, technisch, fremd und auch ein wenig störrisch. Aber genau das macht sie interessant.
Sie erinnert daran, dass Yoga historisch nicht nur Entspannung, Beweglichkeit oder Achtsamkeitstraining war. Yoga war auch Disziplin, Körperarbeit, Atemschulung, Askese, Energiearbeit und Suche nach Befreiung. Manche dieser Vorstellungen lassen sich gut in die heutige Praxis übersetzen. Andere bleiben fremd. Wieder andere sollte man mit Abstand betrachten.
Ein guter Zugang zur Gheranda Samhita besteht deshalb nicht darin, alles sofort praktisch übernehmen zu wollen. Sinnvoller ist eine dreifache Frage:
- Was sagt der Text tatsächlich?
Hier geht es um Übersetzung, Wortlaut und saubere Einordnung. - Was bedeutete das im historischen Kontext des Hatha-Yoga?
Hier wird sichtbar, warum Körper, Atem und Sinne eine so wichtige Rolle spielen. - Was ist für heutige Übende sinnvoll, sicher und verantwortbar?
Hier beginnt die moderne Urteilskraft. Nicht alles Alte ist weise, nur weil es alt ist. Aber auch nicht alles Fremde ist überholt, nur weil es nicht in heutige Kursformate passt.
Gerade in dieser Spannung liegt der Wert der Gheranda Samhita. Sie ist keine leichte Lektüre für nebenbei, aber ein wichtiger Text für alle, die Yoga tiefer verstehen wollen. Sie zeigt Yoga als Weg der Verkörperung: Der Mensch wird nicht in Körper und Geist zerlegt, sondern als Ganzes betrachtet. Reinigung, Haltung, Atem, Sinnesrückzug, Meditation und Samadhi gehören zusammen.
Wer sich ernsthaft mit den Wurzeln des Hatha-Yoga beschäftigt, kommt an der Gheranda Samhita kaum vorbei. Man muss ihr nicht alles glauben. Man muss ihr auch nicht alles nachmachen. Aber man sollte ihr zuhören. Alte Texte haben manchmal die unangenehme Gewohnheit, genau dort interessant zu werden, wo sie nicht in unsere Gegenwart passen.
Einige Quelltexte
- Boris Sacharow übersetzte zuerst die Gheranda Samhita auf deutsch unter dem Titel "Das große Geheimnis". Eine weitere Ausgabe erschien 1921 unter dem Titel "Fakire und Fakirtum“, hier im Internet findet sich ein Volltext.
- Sehr gute Übersetzung des ersten Kapitels hier als PDF.
- Diese günstige Buch-Ausgabe ist leider mit eklatanten Fehlübersetzungen versehen (so sehe zumindest ich das) und kann von mir deswegen nicht empfohlen werden.
- Im Buch "Fakire und Fakirtum" findet sich eine fast vollständige Übersetzung
- Illustrationen zu den Versen
- Internet-Vollausgabe in Englisch.
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Seltene, interessante oder humorvolle Fakten zur Gheranda Samhita
- Der Yogaweg beginnt nicht mit Ethik, sondern mit Reinigung
Anders als bei Patanjalis Yoga-Sutra stehen am Anfang nicht Yama und Niyama, sondern Shatkarma, also Reinigungstechniken. Das zeigt, wie körperorientiert dieser Hatha-Yoga-Text arbeitet: Erst wird das Gefäß vorbereitet, dann wird meditiert. - Die Schrift wirkt fast wie eine Yoga-Enzyklopädie
In der Forschung und in Überblicksdarstellungen wird die Gheranda Samhita häufig als besonders umfassender Hatha-Yoga-Text beschrieben. Sie wirkt weniger wie ein kurzer Leitfaden und mehr wie ein systematisch sortiertes Kompendium. - Gheranda unterrichtet Chanda – der Text ist ein Lehrgespräch
Die Gheranda Samhita ist als Dialog zwischen dem Lehrer Gheranda und dem Schüler Chanda aufgebaut. Das erklärt auch, warum manche Anweisungen knapp wirken: Der Text steht in einer Lehrtradition, in der vieles vermutlich mündlich ergänzt wurde. - Die erste bekannte gedruckte Ausgabe erschien in Kalkutta
Die Gheranda Samhita wurde im Jahr 1877 von Bhuvanan Chandra Vasaka in Kalkutta herausgegeben. Das ist für die Textgeschichte interessant, weil zwischen vermuteter Entstehung und gedruckter Ausgabe mehrere Jahrhunderte liegen können. - Es sind mehrere Handschriften bekannt – aber nicht alle sind glatt und fehlerfrei
Überblicksdarstellungen nennen 14 bekannte Manuskripte, die in einer Region von Bengalen bis Rajasthan gefunden wurden. Einige Handschriften enthalten ungrammatische oder schwierige Verse – ein schöner Hinweis darauf, dass auch alte Texte eine handfeste Überlieferungsgeschichte haben, mit allem menschlichen Staub darauf. - Der Text kennt verschiedene Samadhi-Wege
Die Gheranda Samhita beschreibt nicht einfach „den einen“ Samadhi, sondern sechs Formen des Samadhi. Das macht deutlich, dass die Schrift auch am Ende des Weges differenziert denkt – der Gipfel ist nicht nur ein einzelner Punkt auf der Landkarte.

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Die Gheranda-Samhita in der Zusammenfassung
Zusammenfassung vom ersten Kapitel der Gheranda Samhita: Shatkarma – Praxis der sechsfachen Reinigung
Wer sich mit der Gheranda Samhita beschäftigt, stößt schnell auf eine überraschend klare, fast schon nüchterne Sicht auf Yoga: kein Wellnessprogramm, sondern ein strukturiertes Übungssystem mit Anspruch. Dieser Artikel ordnet die Lehre des ersten Kapitels ein, erklärt die Funktion der Shatkarmas im Gesamtgefüge des Hatha Yoga und zeigt, warum Reinigung hier nicht als Nebensache, sondern als Voraussetzung für Erkenntnis verstanden wird. Wer verstehen möchte, wie aus körperlicher Praxis ein innerer Weg wird, findet hier eine fundierte und zugleich differenzierte Orientierung.
Zusammenfassung 2. Kapitel Gheranda Samhita: Asana – die Körperstellungen
Gheranda Samhita, Kapitel II, Vers 1: Hier fällt die Zahl 8 Millionen und 400 Tausend Asanas (so viele wie Tierarten ...) gebe es. Gott Shiva persönlich soll sie ursprünglich gelehrt haben. Jedoch nur 84 seien hervorragend (richtig), und davon seien 32 für den Menschen nützlich ("der Menschheit heilbringend"). Diese 32 werden im Kapitel 2 der Gheranda Samhita näher beschrieben.
Weiterlesen: Zusammenfassung 2. Kapitel Gheranda Samhita: Asana – die Körperstellungen
Zusammenfassung 3. Kapitel Gheranda Samhita: die 25 Mudra
Das dritte Kapitel der Gheranda Samhita beschreibt 25 Mudras, die im klassischen Hatha Yoga als besonders wirksame Praktiken gelten. Dabei geht es nicht nur um Handgesten, sondern um Körperhaltungen, Atemlenkung, Energieverschlüsse, Konzentration und symbolische Innenerfahrung.
Gheranda schreibt: Es gibt nichts auf der Welt, dass so schnellen Erfolg im Yoga bringt wie die Mudras. Obwohl diese "unbedingt geheim gehalten" werden sollen, beschreibt er diese dann doch recht ausführlich ...
Viele Mudras beziehen sich auf zentrale Themen des Hatha Yoga: Prana, Apana, Kundalini, Sushumna, Nektar, Bandhas, Samadhi und die Überwindung gewöhnlicher Begrenzungen. Dieser Artikel hilft dabei, die einzelnen Mudras verständlich einzuordnen, ihre symbolische Sprache zu entschlüsseln und zugleich nüchtern zu unterscheiden: Was gehört zur historischen Yogatradition, was kann heutige Praxis inspirieren – und wo ist Vorsicht klüger als frommer Übereifer?
Weiterlesen: Zusammenfassung 3. Kapitel Gheranda Samhita: die 25 Mudra
Zusammenfassung und Erläuterungen zum 4. Kapitel der Gheranda Samhita: Pratyahara – das Zurückziehen des Geistes – erklärt
Das vierte Kapitel der Gheranda Samhita behandelt Pratyahara, das bewusste Zurückziehen des Geistes von den Sinnesobjekten. Gemeint ist nicht, dass die Sinne bekämpft oder unterdrückt werden sollen. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen bleiben, was sie sind: Tore zur Welt. Doch der Geist soll nicht jedem Reiz hinterherlaufen wie ein ungeduldiger Hund an fünf Leinen.
In der Gheranda Samhita gehört Pratyahara zum siebenstufigen Yogaweg. Es folgt auf Reinigung, Asana und Mudra und bereitet die weiteren Stufen wie Pranayama, Dhyana und Samadhi vor. Während Patañjali Pratyahara im achtgliedrigen Yoga als fünftes Glied nennt, steht es bei Gheranda an vierter Stelle. Das zeigt: Die Gheranda Samhita setzt eigene Akzente. Sie ist kein bloßer Kommentar zu Patañjali, sondern ein praktisches Lehrwerk des Hatha Yoga.
Der Kern des Kapitels ist schlicht, beinahe nüchtern: Der Geist wandert. Man holt ihn zurück. Wieder und wieder. Er folgt dem Blick, dem Klang, der Berührung, dem Geruch und dem Geschmack. Pratyahara bedeutet, diesen Automatismus zu bemerken und den Geist wieder unter die eigene Führung zu bringen.
Weiterlesen: Zusammenfassung 4. Kapitel Gheranda Samhita: Pratyahara
Zusammenfassung 5. Kapitel Gheranda Samhita: Pranayama (Atemübungen) erklärt
Das fünfte Kapitel der Gheranda Samhita führt mitten in eine der kraftvollsten und zugleich heikelsten Praktiken des Yoga: Pranayama, die Schulung von Atem und Lebensenergie. Gleich im ersten Vers wird das Resultat ausdauernder Pranayamaübung klar benannt: Der Praktizierende wird den Göttern gleich.
Prana steht im Yoga für Lebensenergie. Meist werden beim Pranayama zwei Ziele verfolgt:
- Mehr Lebensenergie zu erhalten.
- Den Geist zu beruhigen und zu sammeln.
Immer wieder, so auch hier, wird vor dem allzu sorglosen Üben von Pranayama gewarnt. Zu fatal können die Auswirkungen von falschem und allzu heftig durchgeführten Atemübungen sein. Darum wird immer die Schulung durch einen fachkundigen Lehrer angemahnt.
Aus meiner Sicht spricht aber nichts dagegen, die sanften Atemtechniken mit dem primären Ziel des ruhigen Geistes zu üben. Diese sind Bestandteil vieler spiritueller Lehren und werden seit Jahrtausenden angewendet.
Dieses fünfte Kapitel ist ein alter, dichter, manchmal fremder Text über die Frage, wie der Mensch durch den Atem feiner, wacher und innerlich geordneter werden kann. Die einzelnen Verse des fünften Kapitels der Gheranda Samhita lauten frei übersetzt:
Weiterlesen: Zusammenfassung 5. Kapitel Gheranda Samhita: Pranayama
Gheranda Samhita Kapitel 6: Dhyana – die drei Arten der Meditation
Das sechste Kapitel der Gheranda Samhita führt in einen Bereich des Yoga, in dem keine Körperhaltung mehr trägt und keine Atemtechnik mehr im Vordergrund steht: Dhyana, die meditative Kontemplation. Der Text beschreibt drei Wege der Meditation — über Form, Licht und das Subtile — und öffnet damit einen fremden, aber erstaunlich präzisen Innenraum.
Wer moderne Meditation vor allem als Stressreduktion kennt, begegnet hier einer älteren, bildstarken Yogasprache: mit Nektarmeer, Juweleninsel, Guru, Gottheit, Kundalini und Atman. Das ist nicht immer bequem, nicht immer sofort zugänglich, aber gerade deshalb wertvoll. Denn dieses Kapitel zeigt, wie klassischer Yoga den Geist nicht nur beruhigen, sondern verfeinern, sammeln und auf Selbsterkenntnis ausrichten will.
Weiterlesen: Zusammenfassung 6. Kapitel Gheranda Samhita: Dhyana
Gheranda Samhita, Kapitel 7: Samadhi – Ziel des Yoga
Das letzte Kapitel der Gheranda Samhita widmet sich Samadhi – dem Zielpunkt der gesamten Schulung. Nach Reinigung, Asana, Mudra, Pratyahara, Pranayama und Dhyana geht es nun nicht mehr um Vorbereitung, sondern um Vollendung: um Sammlung, Befreiung und die Erkenntnis des Selbst. Die Sprache wird dabei größer, kühner, manchmal auch schwerer zugänglich. Samadhi ist kein hübscher meditativer Wohlfühlzustand, sondern in der Logik des Textes die Schwelle zur Mukti, zur Befreiung.
Weiterlesen: Zusammenfassung und Erläuterung vom 7. Kapitel der Gheranda Samhita: Samadhi
Die folgenden Abbildungen entstammen dem Buch "Fakire und Fakirtum - Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen" von Prof. Dr. Richard Schmidt aus dem Jahre 1907. Sie sind originalgetreu nachgezeichnet.
