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daumen runter rot gDuhkhânushayî dweshah
दुःखानुशयी द्वेषः

Der kurze Text dieser Sutra „Dvesha kommt vom Leid“ ist scheinbar der Ausdruck einer Selbstverständlichkeit. Wenn wir aber bedenken, dass dieses Dvesha – das ›Will-ich-nicht-haben‹ – laut Patanjali zumeist auf Avidya – Unwissenheit – beruht, ergeben sich wichtige Konsequenzen. So öffnet sich ein Weg, freier und gelassener – leidfreier – durch das Leben zu gehen.

 
 

nein smiley wuerfel grau hAblehnung aus Unwissenheit führt zu Leid

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Dukha, Dukkha, Dhukha, duḥkha = Schmerz; Not; Leid; Unglück;
  • Anushayi, anuśayī, anushayî = begleitend; folgend; resultierend; anhängend; verbunden mit; darauf beruhen;
  • Dvesha, Dvesa, dveṣa, dweshah = (blinde) Abneigung, Nichtmögen; Ekel; Hass; hassbedingte Zweiung; Abscheu; Vorurteil; Nicht-Haben-Wollen;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „... was am Schmerz anhaftet.“
  • Deshpande/Bäumer: „... jene Spannung ... der das Leid folgt.“
  • Dr. R. Steiner: „ Anzunehmen, dass äußere Umstände zu Leiden führen ...“
  • Coster: „... das Verweilen im Leid
  • Feuerstein: „Abneigung ... peinvollen [Erfahrungen ...“
  • R. Palm: „... Anklammerung an das Unglück.“
  • R. Sriram: „Fälschlich damit zu rechnen, dass uns ein Objekt Unglück bringt ....“
  • Govindan: „... sich an das Leid klammern.“
  • Iyengar: „Unglücklichsein führt zu ...“
  • Chip Hartranft: „ Abneigung ist ein Überbleibsel des Leidens.“
  • R. Skuban: „Nicht-Habenwollen ... unangenehmen Erfahrungen ...“
  • G. Pradīpaka: „Abneigung (dveṣaḥ) ist das, was aus Schmerz oder Trauer (duḥkha) resultiert (anuśayī) ...“
  • 12koerbe.de: „... im Schwierigen Angelegte ...“;
  • Hariharananda Aranya: „Abneigung ist das (...), was aus Elend resultiert.“
  • I. K. Taimni: „Diese Abstoßung, die den Schmerz begleitet, ist Dvesha.“
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: „Hass folgt aus der Anhaftung an Leiden.“
  • Swami Satchidananda: „Abneigung ist das, was auf die Identifikation mit schmerzhaften Erfahrungen folgt.“
  • Swami Prabhavananda: „ Abneigung ist das, was beim Schmerz verweilt.“
  • Swami Vivekananda: „ Abneigung ist das, was beim Schmerz verweilt.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Abneigung beruht auf schmerzhaften Erfahrungen.“

Punkt 3

Wo wir stehen

Patanjali beginnt das zweite Kapitel im Yoga-Sutra mit den Hindernissen auf dem Yoga-Pfad. 

Diese Kleshas sind (Sutra II-3):

Unwissenheit wurde (Sutra II-4) als die Wurzel aller übrigen leidvollen Zustände gebrandmarkt. 

In der Sutra zuvor ging es um Raga – die Begierde. In dieser Sutra geht es um Dvesha: Abneigung, Nichtmögen oder Ekel. Hass. Beide Sutras sind von Patanjali „parallel konstruiert“ (R. Palm, S. 75).

Punkt 4

gut schlecht zettel daumen p

Raga und Dvesha – die zwei Seiten einer Medaille

„Die Abwägung, ob eine Situation für uns gut oder schlecht ist, wird uns über das Frontalhirn mit seinen vielen Kommunikationswegen zur Kenntnis gegeben. Das Ergenis einer Abwägung ergibt entweder den Zustand ›unbehaglich‹, es fühlt sich falsch an, oder ›angenehm‹, es fühlt sich richtig an.“

U. Warnke, Die Öffnung des 3. Auges, S. 296

Dvesha ist das Gegenteil, die Kehrseite von Raga, der Begierde. Es meint unsere innere Ablehnung von Gegebenheiten und Erlebnissen in unserem Leben. Laut Patanjali beruht dieses Klesha (= leidbringendes spirituelles Hindernis) jedoch auf Avidya, der Unwissenheit. Es gründet auf Täuschung und führt uns in die Irre. Darum muss Dvesha überwunden werden.

Punkt 5

jungen arm gluecklich sw uArm aber glücklich

Aber es gibt doch das Schlechte in dieser Welt ...

Ja, aber laut Yoga-Lehre musst du nicht darauf reagieren. Manchmal klingt das herzlos, kalt oder gefühlsroh. Soll ich denn nicht darüber traurig sein dürfen, dass mein Kanarienvogel gestorben ist? Oder meine Oma?

Schwer zu sagen. Doch eines können wir auf jeden Fall beobachten: Auch scheinbar objektiv schlimme Situationen werden von unterschiedlichen Menschen ganz verschieden empfunden.

„Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.“

Plattdeutsches Sprichwort für „Was einem Menschen nicht gefällt, kann ein anderer durchaus mögen“. Oder für: „Die Geschmäcker sind verschieden.“

Extrembeispiel: Buddhistische Mönche berichten davon, jahrelange Qualen chinesischer Wärter ohne ein Empfinden von Hass auf ihre Peiniger durchlebt zu haben.

Egal ob Todesfall in der Familie, stressige Zeiten auf der Arbeit oder die Flugangst allein beim Gedanken an einen Flieger: Äußere Situationen werden von Menschen unterschiedlich bewertet. Dr. R. Steiner erzählt in seinem Kommentar zu dieser Sutra viele solcher lehrreichen Beispiele.

„Wenn etwas den Frieden unseres Geistes stört, dann ist der Preis zu hoch.“

Govindan, Seite 61

Swami Satchidananda drückt sich eindeutig aus: „Es ist absoluter Blödsinn! Niemand kann uns glücklich oder unglücklich machen, Menschen können nur unser eigenes inneres Glück reflektieren oder verzerren.“

Yogis wollen uns Werkzeuge an die Hand geben, unsere Abneigung gegenüber den Lebensumständen fallen zu lassen. Immer „gleichmütiger“ zu werden. Die Yoga-Philosophie sagt, dass Leid aufgrund äußerer Umstände eine Illusion sei. Das wahre Selbst sei nämlich davon unberührt und verweile stets in gleichmütiger Friedfertigkeit. Der Schmerz – Leid – ist laut Samkhya (Yoga-Philosophie) insofern ohne Realität, als das unser Selbst keine wirkliche Beziehung zum dem Leid in dieser Welt eingehen kann (Elidade, S. 42). Das „Selbst“ ist nur „... auf illusorische Weise in das Drama der Existenz verstrickt“ (ebenda).

Punkt 6

Dvesha im Buddhismus

Dvesha ist einer der drei charakterlichen Schwächen, die sich Dukha – das Leid – verursachen. Es ist auch eines der „dreifachen Brände“ im buddhistischen Pali-Kanon, die gelöscht werden müssen.

Dvesha (dosa) taucht in den folgenden Kontexten innerhalb der buddhistischen Lehren auf:

  • Eines der drei Gifte (Trivisah ) in der Tradition des Mahayana-Buddhismus.
  • Eine der drei unheilvollen Wurzeln in der buddhistischen Theravada-Tradition.
  • Einer der vierzehn unheilsamen mentalen Faktoren innerhalb der Theravada Abhidharma-Lehren.

Punkt 7

wandel vertragen hund katze mWenn die beiden das können ...

Wandel wird möglich

Wim van den Dungen schreibt: „Wenn wir die Feindseligkeit [als eine Ausprägung von Dvesha] als abhängig von unserer eigenen Geisteshaltung betrachten, bleibt die Möglichkeit offen, einen Feind in einen Freund zu verwandeln. Aber wenn Positionen fest und dauerhaft sind, sind solche radikalen Veränderungen unmöglich.“

Sukadev rät sogar ganz dezidiert dazu, das zu tun, was man eigentlich nicht mag. Von Computertätigkeit bis Klo putzen. Sein Rat: In vielen Dingen und Tätigkeiten, die wir ablehnen, liegt besonders viel Entwicklungspotenzial für uns. In diesem Sinne versteht er auch Tapas und Askese.

Zudem schenke es ein „ Riesengefühl von Freiheit, wenn man sich überwunden hat“.

Er ergänzt: Ein Yogi könne sich eigentlich immer freuen: Zum einen, wenn etwas so läuft, wie man mag. Aber auch – zum anderen – wenn es nicht klappt. „Wenn sie [die Dinge] anders ausgehen, freut man sich über die Lektion, die man lernen kann und die Gelegenheit, Tapas zu üben und geistige Stärke zu entwickeln.“

Ähnlich fordert Govindan: „Wenn es gut läuft, danke Gott. Wenn es schlecht läuft, übernimm Verantwortung und lerne, es besser zu machen.“ Iyengar ergänzt: „Ein Mensch von klarem Blick strebt nach Erkenntnis, um einen Ausgleich von Sukha und Duhka zu schaffen und nicht mehr Lust oder Schmerz ausgeliefert zu sein.“

Ironie von Dvesha: Dasjenige, was die meisten von uns am wenigsten haben wollen (Dvesha) – den Tod – erfahren wir am sichersten in diesem Leben. Gratis noch dazu.

Punkt 8

Voraussetzung für Erkenntnisse schaffen

Die Kleshas, die leidbringenden Hindernisse, zu denen auch Dvesha gehört, werden auch als „leidvolle Spannungen“ übersetzt. Deshpande/Bäumer schreiben (S. 92): „Daher sagen die Sutren, daß die Spannungen aufhören müssen, damit die reine Anschauung möglich wird. Nur die reine Anschauung befähigt den Menschen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, in ihrem existentiellen Wesen.“

"Glücksgefühle sind wohltätig für den Körper, aber die Kräfte des Geistes werden durch Kummer entwickelt."

Marcel Proust, französischer Schriftsteller, 1871 - 1922

Noch einmal das Zitat aus der Gita:

„Der selbstbeherrschte Mensch jedoch, der sich mit beherrschten Sinnen zwischen den Dingen bewegt und frei ist von Raga und Dvesha, erlangt Frieden.“

Bhagavad Gita 2.64 

Punkt 9

Übung zu Yoga Sutra II-8

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-8:

Gleichmut und Loslassen (Sanskrit Vairagya) lässt dich über Dvesha hinauswachsen. Achte diese Woche auf unangenehme Erfahrungen. Sei achtsam und betrachte die Angelegenheit wenn möglich aus einer gewissen Distanz.

Kannst du die Ursache für deine Abneigung gegenüber dieser Erfahrung erkennen?

Bemühe dich dann um Gleichmut dem unangenehmen Erlebnis gegenüber. Sei ebenso gleichmütig den Ergebnissen deiner Handlungen gegenüber. Auch das verringert Dvesha immer weiter.

 

Punkt 10

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