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glaskugel horizont maya 564

Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, hatte einst Quartier in einem Yoga-Aschram im südlichen Indien bezogen. Er liebte es, im abendlichen Satsang zwischen den Schülern umherzuschweben und dabei den Erzählungen des Aschram-Meisters Ramahamani zu lauschen. Eines Abends erzählte Ramahamani eine Geschichte über Narada, Krishna und das unergründliche Maya aus dem Brahma Vaivarta Purana. Aidan erinnert sich daran wie folgt:

Ramahamani beugte sich vor und fragte die heutige Gruppe: "Jeder von uns hat schon einmal von Maya gehört, dieser merkwürdigen Bezeichnung für das, was zu sein scheint, aber nicht wirklich sein soll. Doch wer von euch", er lies seinen Blick über die Runde schweifen, "kann mir genau erklären, was Maya ist?"

Keiner der Schüler meldete sich. Auch Aidan Lavette, der bereits viele hundert Jahre in Yoga-Aschrams verbracht hatte, fiel aus dem Stegreif keine exakte Definition ein. Wusste er es denn überhaupt?

Ramahamani zupfte lächelnd an seinem wuscheligen Bart und blickte dabei gen Boden. Das tat er immer, wenn er sich auf den Anfang einer Geschichte konzentrierte. Aidan schwebte erwartungsvoll näher an den Meister heran.

Ramahamani begann:

So wie euch ging es auch Narada, dem Günstling der Götter. Vor vielen hundert Jahren suchte er Gott Krishna auf und fragte ihn: "Herr, kannst du mir dieses geheimnisvolle Maya erklären, so dass ich es richtig verstehe?"

Krishna schaute besorgt auf seinen Liebling Narada. Der Gott legte die Hand auf dessen Schulter und fragte: "Oh Narada, bist du dir sicher, dass du das wirklich begreifen willst? Es ist keine erfreuliche Erfahrung."

Narada zeigte sich standhaft: "Ich bin bereit, oh Krishna. Bitte schone mich nicht."

Krishna lies noch für einen Moment die Hand auf Naradas Schulter und suchte Unsicherheit in dessen Augen. Als er diese nicht fand, wendete er sich ab und versprach: "Später, lieber Narada, später. Nun hole mir erst einmal ein Glas Wasser vom Fluss, ich bin unsäglich durstig."

Narada eilte hocherfreut in Richtung es Flusses. Als er sich gerade runterbeugen wollte, nahm er in den Augenwinkeln einen anderen Menschen wahr. Narada blickte nach rechts und ihm stockte der Atem.

Neben ihn trat das bezauberndste Wesen an den Fluss, das sich je in seinen Augen gespiegelt hatte. Selbst in seinen Träumen hätte Narada sich niemals solch eine Schönheit vorstellen können. Die junge Frau trug hüftlanges glänzendes Haar und fuhr sich in diesem Moment mit einem Finger durch dichte schwarze Locken. Unter den geschwungenen Augenbrauen schimmerte eine meerblaue Iris und die zarte Nase erhob sich keck aus einem makellosen Gesicht. Er fühlte sich wie gebannt.

Narada konnte nicht anders, er ging hinüber und sprach das Zauberwesen an. Ob sie denn auch Wasserholen wolle ...

So kamen sie ins Gespräch und ehe er sich versah, hatte Narada die Schöne bis in ihr Dorf begleitet. Er blieb bis zum späten Abend und, eigentlich schon im Aufbruch, fragte er sie: "Willst du meine Frau werden?"

Zu seiner Freude willigte die Geliebte sofort ein und so zog Narada mit ihr noch am selben Abend in eine leerstehende Hütte am Rande des kleinen Ortes. Schon nach wenigen Jahren hatten die beiden zwei Kinder. Der Ältere war ein Junge, der, sobald er laufen konnte, den ganzen Tag hinter Narada herlief. Das kleine Mädchen plapperte wie ein Wasserfall und füllte die Herzen ihrer Eltern mit Glück.

Narada besaß ein erfolgreiches Händchen für die Ernte und da beide klug wirtschafteten, führten sie ein Leben in Fülle, Frieden und Harmonie.

Eines Tages jedoch verdunkelte sich der Himmel am frühen Nachmittag. Schwere Wolken wirbelten in hohem Tempo über das Dorf hinweg und Naradas Frau blickte mit Sorge auf den Horizont.

Starker Wind kam auf und einen Moment später donnerte es so laut, wie Narada es noch nie gehört hatte. Ängstlich klammerten sich seine Frau und die beiden Kinder an ihn. Narada beruhigte seine Familie: "Unsere Hütte ist stabil gebaut, das Unwetter kann uns nichts anhaben."

Da prasselte unendlicher Regen herab. Peitschende Blitze durchzuckten die Schwärze der Wolken und Narada blickte mit zunehmender Sorge auf den anschwellenden Fluss. Wieder donnerte es so laut, dass die Tassen im Regal klapperten. Das Wasser erreichte die Hauptstraße des Dorfes.

Narada fasste einen Entschluss. Sie mussten auf die andere Seite des Flusses. Dort begannen die Berge, er kannte eine nahe gelegene Höhle, in der sie in Sicherheit wären.

Kurzentschlossen packte er seine beiden Kinder und eilte mit seiner Frau zur Brücke. Viele andere Dorfbewohner hatten ebenso entschieden und drängten sich mit ihnen zum rettenden Übergang. Der Fluss schwappte schon an die hölzernen Bohlen der Seilkonstruktion. Narada trieb seine Lieben zur Eile.

Doch das Glück hatte ihn verlassen. Als er und seine Familie sich mitten auf der Brücke befanden, schwappte eine Riesenwelle über sie hinweg. Die Seile waren dieser Gewalt nicht gewachsen. Alle wurden in den Fluss gespült.

Naradas Frau konnte nicht schwimmen, seine Kinder ohnehin nicht. Alle klammerten sich an ihn. Dadurch wurde er in seinen Bewegungen behindert und geriet ständig unter Wasser. Die Wellen tosten um seinen Kopf, dennoch dröhnte sein Trommelfell weiterhin vom ununterbrochenen Donnerschlag des Gewitters. Um ihn herum kreischten und schrien die Bewohner des Dorfes und seine Familie.

Panisch drehte Narada sich auf den Rücken, seine Frau hing an seinem Hals und in jeder Hand hielt er ein Kind über Wasser. Mit kräftigen Beinschwüngen versuchte er, in Richtung Ufer zu gelangen.

Aber der Fluss ließ ihn nicht entkommen und wirbelte ihn immer wieder unter die Oberfläche. Das sandige Wasser war eisig, Naradas Finger verkrampften sich. Erst entglitt ihm sein Sohn, dann seine Tochter. In völliger Verzweiflung schwang er zu seiner Frau herum und wollte wenigstens sie retten.

Doch in diesem Moment schlug deren Kopf an einem aus dem Wasser ragenden Felsen. Sie wurde ohnmächtig und entließ Narada aus ihrer Umklammerung. Seine Finger konnten sie nicht greifen. Ein weiterer Aufprall schleuderte sie von ihm weg. Narada sah seine Liebe des Lebens in den Fluten versinken.

Ihn verließ aller Lebensmut. Er gab jede Gegenwehr auf und ließ sich einfach mit den wabernden Wellen mitreißen. Um ihn herum wurde es dunkel.

Als Narada erwachte, lag er in gekrümmter Haltung am Ufer. Die Sonne schien wieder, der Fluss plätscherte gelassen dahin. Tiefe Verzweiflung überschwappte ihn, als die Erinnerung kam.

Er schrie zum Himmel: "Oh mein Gott, warum hast du mich verlassen!"

Da hörte er die Stimme Krishnas von hinter den Bäumen: "Narada, was redest du? Wo bleibt mein Wasser. Ich warte hier seit einer Stunde und verdurste bald!"

Nach diesen Worten ließ Meister Ramahamani seinen Blick über die Schüler schweifen und ergänzte: "Das also ist Maya. Ich wünsche euch eine gesegnete Nacht."

Sprachs, erhob sich und schritt durch eine kleine Tür aus dem Satsangraum.

Geist Aidan Lavette blickte ihm noch lange nachdenklich hinterher. Was war eigentlich in seiner Welt "Maya". War er sogar selbst Maya?

(c) Peter Bödeker

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