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leiden mann skulptur 250Heyaṁ duḥkhamanāgatam
हेयं दुःखमनागतम्

Die Lösung naht ... :-)

Patanjali verdeutlicht in dieser Sutra, dass Yoga in gewissem Sinne eine vorbeugende Heilkunst ist. Ein Weiser bemüht sich, künftiges Leiden jetzt zu vermeiden.

Die heutige Sutra könnte zudem als Lebensmotto von Buddhisten und Yogis durchgehen. Man kann es als Mantra nutzen, sich täglich erinnern: „Heyam duhkham anâgatam“ – „Künftiges Leiden kann und sollte vermieden werden“. Um diesem Motto zu folgen, brauchen wir drei Dinge.

 
 

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Heyam, heya = (um) zu vermeiden; überwinden; überkommen; überwältigt;
  • Dukha, duhkham, duḥkha = Leid, Elend; Schmerz;
  • Anagatam, anâgatam, anāgata = künftig, noch nicht eingetreten; (Zu-)Künftiges; Zukunft; noch nicht Aufgetretenes;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „Künftiges Leid ...“
  • Deshpande/Bäumer: „(Nur) das Leid, das zukünftig ist, ...“
  • Dr. R. Steiner: „Zukünftiges Leiden (Duhkha) ...“
  • Coster: „Wenn auch der Schüler die Folgen seiner früheren Handlungen nicht vermeiden kann, wird er doch ...“
  • Feuerstein: „Zukünftiger Kummer ...“
  • R. Palm: „... ist zu beseitigen.“
  • R. Sriram: „Leid, das noch bevorsteht, ...“
  • Govindan: „... ist die Sorge um die Zukunft.“
  • Iyengar: „... können und sollen verhindert werden.“
  • Chip Hartranft: „Doch noch nicht eingetretenes Leiden kann verhindert werden.“
  • R. Skuban: „Schmerz ... sollte vermieden werden.“
  • G. Pradīpaka: „Zukünftiger (anāgatam) Schmerz (duḥkham) ist zu veröden oder aufzugeben (heyam)“
  • 12koerbe.de: „aufzuheben ist die Schwierigkeit, die ...“
  • Hariharananda Aranya: „Schmerz, der noch kommen wird, muss verworfen werden.“
  • I. K. Taimni: „Das Elend, das noch nicht gekommen ist, kann und soll vermieden werden.“
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: „Dem Leiden, das noch nicht gekommen ist, kann man entkommen.“
  • Swami Satchidananda: „Schmerzen, die noch nicht aufgetreten sind, sind vermeidbar.“
  • Swami Prabhavananda: „Die Schmerzen, die noch kommen, können vermieden werden.“
  • Swami Vivekananda: „Das noch nicht eingetretene Elend soll vermieden werden.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Was aufgegeben werden soll, ist der Schmerz, der noch kommen wird.“

Punkt 3

sorgen gefangener leid d 564Der Mensch leidet. Doch zukünftiges Leiden kann er verhindern, so Patanjali

Wo wir stehen

Wir befinden uns im zweiten Kapitel des Yogasutra von Patanjali. Es handelt von der Praxis des Yoga. Patanjali beginnt das Kapitel mit dem Versprechen, dass Yoga die Leiden des Yogis vermindert und zu Samadhi führt.

In Sutra II-3 bis II-11 schildert Patanjali die fünf Haupt-Hindernisse auf dem Yogapfad, die sogenannten Kleshas (Unwissenheit, Anhaftung, Ablehnung, Ego, Lebensdrang). Erste Wege zur Überwindung der Hindernisse werden angerissen (Gegenschöpfung, Meditation). Sutra II-12 bis II-15 handeln von Karma (Folgen von Handlungen und Gedanken, die auf Basis der Kleshas geschehen) und dem inhärenten Leid dieser Welt.

Punkt 4

samen einsaat ackerWas säst du heute?

Wir säen ständig frische Leidenssaat

Als Nicht-Erleuchteter säen wir über unsere Handlungen und Gedanken zu jeder Zeit neue Samen, deren Früchte wir in Zukunft ernten. Mit dieser Sutra verkündet Patanjali zweierlei:

  1. Zukünftiges Leid kann vermieden werden und – zweitens –
  2. sollte beseitigt werden.

Punkt 5

Das große Ziel: Zukünftiges Leid vermeiden

Wer freut sich schon auf eine Zukunft, die Schmerz und Trauer parat hält? Wohl niemand. Darum ist eines der Hauptanreize yogischen (und buddhistischen) Handelns, künftiges Leid zu vermeiden oder zumindest so weit wie möglich abzuschwächen.

Soweit so gut. Doch wie gelingt uns das?

„Nur wenn wir uns an das Selbst erinnern, können wir hinauswachsen über das ›Leid, das noch kommt‹.“

(Govindan)

Die folgenden Sutras gehen näher auf das Wahre Selbst ein.

 Punkt 6

Die Grundbedingung: Wissen, was Leiden schafft

Eine Voraussetzung dafür, leidbringendes Handeln zu vermeiden liegt in dem Wissen, welche Handlungen, Gedanken oder Absichten uns in Zukunft leiden lassen. Die Sutras des Patanjalis wollen hier grundlegende Einsichten vermitteln.

Weiterhin braucht es:

 Punkt 7

sprung berge ziegen see

Das entschlossene Handeln

Das Wissen um die leidvollen Folgen einer Handlung reicht nicht aus, um diese zu verhindern. Jeder (na gut, nahezu jeder) weiß, dass zu viel Zucker schadet. Ebenso das Rauchen. Das wir uns bewegen sollten. Dass wir keine bösen Gedanken hegen sollten. Das Wissen ist da, doch das Weglassen der unheilbringenden Tat, der zornigen Worte, der neidvollen Gedanken – das gelingt oftmals nicht.

 Punkt 8

Innere Stärke und Willenskraft entwickeln

Willenskraft und Entschlossenheit sind also notwendig. Sukadev rät darum, regelmäßig solche Dinge bewusst zu tun, die uns zwar zukünftig guttun, die wir jetzt aber eigentlich nicht freiwillig machen würden. Tapas bzw. Askese halt.

Das kann

  • kalt Duschen sein,
  • einen Fastentag einzulegen,
  • öffentlich eine Frage zu stellen,
  • früh aufzustehen,
  • oder eine Woche auf Süßes zu verzichten.

Die Möglichkeiten dieser Form der Geistesstärkung sind zahlreich und können jeden Tag in den Alltag eingebaut werden.

 Punkt 9

Nicht anhaften, nicht ablehnen

Anhaftung und Ablehnung dessen, was ist, führt zu zukünftigem Leid. Siehe Sutra II-7 und Sutra II-8. Von daher ist eine Folge des Übens der Yoga-Praxis des Loslassens, dass wir zukünftiges Leid verhindern. Steiner schildert in diesem Zusammenhang die Geschichte von einem Yoga-Meister, dessen Haus bei seiner Rückkehr in hellen Flammen stand und nahezu heruntergebrannt war. Statt sich zu ärgern (ablehnen) oder den Verlust zu beklagen (anhaften) nutze er noch rasch die Glut und wärmte sich seine Hände an den glimmenden Resten seines Hauses auf ...

Mantra „Heyam Dukham Anagatam“

Die drei Worte „Heyam Dukham Anagatam“ können auch als Mantra immer dann gemurmelt werden, wenn wir erkennen: Wenn ich das jetzt mache, werde ich später dafür zahlen müssen. Heyam Dukham Anagatam – zukünftiges Leid kann und sollte vermieden werden.

Punkt 10

Die vier edlen Wahrheiten

bandha buddha 250In absoluter Konsequenz formuliert es Buddha in seinen vier Wahrheiten. Wahrheit Nummer drei und vier, die Aussagen, dass es einen Weg gibt, künftiges Leiden zu verhindern, lauten:

"... die edle Wahrheit über die Beendigung von Leiden;
und die edle Wahrheit über den Pfad der Ausübung, der zur Beendigung des Leidens führt.

Aber nun, so diese verwirklicht und durchdrungen wurden, das Verlangen nach Existenz abgeschnitten ist, zerstört das, was zu neuerlichem Werden führt, und da ist kein frisches Werden mehr.“

DN16

 

Punkt 11

Auf Dauer keine Aussicht auf Erfolg: mit sinnlichen Freuden dem Leid entkommen

Wim van den Dungen weist darauf hin, dass gemäß der Lehre Buddhas auch reiche Menschen – früher oder später – an der zyklischen Existenz leiden. Sie versuchen, dieses inhärente Leid durch eine ununterbrochene Kette von sinnlichen Freuden bis zum Lebensabend zu überdecken. Dies verzögere jedoch auf Dauer nur das Erkennen des Pfades, der zur Befreiung vom Leid führt. Von daher ist Reichtum (vor diesem Hintergrund betrachtet) durchaus ein zweischneidiges Schwert. 

Da war ja auch was mit einem Nadelöhr ...

Punkt 12

Übung zu Yoga Sutra II-16

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-16:

Mache eine Liste von Handlungen und Gedanken, die deiner Meinung nach zu zukünftigem Leid führen. Eventuell ergänzt du jeweils gleich alternative, heilsame Handlungsweisen oder Gedanken, die du stattdessen zukünftig anstrebst.

Punkt 13

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