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angst tod geist xdsvarasvāhi viduṣo-i samārūḍho-bhiniveśaḥ
स्वरसवाही विदुषोऽपि तथारूढो भिनिवेशः

Der Selbsterhaltungstrieb Abhinivesa, die (panische) Angst vor dem Tod, ist eigentlich nur eine Form von Raga (›Haben-Wollen‹). Der Mensch wünscht sich, weiter zu leben. Doch Patanjali widmet diesem Klesha (= leidvolles Hindernis) eine eigene Sutra. Und das aus guten Gründen.

 
 

angst loch blick uIrrige Ängste verkleinern unsere Welt unnötig

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Sva = eigene;
  • Rasa = Natur; Essenz; Geschmack; Saft; Stimmung. Zentraler Begriff der klassischen indischen Ästhetik.
  • Vahi, vāhī = Träger;
  • Swarasawahi, swarasawâhî = gestützt auf seine eigenen Kräfte, automatisch fliessend;
  • Vidusha, Vidushah, viduṣa = Gelehrter; Weise;
  • Api = sogar; auch;
  • Sama, samā = sehr, völlig
  • Tatha, tathâ = auf diese Weise;
  • Rudhah, rûdhah, rūdhaḥ = reitend; beherrschend; verwurzelt;
  • Abhiniveshah, abhiniveśa = Todesfurcht; tiefe Angst in uns; starker Wunsch nach Leben; (Über-)Lebenswille; Selbsterhaltungstrieb; Liebe zum Leben; das Festhalten an etwas (hier: dem Leben); Todesangst; Wunsch nach Kontinuität;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „ Furcht vor dem Tod ist der fortgesetzte Wunsch zu leben ...“
  • Deshpande/Bäumer: „... ist der eingeborene Instinkt des Selbstgefühls ...“
  • Dr. R. Steiner: „Die Angst (Abhinivesha) besteht aus sich selbst heraus ...“
  • Coster: „Der Lebenswille ist dem Weltall eingeboren ...“
  • Feuerstein: „Der Wille zu leben ...“
  • R. Palm: „Worin die eigenste Essenz des Weisen strömt ...“
  • R. Sriram: „Abhinivesa ... kommt von selbst, ohne dass ein äußeres Objekt zum Anstoß nötig wäre ...“
  • Govindan: „Sich an das Leben klammern ...“
  • Iyengar: „... Haften am Leben (ist das subtilste aller Leiden) ...“
  • Chip Hartranft: „Das Festhalten am Leben ist instinktiv und selbstbeständig, auch für die Weisen.“
  • R. Skuban: „... ist eine intrinsische, sich selbst erhaltende Kraft ...“ [Definition intrinsisch https://www.duden.de/suchen/dudenonline/%20intrinsisch: aus eigenem Antrieb]
  • G. Pradīpaka: „Die angeborene (svarasavāhī) Todesangst (abhiniveśaḥ) wird in gleicher Weise (bei jedem) (tathā), sogar (api) bei den Weisen (viduṣaṣ) festgestellt (ārūḍhaḍ).“
  • 12koerbe.de: „... derart ausgewachsen zu sein = „besessen“ zu sein ...“
  • Hariharananda Aranya: „Wie bei den Ignoranten gibt es auch bei den Gelehrten die fest etablierte angeborene Angst vor der Vernichtung: das Leiden, das Abhinivesa genannt wird.“
  • I. K. Taimni: „Abhinivesa ist das starke Verlangen nach Leben, das sogar die Gelehrten (oder die Weisen) beherrscht.“
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: „Der Lebenswille ist selbst für einen gelehrten Weisen instinktiv und überwältigend.“
  • Swami Satchidananda: „Das Festhalten am Leben, das aus seiner eigenen Kraft [aufgrund vergangener Erfahrungen] fließt, gibt es auch im Weisen.“
  • Swami Prabhavananda: „Der Wunsch, am Leben festzuhalten, ist sowohl den Unwissenden als auch den Gelehrten eigen. Dies liegt daran, dass der Geist die Eindrücke der Todeserfahrung aus vielen früheren Inkarnationen beibehält.“
  • Swami Vivekananda: „Es ist das Festhalten am Leben, das durch seine eigene Natur fließt und sich selbst im Gelehrten etabliert.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „So ist der Lebenswille, der aus eigener Neigung fließt, auch in den Weisen verwurzelt.“

Punkt 3

Wo wir stehen

Patanjali beginnt das zweite Kapitel im Yogasutra mit der Auflistung und (knappen) Erläuterung der Kleshas, der leidvollen Spannungen bzw. -Zustände – den Hindernissen auf dem Pfad des Yoga. Diese Kleshas sind (Sutra II-3):

Unwissenheit wurde (Sutra II-4) als die Wurzel aller übrigen leidvollen Zustände gebrandmarkt. 

In dieser Sutra geht es um Abhiniveshah: der Todesfurcht bzw. der tiefen Angst in uns gegenüber allem, was unser Leben (und unser Ansehen) zu gefährden scheint.

Punkt 4

Eine Spur zur Wiedergeburt

baby greift finger sw wSchon ein Baby klammert sich an das Leben - ein Beweis für Reinkarnation?

Swami Satchidananda weist darauf hin, dass schon Babys Todesfurcht empfinden und dies auch erkennbar zeigen. Für ihn ist das ein klarer Hinweis darauf, dass diese Todesfurcht vom Erlebnis des Todes aus vergangenen Existenzen stamme.

Aber kann es sich nicht einfach um einen Instinkt handeln? Nein, denn Yoga lehrt uns, so Satchidananda weiter, dass Instinkt die Spur zu einer alten Erfahrung sei, welcher der Mensch viele Male wiederholt habe, so dass deren mentaler Eindruck bis zum Grunde unseres Bewusstseins gesunken sei. Also muss dieser Todesfurcht-Instinkt von vielen früheren Todeserlebnissen stammen.

Dabei sei unsere Todesfurcht völlig unbegründet. „Gottes Gesetze schreiben vor, dass wenn dir dein alter Körper genommen wird, du einen neuen bekommen musst.“, so Satchidananda weiter. No problem also! ;-)

Punkt 5

Der Lebenswille ist allem Leben eng verbunden

In den Kommentaren zu dieser Sutra findet sich oft die Beschreibung, dass vom Lebenswillen „kein Wurm und kein Weiser“ frei sei. Sogar der unbeseelten Natur (siehe Costers Übersetzung oben) wird dieser Selbsterhaltungstrieb zugesprochen. Abhiniveshah ist „dem Dasein eingeboren“.

Punkt 6

Ich bin wichtig!

„Jede Bedrohung unseres Gefühls der eigenen Wichtigkeit scheint so vernichtend zu sein wie der Tod.“

Deshpande/Bäumer (S. 95/96)

Deshpande/Bäumer schließen das Selbstwertgefühl und die Wichtigkeit der eigenen Bedeutung in dieses Klesha mit ein (S. 96): „Das Interesse an der Steigerung des Selbstgefühls wird vom Menschen als die eigentliche Quintessenz des Lebnes angesehen.“ Wofür solle man den sonst „leben oder sterben“?

Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit übersteige manchmal sogar die Bedrohung durch den Tod, viele Menschen würden ihr Leben zur Förderung ihrer eigenen Bedeutsamkeit „verschleudern“, so die beiden Autoren weiter.

So langsam wird verständlich, warum Patanjali dem Klesha Abhinivesha eine eigene Sutra gewidmet hat ;-)

Punkt 7

Sollen wir unseren Selbsterhaltungstrieb wirklich aufgeben?

Nun ja, Patanjali definiert den Selbsterhaltungstrieb als Klesha, und damit als Hindernis sowie als Ursache von Leid. Darum sollte man Abhiniveshah ablegen.

Patanjali nennt in den ab hier folgenden Sutras Methoden, die Kleshas zu überwinden. Es scheint also möglich, Abhiniveshah aufzugeben. Aber in dieser Sutra mahnt er eindeutig: Leicht wird das nicht, auch große Weise sind vor Abhiniveshah nicht gefeit.

Wenn wir wirklich wiedergeboren werden, dann ist letztendlich auch der Selbsterhaltungstrieb nur eine Folge von Avidya, dem Nichtwissen über unser wahres Selbst, über dessen Unzerstörbarkeit.

Feuerstein formuliert dies so: „Der Wille zum Leben ist der Antrieb zum individuellen Existieren. Solchermaßen verursacht er – in der Hauptsache – das Leid der Existenz und muss aus der Sicht des Yoga transzendiert werden.“ [Definition transzendieren: die Grenzen eines Bereichs überschreiten]

Punkt 8

Zur Motivation durch Angst

Dr. R. Steiner schreibt, dass es nur zwei Grundmotivationen im Leben eines Menschen gäbe: Angst und Liebe.

Der Weg, auf dem dich die Motivation „Liebe“ trägt, führt zur spirituellen Weiterentwicklung, zur Freude, zum Mitgefühl, zu Vertrauen und damit zum Gemeinsamen.

Angst hingegen führt zu Widerstand, Wut, Kampf, Festhalten am Vorhandenen und Ablehnung des Andersartigen. Auch ohne, dass die angstauslösende Situation zwangsläufig real gefährlich ist. Da der spirituelle Weg aber ein Loslassen erfordert, ein vertrauensvolles Fallenlassen, wird Abhiniveshah, das Anklammern ans Leben, die (Todes-)Angst, zum Klesha, einem Hindernis auf dem Yogaweg.

Wim van den Dungen:

„Der Durst zu leben ist der letzte Grund des Leidens.“

Punkt 9

Die Überwindung von Abhinivesa

Deshpande/Bäumer: „... muss man mit Abhiniveshah beginnen, wenn man die Notwendigkeit einsieht, seinen eigenen Geist von allen Spannungen zu befreien.“

Dazu sei Asana, Pranayama und Dhyana bestens geeignet. Mit diesen drei Techniken, so Iyengar, dringe der Yogi „... tief in sein Inneres vor.“ Dabei durchlebe er „den Strom der Intelligenz und der Energie des Selbst als Einheit.“ Dadurch erkenne er, dass Leben und Tod „zwei Seiten derstellen Münze“ seien. Der Yogi gebe dann ohne Zwang seinen Wunsch zu Leben auf. So überwindet er seine Todesfurcht. Dann lebe er, so Iyengar weiter, „für immer im Strom der Stille.“

Abschnittsende: Mit dieser Sutra II-9 beendet Patanjali die Auflistung und knappe Erläuterung der Kleshas, der leidbringenden Hindernisse auf dem Yoga-Pfad. Ab hier wendet er sich deren Überwindung zu. Denn der Yogi muss alle Kleshas loswerden, bevor er weiterschreiten könne, schreibt Satchidananda.

An dieser Stelle passt ein Gebet aus den Upanischaden – konkret der Brihadaranyaka Upanishad – das sich ähnlich auch im Maha Mrityunjaya Mantra findet:

Asato Ma Sat Gamaya
Tamaso Ma Jyotir Gamaya
Mrityor Maamritam Gamaya

Übersetzt [eigene Interpretation]:

Führe uns vom Irrtum zur Erkenntnis der Wahrheit
Führe uns von der Dunkelheit ins Licht
Führe uns von [der Identifikation mit] dem Vergänglichen zur Unsterblichkeit

Punkt 10

Siehe auch (Sutra mit ähnlichen bzw. ergänzenden Aussagen)

Yoga Sutra III-10: Die innere Stille (Nirodha–Parinâma) wird durch Wiederholung zu einem ungestörten Fluß

 
Tasya prashânta–vâhitâ samskârât
तस्य प्रशान्तवाहिता संस्कारत्

 

Yoga Sutra IV-10: Die Wünsche und Neigungen haben keinen Anfang im Wesen, denn allein schon der Wille zu leben besteht seit ewig

  
Tâsâm anâditvam châshisho nityatvât
तासामनादित्वं चाशिषो नित्यत्वात्

 

 

Punkt 11

Übung zu Yoga Sutra II-9

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-9:

Wenn du dich geistig gut und gefestigt fühlst, dann reflektiere in der kommenden Woche über dein Verständnis vom und dein Verhältnis zum Tod.

Denke darüber nach, lese, meditiere mindestens einmal pro Tag über den Tod.

Wie fühlt sich das für dich an? Erfährst du vielleicht sogar eine höhere Freude am Leben? Mehr Motivation zu deinen spirituellen Übungen?

 

Punkt 12

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