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schienen bogen wolken 250sati mūle tad-vipāko jāty-āyur-bhogāḥ
सति मूले तद्विपाको जात्यायुर्भोगाः

Weiter geht es mit der Karmalehre in den Yogasutras. In dieser Sutra schildert Patanjali in knapper Form, wovon unser Leben abhängt und warum es kein Entrinnen aus den Fängen des Karmas gibt. Schauen wir, wie sich unsere Gedanken, Worte und Handlungen auf Lebenszeit, den Erlebnissen in unserem Leben und unser menschliches Umfeld auswirkt.

 
 

schienen wolken hell dunkel wegWo werden dich deine vergangenen Kleshas noch hinführen?

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Sati = da sein; existent;
  • Mula, mūla, mūle = Wurzel; Ursprung; Grund; Reifung;
  • Sati mûle = die Wurzel da ist; der Grund vorhanden ist;
  • Tad, tat = dessen; (von) ihm (von Karmâshaya);
  • Vipakah, vipâkah = Frucht bringen; reifen; Frucht; Ergebnis; Reife;
  • Jati, jâti = Klasse; Kaste; Sozialstand; soziale Schicht; Qualität; Art;
  • Ayuh, âyuh = Dauer; Leben; Lebensspannen; wie lange die Wirkung anhält; Lebenskraft;
  • Bhogah, bhoga, bhogâh = Erfahrungen; Genuss; Vergnügen; (Erfahrung von) Glück; Essen;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hinweis zu den folgenden Sutra-Übersetzungen: Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Sukadev: „Solange die Wurzeln verbleiben, wird das Karma ... reifen.“
  • Deshpande/Bäumer: „Wenn diese Wurzel [der Kleshas] lebendig ist ...“
  • Dr. R. Steiner: „Aus diesem Ursprung gereiftes zeigt sich ... Lebensspanne ... Lebensglück.“
  • Coster: „Das Karma vergangener Handlungen ist nicht zu vermeiden ...“
  • Feuerstein: „... [gibt es auch] Reifen und Wachsen: Geburten, Lebenszeiten und Erfahrungen ...“
  • R. Palm: „Solange die Wurzel besteht, [zeigt sie] ... Wirkung ...“
  • R. Sriram: „... Ergebnis von solchen Handlungen ... hat drei Eigenarten ...“
  • Govindan: „Früchte, ... Geburt, Leben und ... Erfahrungen.“
  • Iyengar: „... wie die Wurzel ... existiert, wird sie die Art der Geburt ... Art der Lebenserfahrung bestimmen.“
  • Chip Hartranft: „Solange diese Wurzelquelle existiert, wird ihr Inhalt zu einer Geburt, einem Leben und einer Erfahrung reifen.“
  • R. Skuban: „Solange diese Wurzel existiert, wird sie Früchte hervorbringen ...“
  • G. Pradīpaka: „Solange das (die Kleśhas oder Gebrechen) – bleibt (sati) an der Wurzel (mūle), die Folge oder das Ergebnis (vipākaḥ) davon (tad) ist Geburt (jāti), Lebensspanne (āyus) und Erfahrung (bhogāḥ).“
  • 12koerbe.de: „... folgt deren Ausreifung zu Geburt, Leben und Genuss;“
  • Hariharananda Aranya: „Solange Klesha an der Wurzel bleibt, produziert Karma drei Konsequenzen in Form von Geburt, Lebensspanne und Erfahrung.“
  • I. K. Taimni: „Solange die Wurzel da ist, muss sie reifen und zu Leben unterschiedlicher Klasse, Länge und Erfahrung führen.“
  • Vyasa Houston, Barbara Miller: „Solange diese Wurzel existiert, reifen Handlungen zu Geburten, dem jeweiligen Lebensabschnitt und der Erfahrung in der Welt.“
  • Swami Satchidananda: „Mit der Existenz der Wurzel wird es auch Früchte geben: nämlich die Geburten verschiedener Arten des Lebens, ihre Lebensspannen und Erfahrungen.“
  • Swami Prabhavananda: „Solange die Ursache existiert, wird sie Früchte tragen – wie die Wiedergeburt, ein langes oder kurzes Leben und die Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz.“
  • Swami Vivekananda: „Die Wurzel ist da, die Frucht kommt (in Form von) Spezies, Leben und Ausdruck von Vergnügen und Schmerz.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Solange die Wurzel existiert, entsteht daraus Frucht in Form von Geburt, der Zeitspanne des Lebens und der Freude.“

Punkt 3

sorgen gefangener leid d 564Der Mensch leidet. Auch im "Glück". Eine Ursache sind die Kleshas

Wo wir stehen

Patanjali beginnt das zweite Kapitel im Yogasutra mit der Auflistung und (knappen) Erläuterung der Kleshas, der leidvollen Spannungen bzw. -Zustände – den Hindernissen auf dem Pfad des Yoga. Diese Kleshas sind (Sutra II-3):

Unwissenheit wurde (Sutra II-4) als die Wurzel aller übrigen leidvollen Zustände gebrandmarkt. 

In Sutra II-10 und II-11 nennt er Methoden zur Überwindung der Kleshas (u. a. Meditation und Selbsterkenntnis), ab Sutra II-12 geht es um das Karma, das aus Klesha-basierten Handlungen folgt.

"Wenn die Wurzeln nicht vertrocknet sind, ist der Baum noch nicht tot."

Dalai Lama (*1935)

Punkt 4

Manche Kommentatoren halten sich bedeckt

Mir fiel bei der Recherche auf, dass sich manche Kommentatoren zu dieser Sutra auffällig knapp hielten. Verwunderlich, da ein hohes Maß an „Brisanz“ in diesen Aussagen von Patanjali liegt. Behauptet er doch nicht weniger, als dass alle unsere Lebensbedingungen, einschließlich unseres Todeszeitpunktes, vom Karma bestimmt werden. Ist dieses Eisen für manche „zu heiß“?

Doch viele sprechen auch klar. Palm: „Aus der Taten-Ansammlung resultiert also meine gesamte Lebensrealität, ja Welterfahrung ...“ Und Govindan verkündet folgendes Schreckenszenario: Wenn jemand übermäßig essen will, kann das Karma besser im Körper eines Schweines ausgelebt werden. Diese Seele wird sich durch die Erfahrung im Körper eines Schweines weiter entwickeln. Swami Satchidananda schildert ein ähnliche karmabasierte tierische Wiedergeburt: Wenn ein Mensch stark zur List neigt, könnte das Karma „entscheiden“, dass er als Fuchs wiedergeboren wird. Einfach deshalb, weil sich dieses List-Karma als Fuchs besser entfalten könne. Ja, sogar der Hund da auf der Straße, so Swami Satchidananda, könnte mal ein Heiliger gewesen sein, der einfach nur einen Fehler im früheren Leben gemacht habe.

Punkt 5

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Komplexe Zusammenhänge

„Wenn du zu in einem Land mit Hungersnot geboren wirst, haben dich die Handlungen deiner früheren Leben dorthin geführt.“ Auch wenn man an Karma und Wiedergeburt glaubt – sind die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge immer so simpel?

Nicht zwangsläufig. Was ist zum Beispiel, wenn wir uns eine Inkarnation in solch einem sozialen und armen Milieu freiwillig ausgesucht haben, zum Beispiel um daran zu wachsen oder anderen dort zu helfen?

Schon allein dieses Beispiel zeigt: Auch wenn man an das Karma glaubt, darf man damit nicht gleich „Schuld“ bei sich und anderen (für die jeweiligen Lebensumstände) postulieren. Die konkreten Ereignisse, Handlungen und Gedanken, die zu einem Erlebnis führen, sind eventuell vielfältig und für Normalsterbliche kaum zu durchschauen.

Auch ein Gesichtspunkt:

"Das Schicksal nimmt nichts, was es nicht gegeben hat."

Lucius Annaeus Seneca, 1 - 65, römischer Philosoph

Punkt 6

Besser nach vorne schauen

Vermutlich geht es Patanjali auch überhaupt nicht darum, vergangene Handlungen und deren Folgen akribisch zu durchdenken, um einen Schuldigen für ein momentanes Ereignis zu finden. Vielmehr ist der Yoga-Blick ja auf die Zukunft gerichtet: Wie kann ich auf Grundlage des Karma-Prinzipes eine bessere Zukunft ver-ursache-n?

Oder, wenn du gar nicht mehr an einer besseren Zukunft in dieser Welt interessiert bist: Wie kann ich durch Karma-Vermeidung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt (= Samsara) aussteigen (= Moksha – Befreiung)?

Punkt 7

Vom Sinn des Karma-Grübelns

gruebeln stein gesicht hand 250Dennoch kann es natürlich durchaus lehrreich sein, sich zu überlegen, was man denn selbst früher dafür konnte, nun in der momentanen Situation gelandet zu sein. Aber auch nur wieder zu dem Zweck, es in der Zukunft weiser anzustellen. Nicht, um Schuld zu verteilen oder sich minderwertig zu fühlen.

„Die Seele ist das Bindeglied zwischem allem, was vorausgeht, und allem, was nachfolgt. Sie wird durch alle Erfahrungen bereichert, die der Persönlichkeit durch das Gesetz des Karmas zufließen.“

Sri Chinmoy, 1931- 2007, spiritueller Lehrer

Punkt 8

Alle Sutras von Patanjali, die das Thema Karma behandeln

Yoga Sutra I-24: Ishvarah ist als besonderes Wesen unberührt von Leid, Karma oder Wünschen

Yoga Sutra II-12: Die Kleshas sind [somit] die Wurzel für das gespeicherte Karma. Es wird im sichtbaren [gegenwärtigen] oder in nicht sichtbaren [zukünftigen Leben] erfahren werden.

Yoga Sutra II-13: Solange die Wurzeln [der Kleshas, der leidbringenden Hindernisse] verbleiben, muss es [das Karma] erfüllt werden, und erschafft die allgemeine Lebenssituation, die Lebensspanne und das Maß an freudvollen Erfahrungen in unserem Leben

Yoga Sutra II-14: Die Ernte aus dem Karma ist entweder freudvoll oder schmerzhaft, je nachdem, ob die zugrunde liegende Tat heilsam oder leidbringend war.

Yoga Sutra II-15: Für jemanden mit Unterscheidungsfähigkeit ist alles in dieser Welt leidvoll; das liegt an der Vergänglichkeit, unserem Verlangen, den unbewussten Prägungen und an der Wechselhaftigkeit der Natur

Yoga Sutra II-16: Künftiges Leiden kann und sollte vermieden werden

Yoga Sutra II-17: Die Identifikation des wahrnehmenden Selbstes mit den wahrgenommenen Objekten ist Ursache [des Leides] und sollte überwunden werden

Yoga Sutra II-18: Die wahrgenommenen Objekte haben die Eigenschaften Klarheit, Aktivität und Trägheit und bestehen aus Elementen und Wahrnehmungskräften. Alles Wahrgenommene dient der (genussvollen) Erfahrung und der Befreiung.

Yoga Sutra II-19: Die Stufen der Eigenschaftszustände von den Grundbausteinen der Natur (den Gunas) sind spezifisch, unspezifisch, subtil-differenziert und undefinierbar.

Yoga Sutra II-20: Der Sehende ist absolutes Bewusstsein. Obwohl er völlig rein ist, sieht er durch die Erfahrung des Geistes

Yoga Sutra II-21: Das Gesehene existiert nur, um durch das wahre Selbst wahrgenommen zu werden

Yoga Sutra II-22: Für den, der Befreiung erlangt hat, verschwindet die Natur. Diese bleibt jedoch für andere erhalten, da sie auf gemeinsamer Erfahrung basiert

Yoga Sutra II-23: Die Verbindung des Gesehenen (Prakriti) mit dem Sehenden (Purusha) dient dazu, beiderlei Wesen und Kräfte zu erkennen

Yoga Sutra II-24: Die Ursache dieser Verbindung ist Unwissenheit

Yoga Sutra II-25: Wenn das Nichtwissen endet, löst sich die Verbindung auf. Dadurch erlangt der Sehende absolute Freiheit

Yoga Sutra II-26: Ständige Bewusstmachung dieses Unterschiedes ist das Mittel, das Nichtwissen aufzuheben

Yoga Sutra II-27: Das erkennende Bewusstsein wird siebenfältig erreicht

Yoga Sutra III-23: Die Wirkungen des Handelns - Karma - sind aktiv erkennbar oder ruhen. Samyama über das Karma führt zur Vorahnung des Zeitpunktes des eigenen Todes

Yoga Sutra III-53: Durch Samyama auf den Strom der Augenblicke erlangt der Yogi Wissen, das auf Unterscheidungskraft beruht

Yoga Sutra IV-7: Die Handlungen (und die Folgen daraus; Karma) eines Yogi sind weder schwarz noch weiß, für andere sind sie jedoch dreierlei Art

Yoga Sutra IV-8: Aus diesen drei Arten des Handelns entspringen Früchte, die den zugrunde liegenden Neigungen entsprechen

Yoga Sutra IV-9: Erinnerungen und unbewusste Prägungen sind gebunden im Wesen und überdauern Ortswechsel, Zeiten und Geburten. Darum wird jeder Wunsch irgendwann eine Folge haben (Karma)

Yoga Sutra IV-10: Die Wünsche und Neigungen haben keinen Anfang im Wesen, denn allein schon der Wille zu leben besteht seit ewig

Yoga Sutra IV-11: Diese Kette von Ursache und Wirkung wird durch äußere Objekte und unterstützende Faktoren aufrecht erhalten. Verschwinden diese, wird der Yogi von Wünschen befreit

Yoga Sutra IV-30: Dann folgt das Ende aller Leiden und des Karma

Punkt 9

Übung zu Yoga Sutra II-13

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Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-13:

Überlege dir, welche Taten, Worte oder Absichten [= Karma-Produzenten] zu den Ausprägungen deines jetzigen Lebens (Umgebung, deine Eigenschaften, deine Neigungen ...) geführt haben könnten.

 

Punkt 10

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