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wellenringe


Yogash citta–vritti–nirodhah 
योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः

 

Wenn ich festlegen müsste, welche Sutra die Bedeutsamste ist, dann würde ich diese wählen. Hier wird der Yogaweg in einem Satz zusammengefasst. Alle weiteren Sutras erläutern den Weg.

Auslegung und Deutung dieser Sutra erfolgt unterschiedlich. Lies hier, welche Prioritäten du gemäß der Sutras-Deuter bei deiner täglichen Praxis setzen solltest.

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Die Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin.

  • Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken.

  • Yoga ist der Zustand, in dem die seelisch-geistigen Regungen zur Ruhe kommen.

  • Yoga ist das Zuruhekommen aller Bewegungen im Geist.

  • Yoga ist der Bewusstseinszustand, in dem die Bewegungen des meinenden Selbst in die Stille kommen.

  • Der Zustand des Yogas wird durch vollkommene Beherrschung des Denkens und Fühlens erreicht.

  • Yoga ist, die Strukturierung des Bewusstseins zu beruhigen.

  • Yoga ist die Bewusstseins-Regungs-Stillung.

  • Yoga ist die Unterdrückung der Modifikationen des Geistes.

  • Yoga ist die Hemmung der Modifikationen des Geistes.

  • Yoga ist der Prozess der Beendigung der Vrittis des Feldes des Bewusstseins.

  • Die Hemmung der Modifikationen des Geist-Zeugs ist Yoga.

  • Yoga ist die Kontrolle der Gedanken-Wellen im Geist.

  • Yoga ist die Hemmung des Geistes vor der Einnahme verschiedener Formen.

  • Yoga ist das Beruhigen der Gedankenwellen.

  • Yoga ist die Unterdrückung der Änderung des Geistes.

  • Yoga ist das Auflösen aller Trübungen im Wandelbaren des Menschen.

  • Yoga ist die Beschränkung der Fluktuationen des Bewusstseins.

 

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrit

  • Yogash = Yoga ist.

  • Citta (Chitta) = Geist, Bewusstsein, Verstand, oder auch meinendes Selbst, Geistfeld, steht zwischen Seher und Wahrnehmung, ein Schleier. -> Citta  

  • Vritti = Welle, seelisch-geistige Vorgänge, Gedanken(wellen), Gefühlsaufwallungen etc., auch: Bewusstseinszustand, Strukturen, Geistesbewegungen, dazu gehören auch Prägungen, Neigungen, Impulse, Glaubenssätze, Vorurteile, das Wesen des Menschen, Vritti verändert wie eine Fehleinschätzung die Wahrnehmung, Wellen auf der Wasseroberfläche, die den Blick ins Wasser trüben oder verzerren. -> Vritti  
    Citta-Vritti = Schwankungen/Bewegungen im Geist, auch Gefühle etc., alternativ: Tätigkeiten, durch die das Citta sich ausdrückt und die dessen Aufgaben bilden.

  • Nirodha (Nirdodhah) = kontrolliert, gehalten, Zur–Ruhe–Bringen, Aufhören, Beendigung, Einschränkung. -> Nirodha  

Hintergrundbild zur Sutra

Diese Sutra gibt es auch als Wallpaper/Hintergrundbild für deinen Rechner, Tablett oder dein Smartphone:

Hintergrundbild - Yoga Sutra I-2: Yoga ist Zur-Ruhe-Bringen

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Deutung: Die große Stille

Yoga ist also - das ist eine grundlegende Definition und von großer Bedeutung im Yoga - das zur Ruhe-Kommen und/oder das Unterdrücken (je nach Auslegung der Lehren) der Bewegungen im Geist/Bewusstsein. Eliade (S. 44) sieht daraus die Notwendigkeit, sich aus eigener Erfahrung Kenntnis über alle möglichen Bewusstseinszustände zu verschaffen, die einen normalen, "profanen", nichterleuchteten Geist (Bewusstsein) im täglichen Leben in Wallung bringt.

Dies schafft die Voraussetzung für die "Vernichtung" dieser profanen Bewusstseinszustände. (Eliade S. 45) "... die Gruppen, Arten und Varietäten von Bewusstseinszuständen - citta-vritti - zu vernichten". Dies gelinge aber nur, wenn man diese vorher erkannt hat.

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Diese "Vernichtung der Bewusstseinszustände" ist ein Gedanke, der dem Samkhya gemäß Eliade noch fremd ist. Dort wird die Freiheit (einfach ;-) ) durch die metaphysische Erkenntnis erlangt.

Nebulös

Citta, Vritti und Nirodha - keines dieser Worte wird von Patanjali laut Deshpande im Yogasutra konkret erläutert. Demzufolge ergeben sich die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten.

 

Zum Citta

Schwer zu fassen

Yogalehrer und Sanskrit-Gelehrte zaubern für Citta stets neue Übersetzungen hervor. Meines Erachtens werden nicht alle Interpretationen der weiten Bedeutung von Citta gerecht. Für mich ist es zum Beispiel klarer, von "Bewusstseinszuständen" als nur von "Gedanken" zu sprechen, da mit Vritti auch alle Gefühle, und sonstigen emotionalen Aufwallungen gemeint sind. Ich habe mich für "Citta = Geist" entschieden.

Manifestationen des Citta

Wie Eliade auf Seite 45 weiterhin schildert, klassifiziert Vyasa (übrigens erster Kommentator des Yogasutras im 5. Jhd. n. Chr.) in seinem Kommentar zu Yoga Sutra I-2, dass jedes normale menschliche Bewusstsein (Citta) sich auf drei Arten manifestiert. Je nachdem, welches Guna bei ihm vorherrscht. Siehe Gunas

  • Herrscht Sattva (Reinheit, Erleuchtung über Begreifen) vor, manifestiert sich Prakhya, Lebhaftigkeit, Heiterkeit, innere Helle.
  • Herrscht Tamas (Finsternis, Trägheit, Schwere) vor, ist das Bewusstsein Sthiti: Träge und Erstarrung ist die Folge.
  • Herrscht Rajas vor (Energie), ist das Bewusstsein Pravritti: Aktiv, gespannt, eigenwillig, energievoll.

Modalitäten des Citta

Die Modalitäten des Bewusstseins nach Vyasa lauten gemäß Eliade:

  1. unstet - Ksipta
    (bei jedem nicht-erleuchteten Menschen vorhanden), der zerstreute Zustand. Man macht vieles gleichzeitig oder eines und ist mit dem Gedanken bei etwas anderem.
  2. wirr, dunkel - Mudha
    (bei jedem nicht-erleuchteten Menschen vorhanden).
  3. stetig und unstet - Viksipta
    Gelegentliche Stetigkeit wird durch Aufmerksamkeit auf ein Problem oder eine Gedächtnisübung erreicht. Man bemüht sich um Konzentration. Doch auch Viksipta ist noch wertlos in Bezug auf das Erlangen der Freiheit, da "nicht durch den Yoga erlangt". Dies gilt erst für die folgenden beiden Zustände:
  4. auf einen Punkt konzentriert/fixiert - Ekagrata
    Flow-Erfahrung, Einpünktigkeit, man ist mitten drin, es geschieht einfach.
  5. vollkommen gezügelt - Nirodha
    Hier gibt es gar keine Gedanken mehr.

Schon die Kenntnis über diese Modularitäten des Bewusstseins liefert die Grundlage zu deren Vernichtung.

Übrigens: Zur persönlichen Weiterentwicklung solltest du gemäß vieler Yogalehrer die Aufenthalte in Ksipta und Mudha möglichst kurz halten, stattdessen über Viksipta immer öfter in Ekagrata gleiten, auch und vor allem im täglichen Tun.

Einteilung

Eliade selbst ordnet die Bewusstseinszustände, deren Zahl unbegrenzt sei, in drei Kategorien ein:

  1. Irrtümer und Täuschungen
    Träume, Falschwahrnehmungen, Halluzinationen, Verwechselungen usw.
  2. Die Gesamtheit aller "normalen" geistigen Erfahrungen
    Dazu später mehr. Hier gehören alle Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen, die nicht durch Yoga-Technik verfeinert sind, hinein. Diese seien zwar real, beruhen aber auf Unkenntnis des Purusha und sind somit aus Sicht eines wirklich freien Geistes "falsch".
  3. Durch Yoga-Technik ausgelöste parapsychologische (transzendente) Erfahrungen
    Diese gehen dem Samadhi voran und sind Schritte auf dem Weg zur Freiheit.

Der Yoga von Patanjali, so Eliade weiter, will die ersten beiden Bewusstseinszustände abschaffen und durch diese speziellen Yoga-Erfahrungen zu ersetzen. Überwindet man auch diese, gelangt man zum Samadhi und gelangt damit in die ersehnte totale Freiheit.

Zum Vritti - dem Schleier

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Der Schleier

Wenn dieses Citta in Bewegung gerät - durch Emotionen, Gedanken etc. - spricht Patanjali von Vritti. Ich übersetze es mit "Bewegungen im Geist (Citta)". Populär ist es auch, von "Wellen im Geist" zu sprechen, beispielsweise als Gedankenwellen oder "emotionalen Aufwallungen".

Manche übersetzen Vritti mit "wählen". Deshpande verweist darauf, dass das normale Wählen bei einem unterleuchteten Menschen gemäß Patanjali nicht aus einem Zustand der Freiheit erfolgt, sondern aus der Identifikation des Wählenden mit dem Gewählten.

Wählen findet, so verstanden, nicht wirklich in Freiheit statt, sondern "gefesselt" von den eigenen Zuneigungen und Abneigungen: Ich will dies haben und jenes meiden. Das sei - obwohl auf der ganzen Welt als "normal" angesehen - gemäß Deshpande und vielen anderen Yogis keine wirkliche Freiheit. Freiheit entsteht (erst) aus der Fähigkeit, nicht zu wählen.

Yoga hier also verstanden als Aufruf zu: "Höre auf zu wählen, und schaue, was dann passiert." Und was soll passieren? Wenn du aufhörst zu wählen, kommt dein Geist zur Ruhe. Erst verlangsamt er sich, dann kommt er irgendwann zum Stillstand - mit all den damit versprochenen Segnungen.

Parallelen im Buddhismus

Mit den Vrittis sind wir bei den berühmten Affen des Geistes - eine Metapher aus dem Buddhismus, der Monkeymind. Die Affen kreischen und verlangen unsere Aufmerksamkeit. Yoga bringt diese Herde zur Ruhe.

Nirodha - die klare Sicht

Segnung des Schleierentzugs

Diese Segnung liegt zum einen darin, dass wir das, was ist, klar erkennen, nicht mehr getrübt, verfärbt oder verfälscht durch die Vrittis. Zum anderen darin, und hier unterscheiden sich Yoga und Buddhismus ein wenig, dass der so befreite Yogi Purusha, das eigene Selbst, die eigene Seele, erkennt. Dazu mehr in der nächsten Sutra (I-3). Ruhe und Glückseligkeit sollen mit diesem Erkennen einhergehen (Sat, Chit, Ananda).

Anders ausgedrückt: Wenn man die Vrittis mit einem Schleier vor dem Gesicht einer Frau vergleicht, hängt ihre Wahrnehmung von der Farbe des Schleiers ab. Sie könnte auch jeden Tag eine andere Farbe tragen und so jeden Tag die Welt anders wahrnehmen.

Das Perfide: Wenn wir uns durch die Vrittis täuschen lassen, die Welt also "falsch" wahrnehmen, wird diese Täuschung durch alles bestätigt, was wir sehen. Die Welt erscheint so, wie wir meinen, dass sie ist.

Der Geist als See

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Sukadev und andere verwenden das Bild von den verschiedenen Bewusstseinszuständen in Form eines Sees, der verschmutzt ist. In Mudha ist das Wasser des Sees voller Schmutzpartikel - Gedanken, Gefühle etc. - welche die klare Sicht verhindern. Dabei wartet dort auf dem Boden des Sees ein Schatz in Form des Purushas.

Noch ein wenig anders ausgedrückt: Ein Sadhaka (Schüler) des Yogas strebt danach, seinen Geist(see) rein und klar zu machen. Dies gelingt über die Beruhigung der Wellen (Vrittis) im Geist(see). Willenskraft spielt hierbei eine Rolle, aber die Vrittis sollen nicht unterdrückt werden, sondern über die Techniken des Yogas und die ethischen Lebensregeln zur Ruhe kommen. Yoga als Mittel zur Zügelung, Beruhigung und (final) Unterdrückung. Wenn der Sadhaka alle inneren Bewegungen angehalten hat, ist das Ziel des Yogas erreicht. Beim Yoga ist damit der Weg auch das Ziel.

Laotse und die Sutra I-2

Aus dem Tao te king. Abschnitt 16 Übersetzung von Richard Wilhelm:

Schaffe Leere bis zum Höchsten!
Wahre die Stille bis zum Völligsten!
Alle Dinge mögen sich dann zugleich erheben.
Ich schaue, wie sie sich wenden.

Die Dinge in all ihrer Menge,
ein jedes kehrt zurück zu seiner Wurzel.
Rückkehr zur Wurzel heißt Stille.
Stille heißt Wendung zum Schicksal.

Wendung zum Schicksal heißt Ewigkeit.
Erkenntnis der Ewigkeit heißt Klarheit.
Erkennt man das Ewige nicht,
so kommt man in Wirrnis und Sünde.

Erkennt man das Ewige,
so wird man duldsam.
Duldsamkeit führt zur Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit führt zur Herrschaft.

Herrschaft führt zum Himmel.
Himmel führt zum Sinn.
Sinn führt zur Dauer.
Sein Leben lang kommt man nicht in Gefahr.

Der Weg zur Klarheit

Wofür steht Nirodha: Unterdrücken oder locker lassen?

"Vernichtung", "Beherrschung" - diese Übersetzungen klingen nach krampfhafter Ruhigstellung der Vrittis. Aber Deshpande und andere beteuern, dass mit Nirodha nicht das zwanghafte Zur-Ruhe-Bringung des Geistes gemeint sei. Dies wäre ein "Akt des Wählens" und damit eine aus der Ego-Zentrierung hervorgegangene Tätigkeit, die zur weiteren "Konditionierung des Geistes" führe und nicht in die ersehnte Freiheit.

Nirodha meint, wie oben erläutert, laut Deshpande (S. 10) vielmehr "Nicht-Wählen". Es stehe hier nicht für eine Unterdrückung der Denktätigkeit, sondern deren langsames Zur-Ruhe-Kommen. Yoga sei keine Sache der egozentrischen Bemühung, der Anstrengung und Unterdrückung. Dazu gelte es, die eigene wahre Identität zu finden, Samadhi sei das Gegenteil bewusster Unterdrückung.

Ähnlich äußert sich Desikachar (Über Freiheit und Meditation), der eine Beruhigung des Geistes durch "strömenlassen" oder "lenken" favorisiert. Dazu muss der Geist aber die Fähigkeit trainiert bekommen, seine Aufmerksamkeit ganz auf ein Objekt strömen zu lassen:

Desikachar: Yoga ist die Fähigkeit, sich ausschließlich auf einen Gegenstand, eine Frage, oder einen anderen Inhalt auszurichten und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verweilen.

Sriram: Einheit findet statt, wenn alle Gefühle und Gedanken zueinandergefunden haben.

Iyengar: Wenn Yoga erlangt ist, beruhigt sich der Geist wie "die Lampe an einem windlosen Ort".

Übung zu Yoga Sutra I-2

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Achte in dieser Woche darauf, wie du wählst. Anders ausgedrückt: Beobachte in dieser Woche dein Citta. Woraus besteht dein Geist alles?

Kannst du erkennen, was Vrittis sind? Was bewegt den Geist bei dir am meisten: Gedanken, Wünsche, Freude, Ängste, Alltagssorgen, Zeitstress ...?

Videos zur zweiten Sutra:

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