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bewegungen geist

Abhyâsa–vairâgyâbhyâm tan–nirodhah
अभ्यासवैराग्याभ्यां तन्निरोधः

In den folgenden Sutras wendet sich Patanjali einem neuen Bereich zu. Es geht um zwei zentrale Konzepte (oder Prinzipien bzw. Vorgehensweisen) für die eigene spirituelle Entwicklung:

Abhyasa und Vairagya
Übung und Nichtanhaften

Somit kann auch diese Sutra als grundlegend eingeordnet werden. Sie begründet die tägliche Praxis des Yogi und fordert eine bestimmte Geisteshaltung zu "weltlichen Dingen" und emotionalen Verstrickungen.

Eine Geschichte verdeutlicht die anzustrebende Geistesverfassung ...

Rückblick

Wo stehen wir? Patanjali hat in den Sutras I-1 bis I-4 einen Überblick darüber gegeben, was Yoga eigentlich ist: das Beruhigen der Bewegungen im Geist. In den darauf folgenden Sutras I-5 bis I-11 erläutert er, welche Bewusstseinstätigkeiten die Bewegungen im Geist bewirken.

Ausblick

In den nun folgenden Sutras es darum, WIE diese Bewegungen des Geistes zur Ruhe gebracht werden können. Vorab: Es gilt, innere Stärke zu gewinnen und sich von seinen Wünschen loszusagen. Deshpande überschreibt die Sutras I-12 bis I-16 mit "Der Weg zu Vritti - Nirodha (Stillstand der Gedanken/Bewegungen im Geist)".

gehen meditation 564

 
 

Deutung von Sutra I-12

Wenn es leicht wäre, könnte es jeder machen

Patanjali deutet nun in Sutra I-12 an, dass der Weg nicht leicht werden wird. Zum einen wird Beharrlichkeit gefordert. Ok - das muss jeder Sportler, jeder Student, jeder, der morgens zur Arbeit geht, aufbringen. Aber das verlangte Vairagya, Nichtanhaften, stellt quasi unser Leben auf den Kopf. Was Patanjali (und andere Yogameister) hiermit fordert, ist quasi ein Aufgeben dessen, was normalerweise als ein grundlegender Bestandteil des Menschseins angesehen wird: das Streben nach etwas im Außen, was uns glücklich macht. Zum Beispiel das Lob, den liebenden Partner, Rentensicherheit ...

Als ob das nicht genug wäre, fordert er zudem, dass wir auch nicht mehr mit den Widrigkeiten des Schicksals wie Erfolglosigkeit, Krankheit, Einsamkeit etc. hadern, sondern dieses - irgendwann - völlig gleichmütig betrachten.

Wozu die Mühe?

Zur Erinnerung: Der Yogi soll durch seine Bemühungen erfahren, dass er nicht sein Kopfinhalt, seine Gefühle, seine "Geistesbewegungen" ist. Ein Mensch ist mehr. Er besitzt einen Kern (den Purusha), der viel mehr ist und mehr Glück schenkt, als die Freude über ein Stück Sahnetorte. Sahnetorte an sich ist ok, aber wenn wir immer etwas wollen, Bewegungen im Geist haben, können wir unseren Kern, den Purusha, nicht erkennen.

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Umgang mit den eigenen Erfahrungen

Man kann das "Nicht-Anhaften" auch als Umgang mit den eigenen Erfahrungen auslegen. Unsere persönlichen Erlebnisse formen (einen Teil) unseres Weltbildes und prägen damit unser momentanes Verhalten. Um diese Einflüsse jederzeit zu erkennen und im zweiten Schritt von Ihnen frei zu werden, ist zunächst achtsames Wahrnehmen erforderlich. Schon die reine Betrachtung schwächt schädliche Muster und gibt uns Energie, besser zu handeln.

Durch beharrliches Üben sowie den Glauben an das Ziel erhält man weitere Kraft, frei über die eigene Geistesverfassung und die eigenen Taten entscheiden zu können.


Siehe zu Abhyasa und Vairagya auch Kapitel 6 der Bhagavad Gita.

Zu Vairagya

Kurz gesagt meint Vairagya, dass der Yogi sich von nichts geistig in Aufruhr setzen lässt, was im Außen passiert. Ja, der Geist wird - bei Bedarf - noch nicht einmal davon bewegt.

Mein Geist sei völlig losgelöst von dem, was in der Welt geschieht oder zu mir kommt.

Manche Kommentatoren deuten Vairagya als "Loslassen", als Erreichen völliger Gelassenheit. Letztendlich, denkt man ein wenig darüber nach, ist diese völlige Seelenruhe ja auch wirklich nur "unter allen Umständen" aufrecht zu halten, wenn es mir "gleichgültig" ist, was geschieht. Eliade S. 37: "... denn die Hoffnung ist die größte Folter, die es gibt, und die Entsagung das größte Glück." (Kommentar zu Sankhya-Sutra IV-11).


Hierzu die kurze Geschichte vom Mönch und dem General, welche völlige Seelenruhe symbolisiert:

Ohne mit der Wimper zu zucken

Die Geschichte vom Mönch, der dem General eine Lektion in wahrer Stärke erteilt.

moench berg

Die feindliche Streitmacht hatte gesiegt, alle Bewohner flüchteten aus der Hauptstadt. Alle außer einem Mönch im Tempel inmitten des Stadtpark-Waldes.

Als dem gegnerischen General hiervon berichtet wurde, stürmte dieser von Zorn erfüllt in den Tempel. Ohne Zögern herrschte er den Mönch an: "Weißt du nicht, dass ich einer bin, der dich ohne mit der Wimper zu zucken mit meinem Schwert erschlagen kann!"

Der Mönch erwiderte: "Weißt du nicht, dass ich einer bin, der ohne mit der Wimper zu zucken von deinem Schwert erschlagen werden kann!"

Der General hielt inne, verharrte für einige Sekunden, verneigte sich und ging rückwärts aus dem Tempel.

Vairagya ist - aus einem gewissen Blickwinkel - der passive Teil des spirituellen Weges.

Zu Abhyasa, dem Üben

Hier nun der aktive Teil des spirituellen Weges: die Übung. Zunächst gilt es, mittels der geforderten Praxis in der Gegenwart zu verweilen, und zwar achtsam. Dann strebe man an, diese Geisteshaltung dauerhaft aufrecht zu erhalten. Um schließlich - irgendwann - das eigene Selbst - den Purusha - zu erkennen und damit jenen Zustand zu erreichen, den wir uns als Nicht-Erleuchtete nicht vorstellen können.

Woraus (aus welchen Techniken, Verhaltensweisen etc.) diese Übung, die Praxis, bestehen sollte, wird innerhalb der Yoga-Arten unterschiedlich bewertet. Von wildesten Verrenkungen bis ununterbrochene Gottesanbetung ist eine bunte Mischung verfügbar. Das Ziel des Übens hingegen, das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen im Geist - Nirodha - ist m.E. bei allen Yoga-Arten gleich.

Nie nachlassen

Ständiges Üben wird mancherorts so interpretiert, als schöpfe man Wasser aus einem Boot, das ein Loch hat. Sobald wir aufhören, "überschwappt" uns das Außen (Wünsche, Eindrücke, Gefühle ...) und wir sinken ...

Iyengar sieht ebenfalls als Ziel von Abhyasa, sein Bewusstsein zu erforschen und dadurch zur Ruhe zu bringen. Er versteht das "Anusthana" aus Sutra II-28:

Yoga Sutra II-28: Indem wir die Glieder des Yoga praktizieren, verschwinden die Unreinheiten, Weisheit wächst und die Unterscheidungskraft erstrahlt


Yogângânushthânâd ashuddhi-kshaye jnâna-dîptir â viveka-khyâteh
योगाङ्गाऽनुष्ठानादशुद्धिक्षये ज्ञानदीप्तिराविवेकख्यातेः

 

als Erweiterung von Abhyasa. In Anusthana erkennt er die Geisteshaltung hinter dem Üben: enthusiastisch, mit Hingabe. Iyengar plädiert an vielen Stellen dafür, nicht mechanisch, sondern voller Inbrunst zu üben.

Näherer Erläuterungen zur "Praxis" gibt Patanjali in den Bücher II und III des Yogasutra.

Nicht glauben, erfahren!

Abhyasa findet in vielen yogischen und hinduistischen Texten höchste Bedeutung. Hierin erkennt man die große Betonung der eigenen, direkten Erfahrung in den spirituellen Wegen Indiens. Diese ist nur nach beharrlichem Üben möglich.

Höher als die Götter

Eliade schreibt auf Seite 45ff, dass ein Mensch die Citta-Vrittis, die Bewegungen des Geistes zunächst (achtsam) erfahren haben muss, bevor er diese kontrollieren und zur Ruhe bringen kann. Damit erklärt sich das Paradoxe in (von) der Schöpfung, einerseits alle Erfahrungen zu geben (die Welt ist da, warum schadet es, wenn wir danach streben, uns daran zu erfreuen?) und gleichzeitig den Yogi dazu anzuhalten, sich von diesen Erfahrungen zu befreien.

Eliade betont weiterhin, dass durch die Möglichkeit menschlicher Erfahrung sogar Götter, da ohne Körper und damit ohne Kenntnis der Citta-Vrittis, niedriger stehen als der Mensch und durch ihren "Erfahrungsmangel" niemals völlige Befreiung erlangen können.

Dualismus im Yoga

Abhyasa, die Praxis, kann als positive Seite im Yoga gesehen werden, den Sonnenaspekt, das Ha im Hatha-Yoga. Dazu gehören Yama, Niyama, Asana und Pranayama. Vairagya hingegen kann als negative Seite betrachtet werden, die Mond-Seite - tha - im Hatha-Yoga. Hierzu gehören Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi.

Wo stehe ich?

Achtsamkeit ermöglicht dir zudem eine gute Selbsteinschätzung deiner eigenen Fehler und Stärken. Überall da, wo du dich geistig (oft ungewollt, aber auch da, wo diese Geistesaufwallungen sehr angenehm ausfallen) erregst, besteht Entwicklungspotential.

Hand in Hand in Balance

Patanjali sagt durch seine Formulierung in dieser Sutra auch, dass "Üben" alleine nicht ans Ziel führt. (Man erinnere sich, dass Patanjali im Yogasutra keine Lehre "erfindet", sondern vornehmlich das Wissen seiner Zeit zusammenfasst) Ja, es kann sogar zu spirituellem Abschwung führen, wenn du z.B. Stolz über deinen Körper - durch beharrliche Asana-Praxis gestählt - empfindest oder dich durch deine Meditation anderen Menschen überlegen fühlst.

Manche Kommentatoren sehen in dem Paar Übung/Verhaftungslosigkeit auch die Mahnung, nicht zu stark zu üben. Bei den Asanas den Körper nicht zu überfordern, sondern immer Gelassenheit zu bewahren. Oder im beruflichen Kontext: Wer durch jahrelanges intensives Bemühen eine Position erreicht, aber auf dem Weg dorthin vieles (Beziehungen, Gesundheit) verloren hat, dürfte nicht weise "beruflich" geübt haben.

Sriram mahnt in diesem Zusammenhang erneut, die Vrittis (Gedankenbewegungen) nicht mit intensiver Willenskraft zu stoppen. Dies kann zu Ergebnissen führen, die am Ende einen Rückschlag bedeuten.
Iyengar: "Ohne Zügelung würden sich die durch Übung erzeugten Kräfte verselbständigen und könnten den Schüler zu Fall bringen."

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