Yoga in der Bhagavad Gita: Bedeutung, Wege und zentrale Verse
In der Bhagavad Gita erscheint Yoga nicht als ein einzelner, eng begrenzter Übungsweg. Der Text entfaltet vielmehr ein breites Spektrum: Yoga ist Gleichmut, geschicktes Handeln, innere Sammlung, Hingabe, Erkenntnis und die Loslösung von leidbringender Verstrickung. Yoga bedeutet hier nicht Weltflucht, sondern eine veränderte Weise, mitten im Leben zu handeln: klar, verantwortlich und innerlich frei von der Fixierung auf Erfolg, Misserfolg, Besitz oder Anerkennung.
Hier findest du die relevantesten Yoga-Verse aus der Gita zusammengestellt und nach Yoga-Thema geordnet.
Kurz zusammengefasst
- Yoga als Lebenshaltung: In der Bhagavad Gita bedeutet Yoga weit mehr als Körperübung oder Meditationstechnik. Yoga erscheint als innere Ausrichtung, Gleichmut, kluges Handeln, Hingabe, Erkenntnis und Loslösung von leidbringender Verstrickung.
- Gleichmut in Erfolg und Misserfolg: Eine zentrale Formel der Gita lautet: Gleichmut wird Yoga genannt. Gemeint ist keine Teilnahmslosigkeit, sondern zum Beispiel die Fähigkeit, sorgfältig zu handeln, ohne den eigenen inneren Frieden an das Ergebnis zu ketten.
- Yoga als Geschick im Handeln: Die Gita beschreibt Yoga auch als Kunst des Handelns. Wer im Sinne des Yoga handelt, handelt nicht hektisch, egoverkrampft oder ergebnisbesessen, sondern klar, angemessen und mit innerer Freiheit.
- Karma-Yoga als Weg mitten im Leben: Karma-Yoga lehrt bewusstes Handeln ohne Anhaften an die Früchte der Handlung. Die Gita empfiehlt damit keinen Rückzug aus Verantwortung, sondern eine reifere Form des Handelns innerhalb der Welt.
- Mehrere Yoga-Wege, ein Ziel: Die Gita nennt verschiedene Zugänge wie Karma-Yoga, Jñāna-Yoga, Bhakti-Yoga, Buddhi-Yoga, Dhyāna-Yoga und Abhyāsa-Yoga. Diese Wege stehen nicht einfach nebeneinander wie Sorten im Regal, sondern greifen ineinander: Handeln braucht Einsicht, Meditation braucht Übung, Hingabe braucht innere Sammlung.
- Nicht-Anhaften ist keine Gleichgültigkeit: Die Gita fordert nicht dazu auf, das Leben kalt oder unbeteiligt zu betrachten. Nicht-Anhaften bedeutet, engagiert zu handeln, aber den eigenen Selbstwert nicht an Erfolg, Niederlage, Lob oder Besitz zu verlieren.
- Meditation braucht Maß und Alltagstauglichkeit: Die Meditationsanweisungen der Gita betonen ruhigen Ort, stabilen Sitz, gesammelten Geist, aufrechte Haltung und Maß im Essen, Schlafen und Handeln. Die Gita bleibt dabei erstaunlich bodenständig: Spirituelle Praxis scheitert oft weniger an fehlender Erleuchtung als an Unruhe, Maßlosigkeit und schlechtem Schlaf.
- Yoga als Loslösung vom Leid: Ein besonders tiefer Vers beschreibt Yoga als Trennung von der Verbindung mit Leid. Gemeint ist die allmähliche Befreiung aus jenen inneren Verklammerungen, durch die der Geist Schmerz, Angst, Begierde und Identität immer wieder miteinander verknotet.
- Die Gita bleibt anspruchsvoll: Die Bhagavad Gita ist kein harmloses Trostbüchlein. Sie spricht in eine Konfliktlage hinein und fragt, wie ein Mensch handeln kann, wenn einfache Antworten nicht reichen. Auch diese Spannung macht den Text bis heute lebendig.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Die Gita
Die Bhagavad Gita – „der Gesang Gottes“ – ist Teil des Mahabharata. Die Bhagavad Gita ist Teil des Mahabharata. Sie gehört – neben den Yoga-Sutras des Patanjali, den Upanishaden und der Hatha Yoga Pradipika – zu den wichtigsten klassischen Bezugstexten des Yoga. Vielen Menschen dient sie bis heute als Orientierung für ein spirituelles Leben im Alltag. Mahatma Gandhi fand in ihr Trost, Kraft und ethische Ausrichtung.
Die Bhagavad Gita umfasst in den meisten gebräuchlichen Ausgaben 700 Verse in 18 Kapiteln. In manchen Überlieferungs- und Zähltraditionen wird ein zusätzlicher Eingangsvers zu Kapitel 13 mitgezählt; dadurch findet sich gelegentlich auch die Angabe 701 Verse. Diese Abweichung betrifft die Zählweise, nicht den Grundcharakter des Werkes.
Vielen Menschen ist die Gita Stütze und Motivation im spirituellen Leben des Alltags. Mahatma Gandhi zog Trost und Kraft aus der Gita. Wilhelm von Humboldt soll gesagt haben:
„Ich danke Gott, dass er mich lange genug hat leben lassen, um dieses Buch zu lesen.“
Die Bhagavad Gita umfasst in den meisten heute gebräuchlichen Ausgaben 700 Verse in 18 Kapiteln. In einigen Überlieferungs- und Zähltraditionen wird ein zusätzlicher Eingangsvers zu Kapitel 13 mitgezählt; dadurch ergibt sich gelegentlich die Zahl 701. Diese Abweichung betrifft die Verszählung, nicht den Grundbestand des Textes. Sie ist Teil des 6. Buches des Mahabharata, welches insgesamt wiederum aus 18 solcher Bücher besteht.
Zusammenfassung der Bhagavad Gita
Bhagavad Gita Zusammenfassung verständlich erklärt
Bhagavad Gita Zusammenfassung – verständlich und kompakt erklärt
Die Bhagavad Gita gehört zu den Texten, die sich nicht erschöpfen, egal wie oft man sie liest. Sie ist weder reine Philosophie noch bloße Erzählung, sondern ein Gespräch in einer Extremsituation – zwischen Zweifel und Pflicht, zwischen innerem Widerstand und äußerem Handlungsdruck. Wer sich mit ihr beschäftigt, begegnet weniger fertigen Antworten als einer Art gedanklichem Widerstandstraining. Dieser Artikel ordnet die zentralen Inhalte verständlich ein, klärt Begriffe, korrigiert verbreitete Missverständnisse und zeigt, warum die Gita auch heute noch relevant ist – nicht als Anleitung, sondern als Gegenüber.
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Grundlegende Worte zum Yoga in der Bhagavad Gita
2-48 Sei tätig [alternativ: erfülle deine Pflicht], Arjuna, während du fest im Yoga verweilst. Löse dich von Bindungen [hier in dieser Welt], und sei gleichmütig in Erfolg und Misserfolg. Solche Ausgeglichenheit im Geiste [auch: Gelassenheit bzw. Gleichmut] – das wird Yoga genannt.
2-50 Ein weiser Mensch weist gute wie auch schlechte Taten von sich; deshalb [stattdessen] gebe dich dem Yoga hin; Yoga ist Geschick im Handeln.
Yoga-Arten & -Methoden in der Bhagavad Gita
Die Gita nennt verschiedene Zugänge zur spirituellen Verwirklichung. Einige erkennen das Selbst durch Meditation, andere durch Sāṃkhya, also unterscheidende Erkenntnis, und wieder andere durch Karma-Yoga, den Weg des Handelns. Diese Wege unterscheiden sich in ihrer Methode, sind aber nicht als starre Gegensätze gemeint. Die Gita betont mehrfach, dass Erkenntnis, Hingabe, Selbstdisziplin und rechtes Handeln auf dasselbe Ziel ausgerichtet sein können.
13-25 Einige sehen das Selbst im Selbst durch das Selbst durch Meditation; andere durch Sâṃkhya Yoga; und andere durch den Yoga der Handlung.
Karma-Yoga und Sāṃkhya: Handeln und Erkenntnis
Krishna unterscheidet in der Gita zwei große Ausrichtungen: den Weg der Erkenntnis, der mit Sāṃkhya verbunden wird, und den Weg des Handelns, den Karma-Yoga. Zunächst wirken beide Wege verschieden. Später macht die Gita jedoch deutlich: Wer einen dieser Wege wirklich durchdringt, gelangt auch zum Wesentlichen des anderen.
3-3 Krishna sagt: Oh makelloser Arjuna, in alten Zeiten verkündete ich eine zweifache Perfektion in dieser Welt: Durch den Yoga des Wissens (jnanayoga) für die Schüler des Samkhya und durch den Yoga der Tat [oder: Yoga der Handlung] (karmayoga) für die Yogis.
5-2 Krishna: Verzicht/Askese und der Yoga der Tat bringen beide zu höchster Seligkeit, aber der Yoga der Handlung ist dem Yoga des Verzichts auf Handlung überlegen.
5-4 Nur die Unwissenden, nicht die Weisen, behaupten, dass Yoga und Samkhya getrennt wären. Wer eines von beidem korrekt durchführt, erntet die Früchte von beiden.
5-5 Den Ort / das Stadium, den/das die Samkhya-Praktizierenden [jnanayoga] erreichen, wird von den Yogis (Yoga der Tat, Karmayogis) auch erreicht. Samkhya und Yoga sind ein; wer dies sieht, sieht wirklich.
Artikelhinweis Samkhya und KarmaYoga
Auszug aus der Samkhya-Lehre

Wahrgenommenes und Wahrnehmendes – Auszug aus der Samkhya-Lehre
Das Samkhya ist eines der ältesten philosophischen Systeme indischer Herkunft. „Samkyha“ bedeutet wörtlich „Zahl“, „Aufzählung“ oder „das, was etwas in allen Einzelheiten beschreibt“. Hiermit ist die Aufzählung und Analyse jener Elemente gemeint, die gemäß Samkyha die Wirklichkeit bestimmen.
Allein das Wissen um diese Elemente soll bereits zur Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburten führen. Damit einher geht die Beendigung von drei Arten des Leidens (duhkha):
- adhyatmika (Leiden unter physischen oder psychischen Krankheiten),
- adhibhautika (von Außen zugefügtes Leid durch menschliche Gewalt oder Umwelteinflüsse),
- adhidaivika (Leid durch Naturgewalt, Umweltkatastrophen oder übernatürliche Phänomene).
Purusha, Prakriti, Guna
Das Universum und die Abläufe darin beruhen gemäß Samkyha auf zwei fundamentalen Prinzipien:
- Purusha: passiver aber bewusster Geist, auch Urseele, Weltgeist oder kosmisches Selbst genannt. Steht im Dualismus für Subjekt und das Wahre Selbst.
- Prakriti: aktive aber unbewusste „Urmaterie“, das Wahrnehmbare, das Benennbare oder „Natur“. Steht im Dualismus für Objekt und das Universum
Swami Satchidananda schreibt:
„Das Purusha ist das Wahre Selbst, das Purusha sieht. Prakriti ist alles andere.“
Es herrscht Uneinigkeit: Die Samkhya Philosophie sagt, dass es ein real existierendes Universum gibt. Die Vedanta-Lehre sieht alles als Maya, als Illusion an.
Prakriti und die Gunas
Der Urnatur Prakriti werden im Samkhya drei Gunas (Merkmale, Eigenschaften, von Hauer „Weltstoffenergien“ genannt) zugerechnet:
- Sattva (das Seiende, Reinheit, Klarheit). Gemäß Ayurveda-Lehre steht Sattva für Reinheit, Ausgeglichenheit, Balance und Neutralität. Charakterlich zeigt sich eine Sattva-Vorherrschaft in Freigebigkeit, Gelassenheit, Zufriedenheit, Weisheit, Ausgeglichenheit und Toleranz. Menschen, die sich vorwiegend sattvisch ernähren sollen länger leben und gesünder alt werden. Als sattvische Nahrungsmittel gelten frische & reife Früchte, Honig, Milch, Reis, Weizen, Safran und Zimt.
- Rajas (Bewegung, Energie, Leidenschaft). Verantwortet Wandlung, Veränderung und Dynamik. Aber auch Zorn, Rastlosigkeit und Hektik.
- Tamas (Trägheit, Dumpfheit, Dunkelheit, Schwere). Eine Kraft, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit trübt und unsere Wirkkraft schwächt. Aber auch das Prinzip der Ruhe.
Sattva für den Yogi
Feuerstein (Buch bei Quellen ergänzen) schreibt: „Während aktive (rajas) und träge (tamas) Qualität dazu neigen, die Ich-Illusion aufrechtzuerhalten, erschafft die Qualität der Helligkeit (sattva), insoweit sie dominiert, die Vorbedingungen für das Befreiungsgeschehen. Daher erstrebt der yogin sattvische Konditionen und Zustände.“
Aber auch das Körper-Geist-System existiert auf Basis der drei Gunas. Als Yogi wisse man, dass alle drei Prinzipien miteinander wechselseitig verbunden sind. Jede Anhaftung an einen Zustand (Sattva ...) führt (ebenfalls) zu Leid.
Purusha
Purusha ist das Selbst, das allen fühlenden Wesen innewohnt. Durch Purusha erhalten Menschen, Tieren, Pflanzen und Götter ihre Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein.
Des Menschen wahre und ursprüngliche Identität ist einzig und allein Purusha, die sich zum Zwecke des Erfahrens in Prakriti manifestiert hat, siehe Sutra II-18.
Nun verstrickt sich dieses Purusha in Prakriti, hält die zur Sphäre der Prakriti gehörigen Elemente und Bereiche irrtümlicherweise für Bestandteile seiner selbst. Daraus entsteht Leid.
Grundelement der Lehre des Samkhya für den nach Erlösung Strebenden ist deshalb, die beiden Substanzen Purusha und Prakriti und ihre Merkmale streng voneinander unterscheiden zu lernen.
Vedanta
Im nondualen Vedanta ist Prakriti nur eine Täuschung, Maya.
Physik und Quantentheorie
Betrachten wir den Bildschirm vor uns, so sehen wir gemäß der Physik ein Konstrukt aus Neutronen, Elektronen und Protonen, die alle auf einer eigenen Frequenz schwingen und um sich kreisen. Nahezu 100 Prozent des Bildschirmes besteht aus Vakuum! Nur unsere Sinne – die Sinne des Wahrnehmenden – machen daraus einen Monitor.
Die Quantenphysik macht alles noch verschwommener: Ob sich ein subatomares Partikel als Teilchen oder als Welle verhält, hängt vom Beobachter ab. Anders ausgedrückt: vom beobachtenden Bewusstsein. Vom Wahrnehmenden und dessen Wahrnehmung. Eigenschaften der Partikel wie dessen Lokalität können nicht vom Betrachter getrennt werden. Dies geht mehr in Vedanta (und Buddhismus)-Richtung als die Samkhya-Behauptung eines unabhängig von Purusha existierenden Universums Prakriti.
Hinweis: Ein moderner Vergleich mit der Physik kann anschaulich sein, sollte aber vorsichtig bleiben. Die Naturwissenschaft zeigt, dass unsere Alltagserfahrung der materiellen Welt nicht einfach mit ihrer mikrophysikalischen Beschreibung identisch ist. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Bestätigung von Vedānta, Buddhismus oder Sāṃkhya. Sinnvoller ist ein bescheidener Vergleich: Sowohl philosophische Traditionen als auch moderne Wissenschaften machen darauf aufmerksam, dass Wahrnehmung, Wirklichkeit und Deutung nicht vorschnell gleichgesetzt werden sollten.
Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt Dieser Artikel zeigt dir, wie Karma Yoga – der Yoga der Tat – in einer fordernden Gegenwart trägt: mit klaren Prinzipien, geerdeten Übungen und ehrlicher Selbstprüfung. Ein jahrtausendealter spiritueller Pfad, den eigenen Alltag yogisch zu durchweben. Statt Erfolgsfixierung lernst du, im Tun selbst Halt zu finden: aufmerksam arbeiten, dienen ohne Pose, Ergebnisse loslassen und dabei innerlich frei werden. Theorie und Praxis greifen zusammen – ohne Hochglanz, mit Kanten, damit du den Weg im ganz normalen Alltag gehen kannst. Hier weiterlesen: Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärtBeitrag: Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt
Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt – Philosophie, Ethik, Beispiele
Der Yoga der Hingabe (Bhakti-Yoga)
14-26 Derjenige, der mir unerschütterlich durch den Yoga der Hingabe (bhaktiyoga) dient, geht über die gunas (Eigenschaften) hinaus und ist bereit, Brahman zu werden.
Yoga der Einsicht/des Intellekts: Buddhiyoga
2-49 Oh Arjuna, Handlung ist dem Yoga des Intellektes/der Einsicht (Buddhiyoga) weit unterlegen. Suche Zuflucht bei der Einsicht! Elend sind diejenigen, die durch Ergebnisse/Früchte der Handlung motiviert sind.
10-10 Diejenigen, die beständig diszipliniert, mich (Krishna) mit Liebe verehren, denen gebe ich den Yoga des Intellektes/der Einsicht, durch den sie [dann] zu mir kommen.
Yoga der Selbstbeherrschung/Selbstkontrolle
4-27 Andere opfern alle Tätigkeiten der Sinne und die Tätigkeiten der Lebensenergie (prana) im Feuer des Yogas der Selbstkontrolle (atma samyama yoga), welches durch Erkenntnis (jñāna) entfacht wurde.
Abhyāsa-Yoga – der Yoga der beständigen Übung, der Praxis
Abhyāsa bedeutet Übung, Wiederholung und beharrliche Ausrichtung. In der Gita wird dieser Weg dort wichtig, wo der Geist noch nicht dauerhaft gesammelt bleiben kann. Wer seine Aufmerksamkeit nicht beständig auf das Höchste richten kann, soll durch regelmäßige Praxis dorthin wachsen.
8-8 Sich mit einem Geist konzentrierend, der von der Praxis des Yogas absorbiert ist und nicht abschweift, erreicht einer den höchsten göttlichen Geist, oh Arjuna.
12-9 Wenn es dir, oh Arjuna, [aber] nicht möglich ist, deinen Geist beständig auf mich gerichtet zu halten, dann versuche, mich durch den Yoga der Praxis [der beständigen Übung] zu erreichen.
Der Yoga der Meditation (Dhyana-Yoga)
18-52 In der Einsamkeit lebend, wenig essend, diszipliniert in der Sprache, im Körper und im Geist, stets befasst mit dem Yoga der Meditation (Dhyana-yoga-parah), Zuflucht in der Leidenschaftslosigkeit suchend ...
18-53 ... den Egoismus, die Gewalt, den Stolz, die Begierde, den Zorn und die Habsucht aufgebend, friedvoll und ohne Besitzanspruch, so einer ist geeignet, in den Zustand des Brahman-Seins einzutreten.
Konkrete Meditationsanweisungen in der Bhagavad Gita
Die Gita gibt im sechsten Kapitel konkrete Hinweise zur Meditation. Der Übende soll einen ruhigen Ort wählen, maßvoll leben, den Körper stabil halten und den Geist auf ein einziges Ziel sammeln. Meditation erscheint hier nicht als isolierte Technik, sondern als Teil einer umfassenden Lebensführung.
6-10 Der Yogi soll beständig über das Selbst meditieren, privat, allein, seinen Geist und sein Selbst unter Kontrolle haltend. Frei von Wünschen und Habgier.
6-11 An einem sauberen Ort soll er sich für sich selbst in einen festen Sitz begeben, weder zu hoch noch zu tief, mit Kleidung, oben auf Kusha-Gras und einem Hirschfell.
6-12 Sitzend in seiner Asana soll er seinen Geist auf ein einzelnes Objekt konzentrieren, die Gedanken und Sinne unter Kontrolle halten, Yoga praktizierend um sich selbst zu läutern.
6-13 und 6-14 Beständig, den Körper haltend, Kopf und Nacken gerade aufgerichtet, völlig unbewegt mit seinem Blick die Spitze der Nase fixieren, ohne in andere Richtungen zu blicken, ruhig, furchtlos, fest verankert in sein Abstinenz-Gelöbnis, soll er seinen Geist kontrollieren und, mit Gedanken an mich [Krishna], soll er Yoga ausüben, immer auf mich konzentriert.
6-15 So beständig sich selbst unter Kontrolle den Yoga ausübend, wird der Yogi, dessen Geist zurückgehalten ist den Frieden erreichen, der jenseits von Nirvana ist und in mir verweilen.
6-16 Yoga wird nicht von dem erreicht werden, der zu viel oder gar nichts isst, noch von dem, der zu viel schläft oder zu lange wach bleibt, Arjuna.
6-17 Für den, der diszipliniert isst und genießt, diszipliniert seine Aktivitäten ausübt und diszipliniert schläft und wacht, wird Yoga sein Leiden zerstören.
6-18 Wenn seine Gedanken zurückgehalten werden und er nur im Selbst verweilt, ohne Wünsche nach irgendwelchen Vergnügungen, wird er „vereint“ (yukta, Yoga=Vereinigung) genannt.
Dhyana-Yoga im Yogasutra von Patanjali
Yoga Sutra II-11: Die aktiven bzw. gröberen Formen (der Kleshas) werden durch Meditation überwunden
dhyāna heyāḥ tad-vṛttayaḥ
ध्यानहेयास्तद्वृत्तयः
Die vorige Sutra widmete sich der Auflösung subtilerer Probleme mittels der Rückführung zu deren Wurzel, hier gehen wir nun die gröberen Beschwernisse mittels Meditation an.
yama niyama-āsana prāṇāyāma pratyāhāra dhāraṇā dhyāna samādhayo-'ṣṭāvaṅgāni
यमनियमासनप्राणायामप्रत्याहारधारणाध्यानसमाधयोऽष्टावङ्गानि
Mit dieser Sutra beginnt der „praktische“ Teil des Yogasutras. Patanjali beginnt ab hier, den achtfachen Yogapfad zu erläutern, für viele der bedeutsamste Teil des Yoga Sutras. Die achte Stufe – Samadhi – ist schon „Yoga“, in Sinne von längerer "Stillstand der Wellenbewegungen des Geistes". Das Ziel des Yogis ist beinahe erreicht.
Yoga Sutra III-2: Wenn die Wahrnehmung des Objektes ungebrochen fließt, ist es Dhyana (Meditation)
Tatra pratyaya-ikatānatā dhyānam
तत्र प्रत्ययैकतानता ध्यानम्
In Sutra 3.2 kommen wir von der Konzentration zur Meditation. Dies ist eine der relevantesten Sutra für deine tägliche Yogapraxis. Entscheidend ist, dass du deine Konzentration auf dein Meditationsobjekt stetig verlängerst, so dass ein ununterbrochender Fluß entsteht. Wir werden im Artikel Übersetzung und Bedeutung untersuchen, Kommentare von Gelehrten betrachten und herausfinden, wie wir den Weg zu Dhyana in unseren Alltag integrieren können.
In III-2 wird der Übergang von Konzentration zu Meditation erläutert: ► Der Weg zu Dhyana ► Daran erkennst du Dhyana ► Übungen für den Alltag ► Übersetzungsalternativen ► ...
tad evaarthamaatranirbhaasam svarupa-shunyamiva samâdhih
तदेवार्थमात्रनिर्भासं स्वरूपशून्यमिव समाधिः
Wir erreichen die höchste Stufe des Yogaweges: Samadhi. Nähern uns der Erleuchtung, Befreiung, Moksha, Kaivalya ... oder haben diese gar schon erreicht. Ein Zustand, der sich nicht in Worte fassen lässt. Dennoch hat der Artikel natürlich viele davon. Sie drücken folgendes aus:
Sutra III-3 erläutert das letzte Glied des achtfachen Yogapfades: Samadhi ► Was meint Bewusstsein? ► Wie komme ich von Meditation zu Samadhi? ► Wie kann ich mir Samadhi vorstellen? ► Was fördert den Prozess, wie übe ich im Alltag? ► Übersetzungsalternativen ► ...
Trayam ekatra samyamah
त्रयमेकत्र संयमः
Kapitel 3 des Yogasutras startete mit den Erläuterungen von Dharana (Konzentration), Dyana (Meditation) und Samadhi (Überbewusstsein). Wendet man nun diese drei Bewusstseinszustände auf ein Objekt an bzw. bringt sie an einem Ort zusammen, so nennt sich das laut Patanjali: Samyama. Daraus können dann wundersame Dinge folgen - abhängig davon, worauf man Samyama ausrichtet.
Wir klären: ► Was ist genau unter Samyama zu verstehen und ► wie erfahre ich es?
Tatra dhyānajamanāśayam
निर्माणचित्तान्यस्मितामात्रात्
Wenn du möchtest, dass deine spirituellen Fortschritte von Dauer sind, muss dein Geist sich so grundlegend verändern, dass dein ganzes Wesen auf dieses Ziel ausgerichtet ist. Abkürzungen (Schleichwege, Drogen, intensive Atemübungen etc.) oder intelligente Übungsmethoden können dich kurzfristig in jene Zustände versetzen, aber du bist nicht in ihnen gefestigt. Völlige Absichtslosigkeit in Denken und Handeln soll darum ein grundlegender Wesenszug eines Yogis sein.
Die Meditation, wie sie im Yogasutra gelehrt wird, soll zu dieser grundlegenden Wandlung führen. Das Yogasutra sagt, dass alles, was wir tun und denken Folgen hat. Nicht so der Geist, der aus der Meditation entsteht.
Dieser Artikel führt durch klassische Kommentare, moderne Deutungen und wissenschaftliche Befunde und zeigt, warum dieses Sutra mehr ist als bloße Philosophie: Es ist eine Einladung zum Ausprobieren.
Unsere Anleitung zum Lernen der Meditation
Meditation lernen – eine grundlegende Anleitung
Meditation lernen – die grundlegende Anleitung aus dem Buddhismus
Der Begriff Meditation hat viele Facetten. Das Spektrum reicht vom Nachsinnen über ein Thema (vornehmliche Betrachtungsweise der Philosophen) bis zur völligen Gedankenstille. Im Folgenden findest du eine konkrete Anleitung der Schritte, welcher der Buddha himself seinen Schülern zum Lernen einer tiefen Meditation gegeben hat. Sicherlich nicht die schlechteste Herangehensweise, wenn du persönliche Entwicklung oder gar Erleuchtung zum Ziel deiner Meditationsreise auserkoren hast.
Am Ende findest du eine Merkkarte zum Ausdruck – z. B. für das Portemonnaie.
Hier weiterlesen: Meditation lernen – eine grundlegende Anleitung
Die Überlegenheit des Yoga
6-46 Der Yogi steht höher als die Asketen (tapasvin), höher als die mit Wissen (jnanin) und auch als die Handelnden (karmin). Darum sei ein Yogi, Arjuna!
Früchte des Yoga
6-20 Wenn der Geist durch die Praxis des Yogas zur Ruhe gefunden hat und der Yogi sein Selbst schaut, folgt eine innere Zufriedenheit.
6-21 Diese innere Zufriedenheit ist voll höchstem Glück ... welches die Sinne übersteigt ...
6-22 Dieses stellt für den Yogi einen nicht zu übertreffenden Gewinn dar, so er ihn [vermutlich den Zustand der Geistesruhe und die Schau des Selbstes] einmal erreicht hat. Dann wird er auch von größter Sorge nicht erschüttert, so er fest darin verweilt.
6-23 Dies soll den Namen Yoga tragen, das Ende des Einsseins mit dem Schmerz. Hierfür sollst du mit Entschlossenheit und festem Willem üben.
Hinweis: Yoga heißt hier also der Endzustand, der angestrebt wird.
Zusammengefasst: Was bedeutet also "Yoga" in der Bhagavad Gita?
Wer die Bhagavad Gita mit dem heutigen Alltagsverständnis von Yoga liest, stolpert schnell. Denn in der Gita bedeutet Yoga nicht in erster Linie Körperübung, Dehnung, Matte, Kursraum oder Atemtechnik. Diese Dinge können wertvoll sein, stehen hier aber nicht im Mittelpunkt.
Die Gita verwendet Yoga als ein Wort mit großer Spannweite. Es meint innere Ausrichtung, geistige Sammlung, kluges Handeln, Hingabe, Selbstbeherrschung und die Fähigkeit, mitten im Leben nicht von jeder Welle fortgerissen zu werden. Yoga ist in diesem Text also weniger eine Methode neben anderen, sondern eine bestimmte Art, Mensch zu sein und zu handeln.
Das macht die Gita bis heute reizvoll. Sie spricht nicht zu einem Einsiedler, der ohnehin nichts mehr mit der Welt zu tun hat, sondern zu Arjuna, einem Menschen im Konflikt. Gerade darin liegt ihre Schärfe: Yoga wird nicht als Fluchtweg aus dem Leben vorgestellt, sondern als Haltung im Leben. Die Gita fragt: Wie kann ein Mensch handeln, ohne sich in Angst, Ehrgeiz, Schuld, Stolz oder Erfolgssucht zu verstricken?
Drei Grundformeln: Gleichmut, Geschick und Loslösung vom Leid
Die Bhagavad Gita enthält mehrere prägnante Formeln, die bis heute häufig zitiert werden. Drei davon sind besonders wichtig, weil sie zeigen, wie weit der Yoga-Begriff der Gita reicht.
- Yoga ist Gleichmut.
In Vers 2.48 heißt es sinngemäß: Gleichmut in Erfolg und Misserfolg wird Yoga genannt. Gemeint ist nicht Gleichgültigkeit. Gleichmut bedeutet hier, innerlich nicht von jedem Ausgang abhängig zu sein. Man handelt sorgfältig, aber man verkauft seine Seele nicht an das Ergebnis. - Yoga ist Geschick im Handeln.
Vers 2.50 beschreibt Yoga als kauśalam, also als Geschick, Kunstfertigkeit oder kluge Tüchtigkeit im Handeln. Das ist mehr als Effizienz. Es geht um ein Tun, das angemessen, klar und innerlich frei ist. Die Gita lobt nicht den hektischen Macher, der alles kontrollieren will, sondern den Menschen, der bewusst handelt, ohne sich vom Ergebnis versklaven zu lassen. - Yoga ist Loslösung von der Verbindung mit Leid.
In Vers 6.23 wird Yoga als Trennung von der Verbindung mit Leid beschrieben. Das klingt zunächst sperrig, trifft aber einen Kern der Gita. Leid entsteht nicht nur durch äußere Ereignisse, sondern auch durch die Art, wie der Geist sich an Dinge klammert, sie ablehnt oder aus ihnen seine Identität baut. Yoga löst diese unheilige Allianz Schritt für Schritt.
Diese drei Formeln ergänzen sich. Gleichmut schützt vor innerer Erschütterung, geschicktes Handeln bewahrt vor Passivität, und die Loslösung vom Leid zeigt die tiefere Richtung der Praxis.
Welche Form subtiler Anhaftung kennst du von dir selbst?
Kein Yoga der Ausrede: Handeln bleibt notwendig
Eine der stärksten Botschaften der Bhagavad Gita lautet: Spirituelle Einsicht entbindet nicht automatisch vom Handeln. Im Gegenteil. Die Gita richtet sich an einen Menschen, der handeln muss, obwohl die Lage moralisch, emotional und existenziell schwierig ist.
Das ist wichtig, weil Yoga manchmal missverstanden wird: als Rückzug ins Private, als sanfte Weltabgewandtheit, als „Ich bin dann mal innerlich frei“. Die Gita ist da weniger bequem. Sie fragt nicht nur, wie man sich beruhigt, sondern wie man richtig handelt, wenn Beruhigung allein nicht reicht.
Karma-Yoga bedeutet deshalb nicht blinden Aktionismus. Es bedeutet auch nicht, jedes Ergebnis achselzuckend hinzunehmen. Gemeint ist ein Handeln, das pflichtbewusst, klar und möglichst frei von egoistischer Verkrampfung geschieht. Der Mensch soll tun, was getan werden muss, aber er soll nicht glauben, er könne den Lauf der Welt vollständig besitzen.
Das ist eine feine Linie. Wer nicht handelt, kann sich als friedlich missverstehen. Wer handelt, kann sich als wichtig missverstehen. Die Gita versucht, beides zu durchschauen.
Warum die Gita im modernen Yoga leicht übersehen wird
Im modernen Yoga stehen häufig Körperübungen, Atemtechniken, Entspannung und Gesundheit im Vordergrund. Das ist verständlich. Der Körper ist nun einmal greifbarer als das Selbst, und eine verspannte Schulter meldet sich zuverlässiger als die metaphysische Frage nach dem wahren Wesen des Menschen.
Die Bhagavad Gita setzt jedoch einen anderen Schwerpunkt. Sie fragt weniger: „Welche Übung macht beweglicher?“ Sie fragt: „Welche innere Haltung macht freier?“ Dadurch ergänzt sie körperorientierte Yogapraxis um eine ethische, philosophische und spirituelle Dimension.
Das heißt nicht, dass moderne Yogapraxis falsch wäre. Aber die Gita erinnert daran, dass Yoga mehr sein kann als ein gesundes Ritual. Yoga wird hier zu einer Schule des Handelns, Denkens, Fühlens und Entscheidens. Der eigentliche Übungsraum ist dann nicht nur die Matte, sondern auch das Gespräch, die Arbeit, die Familie, der Konflikt, die Niederlage und der Moment, in dem niemand zusieht.
Überblick: Die wichtigsten Yoga-Wege in der Bhagavad Gita
Wir haben oben gesehen: Die Gita spricht nicht von Yoga als einem einzigen Weg. Sie zeigt mehrere Zugänge, die sich überlappen und gegenseitig vertiefen. Diese sind kurz gefasst:
- Karma-Yoga – Yoga des Handelns
Karma-Yoga ist der Weg des bewussten Handelns ohne Anhaften an die Früchte der Handlung. Der Mensch erfüllt seine Aufgabe, ohne sich innerlich vollständig von Erfolg, Lob, Gewinn oder Niederlage abhängig zu machen. - Jñāna-Yoga – Yoga der Erkenntnis
Jñāna-Yoga betont Einsicht, Unterscheidung und das Erkennen der Wirklichkeit. Im Umfeld der Gita steht dieser Weg in Nähe zu Sāṃkhya, also zur unterscheidenden Betrachtung von Selbst, Natur, Handeln und Bewusstsein. - Bhakti-Yoga – Yoga der Hingabe
Bhakti-Yoga ist der Weg der liebenden Ausrichtung auf Krishna beziehungsweise das Göttliche. Hingabe bedeutet hier nicht Denkverzicht, sondern eine tiefe innere Orientierung, die Herz, Wille und Handlung bündelt. - Buddhi-Yoga – Yoga der Einsicht
Buddhi-Yoga bezeichnet ein Handeln aus klarer Einsicht. Die Buddhi ist jene Fähigkeit, die unterscheidet, ordnet und den Menschen aus bloßer Reaktion herausführt. Man könnte sagen: Buddhi-Yoga ist der Versuch, nicht von jedem inneren Reflex regiert zu werden. - Dhyāna-Yoga – Yoga der Meditation
Dhyāna-Yoga meint meditative Sammlung. Die Gita beschreibt dafür einen ruhigen Ort, eine stabile Sitzhaltung, gezügelte Sinne, Maß im Alltag und die Ausrichtung des Geistes auf ein höchstes Ziel. - Abhyāsa-Yoga – Yoga der beständigen Übung
Abhyāsa-Yoga wird dort wichtig, wo der Geist noch nicht dauerhaft gesammelt ist. Die Gita bleibt realistisch: Nicht jeder kann sofort unerschütterlich im Höchsten ruhen. Dann beginnt der Weg eben mit Wiederholung, Geduld und täglicher Rückkehr.
Diese Wege stehen nicht wie Konkurrenten nebeneinander. Die Gita denkt eher in Verflechtungen: Handeln braucht Einsicht, Einsicht braucht Übung, Übung braucht Hingabe, Hingabe braucht innere Sammlung. Ein sauber getrenntes Schubladensystem wäre übersichtlich, aber vermutlich weniger wahr.
Lesehilfe: Die Verse nicht zu eng lesen
Die Yoga-Verse der Gita lassen sich nicht wie technische Definitionen in einem modernen Lehrbuch lesen. Ein Vers betont Gleichmut, ein anderer Handlung, ein weiterer Hingabe, Meditation oder Erkenntnis. Das ist kein Widerspruch, sondern typisch für den Text.
Die Gita argumentiert dichterisch, dialogisch und spirituell. Sie nähert sich dem Thema Yoga von mehreren Seiten. Wer nur eine Definition sucht, wird vermutlich ungeduldig. Wer aber bereit ist, die verschiedenen Stimmen zusammenzuhören, erkennt ein Gesamtbild: Yoga ist die allmähliche Umformung des Menschen – seines Handelns, Denkens, Wollens und Erkennens.
Darum lohnt es sich, die Verse nicht gegeneinander auszuspielen. Karma-Yoga ohne Einsicht kann in Aktivismus kippen. Jñāna-Yoga ohne Demut kann trocken werden. Bhakti-Yoga ohne Klarheit kann sentimental werden. Dhyāna-Yoga ohne Alltagserdung kann zur Flucht werden. Die Gita versucht, diese Einseitigkeiten zu vermeiden.
Näher betrachtet: Nicht-Anhaften ist keine Gleichgültigkeit
Der Gedanke des Nicht-Anhaftens gehört zu den bekanntesten Motiven der Bhagavad Gita. Zugleich wird er leicht missverstanden. Nicht-Anhaften heißt nicht, dass einem alles egal sein soll. Es heißt auch nicht, dass man schlechte Ergebnisse schönreden oder Verantwortung abschütteln dürfte.
In welchen Lebensbereichen fällt dir Nicht-Anhaften besonders schwer?
Die Gita verlangt nicht weniger Sorgfalt, sondern mehr innere Freiheit. Wer nicht anhaftet, kann sogar genauer handeln, weil er nicht dauernd mit einem Auge auf Beifall, Sieg, Kontrolle oder persönliche Kränkung schielt. Nicht-Anhaften ist deshalb keine kalte Distanz, sondern eine Form gereifter Beteiligung.
Ein einfaches Beispiel macht den Unterschied deutlich: Ein Mensch kann eine Aufgabe gewissenhaft erledigen, aus Fehlern lernen und Verantwortung übernehmen. Er kann aber zugleich darauf verzichten, seinen ganzen Selbstwert an das Ergebnis zu hängen. Genau in dieser Lücke zwischen engagiertem Handeln und innerer Verklammerung beginnt in der Gita der Yoga.
In wenigen Worten: Die Meditationsanleitung der Gita praktisch verstanden
Die Meditationsverse im sechsten Kapitel sind keine moderne Schritt-für-Schritt-App-Anleitung. Sie sind knapper, strenger und in ihrer Bildsprache alt. Trotzdem lassen sie sich gut als Grundstruktur einer meditativen Praxis lesen.
Zunächst empfiehlt die Gita einen ruhigen, sauberen Ort. Das ist schlicht, aber nicht banal. Der Geist beruhigt sich leichter, wenn nicht schon die Umgebung dauernd an ihm zupft. Dann folgt der Hinweis auf einen stabilen Sitz. Die alten Angaben zu Kusha-Gras, Fell und Tuch gehören in den kulturellen Kontext der Zeit; für die heutige Praxis ist der Kern entscheidend: Der Sitz soll fest, angemessen und nicht nachlässig sein.
Weiter nennt die Gita eine aufrechte Haltung von Körper, Kopf und Nacken. Der Körper soll nicht wie ein militärischer Pfahl erstarren, aber auch nicht in sich zusammensinken. Die Haltung wirkt auf den Geist zurück. Wer das bezweifelt, kann fünf Minuten krumm und fünf Minuten aufgerichtet sitzen. Der Unterschied ist selten nur dekorativ.
Der Blick wird gesammelt im Bereich der Nasenspitze gehalten. Das muss nicht als angestrengtes Starren verstanden werden. Gemeint ist eine Reduktion äußerer Ablenkung. Die Sinne sollen nicht ununterbrochen neue Futterstellen suchen.
Schließlich betont die Gita Maß: nicht zu viel essen, nicht zu wenig essen, nicht zu viel schlafen, nicht zu wenig schlafen. Das klingt fast enttäuschend vernünftig. Aber genau darin liegt eine stille Pointe: Spirituelle Praxis scheitert oft nicht an fehlenden Visionen, sondern an Schlafmangel, Übermaß, Zerstreuung und einem Alltag, der jeden inneren Funken sofort wieder auspustet.
Fragen zur eigenen Vertiefung
Die Bhagavad Gita ist kein Text, den man nur „verstanden“ oder „nicht verstanden“ hat. Oft wirkt sie nach, wenn man einzelne Gedanken in das eigene Leben mitnimmt. Die folgenden Fragen können dabei helfen:
- Wo hängt das eigene Handeln zu stark am Ergebnis?
Es lohnt sich, eine konkrete Situation zu wählen: Arbeit, Familie, Geld, Anerkennung, Gesundheit oder ein persönliches Projekt. Die Frage lautet nicht, ob das Ergebnis unwichtig ist. Die Frage lautet, ob das eigene innere Gleichgewicht vollständig davon abhängt. - Was wäre in einer schwierigen Lage klares Handeln – ohne Aktionismus und ohne Flucht?
Die Gita interessiert sich nicht für bequeme Untätigkeit. Sie fragt nach einem Handeln, das nicht aus Panik, Kränkung oder Gier entsteht. - Welche Form von Yoga ist im eigenen Leben gerade am meisten gefragt?
Manchmal braucht es mehr Karma-Yoga, also bewusstes Handeln. Manchmal mehr Dhyāna-Yoga, also Sammlung. Manchmal mehr Bhakti, also Vertrauen und Hingabe. Und manchmal schlicht Abhyāsa: üben, scheitern, zurückkehren, wieder üben. - Wo wird Gelassenheit mit Gleichgültigkeit verwechselt?
Das ist eine heikle Frage. Gelassenheit kann reif sein. Sie kann aber auch als schöne Verpackung für Rückzug, Bequemlichkeit oder Angst dienen. Die Gita fordert dazu auf, diesen Unterschied ehrlich zu prüfen. - Was bedeutet „Yoga ist Geschick im Handeln“ ganz praktisch?
Diese Frage bringt die Gita vom Buch ins Leben. Geschick im Handeln kann heißen, klarer zu sprechen, weniger impulsiv zu reagieren, eine Pflicht zu erfüllen, einen Konflikt nicht weiter zu füttern oder ein Ergebnis loszulassen, das nicht mehr in der eigenen Hand liegt.

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Wichtige Sanskrit-Begriffe kurz erklärt
- Yoga bedeutet in der Gita je nach Zusammenhang Verbindung, Disziplin, Sammlung, Weg oder innere Ausrichtung. Der Begriff ist beweglicher, als moderne Übersetzungen oft vermuten lassen.
- Karma heißt Handlung, Tat oder Wirken. In der Gita geht es nicht nur um äußere Taten, sondern auch um die innere Haltung, aus der gehandelt wird.
- Dharma bezeichnet Ordnung, Pflicht, Gesetzmäßigkeit oder die einem Menschen zukommende Aufgabe. Der Begriff lässt sich nicht sauber mit nur einem deutschen Wort übersetzen.
- Buddhi ist die unterscheidende Einsicht oder höhere Vernunft. Sie hilft, zwischen bloßem Impuls und klarem Handeln zu unterscheiden.
- Sāṃkhya steht in der Gita für einen Weg der Erkenntnis und Unterscheidung. Der Begriff verweist zugleich auf eine philosophische Tradition, wird in der Gita aber nicht immer streng systematisch verwendet.
- Bhakti meint Hingabe, Verehrung und liebende Ausrichtung auf das Göttliche. In der Gita ist Bhakti kein bloßes Gefühl, sondern eine tragende Lebenshaltung.
- Dhyāna bedeutet Meditation oder meditative Sammlung. Es bezeichnet ein ruhiges, ausgerichtetes Verweilen des Geistes.
- Abhyāsa heißt Übung, Wiederholung und beharrliches Zurückkehren zur Ausrichtung. Der Begriff ist tröstlich realistisch: Der Geist schweift ab, und die Praxis beginnt damit, ihn immer wieder zurückzubringen.
- Vairāgya bedeutet Leidenschaftslosigkeit, Nicht-Anhaften oder Loslösung. Gemeint ist nicht Gefühllosigkeit, sondern Freiheit von innerer Verstrickung.
Seltene, interessante oder leicht humorvolle Fakten zur Bhagavad Gita
- Die Bhagavad Gita wurde 2025 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen. Damit wird sie nicht nur als religiöser oder philosophischer Text betrachtet, sondern als dokumentarisches Kulturerbe von globaler Bedeutung.
- Die Gita ist formal nur ein kleiner Ausschnitt aus einem riesigen Epos. Sie steht im Bhīṣma-Parva, dem sechsten Buch des Mahabharata, wird aber meist als eigenständiger Text mit 18 Kapiteln gelesen. Das ist ein bisschen so, als hätte sich ein Kapitel aus einem Riesenroman selbstständig gemacht und Weltkarriere gemacht.
- Die bekannte Zahl von 700 Versen ist Standard, aber nicht völlig ohne Varianten. Manche Zähltraditionen kommen auf 701 Verse, unter anderem durch einen zusätzlichen Eingangsvers zu Kapitel 13. Noch höhere Zahlen werden diskutiert, doch die 700 Verse gelten seit langer Zeit als maßgebliche Norm.
- Die heute geläufigen Kapitelnamen wie „Karma-Yoga“ oder „Bhakti-Yoga“ gehören nicht unbedingt zum ursprünglichen Textbestand. Die Gita selbst wurde später oft mit Kapiteltiteln versehen, die die Lektüre erleichtern. Praktisch sind diese Titel trotzdem – man sollte sie nur nicht mit dem ursprünglichen Wortlaut verwechseln.
- Śaṅkaras Kommentar zur Gita gilt als einer der ältesten erhaltenen und einflussreichsten Kommentare. Er trug erheblich dazu bei, die Gita als einen Grundtext des Vedānta zu etablieren. Wer glaubt, Kommentare seien nur Fußnoten, unterschätzt hier die Macht der Fußnote.
- Die erste direkte englische Übersetzung der Bhagavad Gita erschien bereits 1785. Der Übersetzer war Charles Wilkins. Für die europäische Rezeption indischer Philosophie war das ein Schlüsselereignis.
- Mahatma Gandhi bezeichnete die Gita sinngemäß als spirituelles Nachschlagewerk. Er wandte sich ihr in Krisen zu und sah in ihr eine wichtige Orientierung für Selbstdisziplin, Wahrheitssuche und Handeln ohne egoistische Fruchtbindung.
- J. Robert Oppenheimers berühmtes „Now I am become Death“ (Nun bin ich der Tod geworden) stammt aus der Bhagavad Gita. Der Satz wurde im Zusammenhang mit dem ersten Atomwaffentest 1945 weltbekannt. Interessant ist dabei weniger der Popkultur-Effekt als der bittere Kontrast: Ein spiritueller Text über Pflicht, Tod und kosmische Ordnung wurde zum Echo eines technologischen Schocks.
- Die Gita wurde millionenfach in preiswerten Ausgaben verbreitet. Besonders die Gita Press in Gorakhpur spielte bei der Popularisierung hinduistischer Texte im 20. und 21. Jahrhundert eine große Rolle; für 2019 werden enorme Produktionszahlen genannt, darunter viele Millionen Gita-Ausgaben.
Quellen gesammelt
- Bhagavad Gita, Kapitel 2, 3, 4, 5, 6, 12, 13, 14 und 18.
- Bhagavad Gita 2.48, 2.50, 3.3, 4.27, 5.2, 5.4–5, 6.10–23, 6.46, 8.8, 10.10, 12.9, 13.25, 14.26, 18.52–53.
- UNESCO / United Nations India: Aufnahme der Bhagavadgītā und des Nāṭyaśāstra in das Memory-of-the-World-Register.
- Überblick zur Bhagavad Gita, Verszahl, Kapitelstruktur und Einbettung in das Mahabharata.
- Angaben zu Varianten der Verszählung und Manuskriptüberlieferung.
- Charles Wilkins und die erste englische Übersetzung der Bhagavad Gita von 1785.
- Kommentargeschichte der Bhagavad Gita, insbesondere Śaṅkara.
- Gandhi und die Bhagavad Gita als spirituelle Orientierung.
- J. Robert Oppenheimer und sein Bezug zur Bhagavad Gita.
- Gita Press und die Verbreitung preiswerter Gita-Ausgaben.
- KI: ChatGPT
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- Das Yogasutra – jede Sutra detailliert erläutert
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- Goraksa-Sataka – die älteste Hatha-Abhandlung
- Brahma-Sutra Bhashya von Sankara – der Kommentar von Sankara
- Mrigendra Tantra Yoga Pada
- Die Shiva Samhita
dhyāna heyāḥ tad-vṛttayaḥ
yama niyama-āsana prāṇāyāma pratyāhāra dhāraṇā dhyāna samādhayo-'ṣṭāvaṅgāni
Tatra pratyaya-ikatānatā dhyānam
tad evaarthamaatranirbhaasam svarupa-shunyamiva samâdhih
Trayam ekatra samyamah
Tatra dhyānajamanāśayam
