Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

aufloesung mensch rahmenKritârtham prati nashtam apy anashtam tad-anya-sâdhâranatvât
तदर्थ एव दृश्यस्यात्मा

 Dies ist eine für den Normalmenschen kaum nachvollziehbare Sutra. Wie soll sich die Welt für mich auflösen, wenn ich sie völlig (und dauerhaft) durchschaue? Die Kommentatoren versuchen, diesen Prozess zu erklären und geben wertvolle Empfehlungen.

ADH Corona Banner 540x140

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Krta, kṛṭa = vollendet; getan; erreicht;
  • Artham, artha arthaṁ = Ziel; Sinn, Zweck; Bedeutung;
  • Kritasrtham, kritârtham = dessen Zweck erfüllt ist; abgeschlossenes Thema;
  • Prati = für; zu; mit Beachtung von;
  • Nashtam, naṣṭam, nasta = zerstört; nicht vorhanden; verschwunden; verloren;
  • Pratinasta = verschwindet;
  • Apy = obwohl; trotzdem;
  • Anashtam, anaṣṭaṁ = weiter bestehen; nicht zerstört; weiter vorhanden;
  • Tat = als das; das;
  • Anya = andere; zu anderen; für die anderen;
  • Sadharanatvat, sâdhâranatvât = da es allgemein (gültig) ist; gemeinsame Erfahrung; Allgemeingültigkeit; aufgrund von Universalität;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin. Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „Die Prakriti wird für den, der sein Ziel erreicht hat, unwirklich ...“
  • Deshpande/Bäumer: „... löst (das Gesehene) sich auf ...“
  • Dr. R. Steiner: „Hat ein Objekt diesen seinen Zweck erfüllt ...“
  • Coster: „Und doch besteht eine objektive Wirklichkeit im Weltall ...“
  • Feuerstein: „... dessen hoher Zweck erreicht ward ... aufgehört ... für andere, die nicht erleuchtet sind.“
  • R. Palm: „... obwohl es nicht verschwunden ist, weil die anderen es aufrechterhalten.“
  • R. Sriram: „... Wenn ein Objekt seinen Zweck für jemanden erfüllt hat ...“
  • Govindan: „Für den, der das Ziel der Befreiung erreicht hat ...“
  • Iyengar: „(Die Beziehung zur Natur) hört für befreite Wesen auf ... andere jedoch beeinflusst sie weiterhin ...“
  • Chip Hartranft: „Sobald dies geschieht, erscheint die phänomenale Welt nicht mehr als solche; sie existiert jedoch weiterhin als gemeinsame Realität für alle anderen.“
  • R. Skuban: „Für einen, der sein Ziel erreicht hat ...“
  • G. Pradīpaka: „Auch wenn (api) in Bezug auf einen ... der seinen Zweck (damit) erfüllt hat ... das Objekt oder das Erkennbare (tad) verschwindet, verschwindet es nicht wirklich (anaṣṭam), weil es für andere (anya) (auch) üblich ist ...“
  • 12koerbe.de: „was das Getane als Sinn hat, ...“
  • Hariharananda Aranya: „Obwohl es in Bezug auf ihn, dessen Zweck erfüllt ist, nicht mehr gibt, hört das Erkennbare nicht auf zu existieren, weil es für andere [weiterhin] von Nutzen ist.“
  • I. K. Taimni: „Obwohl es für ihn, dessen Zweck erfüllt ist, nicht mehr existiert, bleibt es für andere bestehen, da es für andere ... gebräuchlich ist.“
  • Swami Satchidananda: „Obwohl es für den, der die Befreiung erlangt hat, zerstört ist, existiert es für andere weiter, die es gemeinsam haben.“
  • Swami Prabhavananda: „Obwohl der Gegenstand der Erfahrung für den, der den Befreiungszustand erreicht hat, unwirklich wird, bleibt er für alle anderen Wesen real.“
  • Swami Vivekananda: „Obwohl es für ihn zerstört ist, dessen Ziel erreicht ist, wird es dennoch nicht zerstört, da es anderen gemeinsam ist.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Obwohl das Gesehene für den, der seinen Zweck erfüllt hat, aufgehört hat zu existieren, hat es dennoch nicht aufgehört zu existieren, da es eine gemeinsame Erfahrung für alle anderen ist.“

Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

Dein Übersetzungsvorschlag

Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?

Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

Die Seite wird zum Absenden NICHT neu geladen (Ihre Antwort wird im Hintergrund abgesendet).

Punkt 3

Wo wir stehen

Wir befinden uns im zweiten Kapitel des Yogasutra von Patanjali. Es handelt von der „Praxis“. Patanjali beginnt das Kapitel mit dem Versprechen, dass Yoga die Leiden des Yogis vermindere und (irgendwann) zu Samadhi, zur allumfassenden Freiheit führe.

In Sutra II-3 bis II-11 schildert Patanjali die fünf Haupt-Hindernisse auf dem Yogapfad, die sogenannten Kleshas (Unwissenheit, Anhaftung, Ablehnung, Ego, Lebensdrang). Erste Wege zur Überwindung der Hindernisse werden angerissen (Gegenschöpfung, Meditation).

Sutra II-12 bis II-15 handeln von Karma (Folgen von Handlungen und Gedanken, die aufgrund der Kleshas geschehen) und dem inhärenten Leid von allem und jedem in dieser Welt. Grundübel ist dabei unsere Identifikation mit dem, was wir nicht sind.

Dann geht es bei den Sutras weiter mit den Schritten, das Leiden zu besiegen. Patanjali sieht es als „die“ Aufgabe des Yogis an, den Unterschied zwischen Sehenden und Gesehenem zu erkennen. Nach und nach sollte diese Erfahrung kultiviert und ausgebaut werden. So gelange man zur Freiheit – Kaivalya (auch mit „letzter Freiheit“, Isoliertheit (Alleinheit), höchster Befreiung oder „vollkommener Erlösung“ übersetzt.

Nachdem Patanjali in den Sutras II-18 und II-19 über Prakriti, die Natur/unsere Welt, gesprochen hat, geht er dann auf deren Beobachter, den Seher (Purusha) und dessen Wahrnehmung ein. Von Sutra II-20 bis Sutra II-26 erläutert Patanjali zudem Grund und das Zustandekommen unserer Existenz. In den hierauf folgenden Sutras des zweiten Kapitels ab II-26 gibt er konkrete Praxisempfehlungen, um unser falsches Bild von der Welt – das Leid verursacht und unsere Befreiung verhindert – zu überwinden.

Punkt 4

Auflösung MenschWie kann man sich das Verschwinden der Welt vorstellen?

Die Welt entschwindet

Patanjali schreibt, dass mit dem Erreichen der Erleuchtung die Welt für den Erleuchteten verschwindet. Üblicherweise wird dies als ein Verschmelzen des Wahren Selbstes (Purusha) mit dem Universum (Prakriti) verstanden. Alles wird als Einheit gesehen. Die Täuschung – Maya – ist gelüftet.

Iyengar interpretiert: dann sei der Yogi „... aus dem Gefängnis des inneren Sinns und der äußeren Sinne“ befreit. Die „Beziehung“ des derart befreiten Menschen zur Natur komme zu einem Ende, ja, die Natur höre für diesen Mensch sogar auf zu existieren. Nur seine Wesensidentität – Svarupa – würde dieser Mensch noch wahrnehmen.

In der Shiva-Samhita lesen wir, dass im Laufe dieses Weltverschwindens für den Yogi „alle äußerlichen Wesenheiten“ untergehen. So würde er von den Fesseln der Welt befreit.

Swami Satchidananda sieht ständige Wachsamkeit in der Welt als Bedingung zum Erreichen dieser Befreiung, denn „die Welt versucht uns ständig zu täuschen.“

Für viele Kommentatoren ist diese Sutra (dennoch) ein weiterer Beleg dafür, dass Patanjali eine objektive Wirklichkeit für real hält.

Punkt 5

Die Welt hat ihren Sinn erfüllt.

Swami Satchidananda schreibt ebenfalls, dass derjenige, der die Natur versteht, sie als Maya – als Illusion – erkennt. Dies geschähe dann, so Sriram, wenn die Objekte der Welt ihren Zweck für den Yogi verloren haben. Sinnlos geworden sind. Er aus dem Träumen mit offenen Augen erwacht (Govindan).

... und bleibt doch bestehen

Dennoch existiert die Welt weiterhin für alle anderen, noch nicht erleuchteten Lebewesen. Wim van den Dungen schreibt: „Patanjali lehnt die Idee ab, dass eine einzelne Person in der Lage ist, das Universum zu zerstören [und damit das Leiden für alle zu vernichten] ... Letzteres würde nur passieren, wenn alle Menschen gleichzeitig befreit würden.“ Ebenso würde Buddha argumentieren, für den das Erwachen immer die Frucht des Weges eines individuellen Geistes gewesen sei.

Punkt 6

Die große Erleichterung

Swami Satchidananda verspricht, dass die Welt uns nicht mehr plagen wird, wenn wir ihren Erfahrungsmöglichkeiten nicht weiter hinterherlaufen. „Die Welt wird [dann] unser Diener.“ Dieser Zustand würde durch völliges Verstehen der Natur allen Seins erreicht.

Die gute Nachricht: Die Natur will uns bei diesem Erkenntnisprozess helfen – mit ihren Erfahrungsmöglicheiten. Mit allem, was wir in dieser Welt erleben. Satchidananda fordert – neben vielen anderen Kommentatoren – vor diesem Hintergrund, vor der Welt nicht davonzulaufen. Man müsse die Natur gut kennen, Weltabgewandtheit führe nicht zu einem besseren Verstehen. „Wenn wir jetzt von etwas entkommen wollen, wird es uns umso schwieriger später doch wieder aufsuchen.“

Dein Feedback / deine offene Frage an den Text

Ist etwas unklar geblieben?

Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

Die Seite wird zum Absenden NICHT neu geladen (Ihre Antwort wird im Hintergrund abgesendet).

 Punkt 7

Siehe auch - Sutras mit zugehörigen Aussagen

Yoga Sutra II-25:Wenn das Nichtwissen endet, löst sich die Verbindung mit der Welt auf – dadurch erlangt der Sehende absolute Freiheit

loch freiheit himmeltad-abhābāt-saṁyoga-abhāvo hānaṁ taddṛśeḥ kaivalyam
तदभावात्संयोगाभावो हानं तद्दृशेः कैवल्यम्

Diese Sutra geht auf den Prozess der Erleuchtung ein. Die Kommentatoren erläutern den Zusammenhang Unwissenheit → Anhaftung in der Welt → Leid. Sie ermuntern uns, die scheinbaren Freuden dieser Welt nicht allzulange hinterherzulaufen, sondern zügig und konsequent die wahre Wirklichkeit zu erkennen.

 Punkt 8

Übung zu Yoga Sutra II-22

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-22:

Stelle dir einmal vor, wie es wäre, wenn die Welt (da draußen) für dich endet. Wie könnte so ein Verschwinden, ein Auflösen oder Verschmelzen, „aussehen“?

 

 Punkt 9

Punkt 10

Beliebt & gut bewertet: Bücher zum Yogasutra

Der Beitrag ist eingeordnet unter:

Auch interessant