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wurzel moos o 250Klesha-mûlah karmâshayo drishtâ-adrishta-janma-vedanîyah
क्लेशमूलः कर्माशयो दृष्टादृष्टजन्मवेदनीयः

Karma und Reinkarnation sind das Fundament der Yoga-Philosophie sowie der anderen indischen Religionen. Auch Patanjali gründet im Yogasutra ganz selbstverständlich auf diesen beiden Vorstellungen vom Leben und seinen Gesetzen. Sutra II-12 ist dem Zusammenhang Klesha – Karma gewidmet.

Schauen wir im Folgenden einmal genauer hin, wie aus den leidvollen Zuständen unser zukünftiges Leben beeinflusst wird. Und natürlich, wie wir es auf Basis dieser Prinzipien besser haben könnten. Oder – das eigentliche Yoga-Ziel – wie wir alle Einflussnahme auf uns beenden.

 
 

baum sw wurzeln haende 564Aus den Klesha-Wurzeln entfaltet sich das jetzige und zukünftige Leben

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Kleshah, Klesha = Schmerzen, Ursachen der Leiden; Bürden auf dem spirituellen Pfad; Belastungen; den Geist trübende Leidenschaften; Befleckungen, welche die Ursachen des Leidens sind; leidvolle Spannungen;
  • Mulah, mûlah = Wurzel; Ursache;
  • Klesha-mûlah = in den Kleshas verwurzelt;
  • Karma = Handlung; Folgen;
  • Ashaya, âshayah, aśaya = Speicher; Vorrat; Rückstand; Überbleibsel; Neigungen;
  • Karmashayah, karmâshayah, Karma Ashaya = Handlungs-Ablagerungen; Speicher der Karmas/Karma-Samen; Reste/Speicher/Überbleibsel des Karma; Karmische Last eines Menschen;
  • Drishta, drsta, dṛṣṭa = sichtbar; gegenwärtig;
  • Adrishta, adrsta, adṛṣṭa = unsichtbar; zukünftig;
  • Janma = Leben; Geburt; Ursprung; Welt; Existenz;
  • Vedniyah, vedanîyah = erfahren; durchmachen; ausarbeiten; bemerken; erleben;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „Karma hat seine Wurzeln in den Kleshas ...“
  • Deshpande/Bäumer: „Die Ansammlung von Handlungsresten ... wird in den ... Existenzen erfahren.“
  • Dr. R. Steiner: „Die Bürden (Klesha) bilden die Grundlagen für Neigungen, aus denen ... Handlungen ... entspringen ...“
  • Coster: „... sie der Anlass zu Karma sind und damit zur Wiedergeburt.“
  • Feuerstein: „... und Karma kann im sichtbaren [gegenwärtigen] oder in nicht sichtbaren [zukünftigen Leben] erfahren werden.“
  • R. Palm: „Die Taten-Ansammlung [Karma], welche die Plagen als Wurzel hat, muss ... in Erfahrung gebracht werden.“ Palm im zugehörigen Kommentar: „Der Sinn des Lebens besteht darin, erfahren zu werden.“
  • R. Sriram: „Kleshas ... bilden die Wurzeln der Neigungen ...“
  • Govindan: „Das gespeicherte Karma, das in den Belastungen verwurzelt ist ...“
  • Iyengar: „Die angesammelten Einprägungen aus früheren Leben ...“
  • Chip Hartranft: „Die Ursachen des Leidens sind die Wurzel der Handlungen; Jede Aktion hinterlässt latente [= ruhende] Eindrücke im Geist, die später in dieser Geburt aktiviert und erfahren werden sollen oder die verborgen liegen und auf eine zukünftige Erweckung warten.“
  • R. Skuban: „Die Kleshas sind die Wurzel des angesammelten Karmas ...“
  • G. Pradīpaka: „Der latente Eindruck von Handlungen (karma-āśayaḥ), der auf Kleśa-s (kleśa) basiert (mūlaḥ), manifestiert sich (vedanīyaḥ) im gegenwärtigen Leben (dṛṣṭa ... janma) oder in einem zukünftigen Leben (adṛṣṭajanma).“
  • 12koerbe.de: „in Leiden verwurzelte Tat-Gesinnung ...“;
  • Hariharananda Aranya: „Karmasaya oder latenter Eindruck von Handlung basierend auf Leid, wird in diesem Leben oder in einem zukünftigen Leben aktiv.“
  • I. K. Taimni: „Das Reservoir an Karma, das in den Kleshas wurzelt, bringt alle Arten von Erfahrungen in das gegenwärtige und zukünftige Leben.“
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: „Unterschwellige Absichten, die sich aus Handlungen ergeben, die in den Kräften der Korruption [= Kleshas] verwurzelt sind, werden in gegenwärtigen oder potenziellen Geburten verwirklicht.“
  • Swami Satchidananda: „Die Gebärmutter der Karmas (Handlungen und Reaktionen) hat ihre Wurzel in diesen Hindernissen, und die Karmas bringen Erfahrungen in die gesehenen [gegenwärtigen] oder in die unsichtbaren [zukünftigen] Geburten.“
  • Swami Prabhavananda: „Die latenten Tendenzen eines Menschen sind durch seine früheren Gedanken und Handlungen entstanden. Diese Tendenzen werden Früchte tragen, sowohl in diesem Leben als auch in den kommenden Leben.“
  • Swami Vivekananda: „Das Rezept der Werke hat seine Wurzel in diesen schmerzhaften Hindernissen, und ihre Erfahrung liegt in diesem sichtbaren Leben oder im unsichtbaren Leben.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Die Ursachen des Leides sind die Wurzel der Handlungsablagerungen und sie können in dieser oder in einer zukünftigen Inkarnation erfahren werden.“

Punkt 3

sorgen gefangener leid d 564Der Mensch leidet. Auch im "Glück". Eine Ursache sind die Kleshas

Wo wir stehen

Patanjali beginnt das zweite Kapitel im Yogasutra mit der Auflistung und (knappen) Erläuterung der Kleshas, der leidvollen Spannungen bzw. -Zustände – den Hindernissen auf dem Pfad des Yoga. Diese Kleshas sind (Sutra II-3):

Unwissenheit wurde (Sutra II-4) als die Wurzel aller übrigen leidvollen Zustände gebrandmarkt. 

In Sutra II-10 und II-11 nennt er Methoden zur Überwindung der Kleshas (u. a. Meditation und Selbsterkenntnis), hier geht es nun mit dem Karma, das aus den Kleshas folgt, weiter.

Punkt 4

Die 3 Karmas

Im Yoga werden drei Arten von Karma unterschieden:

  1. Prarabdha Karma: Karma, das momentan in diesem Leben abgebaut wird.
  2. Agama Karma: Karma, das in diesem Leben neu geschaffen wird. Man erkennt: Der Karmabegriff bezeichnet sowohl die Handlung als auch die Folge einer Handlung. Meist ist aber die Folge einer Handlung oder eines Gedankens gemeint.
  3. Samjita Karma: Karma, das in zukünftigen Leben zum Tragen kommt.

Der Speicher für alle diese drei Karma-Arten wird Karma-Asaya oder Karmasaya genannt.

Der Karma-Pfeil

Swami Satchidananda vergleicht Karma mit Pfeilen in einem Köcher. Du hast früher schon einige Pfeile abgeschickt, diese werden noch ankommen oder sind bereits im dichten Anflug. Jede Handlung, jeder Gedanke ist ein Pfeil, den du absendest.

Yoga sagt dir: Du kannst dich stets entscheiden, ob du einen Pfeil auf die Reise schickst und damit dein zukünftiges Schicksal begründest oder ob du den Pfeil Köcher lässt und zukünftig mehr Freiheiten genießt.

Punkt 5

Das indische Grundparadigma

Coster bringt es auf den Punkt (S. 80):

„Eine Vergebung der Sünden im Sinne eines Auslöschens ihrer Folgen kennt die östliche Philosophie nicht.“

Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung, will erfüllt werden.

Die gute Nachricht: Yoga gibt dem Menschen Mittel an die Hand, zum Herrn über das Karma zu werden. Es gibt sogar eine spezielle Yoga-Richtung: Karma Yoga.

"Der Ziellose erleidet sein Schicksal - der Zielbewusste gestaltet es."

Immanuel Kant, 1724 - 1804, deutscher Philosoph der Aufklärung

Alle Sutras von Patanjali, die das Thema Karma behandeln

Yoga Sutra I-24: Ishvarah ist als besonderes Wesen unberührt von Leid, Karma oder Wünschen

Yoga Sutra II-12: Die Kleshas sind [somit] die Wurzel für das gespeicherte Karma. Es wird im sichtbaren [gegenwärtigen] oder in nicht sichtbaren [zukünftigen Leben] erfahren werden.

Yoga Sutra II-13: Solange die Wurzeln [der Kleshas, der leidbringenden Hindernisse] verbleiben, muss es [das Karma] erfüllt werden, und erschafft die allgemeine Lebenssituation, die Lebensspanne und das Maß an freudvollen Erfahrungen in unserem Leben

Yoga Sutra II-14: Die Ernte aus dem Karma ist entweder freudvoll oder schmerzhaft, je nachdem, ob die zugrunde liegende Tat heilsam oder leidbringend war.

Yoga Sutra II-15: Für jemanden mit Unterscheidungsfähigkeit ist alles in dieser Welt leidvoll; das liegt an der Vergänglichkeit, unserem Verlangen, den unbewussten Prägungen und an der Wechselhaftigkeit der Natur

Yoga Sutra II-16: Zukünftiges Leid kann verhindert werden

Yoga Sutra II-17: Da die [Erste] Ursache künftigen Karmas die Identifikation des Sehenden mit dem Gesehenen ist, kann kommendes Leid vermieden werden

Yoga Sutra II-18: Das Universum existiert einzig zu dem Zweck, das der Mensch Erfahrungen macht und sein wahres Selbst erkennt (Freiheit!). Es hat die Eigenschaften Klarheit, Aktivität und Trägheit

Yoga Sutra II-19: Die drei Grundbestandteile der Urnatur (Prakriti), Sattva, Rajas und Tamas, haben als Eigenschaften: grob, fein, bestimmbar, unbestimmbar

Yoga Sutra II-20: Der Sehende ist absolutes Bewusstsein. Obwohl er völlig rein ist, sieht er durch die Erfahrung des Geistes

Yoga Sutra II-21: Das Gesehene existiert nur, um durch das wahre Selbst wahrgenommen zu werden

Yoga Sutra II-22: Für den, der Befreiung erlangt hat, verschwindet die Natur. Diese bleibt jedoch für andere erhalten, da sie auf gemeinsamer Erfahrung basiert

Yoga Sutra II-23: Die Verbindung des Gesehenen (Prakriti) mit dem Sehenden (Purusha) dient dazu, beiderlei Wesen und Kräfte zu erkennen

Yoga Sutra II-24: Die Ursache dieser Verbindung ist Unwissenheit

Yoga Sutra II-25: Wenn das Nichtwissen endet, löst sich die Verbindung auf. Dadurch erlangt der Sehende absolute Freiheit

Yoga Sutra II-26: Ständige Bewusstmachung dieses Unterschiedes ist das Mittel, das Nichtwissen aufzuheben

Yoga Sutra II-27: Das erkennende Bewusstsein wird siebenfältig erreicht

Yoga Sutra III-23: Die Wirkungen des Handelns - Karma - sind aktiv erkennbar oder ruhen. Samyama über das Karma führt zur Vorahnung des Zeitpunktes des eigenen Todes

Yoga Sutra III-53: Durch Samyama auf den Strom der Augenblicke erlangt der Yogi Wissen, das auf Unterscheidungskraft beruht

Yoga Sutra IV-7: Die Handlungen (und die Folgen daraus; Karma) eines Yogi sind weder schwarz noch weiß, für andere sind sie jedoch dreierlei Art

Yoga Sutra IV-8: Aus diesen drei Arten des Handelns entspringen Früchte, die den zugrunde liegenden Neigungen entsprechen

Yoga Sutra IV-9: Erinnerungen und unbewusste Prägungen sind gebunden im Wesen und überdauern Ortswechsel, Zeiten und Geburten. Darum wird jeder Wunsch irgendwann eine Folge haben (Karma)

Yoga Sutra IV-10: Die Wünsche und Neigungen haben keinen Anfang im Wesen, denn allein schon der Wille zu leben besteht seit ewig

Yoga Sutra IV-11: Diese Kette von Ursache und Wirkung wird durch äußere Objekte und unterstützende Faktoren aufrecht erhalten. Verschwinden diese, wird der Yogi von Wünschen befreit

Yoga Sutra IV-30: Dann folgt das Ende aller Leiden und des Karma

Punkt 6

Klesha als Karma-Verursacher

Zur Erinnerung: Patanjali schreibt, dass Kleshas Karma verursachen. Mulah = Wurzel/Ursache (des Karmas). Und solange wir Karma abarbeiten müssen, können wir (in aller Regel) nicht zum Yogaziel Erleuchtung bzw. Befreiung (Kaivalya) gelangen.

Wie verursachen Kleshas das Karma? Gehen wir einfach die Kleshas mit jeweils einem Beispiel durch:

  • Indem wir aus Unwissenheit fälschlich handeln. Wir verstricken uns ungeschickt in den Ketten aus Ursache und Wirkung, wenn wir „nicht wissen, was wir tun“.
  • Indem wir uns mit den Früchten unserer Handlungen identifizieren.
  • Indem wir nach etwas verlangen und daraus Verhalten resultiert.
  • Indem wir Handlungen tätigen oder Gedanken hegen, um etwas abzulehnen oder zu vermeiden.
  • Indem wir etwas aus Selbsterhaltungstrieb nicht tun, z. B. notwendige Schritte gehen oder etwas sinnvollerweise aufgeben.

Sukadev schreibt: „Eigentlich kann nur ein Selbstverwirklichter kein Karma neu schaffen. Jeder andere hat immer eine Spur von Ego dabei.“

Punkt 7

haende helfen stein zartHilfreich sein hilft

Wie können wir Karma vermeiden?

  • Indem wir unserem Ego weniger Macht zugestehen. Uns für weniger großartig halten (und ebenso andere weniger für ihre Taten/Eigenschaften in den Himmel heben).
  • Indem wir ohne Erwartung handeln. Einfach unser Bestes geben, ohne nach den Früchten der Handlungen zu schielen.
  • Indem wir Unwissenheit über innere Reflexion und gründliches Hinschauen durch Wissen ersetzen.
  • Indem wir furchtloser werden. So verliert die Angst an Macht in unserem Leben.
    R. Steiner empfiehlt diesbezüglich, sich das Eintreten der für einen persönlich größten Befürchtung vorzustellen. Wäre dieses Eintreten wirklich so schlimm? Nein? Falls man für solch eine Situation trotz aller Probleme gar nicht mal so schreckliche Möglichkeiten des Weiterlebens erkennt, verliert diese Befürchtung ihren Einfluss auf unsere Handlungen. Wir agieren weniger angstbestimmt.

Zur Erinnerung: Bis zur Erleuchtung werden wir immer wieder mit Kleshas zu kämpfen haben. Wir können sie bis dahin nicht ganz ausmerzen. Je kleiner wir sie halten, umso schneller machen wir (spirituelle) Fortschritte. Völliges Klesha-Abtöten ist dafür aber nicht notwendig.

Govindan ergänzt (S. 65): „Indem wir auf die gegebenen Umstände mit Geduld reagieren, andere Menschen glücklich machen, neutralisieren wir allmählich die karmischen Auswirkungen.“

Freier handeln

Ohne Kleshas-Zwänge kannst du freier handeln. R. Steiner schreibt: „Wie ein Drogensüchtiger nach immer einer neuen Dosis Heroin verlangt, die ihm einen kurzen Moment Glück verspricht, aber ihn doch immer tiefer in die Sucht stürzt, hasten wir unruhig getrieben von Wunsch zu Wunsch.“

 

Was können wir noch gegen die Fesseln des Karmas unternehmen?

Das gesamte Yogasutra dient der Befreiung des Yogis und nennt mögliche Wege und Übungen in Richtung Erleuchtung. Hier in Kapitel II beginnt Patanjali mit Sutra II-1 und Sutra II-2: Kriya Yoga – bestehend aus Übungspraxis (vermutlich vornehmlich Meditation), Selbststudium und Hingabe an den höchsten Herrn – vermindert das Leiden und führt zu Samadhi.

Punkt 8

Siehe auch (Sutra mit ähnlichen bzw. ergänzenden Aussagen)

Yoga Sutra I-5: Es gibt fünf Arten von Bewegungen im Geist (Vrittis), von denen einige leidvoll sind und andere nicht

auge feld 250Vrittayah pañchatayyah klistâklistâh 
वृत्तयः पञ्चतय्यः क्लिष्टाक्लिष्टाः

Ab dieser Sutra geht Patanjali ins Detail. Zunächst unterteilt er die Vrittis in schmerzhaft und nicht-schmerzhaft. Doch wo bleibt dabei die Freude?

 

Punkt 9

Übung zu Yoga Sutra II-12

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Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-12:

Achte diese Woche achtsam auf Karma in deinem Leben. Wo erkennst du Auswirkungen vergangener Handlungen, Gedanken oder Worte? Mache daraus vielleicht ein Spiel und zähle, wie viele Karma-Auswirkungen du heute identifizieren konntest. Wenn du magst, versuche täglich raffinierter zu werden: Morgen soll es dann eine Erkenntnis mehr sein!

 

Punkt 10

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