asmita ich spiegel gesicht leerdṛig-darśana-śaktyor-ekātmata-iva-asmitā
दृग्दर्शनशक्त्योरेकात्मतेवास्मिता

Kommt es dir manchmal so vor, als ob dein Selbstverständnis von dir und deine Vorstellung von der Welt grundlegend wanken? „Gut so!“, würden dir die alten Yoga-Weisen zurufen. Denn sie betonen, dass wir das ›normale‹ Verständnis unserer selbst als Illusion erkennen und ablegen müssen. Sie sehen persönliches Wissen – so offenkundig es erscheinen mag – als oftmals trügerisch an. Zum Beispiel jenes Wissen (bzw. Vorstellung) davon, was ich ganz selbstverständlich als „Ich“ wahrnehme.

Inhaltsverzeichnis aus-/einklappen

mensch anatomie skelett blauBist du dein Körper?

Punkt 1

1. Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Drig, dṛk, dr̥k, drg = reines Gewahrsein; der Sehende, der Wahrnehmende; das (eigentliche) Selbst; Drashtu;
  • Darsana = Vision; Perspektive;
  • Saktyoh = Kraft;
  • Darshana-shaktyoh, darśana-śakti = Kraft des Sehens; das wandelbare Selbst, Chitta; Instrument des Sehens;
  • Eka = Eins;
  • Amata = Selbstsein; Selbstheit;
  • Ekatmata, ekâtmatâ = Identität; Verschmelzung; Einheit;
  • Eva, iva = als ob;
  • Asmita, asmitâ, asmitā = „Ich-Sein“; das Gefühl von „Ich“; Egoismus; Identifikation mit dem Wandelbaren; menschliche „Persönlichkeit“ (Eliade); Gefühl der Individualität (Eliade); Selbstbezogenheit;

2

Übersetzungsvarianten aus-/einklappen
Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

Dein Übersetzungsvorschlag

Du findest die bisherigen LeserInnen-Übersetzungen und -Ergänzungen unten.

Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?

Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

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Punkt 3

3. Wo wir stehen

Patanjali beginnt das zweite Kapitel im Yoga-Sutra mit den Hindernissen auf dem Yoga-Pfad.

Diese Kleshas sind (Sutra II-3):

Unwissenheit wurde (Sutra II-4) als die Wurzel aller übrigen leidvollen Zustände gebrandmarkt. 

In dieser Sutra hier geht es um die Probleme durch das Ego.

„Asmita ist missratenes Selbstbewusstsein.“

R. Sriram, S. 85

Punkt 4

hindernis frau mauer bergeWird es dir gelingen, Asmita zu überwinden?

4. Identifikation als Problem und Hindernis auf dem spirituellen Weg

Wir wissen nicht, wer oder was wir wirklich sind, wenn wir noch nicht am Ziel der Yoga-Reise angekommen sind. Ein Resultat von Avidya, unserer Unwissenheit.

Das erkennen wir aber nicht. Denn ersatzweise identifizieren wir uns laufend mit irgendetwas. Mit unserem Körper, unseren Eigenschaften, unseren Gedanken, Rollen, Standpunkten oder Emotionen (Ängsten, Freuden, Ärger, Vorlieben ...). „Das alles bin Ich.“

Problematisch auch: Das alles muss ich bewahren, verbessern und vor Abwertung in Schutz nehmen. Was für ein Stress.

Anschaulich wird diese Phänomen auch, wenn Menschen auf die Frage „Und wer bist du“ spontan mit ihrem Beruf antworten.

Oder achte einmal darauf, wie du sprichst. „Ich bin traurig“. Fröhlich, ärgerlich, verliebt, niedergeschlagen ... So ausgedrückt identifizierst du dich im Geiste mit deinen Gefühlen.

Der erkennende Yogi hingegen, so Deshpande und Bäumer auf Seite 94, beziehe sich selbst „auf alles, was man sieht, den Menschen inbegriffen, als -es-, als dritte Person.“ Sie sprechen also von sich selbst, wenn sie über sich nachdenken, in der dritten Person. Beispiel: "Dieser Körper fühlt sich gerade müde". Kannst du ›dich‹ aus dieser Distanz betrachten?

Zwischenfazit:

Mangelndes Erkennen führe beim Menschen zum Sinn der Ichhaftigkeit. In Sanskrit ›Asmita‹.

Punkt 5

5. Die Yoga-Lehre vom wahren Selbst

Laut Philosophie des Yogas gibt es etwas (in uns, um uns, auf einer anderen Ebene existierend?), was hinter allen unseren Empfindungen, Gedanken, Energien oder körperlichen Ausgestaltungen steht: unser wahres Selbst, Atman genannt.

Punkt 6

evolution mensch wandel w

6. Das Wandelbare

Alles andere – der Körper, unser Verstand, unsere Intelligenz, unsere Gefühlslage, unseren Neigungen usw. – ist wandelbar. Atman ist beständig. Der normale Mensch identifiziert sich aber aufgrund seiner Unwissenheit [Avidya] mit dem Wandelbaren.

„Asmita erscheint in der Form von Bewusstseinslosigkeit, die sich als Selbstbewusstsein ausgibt.“

Deshpande/Bäumer, S. 96

Alle wandelbaren Körperzustände, Emotionen, Stärken, Schwächen usw. sind alles nur temporäre Teilbereiche unserer Selbst. Swami Satchidananda drückt sich so aus: „Das Ego ist die Reflektion des wahren Selbstes auf dem Geist.“

Punkt 7

egokoerper was bin ich e 564

7. Wo ist das Problem mit dem Ego?

Aus der geistigen Identifikation mit diesen sich laufend wandelnden Eigenschaften resultiert sogar eine Vielzahl von Problemen. Das fängt beim Verletztsein durch Herabwürdigungen unserer Taten an und hört beim ständigen Drang zum Befriedigen unserer Neigungen noch lange nicht auf.

Logisch: Da ICH nicht zerstört werden will, muss ICH mein Ego verteidigen, wenn jemand daran herumkrittelt.

Oder zur Problematik der Identifikation mit dem Körper: Wenn dieser Körper irgendwann altert, fühlen wir uns zunehmend nutz- und wertloser. Der Tod wird zur finalen Bedrohung.

7.1. Der Haben-Wollen-Leid-Mechanismus

Alles in dieser Welt wandelt sich. Durch die Identifikation mit dem Wandelbaren halten wir aber am sich Wandeln-Wollenden fest. Das führt immer dann zu Leid. Im Extremfall ist damit unsere Abwehr vor dem Tod gemeint.

7.2. Die Metapher von den Instrumenten

Wir sind so wie ein Handwerker, der sich abwechselnd mit seinem Hammer, mit seiner Säge und seinem Zollstock identifiziert. Opfer einer Illusion. Wim van den Dungen: „Die Fähigkeit zu sehen ist Teil der Natur. Der Seher [hingegen] ist kein Teil der Natur.“ Schuld für die Verwechslung der Erkenntnismittel (Sinne, Intelligenz und das Ich) mit dem wahren Selbst sei, so Iyengar, das Werk des Ego.

7.3. Das unsterbliche Selbst

Wie gesagt: Laut Yoga-Lehre hat jeder Mensch eine ewige Grundnatur. Unsere physische Daseinsform ist nur eine von vielen möglichen Existenzformen dieser wahren Grundnatur – dem wahren Selbst, Purusha oder Atman. Alles andere, Körper, Gefühle, Gedankenwellen (vrittis), Verstand usw. gehört zum weltlichen, zu Prakriti. Nicht zum ›Wahren Ich‹!

7.4. Wie könnte ich in einer anderen Welt sein?

Stelle dir einmal vor, du bist nur Bewusstsein, ohne Gedanke, nur Wahrnehmung. Das ist gar nicht so einfach.
Oder versuche dir vorzustellen, du wärst ein Gaswesen. Ein Vogel. Oder ein Stein. Oder irgendetwas ganz anderes, völlig Skurriles.

Punkt 8

meditation fels frau sonne baum 564

8. Meditation als Quelle wirklichen und wahren Wissens

Wie kommen die Yogis darauf, dass es so etwas wie das ›Wahre Selbst‹ gibt? Es handelt sich um Erkenntnisse aus tiefen Meditationen. Dr. R. Steiner beschreibt exemplarisch eine seiner Meditationserfahrungen wie folgt: „... physische Welt ... erloschen .... [keine] Emotionen ... [keine] Gedanken. Ich befand mit in einer anderen Form von Existenz. ... Ahnung gab, dass viele Formen des Daseins existieren.

Von Buddha bis in die Neuzeit sind zahlreiche solcher Meditationserfahrungen überliefert worden. Auf dem spirituellen Pfad Fortgeschrittene erreichen durch solche Erfahrungen irgendwann eine neue Form des Selbstverständnisses. Dafür gibt es dann einen neuen Namen. Statt Asmita tritt dann Ahankara auf: eine klare Form des Selbstbewusstseins. Ahankara soll allerdings erst im Samadhi erreicht werden.

Fazit: Meditation hilft Avidya, die Unwissenheit, zu überwinden (wahres Wissen folgt, siehe Sutra I-47). Und damit auch die falsche Identifikation, Asmita genannt. Aber diese Aufgabe des Egos ist keinesfalls ein Verlust, nur eine Abkürzung des Leidens! Denn die Yogalehre hat stattdessen Tröstliches zu bieten: Am Ende gäben wir ohnehin alle die falsche Identifikation auf und würden eins mit dem, „von dem wir eigentlich nie wirklich getrennt waren“.

8.1. Dein Feedback / deine offene Frage an den Text

Ist etwas unklar geblieben? Kannst du etwas ergänzen oder korrigieren?

Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Oder kannst du etwas verdeutlichen oder berichtigen? Eine eigene Erfahrung schildern ... Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

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Hier die bisherigen Antworten anschauen ⇓

Antwort 1
Das ist für mich im Alltag immer wieder neu herausfordernd. Schon die Erinnerung daran ändert mein Verhalten. Nur erinner ich mich zu selten dran ????

Punkt 9

9. Siehe auch (Sutra mit ähnlichen Aussagen)

Siehe zu Asmita auch:

In Sutra I-17 hat Asmita in Form von Ich-Bewusstsein durchaus positive Seiten:

10.

 auge feld 250Vitarka–vichâra-ânandâ-asmitâ-rupa-anugamât samprajñâtah
वितर्कविचारानन्दास्मितारुपानुगमात्संप्रज्ञातः

Es ist hochinteressant, wie (unterschiedlich) sich der Weg hin zum und der Entwicklungsverlauf im Samadhi vollzieht. Bei der Deutung von Sutra I-17 weisen die Übersetzungen jedoch deutliche Unterschiede auf. Was nicht verwundert, da wir in einen Bereich des Yoga vordringen, der erst nach langer Praxis erreicht wird: Samadhi. Zudem werden die Erfahrungen hier subjektiv durchlebt und können schwer in Worte gefasst werden.

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Siehe auch zur fehlerhaften Identifizierung Sutra I-4:

11.

om Vṛitti sārūpyam-itaratra 
वृत्तिसारूप्यमितरत्र

Also ... In allen anderen Umständen, außer dem der klaren Sicht, identifiziert sich der Mensch mit seinen Vrittis. Das gilt es zu ändern. An Vorschlägen, was man als Yogi tun kann, soll es nicht mangeln ... 

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Ähnliche Aussagen und Gedanken in:

12.

 
Sattwa-purushayor atyantâsamkirnayoh pratyayâvishesho bhogah parârthât svârtha-samyamât purusha-jnânam
सत्त्वपुरुषायोः अत्यन्तासंकीर्णयोः प्रत्ययाविशेषोभोगः परार्थत्वात्स्वार्थसंयमात् पुरुषज्ञानम्

 

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13.

orange sonne frau meersvasvāmi-śaktyoḥ svarūp-oplabdhi-hetuḥ saṁyogaḥ
स्वस्वामिशक्त्योः स्वरूपोपलब्धिहेतुः संयोगः

Wieder eine positive Sutra in Bezug auf unser Dasein und unsere Erfahrungen in der Welt. Sie gibt eine (Teil-)Antwort auf den Sinn des Lebens. Wir schauen uns die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten dazu an.

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14.

aufloesung mensch rahmenKritârtham prati nashtam apy anashtam tad-anya-sâdhâranatvât
तदर्थ एव दृश्यस्यात्मा

 Dies ist eine für den Normalmenschen kaum nachvollziehbare Sutra. Wie soll sich die Welt für mich auflösen, wenn ich sie völlig (und dauerhaft) durchschaue? Die Kommentatoren versuchen, diesen Prozess zu erklären und geben wertvolle Empfehlungen.

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15.

auge welt blau schwarzTadartha eva dṛśyasyātmā
तदर्थ एव दृश्यस्यात्मा

Eine durch und durch positive Sutra. Und eine, aus der wir viel Kraft schöpfen können – in guten und in schlechten Zeiten. Eine Sutra, die unser Interesse für die Welt und unsere permanente Achtsamkeit stark zu motivieren vermag. Die uns bei einer Entscheidung „Soll ich das jetzt tun oder lieber lassen“ als Richtschnur zur Verfügung steht.

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16.

kopf frau weiss bueste allDrashtri-drishyayoh samyogo heya-hetuh
द्रष्टृदृश्ययोः संयोगो हेयहेतुः

In dieser Sutra finden wir Ursache und Erlösung von allem Leid. Wir müssen nur unsere Unwissenheit, unsere Falsch-Wahrnehmung und Fehl-Identifikation überwinden, dadurch nicht mehr den Wahrnehmenden (Atman, Purusha) mit dem Wahrgenommenen (Prakriti) verwechseln und schon wären wir aller Sorgen ledig. Doch wie gelingt uns das?

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Punkt 10

17.

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-6:

Laut Iyengar gibt es stets einen Unterschied zwischen dem ›Wahren Seher‹ (deinem ›Wahren Selbst‹) und dem, was subjektiv als der Sehende empfunden wird. Erkennst du das nicht, verwischt beides bei dir, unterliegst du Asmita.

Übe in der kommenden Woche, dir dieses Unterschiedes zwischen dem „wahren Seher“ und dem „Instrument des Sehens“ immer deutlicher bewusst zu werden. Govindan drückt es so aus: „Spüre, dass du nicht der -Handelnde- bist, sondern nur der Sehende.“

Am Ende würde dieses Bemühen, so Iyengar weiter, zu einer „Verschmelzung“ von ›Wahrem Seher‹ und dem ›Instrument des Sehens‹ kommen. Dann würde es zur [wahren] Erfahrung der Wirklichkeit kommen und die Trennung von Subjekt und Objekt ist aufgehoben.

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Punkt 11

18. Videos zu Sutra II-6

In den Tabs finden sich Videos zu dieser Sutra

{tab  Sukadev}

Yoga-Vidya Videos zu den Sutras II-1 bis II-11:

Desikachar Video zu Sutra II-6:

{tab Nayaswami Asha}

 Nayaswami Asha Video zu den Sutras II-4 bis II-6:

Punkt 12

19. Beliebt & gut bewertet: Bücher zum Yogasutra

19.1. Alte Schriften auf Yoga-Welten.de

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➔ Zu allen alten Schriften auf Yoga-Welten.de

Weitere oft aufgerufene alte Schriften

Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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