- Yoga-Anregung für den Alltag -
Eigene Vorurteile erkennen – praktische Wege zur Selbstreflexion
Yoga bezweckt das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen im Geist, siehe Yogasutra I-2, weil der Geist unsere Sicht auf die Wirklichkeit verschleiert. Zu den Bewegungen bzw. Verschleierungen des Geistes werden auch unsere Glaubenssätze, Meinungen und Vorbehalte gezählt. Sie laufen automatisch im Hintergrund, meist werden wir ihrer Verschleierung nicht gewahr. Mit einem einfachen Vorsatz kommst du ihnen auf die Spur.
"Der gesunde Menschenverstand ist nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat."
Albert Einstein, 1879 - 1955, deutsch-schweizerisch-amerikanischer Physiker
Versuche diese Woche all deiner Vorurteile gewahr zu werden und bemühe dich darum, diese zumindest in Zweifel zu ziehen.
Vorurteile im Alltag aufspüren
Achte in den kommenden Tagen auf Sätze, die innerlich mit „immer“, „typisch“, „das ist halt so“ oder „das kenne ich schon“ beginnen. Diese Formulierungen sind oft Spuren von Vorurteilen.
Ein weiteres Signal ist emotionale Schnelligkeit: Abneigung, Ungeduld oder Überlegenheit, die schneller da sind, als du sie begründen könntest. Frage dich in diesem Moment nicht, ob das Gefühl berechtigt ist. Frage nur: Woher weiß ich das eigentlich? Allein diese Frage unterbricht den Automatismus.
Vorurteile sind nicht nur Gedanken. Sie zeigen sich auch im Körper. Ein verspannter Kiefer, hochgezogene Schultern, flacher Atem – oft reagiert der Körper schneller als der Verstand. Yoga macht diese Reaktionen sichtbar.
Wer im Körper wahrnimmt, wie schnell sich Enge bildet, erkennt auch, wie rasch der Geist urteilt. Diese Form der Erkenntnis ist weniger spektakulär, aber nachhaltiger. Sie ist nicht argumentativ, sondern erfahrungsbasiert. Und sie bleibt – selbst dann, wenn Worte versagen.
Typische Alltagsbeispiele: Wo sich Vorurteile besonders gut tarnen
Eigene Vorurteile zeigen sich selten dort, wo wir sie erwarten. Sie tauchen nicht bevorzugt bei großen moralischen Fragen auf, sondern oft im Banalen.
Zum Beispiel:
- Wenn wir eine Person nach wenigen Sätzen innerlich einsortieren und danach kaum noch zuhören.
- Wenn wir bestimmte Tätigkeiten, Orte oder Menschen reflexhaft als „nicht unser Ding“ abstempeln.
- Wenn wir uns über andere wundern und gleichzeitig sicher sind, selbst ganz anders zu sein.
Gerade diese scheinbar harmlosen Situationen sind aufschlussreich. Vorurteile lieben den Alltag, nicht die Ausnahme. Wer sie erkennen will, sollte weniger auf dramatische Urteile achten als auf leise innere Kommentare, die kaum Aufmerksamkeit verlangen – und genau deshalb wirksam sind.
Drei Fragen, die Vorurteile zuverlässig entlarven
Drei einfache Fragen helfen dabei, Vorurteile zu erkennen, ohne sich in Grübeleien zu verlieren:
- Würde ich genauso denken, wenn ich andere Erfahrungen gemacht hätte?
Diese Frage öffnet den Blick für biografische Prägung. - Reagiere ich gerade auf die Situation – oder auf meine Erwartung?
Hier trennt sich Wahrnehmung von Interpretation. - Was wäre, wenn das Gegenteil ebenfalls möglich wäre?
Nicht als Wahrheit, sondern als Denkexperiment.
Diese Fragen verlangen keine sofortige Antwort. Ihre Wirkung liegt auch darin, dass sie den inneren Monolog verlangsamen.

... oder ist die Zitrone doch nicht so sauer, wie ich immer dachte?
Was könnte passieren?
... wenn wir unsere Vorurteile einer Prüfung unterziehen?
- Vielleicht schmeckt dir etwas vorzüglich, bei dem du – voller Vorurteil – erst dein Desinteresse überwinden musst.
- Eine Herausforderung wie die kalte Dusche am Morgen löst unerwartet viel Freude aus.
- Auf einmal erfahren die bisher so widersinnigen Worte deines Gegenübers einen bisher unerkannten Sinn.
Jeder hat seine persönlichen Vorurteile. Natürlich müssen nicht alle falsch sein, Vorurteile erleichtern zudem unser Dasein. Es erfordert allerdings viel Achtsamkeit, diese überhaupt zu erkennen, uns selbst gegenüber ehrlich zu sein. Das „Überwinden“ ist dann reine Willenskraft.
Vorurteile zu erkennen bedeutet nicht, sich selbst zu entlarven oder zu beschämen. Es geht nicht um Schuld, sondern um Bewusstheit. Wer sich für ein Vorurteil verurteilt, erschafft lediglich ein neues.
Hilfreicher ist eine Haltung stiller Neugier: Interessant, dass ich das denke. Diese Haltung schafft Raum – für Differenzierung, für Entwicklung, für Überraschung.
Was ist ein Vorurteil – und was nicht?
Was genau ist eigentlich ein Vorurteil? Im Kern handelt es sich um eine schnelle innere Bewertung, die wir vor einer bewussten Prüfung vornehmen. Vorurteile entstehen aus Erfahrungen, Erziehung, kulturellen Prägungen und aus dem Bedürfnis nach Orientierung. Sie sind kein moralisches Versagen, sondern ein mentaler Abkürzungsmechanismus. Ohne ihn wären wir im Alltag heillos überfordert.
Problematisch werden Vorurteile nicht durch ihre Existenz, sondern durch ihre Unbewusstheit. Sobald sie als unumstößliche Wahrheit auftreten, verengen sie unseren Blick. Dann reagieren wir nicht mehr auf das, was ist, sondern auf das, was wir erwarten. Yoga und Achtsamkeit setzen genau hier an: nicht beim Abschaffen von Vorurteilen, sondern beim Erkennen ihrer Wirkung.
Vorurteile gegenüber sich selbst – die übersehenste Kategorie
Nicht alle Vorurteile richten sich nach außen. Manche sind nach innen gerichtet – und besonders hartnäckig. Sätze wie „Ich bin halt so“, „Dafür bin ich nicht gemacht“ oder „Das konnte ich noch nie“ wirken vertraut, beinahe bescheiden. Tatsächlich sind es oft Selbstetiketten, die Entwicklung begrenzen.
Diese Form des Vorurteils fällt kaum auf, weil sie als Selbstkenntnis getarnt ist. Doch auch hier lohnt sich Zweifel.
Umfrage: Was hast du bei dir erkannt?
Welche Vorurteile hast du bei dir erkannt?
Wenn du uns diese mitteilst, hilfst du anderen, ihren Vorurteilen auf die Schliche zu kommen. Dein erkanntes Vorurteil:
Hier die bisherigen Antworten anschauen ⇓
Antwort 1
Ich deute ganz oft das Verhalten anderer Menschen. Das ist sicherlich oft nicht ganz richtig ...
Antwort 2
Ich will mich schützen vor "schwierigen" Menschen (schlechte Erfahrungen mit toxischen Beziehungen) und deshalb möchte ich schnell aussortieren wer "toxisch" ist und wer nicht...
Warum wir unsere eigenen Vorurteile so schwer erkennen
Eigene Vorurteile zu erkennen ist besonders schwierig, weil sie sich richtig anfühlen. Sie kommen nicht als Gedanke daher, sondern als Gewissheit. Der Geist meldet: So ist es. Gerade deshalb bleiben sie oft unsichtbar. Wir zweifeln nicht an ihnen, wir zweifeln höchstens an anderen.
Hinzu kommt ein subtiler Selbstschutz: Wer ein Vorurteil hinterfragt, riskiert, sich selbst zu korrigieren. Das kann verunsichern. Der Geist liebt jedoch Stabilität. Yoga konfrontiert uns mit dieser Unruhe, nicht um sie zu beseitigen, sondern um sie auszuhalten. Erst dort entsteht Freiheit im Denken.
Bedenke auch:
- Sozialer Kontext und Spiegelwirkung
Andere Menschen dienen häufig als Spiegel für eigene blinde Flecken: wiederkehrende Reaktionen können auf unbewusste Vorurteile hinweisen.
Wo liegen deine Schwierigkeiten bei der Vorurteilserkennung?
Was hemmt dich am meisten dabei, eigene Vorurteile zu erkennen?
Langfristige Wirkung: Was sich verändert, wenn Vorurteile sichtbar werden
Mit der Zeit verändert sich etwas Subtiles. Die Welt wird nicht einfacher, aber offener. Begegnungen verlaufen weniger vorhersehbar. Gespräche gewinnen Tiefe. Man irrt sich öfter – und nimmt es gelassener.
Vorurteile verlieren nicht ihre Existenz, aber ihre Macht. Sie werden zu Hypothesen statt zu Urteilen. Darin liegt eine stille Form von Freiheit.
Dabei gilt:
- Geduld als Praxis
Vorurteile verschwinden nicht auf Knopfdruck. Geduld und wiederholte Aufmerksamkeit sind zentrale Elemente im Erkennen und Loslassen.

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Viele glauben, sie seien weniger voreingenommen als andere – obwohl sie es oft nicht sind. - Positive Vorurteile existieren
Nicht alle Vorurteile sind negativ; manche vereinfachen auch Entscheidungen, z. B. „Frauen sind fürsorglich“. Diese Formen werden „benevolent bias“ genannt. - Introspektions-Illusion
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“A human mind is a wandering mind, and a wandering mind is an unhappy mind. The ability to think about what is not happening is a cognitive achievement that comes at an emotional cost.”
Übersetzung: Der menschliche Geist ist ein wandernder Geist und ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist. Die Fähigkeit, darüber nachzudenken, was nicht [in diesem Moment] geschieht, ist eine kognitive Errungenschaft, die [allerdings] mit emotionalen Kosten einhergeht.
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