meditation buddhist haende e 564

Das sechste Kapitel der Gheranda Samhita widmet sich Dhyana. Dhyana wird in der Regel mit Meditation übersetzt und ist im achtgliedrigen Yoga-Pfad im Yogasutra von Patanjali die siebte Stufe auf dem Weg zur Erleuchtung. Danach folgt, wie auch in der Gheranda Samhita, der Samadhi.

Die folgende Yogaschulung enthält keinerlei Stellungen bzw. körperliche Übung mehr, sondern widmet sich der inneren, geistigen Praxis. Gheranda beschreibt drei verschiedene Meditationstechniken und nominiert, welche Meditationsart (mit deutlichem Vorsprung!) die Beste sei.

Inhalt des sechsten Kapitels der Gheranda Samhita

  1. Die drei Arten der Meditation
  2. Sthula Dhyana (grobe Meditation)
  3. Jyotir Dhyana (oder Tejo-Dyana oder Lichtmeditation)
  4. Sukshma Dhyana (subtile Meditation)
  5. Die Rangfolge der Dhyana-Arten
  6. Bücher zur Gheranda Samhita

Im Folgenden findest du meist den Volltext, an einigen wenigen Stellen Zusammenfassungen der einzelnen Verse, meist mit weiterführenden Links zu den Yoga-Techniken. Ich habe mich nach bestem Wissen bemüht, die trefflichste Übersetzung aus den Quelltexten zu wählen (hin und wieder gab es darin doch deutliche Unterschiede, wurden die Übungen völlig unterschiedlich beschrieben).

 Erzählform: Die Gheranda Samhita ist in Form eines Dialoges verfasst. Der Lehrer Gheranda unterweist den wissbegierigen Candakapali. 

Punkt 1

Die drei Arten der Meditation

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 1

Dhyana oder Kontemplation ist von dreierlei Art: grob, licht oder subtil.

Wenn über eine einzelne Figur wie den Guru oder eine Gottheit meditiert wird, ist es Sthula- oder grobe Meditation.

Wenn Brahma oder Prakriti (Urmaterie) wie über eine Menge an Licht kontempliert wird, so nennt sich dieses Jyotis- oder lichte Meditation. [Alternativübersetzung: Meditation über Lichtkomplexe]

Wenn Brahma als ein Punkt [...] kontempliert wird, handelt es sich um Sukshma- oder subtile Meditation. [Alternativübersetzung: Meditation, die sich auf Punkte bezieht].

Punkt 2

Sthula Dhyana (grobe Meditation)

Sthula:
Sanskrit für grob, dick, groß, massiv, grobstofflich, materiell, der sichtbare Körper; Gegenpol zu Sukshma. Die physische Welt ist Sthula, die Astralwelt ist Sukshma. Der physische Körper wird auch Sthula Sharira genannt.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 2

[Schließe die Augen und ] Stelle dir im Herzen deines Körpers ein wunderbares Nektarmeer vor, in dessen Mitte sich eine Insel aus Perlen erhebt. Der Strand dieser Insel glitzert in der Sonne, weil er von Diamanten bedeckt ist.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 3

In allen vier Himmelsrichtungen finden sich Nipa-Bäume mit vielen Blüten. Die Nipa-Bäume umgeben die Insel wie ein Schutzwall.

Nipa-Baum = Laubbaum (Haldina cordifolia oder Kadamba), der weit über 20 Meter hoch wachsen kann und interessante Blütenstände ausbildet.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 4

Ferne stelle sich der Yogi viele Blumen und Blüten verschiedener Bäume auf der Insel vor, die mit ihrem Duft die Luft erfüllen.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 5

In der Mitte von diesem Garten stelle sich der Yogi einen herzerfreuenden Wunschbaum voller Blüten und Blumen vor. Seine vier Äste repräsentieren die vier Veden;

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 6

Insekten summen herum und Kokilas [eine Kuckucksart] singen auf dem Baum. Der Yogi stelle sich daneben mit aller Beharrlichkeit einen Baldachin aus Edelsteinen vor.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 7

Darin findet sich ein kostbarer Thron, auf dem sich die individuelle [oder: besondere] Gottheit befindet, wie sie dem Yogi vom Guru gelehrt wurde.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 8

Der Yogi kontempliere beständig über die Form, die Ornamente [den Schmuck] und die Hilfsmittel [andere Übersetzung: das Fahrzeug] der Gottheit.

Das nennt sich Sthula-Dhyana, die grobe Meditation.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 9

Eine andere Art von Sthula-Dhyana:

Der Yogi stelle sich sein Gehirn als tausendblättriger Lotus vor. Im Zentrum befindet sich ein zwölfblättriger Lotus,

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 10

deren Blätter weiß sind und hell strahlen. Auf jedem Blatt findet sich der Reihe nach einer der folgenden Laute:

Ha, Sa, Ksa, Ma, La, Va, Ra, Yum, Ha, Sa, Ksa und Phrem

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 11

Im Zentrum von diesem kleineren Lotus finden sich drei Linien a, ka und kha, die ein Dreieck mit den Eckpunkten ha, la und ksa bilden. Darinnen befindet sich das Pranava [=heilige Silbe] OM.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 12

Danach stelle man sich eine wunderschöne Bank aus Nada [Klang] und Bindu [Punkt, Shiva oder Bewusstsein] vor. Auf dieser Bank sind zwei Schwäne und ein Paar Sandalen aus Holz.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 13

Dort [oder Dann] stelle man sich den Guru als Gottheit vor, mit zwei Armen, drei Augen und weiß gekleidet. Er ist eingecremt mit weißer, duftender Creme und trägt Girlanden mit weißen Blüten.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 14

Zu seiner Linken steht Shakti [weibliche Urkraft] in blutroter Farbe.

Wer so über den Guru kontempliert erreicht Sthula Dhyana.

Punkt 3

buddha gruen licht 8i 564

Jyotir Dhyana (oder Tejo-Dyana oder Lichtmeditation)

Jyoti:
Sanskrit für Licht, Glanz, Strahlen, Helligkeit.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 15

Gheranda sagt: Nun habe ich Sthula Dhyana erklärt. Höre nun über die Kontemplation des Lichts Jyotir- [bzw. Tejo-] Dhyana, durch welchen der Yogi Erfolg erreicht und sein Selbst [Atman] sieht.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 16

Im Muladhara befindet sich die Kundalini [Urkraft], die wie eine Schlange aussieht und auch so geformt ist. Darin wohnt der Jivatman [Seelenatem], der wie die Flamme einer Lampe geformt ist. Der Yogi stelle sich diese Flamme wie einen leuchtenden Brahma [Hauptgott] vor. Das ist Tejo Dhyana oder Jyotir Dhyana.

Muladhara: Chakra in der Nähe des Perineums;

 

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 17

Eine andere Art:

Im Nabelzentrum befindet sich die Sonnenscheibe, die wie Feuer leuchtet. Der Yogi betrachte im Geist dieses große, alles durchdringende Licht. Das ist ebenfalls Tejo Dhyana.

Hinweis: Dieser Vers findet sich nicht in allen Übersetzungen.

 

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 18

Eine andere Art:

In der Mitte der zwei Augenbrauen über den Manas [= innerer Sinn; Geist; Verstand] befindet sich ein Licht, das aus OM besteht. Der Yogi kontempliere über dies als eine Reihe aus verbundenen Flammen. Das ist eine weitere Methode der Meditation über das Licht.

Punkt 4

fein subtil tropfen h 564

Sukshma Dhyana (oder subtile Meditation)

Sukshma:
Sanskrit für subtil, fein, schmal, dünn, feinstofflich. Gegenteil von bzw. Gegenpol zu Sthula, siehe oben. Die physische Welt ist Sthula, die Astralwelt ist Sukshma.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 19

Oh Chanda, du hast von Tejo [Jyotir] Dhyana gehört. Höre nun von Sukshma Dhyana.

Wenn durch ein großes und gutes Glück die Kundalini [beim Yogi] erwacht,

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 20

verbindet sie sich mit dem Atman, verlässt den Körper durch das Portal der zwei Augen und erfreut sich ihrer selbst beim Wandeln auf der königlichen Straße [andere Übersetzung: Astral-Licht].
Aufgrund ihrer Hintergründigkeit und ihrer großen Wandelbarkeit kann sie nicht gesehen werden.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 21

Dennoch: Der Yogi, der Shambhavi Mudra praktiziert, wird erfolgreich sein im Dhyana. Dieses wird Sukshma Dhyana genannt, ist ein großes Mysterium und wird selbst von den Göttern nur schwer erlernt. Es ist sorgfältig geheim zu halten.

Punkt 5

 

Die Rangfolge der Dhyana-Arten

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 22

Die Kontemplation über das Licht – Tejo- oder Jyotir-Dhyana – ist hundertmal höher als Sthula Dhyana – der Kontemplation über die Form; und Hunderttausendmal höher als die Kontemplation über das Licht ist die Kontemplation über Sukshma, das Subtile.

Gheranda Samhita, Kapitel VI, Vers 23

Oh Chanda, damit habe ich dir den schwer zu erreichenden Dhyana Yoga erzählt, ein höchst kostbares Wissen. Weil dem Yogi dabei sein eigenes Selbst – Atman – erscheint, ist diese Kontemplation etwas ganz Besonderes.

Punkt 6

Bücher}

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Dhyana im Yoga-sutra}

Zum Vergleich: Dhyana im Yogasutra von Patanjali

Yoga Sutra II-11: Die aktiven bzw. gröberen Formen (der Kleshas) werden durch Meditation überwunden

Zur Sutra


Yoga Sutra II-29: Die acht Glieder des Yoga-Weges sind: Yama (Umgangsregeln), Niyama (Enthaltungen), Asana (Stellungen), Pranayama (Atemregulierung), Pratyahara (Sinnesrückzug), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (Erleuchtung)

Zur Sutra


Yoga Sutra III-2: Wenn die Wahrnehmung des Objektes ungebrochen fließt, ist es Dhyana (Meditation)

Zur Sutra


Yoga Sutra III-3: Wenn das Bewusstsein von Subjekt (Meditierender) und (Meditations-)Objekt verschwindet und nur die Bedeutung des wahrgenommenen Objektes verbleibt, wird dies Samadhi genannt

Zur Sutra


Yoga Sutra III-4: Wenn die drei (Dharana, Dhyana, Samadhi) zusammen auf ein Objekt oder einen Ort angewendet werden, so wird dies Samyama genannt

Zur Sutra


 

 

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In der Gheranda Samhita gehört Pratyahara zum siebenstufigen Yogaweg. Es folgt auf Reinigung, Asana und Mudra und bereitet die weiteren Stufen wie Pranayama, Dhyana und Samadhi vor. Während Patañjali Pratyahara im achtgliedrigen Yoga als fünftes Glied nennt, steht es bei Gheranda an vierter Stelle. Das zeigt: Die Gheranda Samhita setzt eigene Akzente. Sie ist kein bloßer Kommentar zu Patañjali, sondern ein praktisches Lehrwerk des Hatha Yoga.

Der Kern des Kapitels ist schlicht, beinahe nüchtern: Der Geist wandert. Man holt ihn zurück. Wieder und wieder. Er folgt dem Blick, dem Klang, der Berührung, dem Geruch und dem Geschmack. Pratyahara bedeutet, diesen Automatismus zu bemerken und den Geist wieder unter die eigene Führung zu bringen.

Hier weiterlesen: Zusammenfassung 4. Kapitel Gheranda Samhita: Pratyahara


5. Kapitel Gheranda Samhita: Pranayama

pranayama 564

Das fünfte Kapitel der Gheranda Samhita widmet sich den yogischen Atemtechniken: Pranayama. Gleich im ersten Vers wird das Resultat ausdauernder Pranayamaübung klar benannt: Der Praktizierende wird gottgleich.

Prana steht im Yoga für Lebensenergie. Meist werden beim Pranayama zwei Ziele verfolgt:

  • Mehr Lebensenergie zu erhalten.
  • Den Geist zu beruhigen und zu sammeln.

Immer wieder, so auch hier, wird vor dem allzu sorglosen Üben von Pranayama gewarnt. Zu fatal können die Auswirkungen von falschem und allzu heftig durchgeführten Atemübungen sein. Darum wird immer die Schulung durch einen fachkundigen Lehrer angemahnt.

Aus meiner Sicht spricht aber nichts dagegen, die sanften Atemtechniken mit dem primären Ziel des ruhigen Geistes zu üben. Diese sind Bestandteil vieler spiritueller Lehren und werden seit Jahrtausenden angewendet.

Die einzelnen Verse des fünften Kapitels der Gheranda Samhita lauten frei übersetzt:

Hier weiterlesen: 5. Kapitel Gheranda Samhita: Pranayama


7. Kapitel Gheranda Samhita: Samadhi

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Die Schriften unterscheiden verschiedene Stufen im und Wege zum Samadhi. Die Gheranda Samhita nennt sechs Pfade, die zur höchsten Erleuchtung führen sollen.

Hier weiterlesen: 7. Kapitel Gheranda Samhita: Samadhi


Zeichnungen aus der Gheranda Samhita

Die folgenden Abbildungen entstammen dem Buch "Fakire und Fakirtum - Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen" von Prof. Dr. Richard Schmidt aus dem Jahre 1907. Sie sind originalgetreu nachgezeichnet.

Hier weiterlesen: Zeichnungen aus der Gheranda Samhita


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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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