Nauli / Laulikī – die sogenannte Dünndarmreinigung: Anleitung, Wirkung und Risiken
Nauli ist eine fortgeschrittene Reinigungs- und Kontrollübung des Haṭha-Yoga, bei der die geraden Bauchmuskeln isoliert und wellen- beziehungsweise kreisförmig bewegt werden. In der Haṭha Yoga Pradīpikā heißt die Übung Naulī; in der Gheraṇḍa Saṃhitā wird sie Laulikī genannt.
Die verbreitete Bezeichnung „Dünndarmreinigung“ sollte nicht zu wörtlich verstanden werden: Bei Nauli wird der Dünndarm nicht im medizinischen Sinn gespült oder gereinigt. Vielmehr entsteht durch Atemleere, Baucheinziehung und Muskelbewegung eine kräftige Massage beziehungsweise Druckveränderung im Bauchraum. Traditionell wird dies als Reinigung und Anregung der Verdauung verstanden.
Nauli gehört zu den anspruchsvollsten Ṣaṭkarmas (= Reinigungstechniken). Wer sie erlernen möchte, sollte zunächst Uḍḍīyāna Bandha, also das Einziehen des Bauches nach vollständiger Ausatmung, sicher und ohne Beschwerden beherrschen.
Kurz zusammengefasst
- Nauli / Laulikī: Die Übung gehört zu den fortgeschrittenen Reinigungstechniken des Haṭha-Yoga. Dabei wird die Bauchmuskulatur nach vollständiger Ausatmung eingezogen, isoliert und schließlich kreisförmig bewegt.
- Ausführung: Voraussetzung ist ein sicher beherrschtes Uḍḍīyāna Bandha. Geübt wird nüchtern, meist im Stand mit vorgebeugtem Oberkörper; erst folgen mittlere und seitliche Muskelisolation, dann die fließende Kreisbewegung.
- Wirkung: Die alten Yogaschriften verbinden Nauli mit der Anregung des Verdauungsfeuers und einer reinigenden Wirkung. Medizinisch nachvollziehbar sind Druckveränderungen im Bauchraum und eine intensive Kontrolle der Bauchmuskulatur; umfassende Heilwirkungen sind nicht belegt.
- Dünndarmreinigung: Die Bezeichnung ist traditionell beziehungsweise bildhaft zu verstehen. Nauli reinigt den Dünndarm nicht im medizinischen Sinn, sondern wirkt vor allem über Muskelarbeit und Druckveränderungen im Bauchraum.
- Sicherheit: Nauli ist keine harmlose Einsteigerübung. In der Schwangerschaft, bei Hernien, akuten Bauchbeschwerden, nach Operationen sowie bei bestimmten Herz-Kreislauf- oder Beckenbodenproblemen sollte die Übung nicht beziehungsweise nur nach fachlicher Abklärung ausgeführt werden.
- Varianten: Üblich sind Madhyama Nauli mit mittiger Muskelwulst, Vāma Nauli auf der linken Seite, Dakṣiṇa Nauli auf der rechten Seite und Nauli Calana als kreisende Bewegung. Historische Texte unterscheiden teils weitere Formen.
- Quellen: Die Technik wird in der Haṭhapradīpikā, der Gheraṇḍa Saṃhitā und der Haṭharatnāvalī erläutert. Dabei erscheint sie je nach Schrift und Handschrift als Naulī, Laulī oder Laulikī.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Ausführung von Nauli
Vorbereitung
Nauli wird gewöhnlich morgens oder mehrere Stunden nach der letzten Mahlzeit geübt. Der Magen sollte leer sein; auch die Blase sollte möglichst entleert sein.
Die klassische Beschreibung ist ausgesprochen knapp: Die Haṭha Yoga Pradīpikā 2.33 fordert, den Bauch mit nach vorn geneigtem Oberkörper schnell nach rechts und links kreisen zu lassen. Die ausführliche moderne Lernfolge – erst Baucheinziehung, dann mittlere Muskelwulst, dann Seitenisolierung, schließlich Kreisen – dient dazu, diese schwierige Bewegung sicherer zu erlernen.
Grundstellung
- Stelle die Füße etwa schulterbreit oder etwas weiter auseinander.
- Beuge die Knie leicht.
- Lehne den Oberkörper nach vorne.
- Stütze die Hände oberhalb der Knie auf den Oberschenkeln ab.
- Halte Rücken und Nacken entspannt, ohne dich zusammenfallen zu lassen.
Erster Schritt: Uḍḍīyāna Bandha
- Atme ruhig durch die Nase ein.
- Atme vollständig und ohne Hast aus.
- Halte den Atem nach der Ausatmung an.
- Ziehe den Bauch nach innen und leicht nach oben, sodass sich die Bauchdecke nach hinten in Richtung Wirbelsäule bewegt.
- Löse die Baucheinziehung, bevor du wieder einatmest.
- Richte dich etwas auf und atme ruhig ein.
Zu Beginn genügt es, diesen Ablauf wenige Male zu wiederholen. Ohne eine kontrollierte, angenehme Baucheinziehung lässt sich Nauli kaum sinnvoll lernen.
Zweiter Schritt: Madhyama Nauli – die mittlere Bauchmuskelwulst
Bei Madhyama Nauli treten die beiden geraden Bauchmuskeln in der Mitte des Bauches sichtbar hervor.
- Gehe in die beschriebene Grundstellung.
- Atme vollständig aus und halte den Atem in der Atemleere.
- Ziehe den Bauch zunächst wie bei Uḍḍīyāna Bandha ein.
- Drücke anschließend beide Hände gleichmäßig auf die Oberschenkel.
- Versuche, den mittleren Strang der Bauchmuskulatur nach vorne hervortreten zu lassen, während die seitlichen Bereiche eingezogen bleiben.
- Löse die Spannung vollständig und atme erst dann wieder ein.
Dies ist meist der entscheidende Lernschritt. Viele Übende benötigen dafür längere Zeit.
Dritter Schritt: Vāma und Dakṣiṇa Nauli – linke und rechte Seite
Wenn die mittlere Muskelwulst gelingt, wird die Kontraktion nach links beziehungsweise rechts verlagert.
Vāma Nauli – linke Seite:
- Nimm die Grundstellung ein und atme vollständig aus.
- Ziehe den Bauch ein.
- Verlagere den Druck stärker auf den linken Arm beziehungsweise linken Oberschenkel.
- Versuche, nur die linke Seite der geraden Bauchmuskulatur hervortreten zu lassen.
Dakṣiṇa Nauli – rechte Seite:
- Gehe genauso vor.
- Verlagere den Druck stärker auf die rechte Seite.
- Isoliere möglichst den rechten Bauchmuskelstrang.
Wichtig ist dabei nicht ein starkes Verdrehen des Oberkörpers, sondern eine feine Druckverlagerung über Hände und Bauchmuskulatur.
Vierter Schritt: Nauli Calana – das Kreisen
Erst wenn die mittlere, linke und rechte Isolierung einigermaßen kontrolliert möglich sind, folgt das eigentliche Kreisen:
- Atme vollständig aus und gehe in Uḍḍīyāna Bandha.
- Lasse zunächst die linke Bauchmuskelwulst hervortreten.
- Führe die Kontraktion über die Mitte zur rechten Seite.
- Löse sie und beginne erneut.
- Übe später auch die entgegengesetzte Richtung: rechts – Mitte – links.
Die Bewegung soll nach und nach fließend werden. Sie entsteht nicht durch heftiges Schwingen des ganzen Rumpfes, sondern durch kontrollierte Muskelarbeit im Bauchraum.
Sinnvolle Lernreihenfolge für Übende
Die klassischen Texte geben kaum methodische Zwischenschritte. Für heutige Übende ist eine abgestufte Lernfolge wesentlich sicherer:
- Stufe 1: Ruhige Bauchatmung und vollständige Ausatmung
Zunächst sollte man wahrnehmen können, wie sich der Bauch beim Aus- und Einatmen bewegt. Das vollständige Ausatmen darf nicht mit hektischem Pressen verwechselt werden. - Stufe 2: Uḍḍīyāna Bandha
Erst wenn sich der Bauch in der Atemleere angenehm nach innen und oben ziehen lässt, ist die Voraussetzung für Nauli gegeben. - Stufe 3: Mittlere Kontraktion
Nun wird versucht, den geraden Bauchmuskel mittig hervortreten zu lassen. Anfangs reicht ein kurzer, kontrollierter Moment. - Stufe 4: Seitliche Isolierung
Anschließend wird die Muskelwulst nach links und rechts verlagert. - Stufe 5: Fließendes Kreisen
Erst zuletzt wird aus den Einzelpositionen eine kontinuierliche Rollbewegung.
Praktische Empfehlung: Nicht die Anzahl der Kreise ist das erste Ziel, sondern die Fähigkeit, die Übung jederzeit ruhig zu beginnen, sauber zu lösen und anschließend ohne Keuchen oder Schwindel weiterzuatmen.
Wie oft und wann kann man Nauli üben?
Die klassischen Texte geben keine moderne Trainingsdosierung mit Sekunden- oder Wiederholungsangaben vor. Für eine vorsichtige Übungspraxis gelten daher eher praktische Grundsätze als feste Vorgaben:
- vorzugsweise morgens auf leeren Magen;
- alternativ mit mehreren Stunden Abstand zur letzten Mahlzeit;
- am Anfang nur wenige kurze Versuche;
- zwischen den Versuchen normal weiteratmen;
- nicht direkt nach intensiver körperlicher Belastung üben;
- nicht als Wettkampf oder Vorführung betreiben.
Für Einsteiger genügen wenige Versuche pro Übungseinheit. Es ist nicht sinnvoll, die Übung mit langem Atemanhalten oder starker Anstrengung zu erzwingen. Sobald Luftnot, Druckgefühl, Krämpfe, Schwindel oder Übelkeit auftreten, wird die Übung beendet.
Bei fortgeschrittener Beherrschung kann Nauli Teil einer regelmäßigen Morgenpraxis sein. Intensität und Häufigkeit sollten sich jedoch danach richten, ob die Technik angenehm, kontrolliert und symptomfrei bleibt.
Video-Ausführungen zur Ausübung:
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Vorteile und Wirkungen von Nauli
Traditionelle Wirkungen
Die klassischen Haṭha-Yoga-Texte schreiben Nauli beziehungsweise Laulikī eine außergewöhnlich hohe Bedeutung zu.
In der Haṭha Yoga Pradīpikā 2.34 wird Nauli als die „Krone“ der Haṭha-Yoga-Handlungen bezeichnet. Der Text behauptet, sie entfache ein schwaches Verdauungsfeuer, fördere die Verdauung, bewirke Wohlbefinden und beseitige Störungen und Krankheiten.
Die Gheraṇḍa Saṃhitā 1.52 sagt in knapper Form, das rasche Bewegen des Bauches zu beiden Seiten beseitige Krankheiten und vermehre das „Körperfeuer“, also die Verdauungs- beziehungsweise Lebenswärme.
Diese Aussagen gehören zur traditionellen yogischen Physiologie. Sie sind nicht als moderne medizinische Heilversprechen zu verstehen.
Plausible körperliche Effekte
Aus heutiger Sicht lässt sich vorsichtig sagen:
- Nauli trainiert die bewusste Kontrolle der Bauchmuskulatur.
- Die Übung kann die Wahrnehmung des Bauchraumes und der Atmung verfeinern.
- Durch die Kombination aus Atemleere, Baucheinziehung und Muskelbewegung entstehen Druckveränderungen im Bauchraum.
- Die Bauchmuskulatur und ihre Koordination werden beansprucht.
- Manche Übende empfinden Nauli als anregend für die Verdauung oder als wohltuend bei einem subjektiven Gefühl von Trägheit im Bauch.
Physiologische Untersuchungen aus der frühen Yogaforschung beobachteten bei Uḍḍīyāna und verschiedenen Formen von Nauli einen Unterdruck beziehungsweise veränderte Druckverhältnisse in Bauchorganen wie Magen, Blase und Dickdarm. Das belegt mechanische Veränderungen im Bauchraum, nicht jedoch die zahlreichen traditionellen Heilbehauptungen.
Stand der wissenschaftlichen Evidenz
Die klinische Evidenz zu Nauli ist sehr begrenzt. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu den Ṣaṭkarmas fand Studien zu vier der sechs traditionellen Reinigungsverfahren – Dhauti, Neti, Trāṭaka und Kapālabhāti – und forderte insgesamt größere, methodisch robuste Studien. Dass Nauli in dieser Zusammenfassung nicht zu den untersuchten Verfahren zählt, spricht dafür, dass belastbare klinische Wirksamkeitsnachweise speziell für Nauli bislang fehlen.
Daher sollte Nauli nicht als nachgewiesene Therapie gegen Verdauungsstörungen, Verstopfung, Stoffwechselerkrankungen oder andere Beschwerden dargestellt werden.
Wann sollte man Nauli nicht ausführen?
Nauli erzeugt eine intensive Muskelspannung und deutliche Druckveränderungen im Bauchraum. Die Übung sollte deshalb nicht leichtfertig ausprobiert werden.
Nicht üben sollte man Nauli:
- während der Schwangerschaft;
- nach einer frischen Operation im Bauch- oder Beckenbereich;
- bei einem bekannten Leisten-, Nabel- oder Bauchwandbruch;
- bei akuten oder ungeklärten Bauchschmerzen;
- bei akutem Durchfall, Erbrechen, Fieber oder einer Magen-Darm-Infektion;
- bei entzündlichen oder schmerzhaften Erkrankungen des Bauchraums in einer akuten Phase;
- direkt nach einer Mahlzeit;
- bei starkem Schwindel, Kreislaufproblemen oder ausgeprägter Schwäche.
Da Nauli mit ausgeprägten Druckveränderungen und kräftiger Rumpfkontrolle verbunden ist, ist Vorsicht bei Beckenbodensymptomen, Organabsenkung, Hernien oder nach Bauchoperationen sinnvoll.
Vorher ärztlich abklären sollte man die Übung insbesondere bei:
- Bluthochdruck oder ernsthaften Herz-Kreislauf-Erkrankungen;
- Geschwüren im Magen-Darm-Bereich;
- chronischen Darmerkrankungen;
- Gallensteinen oder bekannten Beschwerden im Oberbauch;
- Beckenbodenproblemen;
- erhöhtem Augeninnendruck oder Erkrankungen, bei denen kräftiges Pressen beziehungsweise Atemanhalten problematisch sein kann.
Während der Menstruation gibt es unterschiedliche Übungstraditionen. Wer dabei Schmerzen, starke Blutungen oder ein unangenehmes Druckgefühl hat, sollte auf Nauli verzichten.
Nauli ist außerdem keine Übung, die man zur Selbstbehandlung unklarer Verdauungsbeschwerden einsetzen sollte. Wiederkehrende Bauchschmerzen, Blut im Stuhl, starke Verstopfung, ungeklärter Gewichtsverlust oder anhaltende Verdauungsprobleme gehören medizinisch abgeklärt.
Variationen der Übung
Moderne Lern- und Übungsformen
Heute wird Nauli meist in mehreren Stufen vermittelt:
| Variante | Ausführung |
|---|---|
| Uḍḍīyāna Bandha | Bauch wird nach vollständiger Ausatmung nach innen und oben gezogen; wichtige Vorbereitung. |
| Madhyama Nauli | Beide geraden Bauchmuskeln treten als mittlere Wulst hervor. |
| Vāma Nauli | Die linke Seite der geraden Bauchmuskulatur wird isoliert. |
| Dakṣiṇa Nauli | Die rechte Seite der geraden Bauchmuskulatur wird isoliert. |
| Nauli Calana | Die Muskelwulst wird kreisförmig von links nach rechts oder rechts nach links geführt. |
Klassische Varianten in der Haṭharatnāvalī
Eine besonders interessante historische Besonderheit findet sich in der Haṭharatnāvalī des Śrīnivāsa. Sie unterscheidet in 1.33 zwei Arten von Nauli:
- Bhārī: eine äußere Form;
- Antarā: eine innere Form.
Anschließend beschreibt Haṭharatnāvalī 1.34 das schnelle Kreisen des Bauches nach rechts und links; in 1.36 wird Antarā nochmals anhand der Bewegung über linke und rechte Seite erläutert. Die Unterscheidung ist im Text jedoch nicht so ausführlich erklärt, dass sich daraus zweifelsfrei zwei klar getrennte moderne Techniken rekonstruieren ließen.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
- Auf vollem Magen üben
Fehler: Nauli wird kurz nach dem Essen probiert. Das kann zu Übelkeit, Druckgefühl oder Unwohlsein führen.
Besser: Nur mit leerem Magen üben, idealerweise morgens oder mit deutlichem Abstand zu einer Mahlzeit. - Zu früh mit dem Kreisen beginnen
Fehler: Man versucht sofort, den Bauch kreisen zu lassen, obwohl Uḍḍīyāna Bandha und die mittlere Muskelwulst noch nicht gelingen.
Besser: In sinnvoller Reihenfolge üben: zuerst Baucheinziehung, dann Madhyama Nauli, anschließend die Seiten und erst danach die Kreisbewegung. - Den Atem verkrampft anhalten
Fehler: Die Atemleere wird so lange gehalten, dass Luftnot, Panik oder Schwindel entstehen.
Besser: Die Atemanhaltephase kurz und angenehm halten. Vor dem Einatmen immer zuerst die Bauchspannung lösen. - Mit Gewalt pressen
Fehler: Der Bauch wird unter großem Druck nach vorne gepresst oder der gesamte Rumpf wird gewaltsam bewegt.
Besser: Nauli beruht auf differenzierter Muskelkontrolle, nicht auf maximaler Kraft. Die Bewegung sollte allmählich feiner und ruhiger werden. - Zu starke Bewegung von Hüften und Schultern
Fehler: Der Körper schaukelt stark von links nach rechts, während die eigentliche Bauchmuskulatur kaum kontrolliert wird.
Besser: Anfangs kann eine leichte Gewichtsverlagerung helfen. Mit fortschreitender Übung sollte die Bewegung jedoch zunehmend aus dem Bauch selbst entstehen. - Beim Lösen zu schnell einatmen
Fehler: Man atmet ein, während der Bauch noch stark eingezogen oder angespannt ist.
Besser: Zuerst die Bauchdecke vollständig entspannen, dann langsam und kontrolliert einatmen. - Warnsignale ignorieren
Fehler: Schmerzen, Krämpfe, Schwindel oder Übelkeit werden als notwendiger Teil des Lernens betrachtet.
Besser: Nauli darf anstrengend sein, sollte aber keine Schmerzen verursachen. Bei Beschwerden abbrechen und gegebenenfalls fachkundigen Rat einholen. - Ohne Anleitung üben
Fehler: Man versucht, eine fortgeschrittene Übung allein anhand beeindruckender Videos nachzuahmen.
Besser: Besonders für die ersten Lernschritte ist eine erfahrene Lehrperson hilfreich, die Atemhaltung, Druckverteilung und Muskelarbeit korrigieren kann.
Nauli / Laulikī in alten Yogaschriften
Übersicht
| Text | Nachgewiesene beziehungsweise angegebene Stelle | Bedeutung |
|---|---|---|
| Haṭhapradīpikā | 2.34–2.35 in der kritischen Edition; häufig 2.33–2.34 in älteren Ausgaben | Ausführliche Grundbeschreibung des schnellen Kreisens des Bauches und traditionelle Wirkungen. |
| Gheraṇḍa Saṃhitā | 1.12 und 1.52 | Bezeichnung Laulikī; kurze Beschreibung. |
| Haṭharatnāvalī | 1.33–1.36 | Unterscheidung zweier Formen, Bhārī und Antarā; Beschreibung der Kreisbewegung und Wirkungen. |
| Yogacintāmaṇi | Handschrift fol. 71v | Überliefert einen Parallelvers zur Nauli-Beschreibung der Haṭhapradīpikā. |
| Yuktabhavadeva | 6.162 | Überliefert ebenfalls einen Parallelvers zur Technik. |
| Ṣaṭkarmasaṅgraha | 110cd–111 | Beschreibt eine als äußere Nauli bezeichnete Bauchbewegung. |
| Haṭhayogasaṃhitā | S. 4, nach dem philologischen Kommentar zur kritischen Haṭhapradīpikā-Ausgabe | Verwendet eine Form von Laulika/Laulikī. |
| Yogasārasaṅgraha | Seiten 54–55 laut kritischem Apparat | Belegt die alternative Bezeichnung. |
| Yogakarṇikā | Seite 56 laut kritischem Apparat | Belegt ebenfalls die alternative Bezeichnung. |
Bei den zuletzt genannten Seitenangaben handelt es sich um Hinweise aus dem philologischen Kommentar der kritischen Online-Ausgabe.
Haṭha Yoga Pradīpikā: Naulī
Die Haṭha Yoga Pradīpikā des Svātmārāma, gewöhnlich in das 15. Jahrhundert datiert, beschreibt Nauli in Kapitel 2 im Zusammenhang mit den Ṣaṭkarmas. Ein Manuskript der Schrift ist bereits für das Jahr 1496 belegt.
Haṭha Yoga Pradīpikā 2.33
Sanskrit:
amandāvartavegena tundaṃ savyāpasavyataḥ ।
natāṃso bhrāmayed eṣā nauliḥ siddhaiḥ praśasyate ॥ 2.33 ॥
02-33 Der Yogi soll, nach vorne gebeugt, den Bauch kräftig und schwungvoll von rechts nach links kreisen lassen.
Sinngemäße Übersetzung:
Mit nach vorn geneigten Schultern soll man den Bauch mit der Kraft einer schnellen Wirbelbewegung nach rechts und links kreisen lassen. Diese Übung wird von den Vollendeten als Nauli gepriesen.
Haṭha Yoga Pradīpikā 2.34
Sanskrit:
mandāgni-sandīpana-pācanādi-
sandhāpikānanda-karī sadaiva ।
aśeṣa-doṣāmaya-śoṣiṇī ca
haṭha-kriyā-maulir iyaṃ ca nauliḥ ॥ 2.34 ॥
02-34 Dieses entfacht ein langsames Verdauungsfeuer und bewirkt eine gute Verdauung. Zudem erzeugt es ein tiefes Glücksgefühl und balanciert jedes Ungleichgewicht in der Gesundheit aus. Nauli ist die Krone des Hatha-Yoga.
Sinngemäße Übersetzung:
Nauli entfacht ein schwaches Verdauungsfeuer, unterstützt Verdauung und Wohlbefinden, beseitigt nach traditioneller Auffassung Störungen und Krankheiten und gilt als die Krone der Haṭha-Yoga-Handlungen.
Die Sanskritverse sind in der digitalen Textausgabe des Krishnamacharya Yoga Mandiram in dieser Form nachweisbar.
Nauli oder Laulikī? Die Bezeichnung ist historisch nicht völlig einheitlich
Die unterschiedliche Benennung ist historisch interessanter, als es zunächst wirkt. Die kritische Edition der Haṭhapradīpikā verzeichnet, dass die meisten Handschriften die Form naulī überliefern. Ein frühes Manuskript liest jedoch an denselben Stellen laulī beziehungsweise laulikaṃ. Formen wie laulikī erscheinen außerdem in späteren Werken, unter anderem in der Gheraṇḍa Saṃhitā, der Haṭhayogasaṃhitā, dem Yogasārasaṅgraha und der Yogakarṇikā. bedeutet: Nauli und Laulikī sind nicht einfach zwei moderne Schulbegriffe, sondern Varianten, die bereits in der Textüberlieferung des Haṭha-Yoga vorkommen.
Gheraṇḍa Saṃhitā: Laulikī bzw. Laukiki
Die Gheraṇḍa Saṃhitā, wahrscheinlich aus dem späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert, verwendet nicht die Bezeichnung Naulī, sondern Laulikī.
Gheraṇḍa Saṃhitā 1.12
Hier wird Laulikī zunächst als eines der sechs Reinigungsverfahren genannt:
Sanskrit:
dhautir vastis tathā netir laulikī trāṭakaṃ tathā ।
kapālabhātiś caitāni ṣaṭkarmāṇi samācaret ॥ 1.12 ॥
Sinngemäße Übersetzung:
Dhauti, Vasti, Neti, Laulikī, Trāṭaka und Kapālabhāti sind die sechs Handlungen, die man ausüben soll.
Gheraṇḍa Saṃhitā 1.52
Sanskrit:
amandavegaṃ tundaṃ ca bhrāmayed ubhapārśvayoḥ ।
sarvarogān nihantīha dehānala-vivardhanam ॥ 1.52 ॥
Gheranda Samhita Kapitel I, Vers 52: Bewege den Bauch mit unsanfter Gewalt (manche übersetzen mit: schnell) nach beiden Seiten (wohl: hin und her). Dies behebt sämtliche Krankheiten und erhöhen die Körperwärme (deha-analah = Körper-Feuer, andere übersetzen mit Verdauungsfeuer).
Sinngemäße Übersetzung:
Man soll den Bauch rasch zu beiden Seiten bewegen. Dies beseitigt nach traditioneller Aussage alle Krankheiten und steigert das Feuer des Körpers.
Der Sanskrittext ist in der auf der Ausgabe von Peter Thomi beruhenden elektronischen GRETIL-Fassung an den Stellen 1.12 und 1.52 dokumentiert.
Haṭharatnāvalī: Naulī mit Varianten
Die Haṭharatnāvalī des Śrīnivāsa stammt aus dem 17. Jahrhundert und erweitert das System der Reinigungshandlungen. Sie liefert für Nauli mehr Differenzierung als die Haṭha Yoga Pradīpikā.
Haṭharatnāvalī 1.33
Sanskrit:
sā ca naulir dvidhā proktā bhārī caikāntarābhidhā ।
bhārī syād bāhyarūpeṇa jāyate 'ntas tu sā tathā ॥ 1.33 ॥
Sinngemäße Übersetzung:
Nauli wird als zweifach bezeichnet: als Bhārī und als Antarā. Bhārī erscheint äußerlich, Antarā innerlich.
Haṭharatnāvalī 1.34
Sanskrit:
amandāvartavegena tundaṃ savyāpasavyataḥ ।
natāṃso bhrāmayed eṣā nauliḥ gauḍaiḥ praśasyate ॥ 1.34 ॥
Sinngemäße Übersetzung:
Mit geneigten Schultern soll man den Bauch kraftvoll und schnell nach rechts und links kreisen lassen. Diese Übung wird als Nauli gepriesen.
Haṭharatnāvalī 1.35
Der anschließende Vers wiederholt im Wesentlichen die bereits aus der Haṭha Yoga Pradīpikā bekannten traditionellen Wirkungen: Anregung des Verdauungsfeuers, Förderung der Verdauung, Wohlbefinden und Beseitigung von Störungen.
Haṭharatnāvalī 1.36
Sanskrit:
iḍayāvartavegena tathā piṅgalayā punaḥ ।
ubhābhyāṃ bhrāmayeccāiva hy antarā kīrtitā mayā ॥ 1.36 ॥
Sinngemäße Übersetzung:
Durch die kreisende Bewegung zunächst über die linke und dann über die rechte Seite beziehungsweise über beide wird die von mir bezeichnete Form Antarā ausgeführt.
Die Haṭharatnāvalī ist damit die hier überprüfte klassische Schrift, die ausdrücklich mehrere Formen von Nauli unterscheidet.
Häufige Fragen
- Kann man Nauli im Sitzen üben?
Fortgeschrittene Übende praktizieren Nauli teilweise auch in sitzenden Positionen. Zum Lernen ist die stehende Vorbeuge mit aufgestützten Händen meist deutlich leichter, weil die Arme die Druckverlagerung und Muskelisolierung unterstützen. - Muss man für Nauli sehr schlank sein?
Nein. Eine schlanke Bauchdecke macht die Muskelbewegung lediglich sichtbarer. Entscheidend ist die neuromuskuläre Kontrolle, nicht die sichtbare Ausprägung der Bauchmuskeln. - Hilft Nauli beim Abnehmen?
Für eine direkte gewichtsreduzierende Wirkung gibt es keine belastbaren Nachweise. Nauli beansprucht zwar die Bauchmuskulatur, ersetzt jedoch weder Bewegungstraining noch eine zur Gewichtsreduktion geeignete Ernährung. - Ist Nauli ein Bauchmuskeltraining?
Nauli beansprucht und schult die Bauchmuskulatur, ihr traditionelles Ziel ist jedoch nicht Muskelaufbau, sondern Reinigung, Kontrolle und die Beeinflussung des Verdauungsraumes im Verständnis des Haṭha-Yoga. - Ist Nauli dasselbe wie ein „Stomach Vacuum“ aus dem Fitnesstraining?
Beide Techniken nutzen eine starke Baucheinziehung nach dem Ausatmen. Nauli geht jedoch weiter: Die geraden Bauchmuskeln werden isoliert und rollend bewegt. Ein einfaches „Vacuum“ entspricht daher eher einer Vorstufe, die dem yogischen Uḍḍīyāna Bandha ähnelt. - Kann Nauli die Verdauung anregen?
Manche Übende erleben dies subjektiv so, und die traditionellen Texte schreiben Nauli eine stark verdauungsfördernde Wirkung zu. Belastbare klinische Studien, mit denen sich Nauli gezielt als Behandlung von Verdauungsproblemen empfehlen ließe, fehlen jedoch.
Einordnung
Nauli beziehungsweise Laulikī ist eine charakteristische Reinigungsübung des späteren klassischen Haṭha-Yoga. Die alten Texte beschreiben sie als rasches Kreisen oder Schwingen des Bauches und verbinden sie vor allem mit der Anregung des Verdauungsfeuers.
Für eine heutige Darstellung ist eine doppelte Perspektive sinnvoll:
- Traditionsgeschichtlich gilt Nauli als besonders bedeutsame Reinigungsübung und wird in der Haṭha Yoga Pradīpikā sogar als „Krone“ der Haṭha-Handlungen bezeichnet.
- Medizinisch ist Nauli eine anspruchsvolle Form der Bauchmuskelkontrolle mit Druckveränderungen im Bauchraum; eine tatsächliche „Dünndarmreinigung“ oder umfassende Heilwirkung ist wissenschaftlich nicht belegt.
Wer Nauli lernen möchte, sollte sie nüchtern, vorsichtig und möglichst unter qualifizierter Anleitung üben – und körperliche Beschwerden nicht durch die Übung behandeln oder übergehen.
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Interessante Facts zu Nauli / Laulikī
- Die Verszählung zu Nauli ist nicht in allen Ausgaben gleich. In vielen verbreiteten Ausgaben steht Nauli in der Haṭha Yoga Pradīpikā unter 2.33–2.34. Die manuskriptgestützte Online-Edition des Projekts Light on Haṭha Yoga zählt dieselben Passagen dagegen als 2.34–2.35.
- Die Haṭharatnāvalī kennt mehr Reinigungstechniken als die bekannteren Standardlisten. Während Haṭhapradīpikā und Gheraṇḍa Saṃhitā sechs Reinigungsübungen nennen, behandelt Śrīnivāsa in der Haṭharatnāvalī acht Verfahren. Nauli wird dort zusätzlich in Bhārī und Antarā unterschieden.
- Die klassische Nauli-Beschreibung ist erstaunlich kurz. Moderne Anleitungen erläutern ausführlich Vorübungen, Muskelisolation und Lernstufen. Der zentrale Vers der Haṭhapradīpikā sagt im Kern nur, der vorgebeugte Übende solle den Bauch mit der Geschwindigkeit eines kräftigen Wirbels nach links und rechts kreisen lassen.
- Nauli wurde schon im 20. Jahrhundert physiologisch vermessen. In Untersuchungen von Bhole und Karambelkar wurden während Uḍḍīyāna und verschiedener Nauli-Formen Druckveränderungen in Speiseröhre, Magen, Blase und Dickdarm aufgezeichnet. Dabei zeigten sich bei der mittleren Nauli-Form teilweise stärkere Unterdruckwerte als bei Uḍḍīyāna allein – ein mechanischer Befund, kein Beweis für Heilwirkungen.
Quelle: Bhole/Karambelkar: Pressure Changes in Internal Cavities during Uddiyana and Nauli - Die Forschungslage ist deutlich nüchterner als die traditionellen Wirkversprechen. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu den Ṣaṭkarmas fand begrenzte Studien zu einzelnen Reinigungstechniken, insbesondere Dhauti, Neti, Trāṭaka und Kapālabhāti. Für spezifische klinische Wirkungen von Nauli fehlt weiterhin eine belastbare Studienbasis.
Quelle: Health and therapeutic benefits of Shatkarma – PMC - Die „Krone des Haṭha-Yoga“ ist möglicherweise ein Wortspiel. In der Haṭhapradīpikā wird Nauli als haṭhakriyā-mauli bezeichnet, also sinngemäß als Krone oder Höchstes der Haṭha-Techniken. Der philologische Kommentar weist darauf hin, dass dabei möglicherweise auch der ähnliche Klang von naulī und mauli beabsichtigt war.
Quelle: Haṭhapradīpikā Online – Kommentar zu HP 2.35

