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kopf gespinst r 250Te pratiprasava-heyâh sûkshmâh
ते प्रतिप्रसवहेयाः सूक्ष्माः

Mit dieser Sutra beginnt im zweiten Kapitel des Yogasutra „prati-prasava“, der yogische Weg der „Gegen-Schöpfung“, hin zur Freiheit von allen leidvollen Spannungen (Kleshas). In der Besprechung der Sutra kommen wir auch zur Begründung der besonderen Wirksamkeit des  (vermutlich) hilfreichsten Tool des Yogapfades.

 
 

natur fein kopf zartDie feinen geistigen Hindernisse bedürfen der Gegen-Schöpfung

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Te = sie; diese; (Hier: die Kleshas)
  • Prati = in Bezug auf; in Richtung; Umkehrung; zurück; dagegen;
  • Prasava = Flow; Ursprung; Keim; Bewegung; Schöpfung; Beginn; Gedeihen; Befruchten;
  • Pratiprasava = Wiedereintauchen; Auflösung in die Ursache; Ursprung; Involution; Gegenströmen;
  • Heyah, heyâh; heyâï = überwinden, überwältigen; fähig, vermieden zu werden; nom.: zu Vermeidendes; zu Überwindendes;
  • Sukshma, Sukshmah, suksma, sūkṣma, sûkshmâh = subtil, fein; feinstofflich;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „Die subtilen Formen (der schmerztragenden Leiden) können durch ... vermieden werden.“
  • Deshpande/Bäumer: „... sind mit Hilfe der Gegenströmung ... aufzugeben ...“
  • Dr. R. Steiner: „... soll schon vom Keim her entgegengewirkt ...“
  • Coster: „Die keimenden Samen dieser Hindernisse werden nur ausgerottet ...“
  • Feuerstein: „Diese [Leid-Ursachen] ... [den Akt der] Involution zu überwinden.“ (Anmerkung: Feuerstein übersetzt „Pratipasava“ mit „Involution“ und erläutert, dass Patanjali damit den (Umkehr-)Prozess der Auflösung der „manifesten Aspekte“ der drei Guna in den „transzendentalen Urgrund der Natur“. In gewissem Sinne der Gegenprozess zur Evolution.) Involution steht in der Medizin für die Rückbildung eines Organes.
  • R. Palm: „... durch die [Rückkehr zum Ursprung] zu beseitigen.“
  • R. Sriram: „Auch wenn die Kleshas nur schlummern ... ihrem Gedeihen entgegenzuwirken.“
  • Govindan: „Diese ... werden in ihrer feinstofflichen Form zerstört ...“
  • Iyengar: „... sind auf dem Wege der Involution zu beseitigen.“
  • Chip Hartranft: „In ihrer subtilen Form werden diese Ursachen des Leidens unterdrückt, indem man sieht, woher sie kommen.“
  • R. Skuban: „Die Hauptursachen der Leiden liegen sehr tief ... Geist zu der Quelle zurückkehrt.“
  • G. Pradīpaka: „Diese (te) subtilen (Kleśhas oder Gebrechen) (sūkṣmāḥ) sollen durch die Einstellung der (mentalen) Produktion (pratiprasava) aufgegeben ... werden (heyāḥ)“
  • 12koerbe.de: „... durch reduzierende Gegenwirkung aufzuheben ... „
  • Hariharananda Aranya: „Die subtilen Kleshas werden verlassen (d. h. zerstört) durch die Einstellung der Produktivität (d. h. das Verschwinden) des Geistes.“
  • I. K. Taimni: „Diese, die Subtilen, können reduziert werden, indem sie rückwärts in ihren Ursprung aufgelöst werden.“
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: „Den subtilen Kräften der Korruption kann durch die Umkehrung ihres Kurses entkommen werden.“
  • Swami Satchidananda: „In subtiler Form können diese Hindernisse zerstört werden, indem sie wieder in ihre ursprüngliche Ursache [das Ego] aufgelöst werden.“
  • Swami Prabhavananda: „Wenn diese Hindernisse auf eine Überbleibselform reduziert wurden, können sie zerstört werden, indem der Geist in seine ursprüngliche Ursache zurückversetzt wird.“
  • Swami Vivekananda: „Die feinen Samskaras sollen besiegt werden, indem sie in ihren Kausalzustand aufgelöst werden.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Die subtile Form dieser (Ursachen von Leiden), nämlich die Reaktoren und Gedanken während der Vereinigung, muss durch den Prozess des (spirituellen) Gegenstromes überwunden werden.“

Punkt 3

sorgen gefangener leid d 564Der Mensch leidet. Auch im "Glück". Eine Ursache sind die Kleshas

Wo wir stehen

Patanjali beginnt das zweite Kapitel im Yogasutra mit der Auflistung und (knappen) Erläuterung der Kleshas, der leidvollen Spannungen bzw. -Zustände – den Hindernissen auf dem Pfad des Yoga. Diese Kleshas sind (Sutra II-3):

Unwissenheit wurde (Sutra II-4) als die Wurzel aller übrigen leidvollen Zustände gebrandmarkt. 

Eliade schreibt (S. 49): Alle Arten von Gedankenbewegungen (Vrtti) sind schmerzhaft (Klesha), deshalb ist die menschliche Erfahrung in ihrer Gesamtheit schmerzhaft. Nur der Yoga ermöglicht die Ausserkraftsetzung der Vrtti und die Abschaffung des Leidens.“

Mit Sutra II-10 beginnt Patanjali mit seinen Ratschlägen zur Überwindung der Kleshas.

Punkt 4

Kleshas sind beim Unterleuchteten nie völlig überwunden

Zur Erinnerung: Wir können die leidvollen Zustände / Spannungen (Kleshas) niemals ein für alle Mal besiegen, solange wir nicht am Ziel des Yogaweges angelangt sind: der Erleuchtung. Das ist "einleuchtend", da Unwissenheit – die Wurzel der Kleshas – immer wieder neu auftreten kann, bevor wir "erleuchtet" wurden, selbst wenn wir alle vergangenen Unwissenheiten aufgelöst haben.

Oder dass wir etwas begehren, auch wenn wir schon weit auf dem Pfad des Loslassens fortgeschritten sind. Etwas ablehnen ...

Darum müssen die Gegenmittel zu den Kleshas stets aufs neue zur Anwendung kommen, will man die spirituellen Hindernisse stets aus dem Weg räumen.

Punkt 5

Das Problem zur Ursache zurückverfolgen

Diese Sutra handelt nun vom ersten Gegenmittel, das uns Patanjali zur Vermeidung und Unterdrückung der (feineren) Kleshas an die Hand gibt: Den Ursachen der Kleshas auf den Grund gehen und dort das Problem (auf-)lösen. Iyengar: „... muss man jede Leidensart zu ihrem Ursprung zurückverfolgen und sie damit keimunfähig machen.“

Genauer betrachtet schreibt Patanjali hier, dass (zumindest) einige der (kleineren/subtileren) leidbringenden Zustände durch Rückführung zu deren Wurzeln vermieden werden können. Man muss dafür bis zu den letzten Ursachen eines Kleshas vordringen. Erst dort hält sich die Unwissenheit verborgen, deren Auflösung zur Behebung des leidvollen Zustandes führen soll.

Vorgegriffen: In den folgenden Sutras erläutert Patanjalis Möglichkeiten zur Beseitigung „gröberer“ Kleshas.

Punkt 6

Pratiprasava als ...

... Swadhyaya – Selbststudium

Swadhyaya – Selbststudium – ist solch ein Gang zu den Wurzeln. Siehe dazu die Erläuterungen in Sutra II-1. Hierfür beobachten wir jeweils ein Klesha und durchdenken es bis zu deren Wurzel.

... Gegenströmen

Einige übersetzen Pratiprasava statt als "Zurückgehen zur Wurzel" mit "Gegenströmen", als "Involution" oder als "Gegen-Schöpfung". Als einen "Blick auf die Wurzeln des Zeitlichen".

Parallelen in der Psychoanalyse

Im Grunde genommen kann das Bemühen von bestimmten Strömungen der Psychoanalyse, die Ursachen heutigen psychischen Leidens durch Erlebnisse in der (Früh-)Kindheit offenzulegen, als solch ein „Gang an die Wurzel“ im Patanjalischen Sinne verstanden werden. Oder das Vorgehen der Rebirthing-Therapien.

An den gemischten Erfolgen dieser Therapien erkennt man jedoch: Einige Probleme lassen sich so beseitigen, andere anscheinend nicht.

„Karma ist die ewige Bestätigung der menschlichen Freiheit ... Unsere Gedanken, unsere Worte und Taten sind Fäden in einem Netz, das wir uns umhängen.“

Swami Vivekananda (1863 - 1902)

Punkt 7

wurzel ziehen o

Das Klesha an der Wurzel bekämpfen ist am leichtesten

Jeder Gärtner weiß, dass ein (Un-)Kraut in kleinem Zustand noch leicht herausgerissen werden kann. Lässt man es einige Wochen wachsen, bekommt man es händisch schon manchmal gar nicht mehr entfernt. Ähnlich verhält es sich mit ungünstigen Gewohnheiten und Neigungen.

Sehr schön anschaulich wird diese im berühmten Zitat, dessen Quelle sich im chinesischen verliert:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

Ergo: Betreibe Selbststudium deiner Gedanken und vermeide/unterlasse alle, welche dich leiden lassen oder jene, die sich zu einem der Kleshas entwickeln könnten.

Du wirst sehen, dass dies nicht so einfach ist, wie es sich hier liest, da wir ja diese „ungünstigen“ Gedankengänge nicht umsonst verfolgen. Manche dieser Gedanken fühlen sich erst einmal gut an, gerne geben wir uns ihnen hin. Andere werden von unheilsamen Stimmungen (Zorn, Wut, Angst ...) verursacht. Deren Bekämpfung bedürfte in dem Moment großer geistiger Stärke, die dir aber nicht immer zur Verfügung steht.

In diesem Umstand findet sich auch eine Erklärung dafür, warum ein Glaube oder ein Vertrauen in einen Guru oder die Yogalehre uns auf dem Weg zum Yogaziel so sehr helfen. Denn wir brauchen einen guten Grund – z. B. eine tiefe Zuversicht zur Yogalehre – dafür, den Neigungen des Geistes entschieden entgegenzutreten.

Punkt 8

Am Ursprung findet man stets Avidya

Gemäß Patanjali (Sutra II-4) wirst du immer wieder auf Unwissenheit (Avidya) als Wurzel deiner Probleme stoßen. Die Unwissenheit kann dabei in verschiedener Form auftreten:

  • Nicht wissen, was dir langfristig guttut.
  • Nicht das Leid in der momentanen Lust erkennen.
  • Nicht die üble Konsequenz aus einem hässlichen Gedanken überschauen.
  • usw.

Erkenntnis = Auflösung

Die Yogaphilosophie (und natürlich das Yogasutra) postuliert, dass wir alle diese Probleme durch Erkenntnis und Beruhigung unseres Geistes gelöst bekommen können. Diese Sutra II-10 über die Auflösung subtiler Kleshas ist dafür ein Beispiel.

„Jedes Schachspiel ist ein Lehrstück in Sachen Karma: Kein Zug ohne Folgen.“

Andreas Tenzer (*1954), deutscher Philosoph

Die sich selbst verstärkende Schleife

Je mehr du mit dieser Auflösung deiner Probleme durch den geistigen Yogapfad vertraut wirst, umso mehr sinken deine Zweifel am Yoga. Wiederum durch dieses gestiegene Vertrauen wirst du an Kraft und Mut für deine geistige und körperliche Disziplin gewinnen, was dann verstärkt zur weiteren Auflösung deiner Probleme beiträgt usw. Ein sich selbst verstärkender Prozess.

Ein weiterer Steigbügel zur Erleuchtung wäre es, wenn du – wie R. Steiner ausführt – erkennst, dass alle deine Freude (nur) aus deinem Inneren kommt. Das heißt: Egal wie du dich jeweils entscheidest oder wie es am Ende kommen wird, es wird für dich freudvoll sein. Überlege einmal, mit welch innerer Stärke du dein Leben gestalten würdest, wenn du dir dessen völlig sicher wärest.

Punkt 9

Die Essenz der Yogalehre

Anhand dieser Begründung kann man durchaus behaupten, dass die Erkenntnis über das Funktionieren des Geistes und den daraus resultierenden Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen der wichtigste (im Sinne von effektivste) Teil der Yogalehre ist. Und dann kann man Patanjali vielleicht auch zustimmen, wenn er sagt (Yogasutra I-2):

Yoga Sutra I-2: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen im Geist

 

Punkt 10

Siehe auch (Sutra mit ähnlichen bzw. ergänzenden Aussagen)

Yoga Sutra II-3: Unwissenheit, Identifikation mit dem Ego, Begierde, Abneigung und (Todes-)Furcht sind die fünf leidbringenden Zustände (Kleshas)

sorgen herz ge 564Advidyâsmita–râga–dveshâbhiniveshah kleshah
अविद्यास्मितारागद्वेषाभिनिवेशः क्लेशाः

Kommen wir zu den leidvollen Zuständen, welche den Yogi an der Befreiung hindern. Patanjali gibt hier eine erste Definition der Hindernisse auf dem Yoga-Pfad. Interessant sind auch die Parallelen im Buddhismus.

Yoga Sutra II-4: Avidya, die Unwissenheit, ist die Wurzel der übrigen Kleshas; diese können ruhend, abwechselnd, gedämpft oder voll aktiv in Erscheinung treten

wurzel feld naehrboden 250avidyā kṣetram-uttareṣām prasupta-tanu-vicchinn-odārāṇām
अविद्या क्षेत्रमुत्तरेषां प्रसुप्ततनुविच्छिन्नोदाराणाम्

Unwissenheit oder eine falsche Sicht der Dinge ist ein elementares Hindernis auf dem spirituellen Pfad. Es wird dir in jeder Phase deiner persönlichen Entwicklung in der einen oder anderen Form begegnen. Darum sei stets auf der Hut gegenüber deinen subjektiven Ansichten und Wahrheiten.

Irgendwann aber ...

Yoga Sutra II-11: Die aktiven bzw. gröberen Formen (der Kleshas) werden durch Meditation überwunden

meditation kloster berg 250dhyāna heyāḥ tad-vṛttayaḥ
ध्यानहेयास्तद्वृत्तयः

Die vorige Sutra widmete sich der Auflösung subtilerer Probleme mittels der Rückführung zu deren Wurzel, hier gehen wir nun die gröberen Beschwernisse mittels Meditation an.

Yoga Sutra II-48: Durch die Beherschung der Stellung wird man nicht mehr von den Dualitäten angegriffen


Tato dvandvānabhighātaḥ
ततो द्वन्द्वानभिघातः

 

 Dualitäten sind Gegensatzpaare wie Hitze und Kälte, Freude und Leid, Lob und Tadel etc.

Yoga Sutra II-54: Pratyahara ist das Zurückziehen der Sinne auf das Innere, auf das Eigenwesen des Geistes, weg von den äußeren Objekten

 
svaviṣaya-asaṁprayoge cittasya svarūpānukāra-iv-endriyāṇāṁ pratyāhāraḥ
स्वविषयासम्प्रयोगे चित्तस्य स्वरूपानुकार इवेन्द्रियाणां प्रत्याहारः

 

 

Yoga Sutra IV-34: Die komplette Freiheit (Kaivalya) als Ziel des wahren Selbst (Purusha) überwindet die Gunas. Die Seele lebt in ihrer wahren Natur und besitzt die Kraft des absoluten Wissens

  
Purushârtha-shûnyânâm gunânâm pratiprasavah kaivalyam svarûpapratishthâ va chiti–shakter iti
पुरुषार्थशून्यानां गुणानांप्रतिप्रसवः कैवल्यं स्वरूपप्रतिष्ठा वा चितिशक्तिरिति

 

 

 

Punkt 11

Übung zu Yoga Sutra II-10

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-10:

Gehe eines deiner Kleshas bis zur Wurzel durch, betreibe Selbststudium. Versuche zum Beispiel eine deiner Charaktereigenschaften anhand obigen Zitates (Schicksal – Charakter – Gewohnheiten – Handlungen – Worte – Gedanken) bis zu den auslösenden Gedanken zurückzuverfolgen.

 

Punkt 12

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