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kugel schweben natur 250Bhava-pratyayo videha-prakṛti-layānām
भवप्रत्ययो विदेहप्रकृतिलयानाम्

In den Sutras I-19 und I-20 geht es um "mittlere Samadhi-Zustände". Es ist nicht ganz klar, ob sich Patanjali mit "dieses/dieser" auf den Asamprajnata Samadhi allgemein oder den Zwischenzustand Virama Pratyaya aus Sutra I-18 bezieht. So unterscheiden sich die Übersetzungen erheblich und bieten ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich das alte Sanskrit gedeutet werden kann. Ich finde es trotzdem nützlich, sich die unterschiedlichen Deutungen vor Augen zu führen. Wir können sie in unserem Geist abwägen und die jeweilige Deutung in unserem eigenen Leben überprüfen.

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Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Bhava = Geburt (und Leben), Abstammung, Ursprung; natürliche / angeborene; hervorgegangen oder entstanden aus;
  • Pratyayah, pratyaya = Erkenntnis, scharfer Geist, richtige Wahrnehmung, Ursache, Sicherheit, Geistesinhalt; verursacht; Motivation, Vorstellung, Beweggrund; hohe Qualität der Citta-Vrittis;
  • Videha = die „Körperlosen“; besonderer/begnadeter Körper; körperlos; Körperlosigkeit; immateriell, nicht inkarniert, formlos;
  • Prakriti, Prakrti = Natur, Universum, das Manifeste;
  • Layanam, layânâm = verschmelzen, aufgelöst;
  • Prakrtilayânâm = von denen „in Prakriti (Natur) Verschmolzenen“; Versenkung in, haften an, verschmelzen mit der Prakriti;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin. Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Oft wird diese Sutra so übersetzt, dass Asamprajnata Samadhi oder "wahre Erkenntnis" "durch Geburt" - also ohne groß eigenes Zutun im jetzigen Leben - von denen erreicht werden kann, die bereits früher Körperlosigkeit oder "Verschmelzung mit der Natur/Prakriti" erlebt haben. Als Beispiele werden der Weise Ramana Maharishi oder Anandamayi Ma, siehe auch Anandamayi auf Youtube, genannt.
  • Iyengar übersetzt diese Sutra jedoch anders: "In diesem Zustand (er meint Virama-Pratyaya aus Sutra I-18) kann man Körperlosigkeit erfahren oder mit der Natur verschmelzen". Er sieht also die Erfahrung von Körperlosigkeit und Naturverschmelzung als Folge von Virama-Pratyaya in Sutra I-18, nicht die Fähigkeit zur Körperlosigkeit oder Naturverschmelzung als Ursache für diesen Samadhi-Zustand.
  • R. Sriram deutet die Sutra eher als Aufzählung: "Es gibt Menschen, die eine angeborene Fähigkeit zur Erkenntnis besitzen, andere, die über besondere Körperkräfte verfügen, und wieder andere ..."
  • Govindan hingegen sieht in der Verschmelzung mit der Natur im körperlosen Zustand eine zusätzliche Motivation, den Yoga-Weg entschieden voranzuschreiten.
  • Deshpande setzt einen eigenen Akzent, indem er Patanjali in dieser Sutra so auslegt: .... körperlose Wesen, die sich in der Urnatur auflösen, machen eine Art Samadhi-Erfahrung.

Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

Dein Übersetzungsvorschlag

Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?

Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

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Punkt 3

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Auf verschiedenen Wegen zum Ziel

Beginnen wir mit der Auslegung dieser Sutra von Eliade, dort ab Seite 100. Patanjali sieht seiner Auffassung nach zwei Wege zur Erlangung des Asamprajnata Samadhi - auf natürlichem Wege (Bhava) und auf technischem Wege (Upaya). Yogis gehen den Upay, hiervon handelt u.a. die nächste Sutra I-20.

Bhava ist den Göttern (Videha - Entkörperte) und bestimmten Menschen (Eliade: Übermenschlichen Wesen), die von der Prakriti absorbiert worden waren (Prakytilaya) oder die aufgrund der Yogapraxis in früheren Existenzen zu einer günstigen Stunde geboren wurden vorbehalten. Eliade sieht oft eine Gleichsetzung von Yogis mit übermenschlichen Wesen, so auch hier. Er zitiert ferner den Kommentar des Vyasas und Vacaspati Misra: Die Technik des Yogins - Upaya - ist dem Bhava der Götter überlegen, da deren Samadhi nur vorübergehend ist, und mag es auch tausende von Jahren anhalten.

Der Weg des Yogis ist dauerhafter

Eliade fährt auf Seite 101 fort: Vijnana Bhiksu sagt in der Yoga Sara Samgraba, dass die künstliche Methode des Yogis, Upayapratyaya im Samyama über Isvara liegt bzw, wenn man nicht mystisch veranlagt ist, im Samyama über das eigene Selbst. Zu Bhavapratyaya - die natürliche Methode - das Erreichen des Asamprajnata Samadhi allein durch den Wunsch, ist neben den göttlichen Wesen zudem denjenigen möglich, die aufgrund des Übens von Yoga in einer früheren Existenz eine günstige Geburtsstunde gewählt haben.

Sutra I-19 und I-20 als alternativer Weg?

Deshpande schreibt auf Seite 46, dass die Sutras I-19 und I-20 von Menschen sprechen, die nicht den Weg des Citta-Vritti-Nirodha gehen können bzw. wollen. Er differenziert in körperlose und verkörperte "Wesen". Körperlose, er meint Gestorbene, werden normalerweise weiterhin in dem Bewusstseinsstrom der Welt weitertreiben. Aber auch diese werden irgendwann zu Samadhi gelangen, einfach deswegen, weil dies so im Citta-Dharma angelegt ist. Dies sei ein Mysterium, was nur vollendete Yogis erfassen können.

Deshpande sieht es also so: Den Wesen mit Körper wird neben dem yogischen Weg (bei Patanjali der achtfache Pfad) in Sutra I-20 ein alternativer Befreiungsweg angeboten.

R. Sriram führt aus: "Es gibt zwar sehr wenige Menschen auf der Erde, die besondere Neigungen zu innerer Harmonie mitbringen, aber jeder Mensch ist mit etwas auf die Welt gekommen, dass Sraddha genannt wird. Sraddha ist die Fähigkeit zu vollkommenem Glauben an etwas ..."

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Wieder: Die Warnung

Coster sieht auf Seite 98 diese Sutra vor allem als Warnung an den Yogi: Du bist hier auf einer Stufe des Samadhi, der noch nicht das Ziel ist, der aber eine Rückkehr in das normale Menschsein unmöglich macht. Der Yogi befindet sich beim Aufstieg in einem brennenden Haus, in dem hinter ihm die Treppen wegbrechen. Eine recht freie Interpretation dieser Sutra ..., siehe dazu die Geschichte von Jada Bharata und Sutra I-18.

Auch Iyengar warnt vor dieser Gefahr. Er mahnt, dass Menschen, die im Samadhi ohne Körper durch die Gegend treiben (Videha oder Videhin) oder mit der Natur im Prakrtilaya-Zustand verschmelzen, durch diese Erfahrungen geblendet werden können und darüber das Weiterklettern auf der spirituellen Leiter vergessen.

Der Traum als Erfahrungsquelle

Iyengar erwähnt weiter, dass man auch als nicht weitentwickelter Yogi Körperlosigkeit und Naturverschmelzung im Traum nachvollziehen kann, dort allerdings nicht im überbewussten Zustand.

Dein Feedback / deine offene Frage an den Text

Ist etwas unklar geblieben?

Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

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Übung zu Yoga Sutra I-19

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Übungsvorschlag für die kommende Woche:

Übe diese Woche deine Achtsamkeit und versuche zu erfassen, was bei dir von Geburt an angelegt ist. Wie deutest du diesbezüglich deine bisherigen Meditationserfahrungen? Gibt es Hinweise auf frühere Samadhi-Erlebnisse? Du kannst spielerisch bei dir erforschen, ob sich Fingerzeige auf besondere spirituelle Veranlagungen andeuten, jetzt und in vergangenen Erfahrungen. Notiere deine Gedanken.

 

Verwandte/ergänzende Sutras

Siehe auch:

Yoga Sutra I-10: Schlaf wird die Erscheinungsform des Geistes genannt, welche von Abwesenheit jedwedes Inhaltes gekennzeichnet ist

schlaf geheimnis

Abhâva–pratyayâlambanâ [tamo-]vrittir nidrâ
अभावप्रत्ययालम्बना वृत्तिर्निद्रा

Nun geht es um den traumlosen Schlaf. Eigentlich ist dabei nicht viel los. Doch ein Yogi weiß auch diesen Zustand zu nutzen.

Yoga Sutra I-18: Ein weiterer Zustand des Samadhi - Virama Pratyaya - ist nach intensiver Übung erreicht, wenn alle geistigen Aktivitäten aufhören und nur (ein Rest) unmanifestierter Eindrücke im Geist (eine Form der Leere) verbleiben

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Virâma–pratyayâ-abhyâsa–pûrvah samskâra–seso nyah
विरामप्रत्ययाभ्यासपूर्वः संस्कारशेषोऽन्यः

 

Wir tauchen tiefer in die Welt des Samadhi ein. Sutra I-18 erläutert Virama-Pratyaya. Dieser Zustand muss schon sehr wonnevoll und reich an intuitiven Erkenntnissen sein. Aber Achtung! Es droht Gefahr ... 

Yoga Sutra III-44: Durch Samyama auf Gedankenwellen jenseits des Intellektes verschwindet der Schleier vom wahren Selbst und der Yogi kann außerhalb des Körpers verweilen

 
bahir akalpita vrittih maha videha tatah prakasha avarana kshayah
वहिरकल्पिता वृत्तिर्महाविदेहा ततः प्रकाशावरणक्षयः

 

 

Videos zu Sutra I-19

Leider verbleiben nur noch englische Videos, die sich mit dieser Sutra beschäftigen. Wenn du ein deutschsprachiges Video kennst, nenne es bitte unten in den Kommentaren. Danke!

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