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om Vṛitti sārūpyam-itaratra 
वृत्तिसारूप्यमितरत्र

Also ... In allen anderen Umständen, außer dem der klaren Sicht, identifiziert sich der Mensch mit seinen Vrittis. Das gilt es zu ändern. An Vorschlägen, was man als Yogi tun kann, soll es nicht mangeln ... 

Deutung: Verwirrung überwinden

In dieser Sutra sagt Patanjali, was der Yogi hinter sich lassen muss: Die Identifizierung mit den eigenen geistig-seelischen Vorgängen. Das ist die Vergangenheit. "Nun" - siehe Sutra I-1 - folgt der Weg des Yogas. Nicht mehr an der Vergangenheit hängen, nicht alle Hoffnung an die Zukunft klammern - jetzt Yoga machen.

 
 

Beachte

Patanjali sagt: Alles andere (außer Nirodha) ist Verwirrung. Alles andere!

Deshpande deutet dies so: Der Mensch, der vom existentiellen Sehen wieder ins vorstellende Wählen abgleitet, identifiziert sich wieder mit seinen Gedanken und landet bei Spannungen, Konflikten usw. Den Akt des Nicht-Wählens (sein Vorschlag!) sieht er als demütige Anerkenntnis dessen, dass man als Mensch nichts über das Leben und die Wirklichkeit weiß.

Ich bin das nicht!

"Nicht dies, nicht dies, Neti, Neti" ist ein bekanntes Mantra, das von einigen Yogalehrern zur ständigen Wiederholung empfohlen wird. Folglich lautet ihr Vorschlag zur Behebung der Identifikation mit den Geistesbewegungen: Du fragst dich immer: "Bin ich dies?" und sagst dir sogleich: "Neti, Neti".

Nach Sukadev meint Patanjali jedoch, dass jeder Gedanke eine Identifikation enthält. Ohne diese gäbe es gar keine Gedanken, auch wenn ich "Neti" denke. Man solle die Identifikation halt so klein und kurz wie möglich halten.

Die Gedankenmaschine

Narada weist im Hinblick auf Sutra I-4 darauf hin, dass der große Teil unserer Gedanken autonom abläuft.

Resultieren aus diesem Gedankenkarussell gute Stimmungen (z.B. wenn der Lieblingsmensch den ganzen Tag im Kopf herumspukt), mag der Denker sich freuen. Oftmals, vor allem in späteren Jahren, wenn der Druck steigt und die Kräfte nachlassen, verhält es sich umgekehrt: Gedanken münden in Melancholie. Depression kommt zwar auch in jungen Jahren vor, ist aber vor allem eine Alterserscheinung.

Egal, ob die Gedanken gute oder schlechte Stimmungen zur Folge haben, eines steht für Patanjali und andere Yogis fest: Der Mensch ist bei Identifikation mit den Gedanken nicht Herr seiner selbst.

Yoga strebt daher mit seinen Techniken (Vorschläge über Vorschläge: Achtsamkeit, Konzentration auf ein Objekt, Kontrolle der Aufmerksamkeit, Pranayama, Meditation ...) eine Herrschaft über die Bewegungen im Geist und damit über sich selbst an. In einem Wort: Selbstbeherrschung.

Übrigens: Wim van den Dungen (Sofiatopia) sieht die Wurzelursache aller Unwissenheit in der Übereinstimmung bzw. Identifikation mit den Strömungen des Geistes.

rolle angeschnitten

Der Purusha in der Höhle

Patanjalis Hinweise zu unserer unter "normalen" Umständen verzerrten Wahrnehmung kann man gut am berühmten Höhlengleichnis veranschaulichen. Platon (428/427–348/347 vor Chr.) lässt diese Geschichte am Anfang des siebten Buches seines Dialogs Politeía von Sokrates erzählen.

Wir befinden uns in einer unterirdischen Höhle. Ein breiter Gang führt nach oben, Licht (ein Feuer oder die Sonne) scheint über diesen Zugang in die ansonsten dunkle Höhle.

hoehle

Unten in der Grotte kauern Gefangene, die seit der Geburt so gefesselt sind, dass sie nur auf die dem Ausgang entgegengesetzte Höhlenwand blicken können. Sie haben sich noch nie umgedreht und ahnen nichts von der Welt dort oben.

Als weitere Erkenntnishürde führt Sokrates eine Mauer ein, die im Gang zwischen Lichtquelle und Höhlengefangenen einen Teil des Lichtes abschneidet. Oben flanieren Menschen vor dem Höhleneingang hin und her und tragen dabei verschiedene Lasten. Die Mauer ist so hoch, dass auf der Höhlenwand nur die Schatten der getragenen Lasten ankommen, die Schatten der Menschen werden von der Mauer abgefangen.

mauer

Damit erscheint es den Höhlenbewohnern so, als ob die getragenen Lasten sich eigenständig bewegten. Einige Träger oben unterhalten sich, ihre Worte werden von der Höhlenwand auf die Gefangenen zurückgeworfen. Für die Höhlengefangenen wirkt es so, als würden die Schatten der getragenen Lasten sprechen.

Sokrates geht soweit, die Höhlenbewohner eine Wissenschaft von den Bewegungen der Schatten entwickeln zu lassen. Derjenige der Schattenwissenschaftler, der die besten Voraussagen zur Bewegung der Schatten macht, erhält das höchste Ansehen.

Betrachten wir diese Sehfähigkeit der gefangenen Höhlenbewohner als die eines Menschen, der die Welt mit Vrittis wahrnimmt. Platon verstand darunter die Wahrnehmung eines Menschen mit den normalen Sinnen.

Einer bricht aus

Nun schlägt Sokrates vor, dass einem Gefangenen die Flucht gelingt. Zunächst befreit er sich von den Fesseln und ist in der Lage, sich umzudrehen. Im ersten Moment wird er sich geblendet abwenden. Doch bleibt er neugierig (oder wird gezwungen), steht auf und wankt dem Licht entgegen, so wird er sich nach und nach an die Helligkeit gewöhnen.

Würde dieser Gefangene wieder in die Welt der Schattenhöhle zurückwollen, nachdem er die lichte Welt oben kennen gelernt hat? Sicher nicht. So mag es auch einem Yogi ergehen, der den Purusha geschaut hat.

Sokrates geht noch weiter: Man stelle sich vor, dieser Befreite eile zurück in die Höhle und würde die anderen Gefangenen von seinen Erlebnissen berichten. Dort unten angekommen würde er erst einmal nichts sehen, da es zu dunkel für seine Sinne ist, er würde sich vielleicht sogar tollpatschig verhalten. Würden die Gefangenen so einen Menschen ernst nehmen?

Das Höhlengleichnis von Platon enthält noch weitere Deutungsmöglichkeiten und Gleichnisse. Wer mehr lesen mag, schaue zum Beispiel auf Wikipedia.

Schlussfolgerungen

Sriram formuliert anschaulich: Wenn keine Einheit vorhanden ist, wird Wahrnehmung durch Gefühle und Gedanken verfälscht.

Iyengar zieht an dieser Stelle ein wichtiges Fazit, dass vielen vielleicht nicht munden mag: Aus den Sutras I-1 bis I-4 sei zu ersehen, dass Übung und Entsagung zusammen gehören. Übung ohne Entsagung würde "nichts fruchten". (Iyengar "Urquell des Yoga" Seite 35). Denn mit einem Flügel könne ein Vogel nicht fliegen.

Übung zu Yoga Sutra I-4

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche: Achte in dieser Woche auf deine Identifikationen mit den Bewegungen des Geistes. Sei wachsam.

Frage dich so oft es dir behagt: "Bin ich diese Stimmung, diese Klugheit, diese Erinnerung, dieses Gefühl, dieser Gedanke ...?" Antworte dir selbst: "Nein. Neti."

Videos zur vierten Sutra:

Erläuterung zur vierten Sutra auf Deutsch:

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