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ohr frei 250
Visayavati va pravrttir utpanna manasah sthiti-nibandhani
विषयवती वा प्रवृत्तिरुत्पन्ना मनसः स्थिति निबन्धिनी

 

Auch bei dieser Sutra gehen schon bei der Übersetzung die Bedeutungsinterpretationen auseinander. Vielleicht steckt in jeder der Interpretationen ja ein Quäntchen (hilfreiche) Wahrheit. Auf jeden Fall geht es Patanjali in dieser Sutra darum, wie unsere Sinneswahrnehmung uns ein Tor nach innen öffnet.

 

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrit

  • Visayavati = die Sinne betreffend; die Art, wie die Sinne auf Gegenstände zugehen; Objekt, Gegenstand;
  • Visaya, viṣaya = Objekt, Gegenstand;

  • Vati, vatī = haben; Eindrücke, Sinne;
  • Va = oder;
  • Pravrttih, Pravritti = Funktion; (gesteuerte) Tätigkeit; gezielte Gedanken; bewusst erzeugte Gedankenwellen; Fortschritt; Neigung;
  • Utpanna = entstanden; geboren; hervorkommen; sichtbar werden;
  • Manasah, Manasa = des Gemütes; des Geistes; aus dem niederen Geist;
  • Sthiti = Beharrlichkeit; Stabilität;
  • Nibandhani = Bildung von, hilfreich bei der Herstellung von; Gebundenheit;

 

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Die umstrittenen Fragen zu dieser Sutra lauten: Welche Sinne meint Patanjali? Was empfiehlt er konkret?

  • Ich halte Satchidanandas Variante für hervorstechend plausibel: "... Konzentration auf subtile Sinneswahrnehmung kann Beständigkeit des Geistes bewirken".
  • Ähnlich Skuban: "... Fokussierung auf feine Sinneswahrnehmung ...".
  • Oder Govindan: "... Ausrichtung auf [feinen Fokus in der] Welt der Sinne".
  • Coster: "... Meditation über irgendeine umfassende sinnliche Erfahrung ...".
  • Deshpande: "... das Entstehen einer intensiven Beschäftigung in Bezug auf einen Gegenstand ...".
  • Dr. Ronald Steiner: "... Kontemplation über Objekte und Eindrücke".
  • Leicht abweichend schon R. Sriram: "... auf welche Weise die Sinne sich auf Objekte zubewegen ...".
  • Einen anderen Fokus setzen Iyengar: "... intensiver Beschäftigung mit einem Gegenstand ..." und Sukadev: "Festigkeit ... wird begründet, wenn die höheren Sinne wirksam werden".
  • Ähnlich Hariharananda Aranya: "Die Entwicklung von höherer Objekt-Wahrnehmung ..." oder Prabhavananda und Vivekananda: "Die Formen der Konzentration, die in außergewöhnlicher Sinnes-Wahrnehmung münden ...".
  • Gabriel Pradīpaka: "... durch höhere Wahrnehmung in Bezug auf Objekte ...".
  • Wie meist ganz eigen die Übersetzung von 12koerbe.de: " auch Objektivität, gespannte Aufmerksamkeit des Denkens ...".
  • Wim van den Dungen: "... wenn eine höhere Sinnes-Aktivität emporsteigt ...".

 

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Mit den Sinnen zu Samadhi

Ein Weg zur Stabilität und Klarheit des Geistes liegt laut dieser Sutra darin, sich auf Sinnenseindrücke zu konzentrieren bzw. darüber zu meditieren. Dies können alle Klänge, Bilder, Empfindungen oder sonstigen Wahrnehmungen sein. Auch innere Sinneswahrnehmungen. "Höhere" Sinne.

Durch diese Konzentration auf die Sinneseindrücke erschafft man eine Distanz zu den psychischen Emotionen und Gedanken und lenkt die Aufmerksamkeit so, dass der Geist ruhig wird. In Richtung des Yoga-Zieles aus Sutra I-2.

 

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Mögliche Sinnes-Konzentrationsobjekte

Sukadev empfiehlt in seinem Kommentar zu Sutra I-35, sich auf die inneren (Anahata-) Klänge oder ein Licht im dritten Auge zu konzentrieren. Man müsse aber nicht verzagen, wenn man Derartiges nicht bei sich feststellt, es gebe ja noch viele weitere Techniken, die Patanjali anspricht.

Skuban nennt als Übungsmöglichkeit die Konzentration auf den Klang eines Mantras oder eine Reise mit der Achtsamkeit durch den Körper (BodyScan). Er und Satchidananda berichten davon, dass Yogis besondere Düfte wahrnehmen, wenn sie sich auf die Nasenspitze konzentrieren bzw. außergewöhnliche Geschmäcker bei Achtsamkeit auf die Zungenspitze.

Ähnlich äußert sich Govindan, indem er von "feinerem" Geruchssinn bei Konzentration auf die Nasenspitze berichtet oder von einem "erhöhten" Geschmacksempfinden bei Konzentration auf die Zungenspitze.

 

Zeichen des Fortschritts

Satchidananda schreibt, dass verschiedene außergewöhnliche Sinneswahrnehmungen in einigen Stadien der Praxis der Konzentration auftreten werden. Govindan berichtet von "Hellsehen" und "Hellfühlen". Dies kann als Zeichen des Fortschritts in der Praxis angesehen werden, sollte aber nicht Ziel der Yoga-Praxis sein.

 

Ohne die Liebe ... alles trocken Land

Deshpande gibt uns in seiner Besprechung zu Sutra I-35 (S. 69) eine ganz außergewöhnliche Sinnens-Meditation an die Hand. Man meditiere über "... das leidenschaftliche Interesse, das dem Geheimnis menschlicher Beziehung ... zugrunde liegt". Dies führe "... zu der bedeutenden Entdeckung, dass ohne Liebe alles nur trockenes Land ist". Hieraus resultiere eine "Stille, in der alle Stürme zur Ruhe kommen".

 

Übung zu Yoga Sutra I-35

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche:

Suche dir diese Woche eine der in der Besprechung zu Sutra I-35 genannten Sinnes-Konzentrationsobjekte heraus und versuche, deine diesbezügliche Wahrnehmung immer weiter zu sensibilisieren.

 

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