Goraksa-Sataka Überblick – Ursprung, Inhalt und Bedeutung im Hatha Yoga
Das Goraksa-Sataka (Sanskrit: Goraksa-Hundertzeiler, auch Gorakshashataka Goraksa Shatakam) ist vermutlich die älteste erhaltene Abhandlung über Hatha-Yoga. Es diente mehreren späteren Werken, die Yoga behandeln, als Vorlage. Sein Autor war Goraksha, der zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert nach Christi gelebt haben soll.
Ein stiller, konzentrierter Text. Keine Ausschmückung, kein Blendwerk. Die Goraksa-Śataka gehört zu jenen Yogaschriften, die nicht um Aufmerksamkeit buhlen – und gerade deshalb bis heute ernst genommen werden. Wenn du dich für die Wurzeln des Haṭhayoga interessierst, für innere Praxis jenseits von Mattenästhetik und Leistungsdenken, lohnt sich ein genauer Blick. Dieser Artikel gibt dir einen fundierten Überblick, ordnet ein, benennt Grenzen – und übersetzt die Lehren behutsam in eine heutige Praxisrealität.
Die Goraksa-Sataka in Kürze
Einordnung und Bedeutung
Die Goraksa-Śataka ist ein früher und zentraler Text des Haṭhayoga und besteht aus rund hundert knappen Versen. Sie gehört zur Nāth-Tradition und wird traditionell Gorakhnāth (Sanskrit: Gorakṣanātha) zugeschrieben, einer Schlüsselfigur der mittelalterlichen indischen Yogabewegung. Historisch gesichert ist diese Autorschaft nicht, doch inhaltlich trägt der Text deutlich die Handschrift dieser Linie: nüchtern, praxisorientiert, kompromisslos auf innere Transformation ausgerichtet.
Der Text gilt als eine der frühesten systematischen Darstellungen dessen, was später als klassischer Haṭhayoga bekannt wurde. Die Schrift richtet sich nicht an Neugierige, sondern an Übende. Sie erklärt wenig, setzt viel voraus – und belohnt geduldige Leser mit erstaunlicher Klarheit.
Umfang und Struktur
- Der Text besteht aus etwa 100 Ślokas (Verse), wobei die genaue Anzahl je nach Handschrift leicht variiert.
- Er ist kompakt und aphoristisch gehalten, ohne erzählerische oder mythologische Ausschmückung.
- Der Stil ist instruktiv: kurze, prägnante Lehrsätze für die Praxis.
Historischer Kontext – woher dieser Text kommt
Die Goraksa-Sataka entstand vermutlich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in Nordindien. Sie steht am Übergang von asketischen, tantrisch geprägten Übungswegen zu dem, was später als klassischer Haṭhayoga bekannt wurde.
Wichtig zu verstehen:
Dieser Text stammt aus einer Zeit, in der Yoga kein Wellness-Angebot, sondern ein radikaler Befreiungsweg war. Übung bedeutete Disziplin, Rückzug, oft auch körperliche Härte. Die Goraksa-Sataka spiegelt diesen Ernst wider – ohne dramatische Rhetorik, aber mit unmissverständlicher Zielsetzung.
Rezeption und Überlieferung
- Überliefert in mehreren Handschriften mit leichten textlichen Abweichungen.
- In der traditionellen Nāth-Praxis eher als esoterischer Lehrtext denn als allgemein zugängliche Schrift genutzt.
- Moderne Übersetzungen und Kommentare existieren, sind jedoch teils stark interpretativ geprägt.
Zentrale Inhalte der Goraksa-Sataka
Die Goraksa-Śataka behandelt zentrale Konzepte des frühen Haṭhayoga, insbesondere:
Der subtile Körper
Ein zentrales Thema ist der feinstoffliche Körper. Die Goraksa-Sataka beschreibt:
- Nāḍīs – Energieleitbahnen im Körper
- die zentrale Rolle von Iḍā, Piṅgalā und Suṣumṇā
- Prāṇa als lenkbare Lebensenergie
-
Kuṇḍalinī als schlafende spirituelle Energie
Der physische Körper ist hier kein Selbstzweck. Er ist ein Instrument, ein Gefäß, das vorbereitet werden muss, um innere Prozesse zu tragen.
Praxis des Haṭhayoga
- Āsana: weniger als körperliche Vielfalt, mehr als stabile Sitzhaltung
- Prāṇāyāma: zentrale Praxis zur Reinigung der Nāḍīs
- Bandhas und Mudrās (in Grundzügen)
- Dhyāna (Meditation) als Ergebnis der Energieharmonisierung
Prāṇāyāma als Schlüssel
Im Zentrum der Praxis steht eindeutig das Prāṇāyāma. Atemlenkung ist nicht Ergänzung, sondern Kernmethode. Ziel ist die Reinigung der Nāḍīs und das Zusammenführen der gegensätzlichen Energien.
Praktisch heißt das:
- ruhiger, bewusster Atem
- klare Sitzhaltung
- zunehmende innere Sammlung
Die Schrift warnt implizit vor Hast. Atemarbeit ohne Stabilität führt nicht nach oben, sondern in Unruhe.
Āsana – weniger Form, mehr Haltung
Wer Vielfalt erwartet, wird enttäuscht. Die Goraksa-Sataka kennt Āsana vor allem als stabile Sitzhaltung. Kein Katalog, keine Abfolge, kein Ehrgeiz.
Der Maßstab ist schlicht:
Kannst du ruhig sitzen, ohne vom Körper abgelenkt zu werden?
Für heutige Praktizierende ist das eine heilsame Zumutung. Weniger Tun, mehr Verweilen.
Kuṇḍalinī und innere Ausrichtung
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kuṇḍalinī, verstanden als ruhende, kraftvolle Energie am unteren Ende der Wirbelsäule. Die Schrift beschreibt ihren Aufstieg durch die Suṣumṇā als zentrales Ziel der Praxis.
Wichtig dabei: Die Goraksa-Sataka ist nüchtern, nicht sensationell. Keine Visionen, keine Versprechen von Ekstase. Der Fokus liegt auf Sammlung, Klarheit und innerer Durchlässigkeit.
Was ist das Ziel der Praxis?
- Erweckung der Kuṇḍalinī
- Aufstieg des Prāṇa durch die Suṣumṇā
- Rāja-Yoga-Zustand (Samādhi, Erkenntnis, Befreiung)
Im Unterschied zu modernen Yogaauffassungen ist die Goraksa-Śataka:
- nicht fitness-orientiert,
- kaum an äußeren Körperformen interessiert,
- klar auf energetische Transformation und Befreiung (mokṣa) ausgerichtet.
Das Ziel wird klar benannt: Rāja-Yoga, verstanden als Zustand tiefer innerer Sammlung und Erkenntnis. Nicht moralische Verbesserung, nicht Optimierung des Körpers, sondern Befreiung aus innerer Unruhe hin zu Ziel des Yoga: Kaivalya, Erleuchtung, Freiheit..
Oder moderner formuliert: Ein Geist, der nicht ständig reagiert. Ein Körper, der trägt, statt zu stören. Eine Wahrnehmung, die klar wird. Geistesruhe.
Was die Goraksa-Sataka nicht ist
Gerade für heutige Leser ist es wichtig, Missverständnisse zu vermeiden.
Die Goraksa-Sataka ist:
- keine Einsteigeranleitung
- kein Praxismanual mit Schritt-für-Schritt-Erklärungen
- keine philosophische Abhandlung im akademischen Sinn
Sie verlangt Einordnung, Begleitung und eigenes Erleben. Wer sie isoliert liest, kann leicht zu falschen Schlüssen kommen.
Praktischer Zugang für heutige Yogapraktizierende
Wie lässt sich dieser alte Text sinnvoll in einen modernen Alltag integrieren?
Einige bewährte Ansätze:
- Weniger Technik, mehr Aufmerksamkeit
Reduziere Übungsvielfalt. Beobachte Atem, Sitz, innere Reaktionen. - Atemarbeit vertiefen
Sanftes, regelmäßiges Prāṇāyāma wirkt oft nachhaltiger als anspruchsvolle Asana-Sequenzen. - Stille aushalten lernen
Die Goraksa-Sataka lädt dazu ein, Unruhe nicht sofort zu regulieren, sondern wahrzunehmen. - Kritisch bleiben
Nicht jede traditionelle Aussage ist eins zu eins übertragbar. Körper, Lebensumstände und Wissen haben sich verändert.
Kontroversen und kritische Einordnung
Die Schrift steht auch in der Kritik. Manche Aussagen wirken aus heutiger Sicht vereinfachend oder dogmatisch. Die Betonung von Energieaufstieg kann bei unreflektierter Praxis zu Überforderung führen.
Ein verantwortungsvoller Umgang heißt:
- keine Atemexperimente ohne Erfahrung
- keine Idealisierung von Askese
- keine Abwertung moderner Yogapraxis
Die Goraksa-Sataka ist ein historischer Lehrtext, kein Gesetzbuch.
Warum sich die Lektüre trotzdem lohnt
Gerade in einer Zeit, in der Yoga oft zur Konsumware wird, erinnert die Goraksa-Sataka an etwas Wesentliches:Yoga beginnt innen. Und er endet dort auch.
Der Text zwingt zur Entschleunigung, zur Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Praxis – und zu der Frage, warum man überhaupt übt.
Verhältnis zu anderen Yogatexten
Die Goraksa-Śataka steht in enger Beziehung zu späteren klassischen Texten wie der Haṭha-Yoga-Pradīpikā. Viele dort systematisierte Lehren finden sich hier in früher, knapper Form wieder. In der Forschung gilt sie als Vorläufer- und Quellentext für die spätere Haṭhayoga-Literatur.
In der Hatha-Yoga-Pradipika finden sich wortwörtliche Übernahmen aus der Goraksa-Sataka.
Video zur Goraksa-Sataka
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Goraksha – Vater des Hatha Yoga
Goraksha (auch Goraksa oder Gorakhnath) gilt als Verfasser der Schrift "Hathayoga" - diese ist leider verloren - und des Goraksa-Sataka. Er war Lehrer des shivaitischen Tantrismus und stand in der Tradition seines Gurus Matsyendra. Goraksa gilt als Mit-Gründer der Kanphata-Schule der Nathas. Mit seinem Namen ist das Aufkommen des Hatha-Yoga verknüpft.
Goraksha hat irgendwann zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert nach Christus gelebt. Interessanterweise soll er - laut Eliade - in "engen Beziehungen" zum Vajrayana gestanden haben, einer buddhistischen Strömung, die auch unter den Bezeichnungen Lamaismus oder Diamantfahrzeug bekannt ist.
Video-Erläuterungen zu Goraksha von Sukadev:
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... und zu Matsyendra:
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7 seltene, interessante oder humorvolle Fakten zur Goraksa-Sataka
- Mehrere Versionen: Obwohl „Hundert Verse“ im Titel steht, existieren Varianten mit deutlich mehr Versen, was zeigt, wie dynamisch alte Überlieferungen waren.
- Ältester Hatha-Text: Die Goraksa-Sataka gilt als die vermutlich älteste erhaltene Abhandlung über Haṭha-Yoga.
- Sechs Yoga-Stufen: Anders als Patanjalis Yoga-Sūtras beschreibt dieser Text nur sechs Glieder des Yoga, ohne Yamas und Niyamas.
- Einfluss auf spätere Klassiker: Teile der Haṭha Yoga Pradīpikā sind direkt aus der Goraksa-Sataka übernommen worden.
- Tradition ohne Ethik-Lehre: Der Text verzichtet völlig auf die bekannten Yama- und Niyama-Lehren, was ihn in seiner Zeit einzigartig macht.
- Goraksha als Rinderhirte: Der Name Goraksha bedeutet „der Rinderhirte“, was in manchen alten Darstellungen wörtlich visualisiert wird.
- Meditationsrestaurateur: Einige Ausgaben des Textes enthalten detailliertere Abschnitte zur Meditation, die in späteren Yoga-Schriften oft ausgelassen wurden.
Fazit – ein leiser, aber gewichtiger Text
Die Goraksa-Sataka ist kein Buch für zwischendurch. Sie ist ein konzentrierter Spiegel früher Haṭhayoga-Praxis, streng, klar, fordernd.
Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, findet keine schnellen Antworten, aber eine tiefe Orientierung. Und manchmal ist genau das der wertvollste Beitrag, den ein alter Text leisten kann.

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