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buddhismus haende 250

Îshwara–pranidhânâd vâ
ईश्वरप्रणिधानाद्वा

 

Mit dieser Sutra weicht Patanjali deutlich vom Samkhya, der grundlegenden Yoga-Philosophie, ab: Gott tritt ins Spiel. Konkreter: Ishvara als Konzept einer persönlichen Gottheit mit ganz bestimmten Eigenschaften. Gott einmal anders, als man ihn sich üblicherweise vorstellt ...

 

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskritk

  • Îshwara, Ishwarah, Ishwara, Ishvara = Gott (mit Eigenschaften); Gottwesen aus Sicht eines Menschen; das Göttliche, das Mächtige; ideal gedachtes Wesen;
  • Pranidhanat, pranidhânât = durch aufmerksame/fromme Hingabe/Ehrfurcht, Selbstaufgabe, Ergebung;
  • Va, vâ = oder;

 

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

  • Patanjali nennt das zu Erlangende nicht dezidiert in Sutra I-23, bezieht sich wie gewohnt auf das zuvor Gesagte. Iyengar ergänzt darum in Klammern: "Oder (Cittar wird gezügelt) durch ..."
  • Coster verschärft das Versprechen: "... verschiedenen Wegen ... ist einer der schnellsten die vollkommene Hingabe an Gott."
  • Hariharananda Aranya betont, dass nur "spezielle Hingabe" an Ishvara zur "immanenten Konzentration" führe.
  • Swami Satchidananda präzisiert, dass "totale Hingabe" zum Samadhi leite.
  • Ashtangayoga.info übersetzt mit "Hingabe an ein ideal gedachtes Wesen ... kann das Ziel erreicht werden." Das klingt m.E. recht atheistisch.
  • Sukadevs Variante beginnt mit "Erfolg wird von denen schnell erlangt, die ..."

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Gott tritt ins Spiel

Vorab kurz erläutert: In der Vedanta-Philosophie wird zwischen Brahman und Ishvara unterschieden. Brahman ist das alles umfassende kosmische Bewusstsein, das außerhalb menschlicher Begriffe stehende göttliche Prinzip. Ishvara als göttliches Wesen hingegen können wir uns vorstellen, personifizieren, mit Eigenschaften versehen, verehren, lieben ...

Einige Kommentatoren weisen daraufhin, dass Ishvara von jedem Menschen je nach kulturellem Hintergrund anders visualisiert und erfahren wird. Ein botswanischer Stammesangehöriger wird sich Gott anders ausmalen als ein New Yorker Börsenspekulant, ein brasilianischer Fußballspieler anders als ein japanischer Zen-Schüler.

Wie kam es überhaupt zum Erwähnen von Ishvara im Yoga-Sutra, das ja in großen Teilen auf der atheistischen Samkhya-Philosophie beruht? Sukadev vermutet: " Patanjali als Praktiker hat nun aber beobachtet, dass Menschen, die einen starken Glauben an Gott haben, Gott verehren und Gott hingegeben sind, die Selbstverwirklichung sehr schnell erreichen." Allerdings führe nicht jede Form der Anbetung zur Befreiung, darum widme Patanjali dem Thema mehrere Sutras.

Gott in uns

Deshpande meint auf Seite 50, dass die Sutras über Ishvarah die Absicht haben "... den Menschen zu befähigen, sich wesentlich und intensiv jenes besonderen ETWAS bewusst zu werden, das in ihm pulsiert und das er unbestimmt GOTT nennt."

Das Wort "oder"

Interessant finde ich, dass Patanjali diese Sutra mit "oder" beginnt. Nicht mit "auch" im Sinne von "zusammen mit". "Oder" trennt m.E. recht scharf die bisherigen Yogapfade der Sutras I-12 bis I-22 vom Weg hier in I-23, der Hingabe an Gott. War das von Patanjali so gemeint? Deshpande schreibt auf Seite 49: "Von Sutra 23 bis 39 werden sieben andere Möglichkeiten zu Ǚbung und Verzicht .... empfohlen, was in ... Samadhi mündet."

Oder sah Patanjali die Gotteshingabe als zusätzlichen "Turbo" für den achtfachen Yogapfad? Wir können ihn nicht mehr fragen :-)

Allerdings gibt es einen starken Hinweis, dass er doch die gesamte Kombination aus Übung, Loslassen und Gotteshingabe als idealen Weg ansieht. Seine Beschreibung zum Kriya-Yoga-Weg lautet in Sutra II-1: 

Yoga Sutra II-1: Strenge Übungspraxis, Selbststudium und Hingabe an den höchsten Herrn – das ist der Kriya Yoga

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तपः स्वाध्यायेश्वरप्रणिधानानि क्रियायोगः

 

Das zweite Kapitel des Yogasutras von Patanjali beginnt mit der Definition des Kriya-Yoga, dem Yoga der Tat. Dieses Kapitel wird praxisnäher, ist für Anfänger und fortgeschrittene Yogis interessant. Doch das Yoga-Ziel wird nicht an einem Tag erreicht, bedarf des Abbaus von Hindernissen und der kontinuierlichen und dauerhaften Praxis. Gleich in der ersten Sutra verdeutlicht Patanjali, welche Übungen am wirkungsvollsten sind.

 

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Parallelen zu anderen Religionen

Patanjali bringt mit dieser Sutra den Bhakti-Yoga aufs Trapez: Gebe dich ganz dem Göttlichen hin. Strebe nur danach, die Wünsche des Göttlichen zu erfüllen. Vertraue, lasse dich fallen, gebe dich hin ... Im Christentum heißt es ähnlich: "Dein Wille geschehe." Viele Yogis loben den Bhakti-Yoga als schnellsten Pfad zur Erlösung.


Ishvara als Vorbild

R. Sriram schreibt, dass Patanjali dem Yogi mit Ishvara ein Vorbild an die Hand geben will. Ein Wesen, dass uns inspiriert, dem wir nachstreben, dass uns auch in dunklen Zeiten Führung gibt und mit dessen Hilfe wir Zweifel überwinden. Sriram sieht Ishvara als zeitlose, vollkommene Kraft, die der Mensch in seiner Vorstellung finden kann. Wim van den Dungen ergänzt, dass im Hinduismus die Vorstellung von Ishvara sogar von Schule zu Schule stark abweicht.

Sriram empfiehlt, schon in guten Zeiten ständig Zwiesprache bzw. Anbindung (durch konstante Anrufung in "meditativer Besinnung") mit/ an Ishvara zu suchen, um ihn zu einer "inneren Vertrauensquelle" - Sraddha - zu machen, die uns dann in schwierigen Zeiten zur Verfügung steht.

 

Was soll ich "hingeben"

Völlige Hingabe an Gott. Was meint das konkret? Iyengar u.a. nennen:

  • die Preisgabe des eigenen Ich an Ihn
  • das Ego,
  • alles gute und verdienstvolle Handeln,
  • Schmerz, Leid und Traurigkeit,
  • Freude und Lust.

Govindan will das "Ich" dem "Du" überlassen. Er mahnt, dies nicht bei einer oberflächlichen Motivation zu belassen. Jeder Wunsch, jeden Antrieb im Inneren gilt es zu überprüfen. Solange wir noch das Gefühl haben, zu handeln, ist die Hingabe nicht total.

 

Die Früchte dieser völligen Hingabe

Iyengar verspricht, dass durch die Selbsthingabe der Yogi sein Ego auslöscht und sich "die Gnade des Herrn [über ihn] ergießt". Govindan prophezeit, dass der Yogi sich dann über die Natur erhebt und frei wird im reinen Selbst. Zudem wird er ständig die Gegenwart Gottes spüren und irgendwann auch das Gefühl haben, dass die eigenen Handlungen von Gott ausgehen. Andere sehen den Samadhi als Lohn der Gotteshingabe, siehe oben.

 

Gott als schwerwiegendste Täuschung

Wim van den Dungen formuliert klar, dass Patanjali in diesem Punkt eindeutig vom Buddhismus abweiche. "Eine verbindende Überbrückung der Position ist an dieser Stelle nicht möglich." Im Gegenteil: Für den Buddha war der Glaube an die Existenz eines "inhärent existierenden höchsten Wesens" die größte aller Täuschungen.

 

Videos zu Sutra I-23

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