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tatra sthitau yatno-bhyāsaḥ
तत्र स्थितौ यत्नोऽभ्यासः

 

Abhyasa sind alle Anstrengungen zur Beherrschung des Geistes. Nicht aus Selbstzweck, sondern um Zugang zum wahren Selbst zu finden. Es geht um die Beherrschung des Geistes, damit der Purusha durchscheinen kann.

Doch worauf kommt es beim Üben an?

Siehe als Einführung zunächst die Erläuterungen zu Sutra I-12.

Yoga Sutra I-12: Die bewusste Kontrolle der Bewegungen im Geist wird durch Übung und Verhaftungslosigkeit erlangt

Nicht nur in der Yogastunde

Mehrere Kommentatoren interpretieren Abhyasa als "ständiges Üben". Nicht nur auf der Matte. Jedes Geschehen, jede Handlung, jedes Erlebnis betrachtet der Yogi als Übung bzw. Herausforderung. Irgendwann wird selbst der Schlaf zur Übung, wenn im Traum der Geist beherrscht wird. Gemeint ist demnach ununterbrochene Achtsamkeit, Wohlwollen, Positivität, Mitgefühl, Nicht-Anhaften, sich die Befreiung vergegenwärtigen etc.

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Iyengar und Govindan betonen, dass der Sadhaka (der Yogaübende) dazu angehalten wird, alle yogischen Übungsformen von Yama bis Dhyana permanent und intensiv zu praktizieren. Auf allen Ebenen. Siehe zur inneren Haltung beim Üben Sutra I-20:

Yoga Sutra I-20: Andere gelangen dorthin [zu Asamprajnata Samadhi] durch Glauben, Wille/Energie, Erinnerungsvermögen/Gedächtnis, Samadhi/Sammlung und Weisheit

Govindan ergänzt, die Schulung des Geistes sei mit der eines Hundes zu vergleichen. Der Hund lerne nicht durch Tadeln und wird auch nicht gleich am ersten Tage den Befehlen des Herrchens gehorchen. Klare, ständig wiederholte Befehle sowie Geduld sind die Mittel der Wahl, um den Hund zu Gefolgsam zu führen.

Abhyasa, die Kontrolle des Geistes zu üben, ist also eine Lebensaufgabe. Das Erlernen der Fähigkeit, den Geist im Jetzt zu halten und dessen Bewegungen zu kontrollieren, kann wie das Üben eines Muskels betrachtet werden. Mit der Zeit werden wir kräftiger, das Üben wird zur Gewohnheit und fällt leichter.

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Sthiti - die Ruhe aus einer anderen Welt

Deshpande schreibt: Wenn die Vrittis - die Bewegungen im Geist - eine Pause einlegen, nennt sich dies Sthiti - Ruhezustand. Deshpande betont, dass Sthiti in der Erscheinungswelt unbekannt ist, da es darin eine ununterbrochene Kontinuität von Ereignissen gibt. Er sagt: Sthiti gehört bereits einer anderen "Seinsordnung" an, das Bemühen um diese Pause der Ruhe wird "Übung oder Praxis" (Abhyasa) genannt.

Abhyasa kann auch darin bestehen, ganztägig sein Handeln und Erleben als unberührter Beobachter zu betrachten.

Verhängnisvoller Ehrgeiz

Gewarnt wird vor Perfektionismus einhergehend mit Verstimmung, wenn es uns nicht gelingt, unsere inneren Zustände achtsam wahrzunehmen oder gar zu beherrschen. Demut ist förderlicher, sich der eigenen Grenzen bewusst zu werden. Schwächen oder Schwachheiten achtsam wahr- und ohne Hadern anzunehmen.

Förderliches Selbstbild: Du bist nicht nur dann "richtig", wenn du alles gut machst, wenn dir alles gelingt. Diese Einstellung macht unglücklich und führt sogar vom Yoga-Weg ab, der ja Kraft und positive Energie benötigt. Viel besser ist es, sich auch toll zu finden, wenn man fünfe gerade sein lässt oder sich völlig anhaftend über etwas enthusiastisch freut oder (mal) ärgert.

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Wahrnehmung & Stille

Nur wahrnehmen solltest du möglichst immer. Einen Moment innerer Stille dazwischenschalten, zwischen Erleben und inwendigem Empfinden. Diese Achtsamkeitsmomente führen uns zu uns selbst.

Unser Geist wird sich aber gegen Achtsamkeit wehren, wenn diese stets mit Selbstverurteilung einhergeht. "Aha, wieder mal ne sinnlose Liebesschnulze gesehen. So wird das nix mit dir ..." Besonders Yogalehrer sind gefährdet, da diese oft zusätzlich meinen, von den eigenen Schülern kritisch gemustert zu werden und so ihre Selbstkritik weiter erhöhen.

Einfach meditieren

Von Clark Strand ist aus seinem Buch "Einfach meditieren" bekannt, dass er als Zen-Meister in eine tiefe Krise geriet. Er erkannte, dass die Erwartung, in der Meditation die Lösung aller Probleme zu finden, in Enttäuschung und Wiederholung alter Fehler mündet.

Er plädiert nach dieser Erfahrung dafür, Meditation eher als "Hobby" zu betrachten, als einen Raum im Leben, der leistungsfrei bleibt, ohne Hetze, indem man einfach nur ist. Man solle es um ihrer selbst willen tun, statt immer auf den damit einhergehenden geistigen Fortschritt zu zielen.

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