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augen meer Pratyaksa-ânumânâ-agamâh pramânâni
प्रत्यक्षानुमानागमाः प्रमाणानि

Patanjali erläutert die Vrittis. Das korrekte Wissen bzw. die Mittel zu dessen Erkenntnis: Pramana. Das hört sich zunächst harmlos an, doch auch korrektes Wissen wird auf dem Weg des Yoga zum Hindernis.

Deutung

Man beachte, dass Patanjali nicht sagt, dass jede direkte Wahrnehmung oder jede heilige Schrift zur Wahrheit führt. Offenkundig sind immer Fehlbeobachtungen möglich und heilige Schriften widersprechen sich häufig.

Ein schönes Beispiel hierfür zeigt folgendes Bild:

Impossible staircase

 
 

Nebenbei bemerkt: Viele Menschen bilden sich heutzutage eine Meinung aus dem Lesen von Zeitungen. Dies würde Patanjali wohl nicht als "heilige Schriften" bezeichnen :-) Analoges gilt für Videobilder, welche sich stets auf Teilaspekte einer Wirklichkeit konzentrieren und von daher das Gesamtbild unvollständig wiedergeben, ganz abgesehen von möglichen Manipulationen. Vielleicht deutet Patanjali hier an, dass du dir immer nur selbst ein Bild machen kannst und zum Rest besser schweigen soltest.

auge collage

Sinne und Intuition

Das zutreffende Wissen kann also durch unmittelbare Wahrnehmung erfolgen. Gemeint sind zumeist Wahrnehmungen über die Sinnesorgane. Andere sehen auch Intuition und warnende Gefühle als unmittelbare Wahrnehmungen und so potentiell zu korrekten Erkenntnis führend.

Andere Kommentatoren ergänzen eine "überbewusste Intuition", die aus dem wahren Selbst stammt. Diese Form intuitiven Wissens soll – wenn es authentisch ist und nicht einer Verrücktheit entstammt - stets mit einem Gefühl von Ausdehnung einhergehen, mit Liebe, mit Wonnegefühl, etwas Unendlichem. Daran könne man die höhere Intuition erkennen.

Siehe hierfür auch Sutra III-34 und III-37:

Yoga Sutra III-34: Intuition führt zu Wissen von allem

 
Prâtibhâd vâ sarvam
प्रातिभाद्वा सर्वम्

 

Yoga Sutra III-37: Von Samyama auf Purusha entstehen intuitives Hören, Sehen, Schmecken und Riechen

 
Tataḥ prātibhaśrāvaṇavedanādarśāsvādavārtā jāyante
ततः प्रातिभश्रावणवेदनादर्शास्वादवार्ता जायन्ते

 

Manche interpretieren in diese Sutras, dass Patanjali nur die unmittelbare Wahrnehmung aus der höheren Intuition , ohne Sinneseinwirkung, als die eigentliche, korrekte direkte Wahrnehmung anerkennt.

Folgerichtige Schlußfolgerung

weiserWahre Quellen (ursprünglich gemeint: von einer Autorität, einer heiligen Schrift) bilden heutzutage den größten Anteil unseres Wissens, oder hast du schon einmal dein Herz schlagen gesehen? Nein, du hast es irgendwo gelesen oder gehört und glaubst an die Bilder von Herzquerschnitten.

Sukadev empfiehlt von daher, bei allen Wahrnehmungen Viveka, die Unterscheidungskraft, anzuwenden, um wahres vom Falschen zu trennen.

Pramana – ein Vorteil?

Desphande bewertet Pramana als die angesehenste Vritti im menschlichen Leben. Sie ist neben der Inspiration verantwortlich für alle Fortschritte in der Wissenschaft. Deshpande stuft dennoch die Relevanz von Pramana für die üblichen Handlungen der Menschen als gering ein. Vernunft? Wie langweilig ... Zudem beschränke sich der Erkenntnisgewinn von Pramana auf die physische Natur.

Ist Pramana - korrekte Erkenntnis - nun etwas Gutes im Hinblick auf das Ziel im Yoga? Letzten Endes nicht, da auch dieses wahrhafte Wissen ein Vritti erzeugt und uns somit die Sicht auf den Purusha trübt. Kleines Beispiel: Ein Motorengeräusch während der Meditation - hereingeströmt durch das offene Fenster - ist zwar eine direkte Wahrnehmung, lenkt aber in der Meditation ab und somit ist eine direkte Wahrnehmung als Vritti ein Hindernis bei der Beruhigung der Bewegungen im Geist ...


Die unbeeinflusste, absichtslose Wahrnehmung kann zum Beispiel beim voll konzentrierten Beobachten einer Kerze oder Blüte geübt werden.

Weisheit in der Dualität

Iyengar weist darauf hin, dass es Weisheit nicht in der Dualität geben kann. Weisheit sieht alles als Einheit. Patanjali spricht in III-55 von erhabener Intelligenz:

Yoga Sutra III-55: Das Wissen der höchsten Unterscheidungskraft befähigt den Yogi, alle Dinge in Raum und Zeit gleichzeitig ganzheitlich in voller Transzendenz zu erfassen

 
târakaä sarva-viæayaä sarvathâ-viæayam akramam ceti vivekajaä jõânam
तारकं सर्वविषयं सर्वथाविषयमक्रमं चेति विवेकजं ज्ञानम्

 

 

Kleiner Nachteil: Diese Weisheit sei seiner (Iyengars) Meinung nach untauglich zum Lösen von Herausforderungen des normalen Lebens in einer dualistischen Welt, da diese erhabene Intelligenz von der Natur (Prakrti) unberührt sei. Die Verfeinerung dieser Intelligenz sei jedoch für die Suche nach Freiheit essentiell, da sie dann nach innen zum wahren Selbst hingezogen wird. Siehe:

Yoga Sutra IV-26: Dann wird die Unterscheidungskraft erlangt und der Geist strebt zur Befreiung

  
Tadā viveka-nimnaṁ kaivalya-prāg-bhāraṁ cittam
तदा विवेकनिम्नङ्कैवल्यप्राग्भारञ्चित्तम्

 

 

Iyengars Einwand erinnert an das Höhlengleichnis aus Sutra I-4: Der aus der Höhle Befreite würde, zurück in der Höhle, mit seinen neuen Erkenntnissen in der Unterwelt nichts anfangen können. Im Gegenteil: Seine Augen müssten sich erst einmal wieder an das Schattendasein im Höhlendunkel gewöhnen, um sich überhaupt grob orientieren zu können.

Fazit

Trau, schau, wem. Die Sutra 1.7 kann man auch als Aufforderung verstehen, die eigenen Meinungen einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen, um sich der Unvollkommenheit unserer Sinne und unseres Verstandes bewusst zu werden.

Übung zu Yoga Sutra I-7

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche: Forsche diese Woche in deinen Überzeugungen. Welche davon beruht auf Pramana im Sinne Patanjalis? Mache dir zudem bewusst, inwiefern diese auf Pramana beruhende Überzeugung dennoch als Vritti die Ruhe deines Geistes stört.

Videos zur siebten Sutra

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