Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

sorgen herz ge 564Advidyâsmita–râga–dveshâbhiniveshah kleshah
अविद्यास्मितारागद्वेषाभिनिवेशः क्लेशाः

Kommen wir zu den leidvollen Zuständen, welche den Yogi an der Befreiung hindern. Patanjali gibt hier eine erste Definition der Hindernisse auf dem Yoga-Pfad. Interessant sind auch die Parallelen im Buddhismus.

 
 

sorgen gefangener leid d 564Der Mensch leidet. Auch im "Glück". Sagen die Schriften ...

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Avidya, avidyâ = Unwissenheit; Verwechslung; Ignoranz; die Dinge nicht so sehen, wie sie sind; Fehlen von Weisheit; Mangel an Erkenntnisfähigkeit; Irrung;
  • Asmita, asmitâ = „Ich-Sein“, Egoismus; Selbstbezogenheit; der Ich-Sinn; Identifikation mit dem Körper bzw. dem Wandelbaren des Menschen; Ego; Ich-Gefühl;
  • Raga, râga = Anziehung, (blinde) Zuneigung; Anhaftung; Begierde; Leidenschaft; Gier; Wunsch; die Meinung, dass uns etwas Äußeres glücklich macht;
  • Dvesha, dvesa = (blinde) Abneigung; Ekel; die Meinung bzw. der Glaube, dass uns etwas Äußeres unglücklich macht; Hass;
  • Abhiniveshah, abhiniveshâh, Abhinivesha = Am Leben hängen; Anhaften (am Leben), Todesfurcht; tief sitzende Angst; Lebenswille; Wunsch nach Kontinuität; die Wurzel der Angst;
  • Kleshah = Schmerzen, Ursachen der Leiden; Bürden auf dem spirituellen Pfad; Belastungen; den Geist trübende Leidenschaften; Befleckungen, welche die Ursachen des Leidens sind;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Roots: "Die Bedrängnisse sind Ignoranz, Egoismus, Leidenschaft, Abneigung und Anklammern an das Leben."
  • Sukadev: "... sind die kleshas (Schmerz verursachenden Leiden)"
  • Deshpande/Bäumer: "Die fünf leidvollen Spannungen sind ..."
  • Dr. R. Steiner: "... der Glaube, durch äußere Gegebenheiten Glück ... oder Unglück ... zu erfahren und eine tief sitzende Angst ... "
  • Coster: "Fünf Hindernisse stehen auf dem Wege zu diesem Ziel: ... Selbstüberschätzung ..."
  • Feuerstein: "... Ichhaftigkeit, ... Lebenswille sind die fünf Ursachen für Kummer und Leid."
  • R. Palm: "Die Plagen sind ... Ichsucht, Liebesleidenschaft ..."
  • R. Sriram: "... störenden Kräfte sind ... Verwechslung ... blinde Zuneigung ... blinde Abneigung ... unbegründete Angst."
  • Govindan: "... sind die fünf Belastungen."
  • Iyengar: "Die fünf leidvollen Zustände sind: ..."
  • Chip Hartranft: "Die Ursachen des Leidens sind: die Dinge nicht so sehen, wie sie sind, das Gefühl von Ich, Anhaftung, Abneigung und das am Leben festhalten."
  • Ralph Skuban: "... das Nicht-Verstehen der wahren Natur unseres Seins, die Ich-Zentriertheit, das Habenwollen ..."
  • Pradīpaka: "Unwissenheit (in Form eines Missverständnisses über die Realität) (avidya), Egoismus (in Form einer fehlerhaften Identifikation des Selbst mit dem Intellekt) (asmita), Anhaftung (rāga), Abneigung (dveṣa) und Angst vor dem Tod (welche aus dem unwissenden Festhalten am Leben abgeleitet wird – abhiniveśāḥ) sind die fünf (pañca) Kleśhas oder Gebrechen (kleśāḥ)"
  • 12koerbe.de: "... Ichbinheit, Gefühlsfärbung, Haß ... "
  • Hariharananda Aranya: "Avidya (Missverständnis über die wahre Natur der Dinge), Asmita (Egoismus), Raga (Anhaftung), Dvesa (Abneigung) und Abhinivesa (Todesangst) sind die fünf Kleshas (Gebrechen)."
  • K. Taimni: "Das Fehlen von Realitätsbewusstsein, der Sinn für Egoismus oder „Ich-Bin-Sein“, Anziehungskraft und Abstoßung gegenüber Gegenständen und das starke Verlangen nach Leben sind die großen Krankheiten oder Ursachen aller Leiden im Leben."
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: "Die Kräfte der Korruption sind Ignoranz, Egoismus. Leidenschaft, Hass und Lebenswille."
  • Swami Satchidananda: "Ignoranz, Egoismus, Anhaftung, Hass und Festhalten am körperlichen Leben sind die fünf Hindernisse."
  • Swami Prabhavananda: "Diese Hindernisse – die Ursachen für die Leiden des Menschen – sind Ignoranz, Egoismus, Anhaftung, Abneigung und der Wunsch, am Leben festzuhalten."
  • Swami Vivekananda: "Die schmerzhaften Hindernisse sind: Ignoranz, Egoismus, Anhaftung, Abneigung und Festhalten am Leben."
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): "Unwissenheit, Ich-Bin-Sein, Anhaftung, Abneigung, der Wille zum Leben sind die fünf Ursachen für Leid"

Punkt 3

Wo wir stehen

Die erste Sutra von Kapitel zwei des Yogasutra nennt die drei Bestandteile des Kriya-Yoga: Selbstdisziplin, Selbststudium und Hingabe an das Höchste bzw. Gott.

Sutra II-2 verspricht, dass der Kriya-Yoga die Kleshas, die Bürden des Yogapfades verringert und der Yogi so zu klarer Wahrnehmung gelangt. Sutra II-3 nennt nun die fünf Kleshas, die für das Leid (hauptsächlich) verantwortlich zeichnen.

Punkt 4

meditation sonne abendrot 4 564Tiefe und erkenntnisreiche erreichst du nur in Abwesenheit von Gier, Zorn, Geltungsdrang - sprich: in Abwesenheit der Kleshas

Warum sollte der Yogi die Kleshas vermindern?

Als Ziel des Kriya-Yoga wurde in Sutra II-2 die Abschwächung der Kleshas, der Bedrängnisse oder "Bürden" auf dem spirituellen Weg, genannt. Die Folge: Sobald sich die hier genannten fünf Kleshas abschwächen, erlang die/der Yogini/Yogi subtile Weisheit und Unterscheidungsfähigkeit. Wünschenswerte Yoga-Zustände entstehen nur in Abwesenheit der Kleshas.

In dieser und den folgenden Sutras erläutert Patanjali die Kleshas, in den darauf folgenden Versen ab Yogasutra II-10 zeigt er Praktiken auf, welche diese Kleshas vermindern.

Punkt 5

Die fünf Kleshas

I) Avidya – Unwissenheit oder Verwechslung

Sie gilt als Mutter aller Kleshas und wird in den folgenden zwei Sutras näher erläutert.

II) Asmita – der klassische Egoismus

Hierbei geht es um den nach yogischer Lehre irrigen Glauben, ein individuelles, begrenztes und sterbendes Wesen zu sein. Mehr dazu in Sutra II-6.

Avidya und Asmita werden von Iyengar als Leiden intellektueller Natur angesehen.

III) Raga – die Gier

Das Streben nach sinnlichen Erlebnissen: Wunsch, Verlangen, Begierde oder Sehnsucht etc. Siehe Sutra II-7.

IV) Dvesha – Abneigung

Unsere geistige Abwehr gegen für unschön eingestufte Erlebnisse und Erfahrungen. Näher erläutert in Sutra II-8.

Raga und Dvesha ordnet Iyengar als Leiden emotionaler Natur ein.

V) Abhiniveshah – die Wurzel der Angst / das Anhaften am Leben

Hiervon soll selbst große Yogameister kaum lassen können. Abhinivesha gehört zu unseren Instinkten. Mehr dazu in Sutra II-9.

unbewusstes gruen kopf 564

R. Palm sieht Avidya als das Unbewusste an, in dem die Triebe wurzeln: Asmita als Ichtrieb, Raga als Sexualtrieb, Dvesa als Aggressionstrieb und Abhiniveshah als Selbsterhaltungstrieb. 

Govindan und Swami Satchidananda sehen dabei eine Ursache-Wirkungskette innerhalb der Kleshas:

  1. Unwissenheit über das wahre Selbst führt zur Vorstellung des Egos,
  2. daraus resultieren Wünsche und Abneigungen
  3. und diese führen wiederum zur Angst vor dem Tod.

Punkt 6

Kleshas = Missverständnisse?

In gewissen Sinne können alle oben aufgeführten fünf Kleshas als Missverständnisse betrachtet werden. Als falsches Verständnis von der Welt, von dem eigenen Wesen und von dem, was uns wirklich erfüllt.

Punkt 7

buddha figuren moos e 564

Parallelen im Buddhismus

Vergleiche auch die vier edlen Wahrheiten, so wie sie Buddha gelehrt hat:

Es ist durch Nichtverwirklichen, durch Nichtdurchdringen, der Vier Edelen Wahrheiten, daß dieser lange Kurs von Geburt und Tod weiter getragen und durchlebt von mir, wie auch von Euch, wurde. Was sind diese vier?

Da ist die edle Wahrheit über das Leiden;
die edle Wahrheit über die Entstehung des Leidens;
die edle Wahrheit über die Beendigung von Leiden;
und die edle Wahrheit über den Pfad der Ausübung, der zur Beendigung des Leidens führt.

Aber nun, so diese verwirklicht und durchdrungen wurden, das Verlangen nach Existenz, abgeschnitten ist, zerstört das, was zu neuerlichem Werden führt, und da ist kein frisches Werden mehr.

DN16

Die Kleshas im Buddhismus

Im Buddhismus meint Klesha oder Kilesa die „Verunreinigungen“, „die den Geist trübenden Leidenschaften“. Dabei werden einige mehr, insgesamt zehn Geistesverschmutzungen unterschieden (kursiv dahinter der Pali-Begriff):

  1. Gier, Begierde (lobha)
  2. Hass (dosa/dves)
  3. Verblendung (moha, avijjā)
  4. (Ich-)Dünkel (asmi-mana)
  5. (falsche) Ansichten (micchādiṭṭhi)
  6. Zweifel, Zweifelsucht (vicikicchā)
  7. Starrheit, Trägheit (thīnaṃ)
  8. Aufgeregtheit, Anmaßung (uddhaccaṃ)
  9. Schamlosigkeit (ahirikaṃ)
  10. Gewissenlosigkeit, Rücksichtslosigkeit (anottappaṃ).

Gier, Hass und Verblendung (1-3) werden auch als mula oder die Drei Geistesgifte zusammengefasst.

Punkt 8

Kleshas und Gunas

Der Begriff Guna (auch Triguna) beschreibt nach dem philosophischen Konzept des indischen Samkhya die Qualitäten jener Kräfte, aus denen die Urmaterie Prakriti und damit auch wir zusammengesetzt sind.

Die drei Gunas sind:

  • Tamas (Trägheit, Dunkelheit, Chaos)
  • Rajas (Rastlosigkeit, Bewegung, Energie)
  • Sattva (Klarheit, Güte, Harmonie)

Was haben die Gunas mit den Kleshas zu tun?

Durch ihre Aktivität stärken die Kleshas laut Ansicht von Yogis die "Autorität" der Guṇas. Verstärkt deren Einfluss auf unser Leben. Da das wahre Selbst aber jenseits aller Gunas liegt, wird jedes Erstarken der Gunas, auch der sattvigen, als Hindernis für die Befreiung gesehen.

Es heißt auch: Die drei Gunas "lassen den Fluss der Wirkung und Ursache anschwellen" und "bringen die Früchte der Handlungen hervor".

Die Gunas sind für den Yogi nicht so einfach zu überwinden. Über das rechte Verhalten gegenüber den Gunas schreibt Krishna in der Bhagavadgita (14.22–14.25):

Vom Befrieden der Gunas

alter mann feld baum 564

"Wer, wo ein ‚Guna‘ ihm erscheint,
Er darum diesen doch nicht hasst,
Nach andern, ‚Gunas‘ nicht begehrt,
im Geiste ruhig und gefasst;

Wer gleichsam unbeteiligt bleibt,
Bei eines ‚Guna‘ Gegenwart,
Wer denkt, ‚ein Guna treibt sein Spiel‘,
Und deshalb stets den Gleichmut wahrt;

Wer standhaft ist in Freud und Leid,
Wem gleich ist Scholle, Stein und Gold,
Wer gleich sich bleibt, wenn man ihn schmäht
Und wenn man ihm Bewund’rung zollt;

Wem gleich ist Ehre oder Schmach,
Ob Freund, ob Gegner unterliegt,
Wer jeder Tat entsagt, der hat
Der ‚Eigenschaften‘ Macht besiegt.“

(Bhagavad Gita 14.22–14.25, Siehe dazu auch Yogasutra II-3)

Punkt 9 

Sutras mit ähnlichen Ansätzen wie Sutra II-3

Yoga Sutra I-8: Falsche Aufffassung von etwas resultiert aus einer falschen Kenntnis von etwas, die nicht der wahren Natur des Erkannten entspricht

illusion dreieck
Viparyayo mithyâ–jñânam atad–rûpa–pratishtham
विपर्ययो मिथ्याज्ञानमतद्रूप प्रतिष्ठम्

In dieser Sutra geht es um Fehleinschätzungen. Nicht schön: Viele Yogalehrer betrachten unser Leben als ein Schwimmen im Meer des Irrtums. Doch es gibt bewährte Wege, Viparyaya zu besiegen.

 

Punkt 10

Übung zu Yoga Sutra II-3

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-3:

Reflektiere noch einmal konkret über das Auftreten der fünf Kleshas in deinem Leben. Zum Beispiel: Wo triffst du auf dein Ego, welchen Wünschen und Abneigungen hängst du an? Spüre deinem Anklammern an das Leben nach. Denke darüber nach, wo überall Unwissenheit bzw. eine falsche Sicht der Dinge im Spiel sein könnte.

 

Punkt 11

Der Beitrag ist eingeordnet unter:

Auch interessant