wurzel feld naehrboden 250avidyā kṣetram-uttareṣām prasupta-tanu-vicchinn-odārāṇām
अविद्या क्षेत्रमुत्तरेषां प्रसुप्ततनुविच्छिन्नोदाराणाम्

Unwissenheit oder eine falsche Sicht der Dinge ist ein elementares Hindernis auf dem spirituellen Pfad. Es wird dir in jeder Phase deiner persönlichen Entwicklung in der einen oder anderen Form begegnen. Darum sei stets auf der Hut gegenüber deinen subjektiven Ansichten und Wahrheiten.

Irgendwann aber ...

Inhaltsverzeichnis aus-/einklappen

strand ruhe wellen j 564Avidya (Unwissenheit) wird in der Yoga-Philosophie als Ursache aller leidbringenden Verhaltensweisen des Menschen gesehen

Punkt 1

1. Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Avidya, avidyâ = Unwissenheit; Verwechslung; Ignoranz; die Dinge nicht so sehen, wie sie sind; Fehlen von Weisheit; Mangel an Erkenntnisfähigkeit; Irrung;
  • Kshetram, kṣetra = Feld, Acker; Quelle; Ursprung; Nährboden; Wurzel;
  • Uttaresham, uttareshâm = der/die Folgenden / Weiteren; die anderen; die übrigen;
  • Prasupta = schlafend; ruhend; latent; schlummernd; schwach;
  • Tanu = abgeschwächt; dünn; keimend; jung; sprösslingshaft;
  • Vicchhina, vicchinnā = verstreut, abwechselnd; unterbrochen; abgefangen;
  • udāra = mächtig, übermächtig, riesig; groß geworden;
  • āṇām = von all diesen;
  • Udaranam, udârânâm = ausgedehnt; aktiviert; erregt;

2

Übersetzungsvarianten aus-/einklappen
Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

Dein Übersetzungsvorschlag

Du findest die bisherigen LeserInnen-Übersetzungen und -Ergänzungen unten.

Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?

Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

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Punkt 3

3. Wo wir stehen

Im Kapitel I des Yogasutras hat Patanjali einen großen Bogen rund um die Welt des Yogas geschlagen. Dort ist er aber recht theoretisch geblieben. Hier in Kapitel II schreibt er praxisnäher. Er beginnt das Kapitel mit einer Definition von Kriya Yoga als Yoga der Tat (Sutra II-1 und II-2). In dieser und den folgenden Sutras geht es um die Kleshas, die leidbringenden Zustände des Menschen.

Punkt 4

kugel welt auf kopf o 564Manmach sehen wir die Dinge verkehrt herum

4. Unwissenheit als Wurzel vielen Übels

Unwissenheit (Avidya) wird als Feld, Boden, Nährboden oder Wurzel aller Kleshas benannt. Darin sind sich Patanjali und Buddha einig. Robert Steiner schreibt: "Egal wie lange wir also Yoga praktizieren, immer werden wir uns mit Avidyā auseinandersetzen."

Steiner schildert auf eine Aussage, die er von Iyengar vernommen hat und die für ihn anschaulich zeigt, dass auch weit entwickelte Seelen anfällig für Avidya sind: Der schon im Alter vorgerückte Yogameister Iyengar konnte laut eigener Aussage eine Frau nicht anders als "eine Person im Besitz von jemand anderen" sehen.  Erst würde sie vom Vater besessen, dann vom Ehemann. Eine Sichtweise, die wir heute für falsch verurteilen, rückschrittlich. Avidya. Aber angeblich wollte Iyengar damal von seiner Sichtweise trotz Zureden seiner Schüler partout nicht weichen.

Wim van den Dungen: "Durch Unwissenheit überlagern wir Objekte mit substantieller Selbstidentität, und diese falsche Vorstellung ist die fundamentale Ursache für alle betroffenen [leidvollen] Zustände." Hieraus entstehen unter anderem die Tendenzen des Verstandes, das eine zu mögen oder etwas anderes abzulehnen.

Sei dir bewusst, dass du auch als langjährig Praktizierender stets über Avidya stolpern kannst. Govindan schreibt, darum müsse man "... ständig auf der Hut sein und sich bemühen".

Punkt 5

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5. Die 4 Zustände der Kleshas

Kleshas können in vier Formen in uns vorhanden sein:

  1. ruhend oder schlafend – prasupta
  2. reduziert oder gedämpft – tanu
  3. unterbrochen oder abwechselnd – vicchhina
  4. aktiv oder erregt – udaranam

5.1. a) Ruhend oder schlafend – prasupta

Für diesen Zustand wird gerne das Bild des Samens gebraucht. Da schlummert ein Potenzial in uns, das unter bestimmten Umständen ausbrechen, sich entfalten kann. Momentan Inaktiv, aber Teil unserer unbewussten Veranlagung. Nehmen wir als Beispiel einen Menschen, der nach einem Lottogewinn seine Familie verlässt und nur noch Vergnügungen nachgeht. "Geld verdirbt den Charakter" heißt es dann schnell. Vielleicht hat stattdessen der Geldsegen bei der fraglichen Person bloß eines oder mehrere Kleshas wieder erweckt.

Swami Satchidananda: "In einem Baby sind alle Kleshas vollkommen ruhend." Es wirkt völlig unschuldig. Nach und nach träten dann aber die angeborenen Neigungen zutage.

5.2. b) Reduziert oder gedämpft – tanu

Diese Zustände sind momentan aktiv, aber zum Beispiel durch yogische Praxis wie Meditation unterdrückt bzw. abgeschwächt. Swami Satchidananda: "Der Geist eines fortgeschrittenen Yoga-Praktizierenden ist ein Beispiel für die zweite, die schwache oder gedämpfte Stufe." In dessen Geist sei nur noch eine subtile Spur der Kleshas. Sie befänden sich auf einem tiefen Grund gesunken und dort sehr schwach geworden. Beispielhaft nennt er die Bereitschaft eines Yogis, statt eines weltlichen Vergnügens lieber der spirituellen Praxis nachzukommen. Das weltliche Verlangen ist nach wie vor vorhanden, aber von der Meditation auf den Grund getrieben und dort kaum noch bemerkbar.

5.3. c) Unterbrochen oder abwechselnd – vicchhina

Diese Zustände sind ebenfalls aktiv, aber zum Beispiel (zeitweise) durch ein anderes Leiden oder wiederum die Yoga-Praxis blockiert. Laut Swami Satchidananda der typische Geisteszustand für Yoga-Anfänger. Mit positiven Geisteshaltungen wie Liebe oder Mitgefühl und intensive Praxis seien bei frischen Asprianten die Kleshas unterbrochen worden, wenn aber die Anstrengungen für ein paar Tage nachließen, kämen diese wieder an die Oberfläche.

Ein anderes Beispiel: Wenn du dich einmal sehr über einen Menschen geärgert hast, diesen aber viele Jahre nicht gesehen hast, klingt dein Ärger auf ihn ab. Der Ärger ruht aber eventuell nur. Vielleicht schwappt er wieder mit voller Kraft an die Oberfläche, wenn du erneut auf diesen Menschen triffst. Dein Klesha der Abneigung war nur unterbrochen. Überwunden hast du es nur, wenn du diesen Menschen (trotz eures früheren Streites) wieder völlig unvoreingenommen betrachten kannst.

Manche Autoren (z. B. R. Sriram) übersetzen vicchinnā mit "ausgewachsen" oder mit "deutlich" erkennbar". Diese Interpretation scheint mir aber in der Minderheit, zudem wäre die Abgrenzung zur udaranam-Form (diese dann von diesen Interpreten mit "auffallend lebhaft" oder ähnlich übersetzt) nur schwach ausgeprägt.

5.4. d) Aktiv oder erregt – udaranam

Zustand Nummer vier: Du kannst das Klesha in diesem Moment bei dir feststellen. Beispielsweise

  • wünscht du gerade etwas,
  • du hältst dich für ein unabhängiges Individuum,
  • du ekelst dich vor einer Speise
  • usw.

Man könnte sagen: Der "udaranam"-Zustand herrscht beim "normalen" Menschen ständig vor. Coster (S.103): "Dies bedeutet, daß der gewöhnliche Mensch den Hindernissen ausgeliefert ist." Mal sei er "von einer erfreulichen Empfindung bewegt", dann wieder von "Angst oder Abneigung erschüttert". Die Kleshas sind stets aktiv und es gibt seitens dieses Menschen keinen Versuch, ein Klesha einzudämmen.

Punkt 7

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6. Avidya überwinden

Laut Patanjali überwindet der Yogi zum Beispiel in tiefer Meditation die Unwissenheit und gelangt darin zu vollkommener Erkenntnis, siehe Sutra I-17 und I-47:

Die später folgenden Sutras ab II-10 sind ganz dem Überwinden der Kleshas gewidmet. Hier werden weitere Wege aufgezeigt.

Iyengar:

"... wenn wir unsere Anschauungen nicht hinterfragen und reflektieren, wird der Irrtum zur Gewohnheit."

Das Streben nach Erkenntnis sei

"... ein Prozess von Versuch und Irrtum."

Man könnte ergänzen: und Bemühung, das Richtige zu tun,.

Was geschieht, wenn du irgendwann Avidya, die Unwissenheit, überwunden hast? Wenn du in tiefer Meditation erlebt hast, dass du mehr als ein Körper bist? Dass du nicht begrenzt bist? Dass alles Irdische leidvoll ist und nichts hier auf Erden dich wirklich glücklich machen kann?

Dann hast du das Übel der Unwissenheit quasi an der Wurzel herausgerissen und du wirst – je nachdem, was am Ende wahr ist – dein wahres Selbst (Atman, Gott ...) erkennen oder in einen Zustand des Nirwanas eingehen. Iyengar schreibt, dann werde beim erleuchteten Yogi "Wahrnehmung und Handeln gleichzeitig stattfinden."

6.1. Dein Feedback / deine offene Frage an den Text

Ist etwas unklar geblieben? Kannst du etwas ergänzen oder korrigieren?

Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Oder kannst du etwas verdeutlichen oder berichtigen? Eine eigene Erfahrung schildern ... Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

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Punkt 8

7.

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-4:

Reflektiere diese Woche erneut zu Avidya in deinem Leben: Worüber stolperst du immer wieder in deinem Alltag. Könnte hier Avidya (Unwissenheit) oder eine der anderen Kleshas (Begierden, Abneigungen, Ego-Vorstellung oder [am Leben] Anklammern) im Spiel sein?

Kommentieren oder Kommentare lesen

 

Punkt 9

8. Videos zu Sutra II-4

In den Tabs finden sich Videos zu dieser Sutra

{tab  Sukadev}

Yoga-Vidya Videos zu den Sutras II-1 bis II-11:

Desikachar Video zu Sutra II-4:

{tab Nayaswami Asha}

Nayaswami Asha Video zu den Sutras II-4 und II-6:

Punkt 10

9. Beliebt & gut bewertet: Bücher zum Yogasutra

9.1. Alte Schriften auf Yoga-Welten.de

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➔ Zu allen alten Schriften auf Yoga-Welten.de

Weitere oft aufgerufene alte Schriften

Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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