Fakire und Fakirtum – ein historischer Blick auf Yoga, Askese und innere Disziplin

titelseite fakire fakirtum 250YOGA-LEHRE und YOGA-PRAXIS nach den indischen Originalquellen

von Prof. Dr. Richard Schmidt

Mit 87 erstmalig veröffentlichten indischen Original-Zeichnungen (siehe hier) und 2 Abbildungen. 

A. Amonesta-Verlag

Wien IV.

Original: Oktober 1907

Zweite Auflage Berlin 1921

„Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien“ von Richard Schmidt ist kein modernes Yogabuch im heutigen Sinne. Es ist vielmehr ein historisches Werk aus dem frühen 20. Jahrhundert, das sich mit indischer Askese, Fakiren, Yogins und der religiösen Praxis Indiens beschäftigt. Der Untertitel verweist bereits auf den Kern des Buches: Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach indischen Originalquellen.

Für Dich als Yoga-Interessierte kann dieses Buch auf besondere Weise spannend sein. Es zeigt, wie Yoga im deutschsprachigen Raum früher wahrgenommen wurde – nicht als sanfte Bewegungs- und Achtsamkeitspraxis, sondern als geheimnisvolle, strenge und oft auch befremdlich wirkende Disziplin. Gerade dadurch öffnet das Buch einen Blick auf die Wurzeln, Missverständnisse und Faszinationen, die Yoga im Westen seit langer Zeit begleiten.

Inhalt: Fakire und Fakirtum – Buchrezension für Yoga-Interessierte

Kurz zusammengefasst

  • „Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien: Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen“ von Richard Schmidt, erschienen 1908 in Berlin. Die digitalisierte Ausgabe wird u. a. von der Universitätsbibliothek Heidelberg geführt; dort sind auch die Kapitelüberschriften einsehbar.
  • Fakire, Asketen und Yogins
    Darstellung indischer Askese, ihrer religiösen Hintergründe und ihrer äußeren Erscheinungsformen.
  • Askese und Asketentum
    Einordnung von Entsagung, Körperbeherrschung, Weltabkehr und religiöser Disziplin im indischen Kontext.
  • Berühmte Asketen
    Beispiele bekannter oder überlieferter indischer Asketen und Yogins; teils historisch, teils legendenhaft.
  • „Wundertaten“ der Yogins
    Breiter Abschnitt über außergewöhnliche Fähigkeiten, die Yogins zugeschrieben wurden: Körperkontrolle, Schmerzunempfindlichkeit, Atembeherrschung, scheinbare übernatürliche Kräfte.
  • Reiseberichte über Yogins
    Auswertung älterer europäischer Reiseberichte und Beobachtungen über Fakire, Asketen und Yogapraktiker.
  • Yoga-Philosophie
    Einführung in zentrale Vorstellungen des Yoga: Geistkontrolle, Befreiung, innere Sammlung, Verhältnis von Körper, Atem und Bewusstsein.
  • Yoga-Praxis
    Beschreibung praktischer Techniken aus indischen Quellen, etwa Körperhaltungen, Atemübungen, Konzentration und asketische Übungsformen.
  • Mudrās
    Eigenes Kapitel zu Mudrās, also besonderen Körper-, Hand- und Energiehaltungen beziehungsweise yogischen „Siegeln“.
  • Historischer Blickwinkel
    Das Buch ist stark vom wissenschaftlichen und kolonialzeitlich-europäischen Blick des frühen 20. Jahrhunderts geprägt. Für heutige Leser:innen ist es eher eine historische Quelle zur frühen deutschen Yoga-Rezeption als ein moderner Praxisleitfaden.
  • Besonderheit
    Enthält zahlreiche indische Originalzeichnungen beziehungsweise Abbildungen und verbindet Indologie, Reisebericht-Auswertung, Religionsgeschichte und frühe Yoga-Darstellung. Laut bibliografischen Angaben umfasst die Ausgabe 229 Seiten und 87 Abbildungen.

Inhaltszusammenfassung

Das Buch beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken indischer Fakire, Asketen und Yogins. Dabei geht es um Menschen, die ihr Leben stark auf Entsagung, Körperbeherrschung, religiöse Übung und innere Sammlung ausgerichtet haben.

Ein Schwerpunkt liegt auf den verschiedenen Formen der Askese. Schmidt beschreibt, wie Verzicht, Fasten, körperliche Härte, Atemkontrolle und Meditation als Wege verstanden wurden, um den Geist zu disziplinieren und eine höhere geistige oder spirituelle Erkenntnis zu erreichen.

Daneben widmet sich das Buch vielen Berichten über außergewöhnliche Fähigkeiten, die Yogins und Fakiren zugeschrieben wurden. Dazu gehören etwa Schmerzunempfindlichkeit, besondere Atemtechniken, langes Verharren in bestimmten Körperhaltungen oder andere Erscheinungen, die europäische Beobachter damals häufig als „Wundertaten“ deuteten.

Auch die philosophische Seite des Yoga kommt zur Sprache. Das Buch behandelt Vorstellungen von Geistkontrolle, Konzentration, innerer Befreiung und dem Verhältnis von Körper, Atem und Bewusstsein. Damit berührt es Themen, die auch für die heutige Yogapraxis wichtig sind: Achtsamkeit, Selbstbeobachtung, Disziplin und die Suche nach innerer Ruhe.

Analyse und Einordnung

„Fakire und Fakirtum“ ist vor allem als historisches Dokument lesenswert. Es zeigt nicht nur etwas über Indien und Yoga, sondern auch über den europäischen Blick auf Indien zur damaligen Zeit. Dieser Blick ist neugierig, gelehrt und teilweise respektvoll – zugleich aber auch deutlich geprägt von der Sprache und den Vorstellungen seiner Epoche.

Der Schreibstil ist sachlich, beschreibend und stellenweise wissenschaftlich. Für heutige Leser wirkt er nicht immer leicht zugänglich. Manche Passagen erscheinen distanziert, andere exotisierend. Das bedeutet: Man sollte das Buch nicht unkritisch als reine Yoga-Einführung lesen, sondern mit einem wachen Bewusstsein für seinen historischen Kontext.

Für die heutige Yogapraxis ist das Buch weniger als direkter Übungsleitfaden geeignet. Es bietet keine sanft aufgebaute Anleitung für Asanas, Atemübungen oder Meditation. Vielmehr lädt es dazu ein, über die tieferen Dimensionen des Yoga nachzudenken: Was bedeutet Disziplin? Wie weit kann Körperbeherrschung gehen? Wo liegt die Grenze zwischen spiritueller Praxis und Selbstkasteiung? Und wie verändert sich unser Verständnis von Yoga, wenn wir es nicht nur als Entspannungstechnik, sondern als umfassenden Lebensweg betrachten?

Besonders interessant ist das Buch dort, wo es zeigt, dass Yoga ursprünglich nicht auf Fitness, Beweglichkeit oder Wohlbefinden reduziert war. Yoga erscheint hier als ernsthafte Schulung des Menschen – körperlich, geistig und spirituell. Das kann inspirieren, auch wenn man die extremen asketischen Praktiken nicht übernehmen möchte.

Bewertung

Besonders stark ist das Buch in seiner Fülle an historischen Beobachtungen, Quellenbezügen und Beispielen. Wer sich für die Geschichte des Yoga, für indische Spiritualität oder für die frühe westliche Auseinandersetzung mit Yoga interessiert, findet hier viel Material.

Positiv ist auch, dass das Werk Yoga nicht oberflächlich behandelt. Es macht deutlich, dass Atem, Konzentration, Meditation und Körperdisziplin zusammengehören können. Dadurch entsteht ein weiter Blick auf Yoga, der über die Yogamatte hinausweist.

Die Schwäche des Buches liegt zugleich in seiner Zeitgebundenheit. Sprache, Perspektive und Auswahl der Themen entsprechen nicht heutigen Standards. Manche Darstellungen wirken aus moderner Sicht einseitig oder von einem exotischen Indienbild geprägt. Für Anfänger, die einen praktischen Einstieg in Yoga suchen, ist das Buch deshalb nur bedingt geeignet.

Wer jedoch bereits Yoga praktiziert und tiefer in die historischen und kulturellen Hintergründe eintauchen möchte, kann aus der Lektüre viel gewinnen. Wichtig ist dabei eine reflektierte Haltung: Das Buch ist kein Rezeptbuch für den eigenen Yoga-Alltag, sondern eher ein Spiegel einer vergangenen Epoche und ihrer Sicht auf Yoga.

Fazit und Empfehlung

„Fakire und Fakirtum“ ist ein anspruchsvolles, historisch interessantes Werk über indische Askese, Yogapraxis und die westliche Wahrnehmung spiritueller Körper- und Geistesschulung. Es eignet sich besonders für Leser, die Yoga nicht nur üben, sondern auch verstehen möchten – in seiner Geschichte, seinen Grenzbereichen und seiner kulturellen Tiefe.

Für Yoga-Anfänger, die praktische Übungen suchen, gibt es geeignetere Bücher. Für fortgeschrittene Praktizierende, Yogalehrende und alle, die sich für die Geschichte der Yoga-Rezeption interessieren, ist das Werk jedoch eine wertvolle Quelle.

Die abschließende Empfehlung lautet daher: Lies dieses Buch nicht als modernen Yogaratgeber, sondern als historisches Fenster. Wenn Du bereit bist, kritisch und zugleich offen zu lesen, kann es Deine Sicht auf Yoga erweitern – weg von reiner Entspannung, hin zu einer tieferen Frage: Wie weit kann der Mensch gehen, wenn er Körper, Atem und Geist konsequent schult?

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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