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auge feld 250Vrittayah pañchatayyah klistâklistâh 
वृत्तयः पञ्चतय्यः क्लिष्टाक्लिष्टाः

Ab dieser Sutra geht Patanjali ins Detail. Zunächst unterteilt er die Vrittis in schmerzhaft und nicht-schmerzhaft. Doch wo bleibt dabei die Freude?

Deutung: Keine Freude mit den Vrittis

Man beachte: Gemäß Patanjali gibt es zwar schmerzhafte und nicht-schmerzhafte Geistesbewegungen, er spricht aber hier nicht davon, dass irgendein Vritti freudvoll wäre. Manche deuten dass so, dass Patanjali meint, es gäbe gar keine freudvollen Vrittis (und damit Gedanken, Gefühle, Erinnerung, etc.).

Ähnlich drückt es Sukadev aus, wenn er schreibt: Nur im wahren Selbst ist (richtige) wahre Freude. Die Erläuterung lautet: Wenn für uns ein äußerer Wunsch in Erfüllung geht ist die damit einhergende Freude nicht durch den Wunsch bedingt, sondern durch die daraus resultierende Ruhe unserer Vrittis, so dass in diesem Moment das wahre Selbst hindurchscheinen kann und uns hierdurch ein Gefühl der Freude überkommt.

freude

 
 

Wahre Freude im Yoga

Dieser Gedanke lohnt eine Vertiefung, da es hier doch um eine Kernbehauptung des Yogas und des Buddhismus geht: Wahre Freude finden wir nur in uns, nie in äußeren Objekten.

Führe dir das vor genau vor Augen: Zu diesen äußeren Dingen gehören demnach auch der/die Geliebte, die eigenen Kinder, Freunde, Erfolge usw.

Viele denken von sich, sie würden Yoga üben. Gleichzeitig sehnen sie sich nach der Erfüllung ihrer (äußeren) Wünsche ... Vermutlich müssen wir uns diesen Widerspruch ab und an deutlich vor Augen führen, um Klarheit in unseren Geist zu bekommen.

Wie geht es dir mit diesem Grund-Postulat: Nichts im Außen verursacht meine Freude, sondern diese kommt einzig und allein aus mir heraus?

Eliade sagt ganz recht, dass der Weg des Yoga eigentlich eine Daseinsweise völlig konträr zu unserem "normalen" Handeln verlangt.

Die Schmerz-Unterteilung

Die Bewegungen des Geistes können also schmerzhaft oder nicht-schmerzhaft sein. Laut Iyengar kann sich der Schmerz auch mal verbergen. Verborgenes Leid ;-). Weiterhin könne man die Vrittis in erkennbar und nicht-erkennbar für den "ungeübten" Menschen unterteilen. Er gebraucht folgende Metapher: Einem mit Asche bedeckten Kohlenstück sieht man die eventuell noch vorhandene Hitze nicht an. Greift man jedoch zu, spürt man den Schmerz der vorhandenen Hitze.

Siehe zum Vergleich von sichtbar und unsichtbar auch die Sutra II-12:

Yoga Sutra II-12: Die Kleshas sind [somit] die Wurzel für das gespeicherte Karma. Es wird im sichtbaren [gegenwärtigen] oder in nicht sichtbaren [zukünftigen Leben] erfahren werden.

wurzel moos o 250Klesha-mûlah karmâshayo drishtâ-adrishta-janma-vedanîyah
क्लेशमूलः कर्माशयो दृष्टादृष्टजन्मवेदनीयः

Karma und Reinkarnation sind das Fundament der Yoga-Philosophie sowie der anderen indischen Religionen. Auch Patanjali gründet im Yogasutra ganz selbstverständlich auf diesen beiden Vorstellungen vom Leben und seinen Gesetzen. Sutra II-12 ist dem Zusammenhang Klesha – Karma gewidmet.

Schauen wir im Folgenden einmal genauer hin, wie aus den leidvollen Zuständen unser zukünftiges Leben beeinflusst wird. Und natürlich, wie wir es auf Basis dieser Prinzipien besser haben könnten. Oder – das eigentliche Yoga-Ziel – wie wir alle Einflussnahme auf uns beenden.

Das dortige drishta und adrishta kann laut Iyengar mit klista und aklista verglichen werden.

Sriram deutet schmerzhaft auch als Druck erzeugend, nicht beschwerliche würden entsprechend eventuell von Druck befreien.

Mischmasch

Die Bewegungen des Geistes sind selten alleine schmerzhaft oder nicht-schmerzhaft. Sie ergänzen und fußen aufeinander. Iyengar nennt als weitere Verdeutlichung den Schlaf: Darin findet sich Trägheit aber auch, nach dem Aufwachen, eine Ahnung von höheren Zuständen.

Vrittis im Grunde neutral

Zur Erinnerung: Deshpande deutet Vrittis (auch) als Wählen. Wählen ist in seinem Sinne alles, was von Wunsch oder Begierde eingegeben wird. Yoga sei Freiheit vom Wählen. "Daher sagt Yoga: Höre auf zu wählen und sieh, was geschieht." Wenn das Wählen aufhört, sich die Vrittis verlangsamen, beginnt der Zustand der "Ruhe der totalen Freiheit", die aufmerksame Handlungen ermöglicht, die "allein schöpferisch" sind.

Deshpande sagt hinsichtlich Sutra I-5 weiter: Vrittis müssen von Natur aus nicht leidvoll sein. Sie werden dies erst, wenn die wählende Vorstellung dazwischenkommt und die reine Anschauung verzerrt. Darum müssen sie zur Ruhe kommen, um die reine Sicht zu ermöglichen. So können dann die Vrittis zu "Werkzeugen neuer Entdeckungen" werden.

Übung zu Yoga Sutra I-5

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche: Überlege dir diese Woche, welche Geistesbewegungen/Gedankenwellen (Vrittis) bei dir schmerzhaft sind und welche nicht. Was könnte mit "unsichtbaren/nicht wahrnehmbaren" Vrittis gemeint sein? Wenn du magst, lasse uns an deinen Ideen teilhaben, indem du hier deine Erkenntnisse als Kommentar hinterlässt.

Videos zur fünften Sutra:

Erläuterung zur fünften Sutra auf Deutsch:

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