
Das vierte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika führt dorthin, wo Yoga unbequem interessant wird: weg von der bloßen Technik, hinein in die Frage nach Geist, Atem, Prana, Samadhi und innerer Freiheit.
Wie sich alles zueinander verhält, was auf was folgt. Man könnte es wie Brahmananda auch als Raja-Yoga-Kapitel ansehen.
Wer hier nur eine alte Anleitung zu exotischen Praktiken erwartet, unterschätzt den Text; wer ihn dagegen unkritisch wörtlich nimmt, stolpert schnell über große Worte, subtile Kanäle und wundersame Versprechen.
Dieser Artikel ordnet die wichtigsten Aussagen des Kapitels verständlich ein, erklärt zentrale Begriffe wie Laya, Nada, Sushumna, Kundalini und Turya und zeigt, warum dieser alte Yogatext auch heute noch mehr zu sagen hat als manche moderne Übungsanleitung mit schöner Matte und wenig Tiefe.
Kurz zusammengefasst
- Samadhi
Das vierte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika beschreibt Samadhi als Ziel des Hatha Yoga. Gemeint ist keine bloße Entspannung, sondern ein Zustand tiefer Sammlung, in dem der gewöhnliche Geist zur Ruhe kommt und die Trennung zwischen Geist, Selbst und Wahrnehmung überschritten wird. - Hatha Yoga und Raja Yoga
Die Pradipika macht deutlich: Hatha Yoga ist kein Selbstzweck. Asana, Pranayama, Mudra, Bandha, Kundalini- und Nada-Praxis sollen in Raja Yoga, also in Meditation, Sammlung und Samadhi münden. - Atem, Prana und Geist
Ein zentrales Thema ist die enge Verbindung von Atem, Prana und Geist. Wird der Atem ruhig und gesammelt, beruhigt sich auch der Geist; wird der Geist gesammelt, verfeinert sich wiederum der Atem. - Sushumna und Kundalini
Die Sushumna wird als zentraler subtiler Kanal verstanden, durch den Prana auf dem Weg zur höchsten Sammlung geführt wird. Kundalini steht dabei für die spirituelle Kraft, deren Erweckung und Aufstieg im Text als entscheidender Schritt beschrieben wird. - Laya, Unmani und Turya
Begriffe wie Laya, Unmani, Manonmani und Turya beschreiben unterschiedliche Aspekte eines Zustands jenseits der gewöhnlichen Geistestätigkeit. Der Text spricht damit von einer Erfahrung, die schwer in moderne Alltagssprache zu übersetzen ist. - Nada – der innere Klang
Die Konzentration auf Anahata Nada, den inneren ungeschlagenen Klang, wird als besonders wirksamer Weg zur Sammlung des Geistes beschrieben. Die inneren Klänge werden im Verlauf der Praxis feiner und dienen nicht der Sensation, sondern der Vertiefung. - Vier Stufen der Nada-Praxis
Die Stadien Arambha, Ghata, Parichaya und Nishpatti zeigen einen Entwicklungsweg von ersten inneren Erfahrungen über wachsende Vertrautheit bis zur Vollendung. Der Text warnt indirekt davor, frühe spirituelle Eindrücke schon für das Ziel zu halten. - Praxis und Loslassen
Die Pradipika betont nicht nur Technik, sondern auch Vairagya, also Nicht-Anhaften und Leidenschaftslosigkeit. Ohne Loslassen kann selbst intensive Praxis zu einer neuen Form von Ehrgeiz werden. - Kritische Einordnung
Aussagen über Unsterblichkeit, Unverletzbarkeit oder magische Kräfte sollten nicht platt wörtlich gelesen werden. Sie gehören zur traditionellen Bildsprache und beschreiben vor allem die Vorstellung innerer Unabhängigkeit und spiritueller Unangreifbarkeit. - Aktuelle Bedeutung
Das Kapitel fragt nicht nur, ob Yoga entspannt oder kräftigt, sondern ob Yoga wirklich verändert. Die entscheidende Frage lautet: Führt die Praxis zu mehr Freiheit, Sammlung und innerer Klarheit?
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Warum das vierte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika besonders wichtig ist
Das vierte Kapitel ist so etwas wie der Zielraum der Hatha Yoga Pradipika. In den vorherigen Kapiteln ging es um Asana, Pranayama, Mudra, Bandha, Nadis und Kundalini. Nun wird deutlicher, wozu all das dienen soll: nicht zu mehr Beweglichkeit, nicht zu schöneren Haltungen und auch nicht zu einem besonders exotischen Körpergefühl, sondern zur Sammlung des Geistes und schließlich zu Samadhi.
Damit zeigt die Pradipika eine Seite des Hatha Yoga, die heute leicht übersehen wird. Hatha Yoga ist hier kein Wellness-System, sondern ein radikaler Übungsweg. Der Körper wird nicht verachtet, aber er ist auch nicht das Endziel. Der Atem wird nicht nur beruhigt, damit man sich angenehmer fühlt. Er wird als Schlüssel zum Geist verstanden. Und der Geist wiederum ist nicht bloß ein Denkorgan, sondern der Ort, an dem Bindung, Unruhe, Wahrnehmung, Ich-Gefühl und Befreiung miteinander ringen.
Man könnte sagen: Die ersten Kapitel bereiten das Instrument vor. Das vierte Kapitel fragt, ob darauf auch wirklich Musik gespielt wird.
Einführung
Zu Beginn des vierten Kapitels verehrt Svatmarama Shiva als ursprünglichen Guru des Yoga. Dieser Guru wird mit den Prinzipien Nada, Bindu und Kala verbunden; wer sich darauf ausrichtet, erreicht den makellosen Zustand.

Yoga nur mit Guru?
In der Pradipika finden sich an mehreren Stellen Ehrerbietungen an den Guru. Oft wird betont, dass dieses und jenes nur vom Guru gelehrt werden dürfe/könne. Dies ist typisch für tantrische Lehren.
Anders soll es zu Zeiten des Yoga-Sutra gewesen sein. Patanjali habe zum Beispiel keinen Vers auf ein Guru-Einweihungsritual verwendet.
Dann sagt er folgenden Vers, was wir im vierten Kapitel erwarten dürfen:
Vers 4-2: Nun werde ich hier die beste Methode zum Erlangen von Samadhi erklären.
Er verspricht:
4-2: Dadurch erlangt man Wohlbefinden, überwindet den Tod und empfängt göttliche Wonne.
Alternativübersetzung: Nun werde ich den höchsten Prozess von Samadhi erklären, welcher den Tod besiegt, ein Mittel zum Erreichen von Glück ist und der beste Verursacher von der Wonne von Brahman ist.
In anderen Worten: Swatmarama verspricht hier: Du kannst (dauerhaft) glücklich werden. Ja noch mehr: Göttlicher Wonne teilhaftig werden. Hier auf Erden, jetzt.
Na gut, nicht gleich jetzt, ein wenig Übung vorweg ...

Viele Worte, ein Ziel
Erst einmal macht er aber in 4-3 und 4-4 darauf aufmerksam, dass im Yoga viele Begriffe für die Selbstverwirklichung bzw. Befreiung eigentlich dasselbe aussagen. Er nennt:
- Raja Yoga
- Samadhi
- Hoher Intellekt
- Intellekt ohne Intellekt
- Unsterblichkeit
- Ruhe bzw. Auflösung
- Absolute Leere
- Das-Sein
- Allerhöchster Zustand (Weg)
- Stiller Geist
- Nicht-Dualität (Nicht-Zweiheit)
- Niralamba (ohne Basis)
- Jetzt-Bewusstsein
- Lebendig befreite Seele (Jivamukti)
- Der reine Zustand
- Der natürliche Zustand
- Der vierte Zustand (Turya)
Diese Aufzählung hilft zu erkennen, dass viele unterschiedliche spirituelle Lehren und Strömungen auf denselben/dieselbe Zustand/Erfahrung/Erkenntnis hinaus wollen.
Nähere Erläuterung zentraler Begriffe: Samadhi, Laya, Unmani und Turya
Die vielen Begriffe im vierten Kapitel wirken zunächst verwirrend. Sie meinen nicht alle exakt dasselbe, aber sie kreisen um denselben Erfahrungsraum: einen Zustand, in dem der gewöhnliche Geist nicht mehr die Hauptrolle spielt.
- Samadhi bezeichnet die tiefe Versenkung oder Sammlung. Der Geist ist nicht mehr zerstreut, sondern vollständig auf einen Zustand, ein Prinzip oder schließlich auf das Selbst hin ausgerichtet. Im höchsten Sinn löst sich sogar die Trennung zwischen Meditierendem, Meditation und Meditationsobjekt auf.
- Laya bedeutet Auflösung oder Absorption. Gemeint ist nicht Bewusstlosigkeit und auch nicht ein dumpfes Wegdriften. Vielmehr geht es darum, dass die Bewegungen des Geistes, die Sinneseindrücke und die inneren Reaktionsmuster ihre Macht verlieren. Der Geist wird still, nicht weil er unterdrückt wird, sondern weil seine Unruhe keinen Brennstoff mehr bekommt.
- Unmani oder Manonmani beschreibt einen Zustand „jenseits des gewöhnlichen Geistes“. Das klingt zunächst seltsam, ist aber präziser als viele moderne Wörter. Gemeint ist kein Verlust von Intelligenz, sondern ein Überschreiten des dauernden Denkens, Bewertens, Erinnerns und Wollens. Der Mensch ist nicht weniger wach, sondern anders wach.
- Turya, der „vierte Zustand“, steht für eine Bewusstseinsweise jenseits von Wachen, Träumen und Tiefschlaf. In der indischen Philosophie ist Turya kein weiterer Alltagszustand, sondern eine Art Grundbewusstsein, das die anderen Zustände trägt. Wenn der Text davon spricht, berührt er bereits die Grenze zwischen Hatha Yoga, Vedanta und tantrischer Mystik.
Diese Begriffe lassen sich nicht vollständig in moderne Alltagssprache übersetzen. Man kann sie erklären, aber man darf sie nicht glattbügeln. Gerade ihre Fremdheit erinnert daran, dass die Pradipika von Erfahrungen spricht, die nicht einfach in unsere üblichen Kategorien passen.
Dann folgt eine interessante Veranschaulichung des Erleuchtungs-Zustandes:
4-5: So wie in Salz aufgelöstes Wasser eine Einheit von Salz und Wasser ergibt, so ist die Einheit von Geist und Seele (Atman, unveränderliches Selbst) im Samadhi.
Dann hört es sich so an, als wäre Samadhi nur in einem Zustand ohne Atmen erfahrbar:
4-6: Wenn das Prana völlig verschwindet [oder: zur Ruhe kommt] und das Geistige sich auflöst, dann folgt die Einheit, die Samadhi genannt wird.
Alternative Deutung: Übe viel Pranayama und dein Geist kommt zur Ruhe.

Svatmarama schildert in den folgenden Versen weitere Merkmale von Samadhi:
4-7: .... wenn sich alle geistigen Ideen/Konstruktionen auflösen
4-9 ... die völlige Entsagung der Sinnesobjekte ...
4-11: ... das Erwachen und Aufsteigen der Shakti (Kundalini) und das komplette Aufgeben des Handelns ... erreicht der Yogi seinen natürlichen Zustand (also ist Samadhi etwas Natürliches!) von selbst (also auch ohne etwas zu forcieren)
Dann folgen Verse, welche die Wichtigkeit der Guru-Belehrung für das Erlangen von Samadhi betonen (siehe Anmerkung oben).
4-9: „Schwierig sei es ... ohne einen wahren Lehrer ...“.
Hier ist Swatmarama ganz in der Nath-Tradition.
Hast du schon Erfahrung mit Samadhi?
Hier die bisherigen Antworten anschauen ⇓
Die bisherigen Stimmen:
| Nein, noch nie | 28 Stimmen |
| Ich erfahre Samadhi regelmäßig | 28 Stimmen |
| Ich habe eine oder mehrere kurze Samadhi-Erfahrung(en) gehabt | 23 Stimmen |
| Ja, ich bin schon tief in Samadhi eingetaucht | 9 Stimmen |
| Ich habe mich Samadhi angenähert | 4 Stimmen |
Hatha Yoga und Raja Yoga: Technik ist nicht das Ziel
Eine der wichtigsten Botschaften des vierten Kapitels lautet: Hatha Yoga soll in Raja Yoga münden. Damit ist nicht gemeint, dass Hatha Yoga minderwertig wäre. Im Gegenteil: Die Pradipika macht aus Atem, Haltung, Mudra und innerer Energiearbeit einen ernsthaften Weg. Aber sie warnt davor, bei der Technik stehenzubleiben.
Hatha Yoga ist in diesem Text der praktische, körperlich-energetische Zugang. Er arbeitet mit dem Atem, mit dem subtilen Körper, mit Konzentration, Reinigung und innerer Disziplin. Raja Yoga bezeichnet dagegen den Zustand tiefer Sammlung, in dem der Geist ruhig, durchsichtig und schließlich überschritten wird. Hatha bereitet vor, Raja vollendet.
Das ist eine unbequeme, aber wichtige Korrektur für ein modernes Missverständnis. Wer nur übt, um beweglicher, kräftiger oder entspannter zu werden, kann durchaus Nutzen daraus ziehen. Aus Sicht der Pradipika wäre das aber noch nicht der eigentliche Yoga. Der Text zielt höher: auf Samadhi, Laya, Unmani, Turya, also auf Zustände, in denen das gewöhnliche Bewusstsein nicht mehr im Mittelpunkt steht.
So gesehen ist Hatha Yoga in der Pradipika kein Fitnessprogramm mit spirituellem Beiwerk. Eher umgekehrt: Es ist ein spiritueller Weg, der den Körper sehr ernst nimmt.
Der Yoga-Weg
Es folgt eine Zusammenfassung des Yoga-Weges, wie er in der Hatha Yoga Pradipika geschildert wird:
4-10: Durch die verschiedenen Asanas und die verschiedenen Pranayama (wörtlich: Kumbhakas) und durch das Aufwecken der großen Shakti (Kundalini) geht das Prana die Sushumna (wörtlich: „in die Leere“, gemeint ist der mittlere Energiekanal die Wirbelsäule entlang) ein.
Vishnu Devananda kommentiert: „Ida und Pingala zu stoppen und das Prana in die Sushumna zu bringen, ist der Sinn jeden Yogas.“
Welche Rolle spielt Meditation oder innere Sammlung in deiner Yoga-Praxis?

Kundalini
In den folgenden Versen gibt Swatmarama Schilderungen zur Erweckung der Kundalini, die sich aber nur noch graduell vom in den drei Kapitel zuvor Gesagten unterscheiden. Darum schildere ich nur noch Auszüge.
Prinzipiell geht es um Atemtechniken zur Erweckung und Leitung der Kundalini in die Sushumna sowie das Zur-Ruhe-Bringen des Geistes.
Immer wieder schiebt er Schilderungen der positiven Folgen des Yoga-Übens ein. Wahrscheinlich beabsichtigt er mit diesen Schwärmereien, Motivation und Energie für das Üben und Loslassen im Schüler auszulösen.
4-15 ... dessen Verstandes-Geist gestorben ist ...
4-16 .... den geöffneten Hauptenergie-Kanal (Sushumna) kennen ...
4-17 ... dieses enthüllt das Geheimnis ...
4-18: ... Die Sushumna ist die Göttin, alle anderen 72.000 Nadis sind ohne Zweck.
4-21: Wer den Atem kontrolliert, der kontrolliert den Geist. Und wer den Geist kontrolliert, der kontrolliert damit den Atem.
4-29: Der Geist (Manas) ist der Gebieter der Sinne und der Atem (Marutah) ist der Gebieter des Geistes ...
Kundalini und Sushumna: subtiler Körper, keine Anatomie-Tafel
Die Aussagen über Kundalini, Sushumna und die Nadis gehören zum subtilkörperlichen Weltbild des Hatha Yoga. Sie sollten nicht vorschnell als anatomische Beschreibungen gelesen werden. Die Sushumna ist kein Nerv, den man im Präpariersaal finden könnte, und die Nadis sind keine Blutgefäße. Sie gehören zu einer yogischen Erfahrungs- und Übungssprache, die innere Prozesse beschreibt.
Das macht diese Begriffe nicht wertlos. Im Gegenteil: Sie geben der Praxis eine Landkarte. Aber es ist eine andere Art von Landkarte als ein medizinischer Atlas. Wer beide verwechselt, landet schnell entweder in naiver Wundergläubigkeit oder in vorschneller Ablehnung. Beides ist zu einfach.
In der Pradipika steht die Sushumna für den zentralen Weg der inneren Sammlung. Solange Prana vor allem in den dualen Bahnen von Ida und Pingala verstanden wird, bleibt der Mensch nach dieser Lehre in Polarität, Bewegung und Unruhe. Wenn Prana in die Sushumna eintritt, beginnt der Weg zur inneren Mitte. Ob man das wörtlich, symbolisch, energetisch oder meditativ versteht, hängt von der jeweiligen Tradition ab. Entscheidend ist: Die Praxis soll den Menschen aus Zerstreuung in Einpünktigkeit führen.
Gerade hier lohnt sich eine nüchterne Haltung. Die alten Texte sprechen oft groß, manchmal übergroß. Doch hinter der Sprache steht ein klarer Gedanke: Ohne Sammlung des Atems, ohne Sammlung der Aufmerksamkeit und ohne innere Ausrichtung bleibt Yoga äußerlich.
Pragmatismus im Yoga
Vers 4-30 ist etwas undeutlich und wird unterschiedlich übersetzt. Er beginnt mit:
„Dieses mag das als Befreiung bezeichnet sein, es mag es innerhalb der (einer anderen?) Lehrmeinung aber auch nicht sein.“
Interessanter der zweite Halbsatz:
„Wie auch immer Glückseligkeit (ananda) in der Geist-Prana-Auflösung entsteht.“
Manche Kommentatoren sehen hierin einen Beleg für den Pragmatismus im Yoga: Man weiß nicht genau, warum diese Effekte auftreten, aber man die Praxis dennoch üben, da sie funktioniert. Unabhängig davon, wie verschiedene Lehrmeinungen diesen Zustand philosophisch einordnen, gilt die aus der Beruhigung oder Auflösung von Geist und Prana entstehende Ananda-Erfahrung als zentral.
Eine weitere Zusammenfassung des Yoga-Weges liefert der darauf folgende Vers:
4-31: Völlig eingestellte (verschwundene) Ein- und Ausatmung verbunden mit einer Auflösung der Wahrnehmung von Sinnesobjekten – bewegungslos und unveränderlich – ist Laya (Auflösen, Eingehen) in die Meisterschaft der Yogis.
4-32 ... man erfährt dies nur durch „Selbst-Erfahren.

Laya und Turya
In den folgenden Versen wird dieses „Laya“ beschrieben und erläutert.
4-34: ... Laya ist das völlige Vergessen der sinnlichen Wahrnehmungen ... und von Begierden ... Verhindern des Auftretens jegliches Überbleibsel im Geist ...
Laya bedeutet in diesem Zusammenhang nicht bloß Vergessen, sondern das Aufgehen oder Zur-Ruhe-Kommen der sinnlichen Wahrnehmungen, Wünsche und mentalen Regungen. Die Sinneswelt verliert ihre bindende Kraft, weil der Geist in einen Zustand tiefer Sammlung eingeht.
Dann folgt eine Erläuterung zu Shambhavi Mudra (wörtlich: „Zu Shiva gehörend“ oder „dem Shiva heilig“) und Ergänzungen zu Khechari.
4-48: In der Mitte zwischen den Augenbrauen, wo der Geist sich auflöst, ist die Wohnstatt Shivas. Dieser Zustand ist der Vierte (Turya), dort gibt es den Tod nicht.
Meditationstipps
Es folgen zahlreiche weitere Konzentrations- und Visualisierungsanweisungen, die aber sehr technisch sind und unterschiedlich interpretiert werden. Ich zitiere nur Stellen, die mir sehr klar erscheinen..
4-56: Der Yogi soll innen und außen leer werden wie ein Topf im leeren Raum.
4-57: Weder an das innerliche noch an das äußerliche Denken ... alles Denken aufgebend ...
Über die Welt
4-58: Alle Vorstellungen und die ganze Welt sind bloß ein Werk des Geistes. ... Gib dieses auf und gebe dich ganz dem hin, das keinem Wandel unterliegt (Atman bzw. das wahre Selbst?) ... und du wirst inneren Frieden erlangen.
4-59 .... löst sich der Geist im Tattva (Samadhi?) auf ...
4-60: Wenn das Erkennbare und das Erkennen gleichzeitig aufgelöst werden, bleibt da kein anderer Weg übrig.
4-61: ... die ganze bewegliche und unbewegliche Welt ist nur erschaut durch den Geist. ... Wenn (Samadhi) ... wird dort keine Dualität mehr wahrgenommen.
Zur Geschichte von Samadhi:
4-63: Die früheren Meister – von gewaltiger Seele – haben auf verschiede Arten Erfahrungen mit der Versenkung in Samadhi gemacht und diese Methoden dann gelehrt.

Der innere Klang: Anahata Nada – Klänge aus dem Nichts
Svatmarama beschreibt anschließend die Praxis der Konzentration auf Anahata Nada, den inneren, ungeschlagenen Klang. Er heißt ‚ungeschlagen‘, weil er nicht durch ein äußeres Anschlagen oder Reiben entsteht, sondern als subtiler innerer Klang meditativer Erfahrung gedeutet wird. Diese "Klänge" können im Laufe der spirituellen Entwicklung zur Verwirklichung von Samadhi auftreten.
Anahata Nada
4-65: ... nun wird erklärt, wie sich Ungebildete, welche der Erkenntnis der höchsten Wahrheit nicht fähig sind, die Konzentration auf Nada (den inneren Klang) üben können ...
4.65 leitet die Nada-Praxis als Methode für diejenigen ein, denen eine unmittelbare Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit schwerfällt. Die Konzentration auf den inneren Klang wird als zugänglicher Weg zur Sammlung und Auflösung des Geistes dargestellt.
4-66: ... ist Konzentration auf Nada gewiss die vorzüglichste aller Methoden zur Auflösung des Geistes ...
4-67: In Muktasana sitzend und Shambhavi Mudra ausführend soll sich der Yogi auf den inneren Klang seines rechten Ohres konzentrieren.
Brahmananda schreibt, dass diese Klänge aus der Sushumna hervorgehen und von unterschiedlicher Art (z.B. Summen, Glockenschlag, Wellen usw.) sind.
4-68: Die Löcher der Ohren, Augen, der Nase und des Mundes sind versperrt. Dann hört man den Klang der gereinigten Sushumna.
Man kann dies auch mit den Fingern tun: Mit den Daumen auf den Ohren, die Zeigefinger halten die Augen zu, die Mittelfinger die Nasenlöcher und der Mund wird von den restlichen vier Fingern verschlossen. Dies nennt sich auch Shanmukhi Mudra.
Mehrdeutig, der innere Klang: Anahata Nada
Mit Anahata Nada ist wie gesagt der „ungeschlagene Klang“ gemeint. Das ist ein Klang, der nicht durch ein äußeres Anschlagen entsteht, nicht durch Saite, Trommel, Stimme oder Luftbewegung. Die Pradipika beschreibt ihn als inneres Phänomen, auf das der Yogi seine Aufmerksamkeit richtet.
Für moderne Leser klingt das schnell sonderbar. Man denkt an Ohrgeräusche, Tinnitus oder akustische Einbildungen. Solche Assoziationen sind verständlich, aber sie treffen den Text nur teilweise. Die Nada-Praxis ist in der Pradipika vor allem eine Konzentrationsmethode. Der Geist, der sonst nach außen läuft, wird an einen subtilen inneren Bezugspunkt gebunden. Er bekommt etwas zu „hören“, ohne nach außen zu gehen.
Die inneren Klänge werden im Verlauf der Praxis feiner. Anfangs sind sie grob und deutlich, später zarter und subtiler. Das entspricht einem allgemeinen Prinzip der Meditation: Die Aufmerksamkeit wird verfeinert. Was vorher lärmend war, wird stiller. Was vorher diffus war, wird genauer. Der Yogi lauscht nicht, um eine interessante Klangshow zu erleben, sondern um den Geist in die Tiefe zu führen.
Wichtig ist auch hier eine Unterscheidung: Die Pradipika beschreibt eine traditionelle Meditationspraxis. Wer belastende Ohrgeräusche, Schwindel, Angstzustände oder ungewöhnliche Wahrnehmungen erlebt, sollte dies nicht vorschnell als spirituellen Fortschritt deuten. Nicht jedes innere Geräusch ist ein Zeichen von Samadhi. Manchmal ist ein Klang einfach ein Klang. Und manchmal ist ärztliche oder therapeutische Abklärung klüger als metaphysische Begeisterung.
Die 4 Zustände im Yoga – Nadavastha
Es folgt zunächst ein allgemeiner Yoga-Vers:
4-69: Bei allen Yogatechniken gibt es eine Vierergruppe von Stadien/Zuständen:
- Arambha: Beginn, Anfang
- Ghata: Integration oder Sammlung, Bemühung
- Parichaya: Vertrautheit
- Nishpatti: Vollendung
Zu Arambha: Aller Anfang ist ...
4-70: Nun folgt der Zustand des Arambha. Wenn der Brahma-Knoten (im Herz-Chakra) durchstoßen (mittels Pranayama?) wird, entsteht in der Leere Glückseligkeit und der ungeschlagene Klang wird gehört. Er klingt wie verschiedenartiges Geklingel.
4-71: Im Arambha, wenn der Ton in der Leere des Herzens gehört wird, wird der Körper eines Yogisch himmlisch strahlend, gesund und von göttlichem Duft.
Zu Ghata – Integration oder Vereinigung / Bemühung
Im zweiten Stadium, Ghata, werden die Lebenswinde gesammelt oder vereinigt und in den mittleren Kanal geführt. Dadurch wird die Sitzhaltung fest, und der Yogi gewinnt eine besondere Klarheit.
4-72: Nun folgt der Zustand des Ghata. Im zweiten Zustand, nachdem der Lebenshauch im mittleren Kanal (könnte alternativ Kehl-Chakra meinen) vereinigt (Prana und Apana) worden ist, beginn dort der Strom zu fließen. Die Stellung (Asana) des Yogis wird fest und er gleicht in seiner Weisheit den Göttern.
4-73: ... wenn der Knoten des Vishnu (im Halsraum) durchstoßen wurde, ... erlangt der Yogi ein Anzeichen der höchsten Glückseligkeit ... und ein Ton wie von einer Kesselpauke (Bheri) ertönt.

Zu Parichaya – Vertrautheit
4-74: Nun folgt der Zustand des Parichaya. Im dritten Zustand wird der Klang einer Trommel im Raum (zwischen den Augenbrauen) erfahren ...
4-75: Nachdem die (aus dem Hören des Tones resultierende) Glückseligkeit überwunden ist, erfährt der Übende seine natürliche Glückseligkeit. Diese ist frei von Schmerz, Alter, Krankheit, Hunger und Schlaf.
Zu Nishpatti – Vollendung im Raja Yoga
4-76: Nun folgt der Zustand des Nishpatti. Wenn der Knoten des Rudras (im Ajna-/Stirn-Chakra) durchstoßen wurde und der Lebenshauch zum Sitz Shivas gelangt ist, ertönt der Klang einer Flöte ...
4.76 beschreibt im Stadium der Vollendung einen feinen Klang, der in manchen Übersetzungen mit einer Flöte, in anderen näher am Sanskrit als Klang einer Vina wiedergegeben wird.
4-77: Dann ist der Geist eins geworden. Das nennt man Raja Yoga. Der Yogi wird wie Ishvara (Gott) Schöpfer und Auflöser.
4-78: Dann mag Erlösung gegeben sein oder auch nicht, aber in diesem Zustand völliger Versunkenheit ist ungebrochene Glückseligkeit.
Mögliche Deutung: Von der ersten Erfahrung zur Vollendung
Die vier Zustände Arambha, Ghata, Parichaya und Nishpatti beschreiben keinen Wochenplan und keine Checkliste. Sie können eher als eine poetisch-yogische Landkarte innerer Vertiefung gedeutet werden:
- Arambha, der Anfang, steht für das erste Aufbrechen. Der Übende erfährt, dass es mehr gibt als die normale Zerstreuung des Geistes. Erste innere Klänge, erste Ruhe, erste Freude können auftreten. Das ist kostbar, aber auch gefährlich. Denn Anfänger verwechseln erste Erfahrungen gern mit endgültiger Verwirklichung.
- Ghata meint Sammlung, Verbindung oder Integration. Atem, Geist und Aufmerksamkeit beginnen stärker zusammenzuwirken. Die Praxis wird weniger äußerlich. Der Körper sitzt stabiler, der Atem wird feiner, der Geist verliert etwas von seiner alten Sprunghaftigkeit.
- Parichaya bedeutet Vertrautheit. Was vorher außergewöhnlich erschien, wird zugänglicher. Der Übende kennt die inneren Wege besser. Die Praxis ist nicht mehr bloß Technik, sondern wird zu einem vertrauten Raum. Doch auch hier gilt: Vertrautheit ist noch nicht Vollendung.
- Nishpatti schließlich meint Vollendung oder Reife. In der Sprache der Pradipika ist dies der Zustand, in dem der Geist eins geworden ist und die Nada-Praxis in Raja Yoga mündet. Ob man diese Beschreibungen wörtlich, symbolisch oder mystisch liest: Die Richtung ist eindeutig. Yoga wird nicht an spektakulären Einzelphänomenen gemessen, sondern an der tiefen Umwandlung des Bewusstseins.
Ratschläge
Es folgt eine Wiederholung der Mahnung:
4-79: Die aber nur Hatha-Yoga üben und den Raja-Yoga nicht kennen, üben vergebens.
4.79 betont, dass Hatha-Yoga nicht als bloße Körper- oder Atemtechnik verstanden werden soll. Wer Hatha übt, ohne den Zusammenhang mit Raja-Yoga, Sammlung und Samadhi zu kennen, verfehlt nach Svatmarama den eigentlichen Zweck der Praxis.
Swatmarama empfiehlt:
4-80: Meiner Meinung nach ist die Konzentration (Dhyana) auf das Zentrum zwischen den Augenbrauen der schnellste Weg zum Erreichen des Zustandes des Ummani (Samadhi) ... selbst ein kleiner Geist erlangt (auch/mit dem Klang) die unmittelbare Erfahrung ...
Die folgenden Verse widmen sich den unterschiedlichen Tönen (Nada), die ein Yogi auf seinem Weg zu Samadhi hört. Die Töne werden immer „zarter“. Der Geist wird immer gefügiger und ein-pünktiger und alle Stufen von Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi werden durchlaufen.
Swatmarama rät:
4-93: Wer die Beherrschung des Yoga zu erreichen wünscht, soll alle Gedanken aufgeben und mit konzentriertem Geist allein auf den ungeschlagenen Klang (Nada) fokussiert sein.
Er betont über verschiedene Bilder (Giftschlange, Feuer, Quecksilber etc.) die Wichtigkeit der Bezähmung des Geistes und wie das Konzentrieren auf die Nada dabei hilft.
4-102: Was auch immer beim Lauschen auf die Nada gehört wird, gehört zur Shakti (der göttlichen Energie) ...

Das Gleichnis des Yoga-Weges
In Vers 104 bringt Swatmarama ein tiefsinniges Gleichnis zum Yoga-Weg:
4.104: Tattva, die Erkenntnis der Wirklichkeit oder des wesentlichen Prinzips, ist der Same; Hatha[meint m.E. die Praxis, wie diese in der Pradipika beschrieben wird] ist das Feld; Audasinya beziehungsweise leidenschaftslose Unbeteiligtheit ist das Wasser. Aus diesen dreien wächst die Ranke des Unmani-Zustands, also eines Zustands jenseits gewöhnlicher Geistestätigkeit.
Tiefsinnig deswegen, weil man sich anhand dieses Beispiels überlegen kann, was auf dem Yoga-Pfad wirklich wichtig ist. Das Gleichnis zeigt, dass Praxis allein nicht genügt. Hatha bildet das Feld, aber der Same ist die Ausrichtung auf Tattva, die Wirklichkeit. Leidenschaftslosigkeit oder Nicht-Anhaften bewässert diesen Prozess. Ohne Einsicht, Praxis und Loslassen bleibt der Weg unausgewogen.
Oder auch: Ein vitaler Same (= starker Erkenntnis-Geist) gedeiht auch auf kargem Boden (= wenig Praxis) und mit wenig Wasser. Anders herum nützt alles Wasser und der beste Boden nichts, wenn der Same schwach ist.

Die Ernte
Weiter geht es mit einigen Beschreibungen der Früchte des Samadhi-Zustandes:
4-105: ... durch das jederzeitige Ausrichten des Geistes auf Nada verschwinden alle Übel und die Anhäufungen (Sünden?) lösen sich auf ...
4-107: ... ein solcher Yogi ist aller Sorgen ledig, befreit ...
4-108: ... wird nicht mehr vom Tod geplagt und nicht mehr dem Gesetz des Karma unterworfen ...
4-109: ... nimmt seinen Körper nicht mehr wahr, noch einen anderen ...
4-110: ... sein Geist schläft nicht, auch wacht er nicht, er ist frei von erinnern und vergessen ... er ist befreit ...
4-111: ... fühlt weder heiß noch kalt, weder Leid noch Freude, weder Anerkennung noch Verachtung, wenn er vollständig in der Versenkung konzentriert ist.
4-113: Ein Yogi im Samadhi ist nicht zu töten, kann durch keine Waffe bezwungen werden, von keinem verkörperten Wesen mehr gegriffen werden, nicht durch Zaubersprüche oder magische Diagramme.
Vers 114 fasst dann noch einmal zusammen, dass
- solange das Prana nicht in der Sushumna bewegt wird
- der Samen (Bindhu) nicht durch Pranayama fest geworden ist und
- Chitta (der Geist) in der Meditation nicht in seinem natürlichen Zustand verweilt
alles Philosophieren und Wissen (nach Svatmarana) nur Heuchelei und leeres Geschwätz (bzw. Heuchelei und falsches Gerede) bleibt.
Das war das vierte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika.
Samadhi bei Patanjali und in der Hatha Yoga Pradipika
Ein Vergleich mit dem Yoga-Sutra des Patanjali zeigt, wie unterschiedlich Yoga-Wege formuliert werden können. Bei Patanjali steht der achtgliedrige Pfad mit Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi im Vordergrund. Die späteren Glieder beschreiben eine immer feinere Sammlung des Geistes: Rückzug der Sinne, Konzentration, Meditation und Versenkung.
Die Hatha Yoga Pradipika übernimmt viele dieser Ziele, spricht aber eine andere Sprache. Sie arbeitet stärker mit Prana, Kundalini, Nadis, Mudras, Kumbhaka und Nada. Während Patanjali eher psychologisch und philosophisch wirkt, klingt die Pradipika körperlich-energetisch, tantrisch und manchmal fast alchemistisch.
Beide Wege treffen sich jedoch in einem Punkt: Der gewöhnliche, unruhige Geist ist nicht das letzte Maß der Wirklichkeit. Yoga beginnt dort, wo der Mensch nicht mehr jeder Bewegung des Denkens hinterherläuft. Ob man diesen Weg eher über ethische Disziplin, Meditation und Unterscheidung beschreibt oder über Atem, Energie und inneren Klang: Das Ziel bleibt die Befreiung aus Zerstreuung und Identifikation.
Samadhi und Alltag: Was bedeutet das für heutige Übende?
Nicht jeder Mensch, der Yoga übt, strebt bewusst nach Samadhi. Viele suchen zunächst Beweglichkeit, weniger Rückenschmerzen, besseren Schlaf, einen ruhigeren Atem oder einen klareren Kopf. Daran ist nichts falsch. Die Hatha Yoga Pradipika erinnert aber daran, dass Yoga mehr sein kann als Körperpflege mit Sanskrit-Vokabular.
Für heutige Übende kann das vierte Kapitel vor allem drei Fragen öffnen.
Erstens: Wohin führt meine Praxis? Wird sie nur zu einer Gewohnheit, die ein wenig entspannt, oder verändert sie wirklich den Umgang mit Gedanken, Reizen, Wünschen und Ängsten?
Zweitens: Wie steht es um meinen Geist? Die Pradipika misst Fortschritt nicht daran, ob eine Haltung fotogen aussieht. Sie fragt, ob der Geist ruhiger, freier und weniger abhängig von äußeren Objekten wird.
Drittens: Kann ich loslassen? Viele Übungen des Hatha Yoga erzeugen Kraft, Energie und Konzentration. Doch das vierte Kapitel macht deutlich: Ohne Vairagya, ohne Leidenschaftslosigkeit oder Nicht-Anhaften, bleibt auch Kraft eine neue Form von Bindung. Dann hat man vielleicht einen starken Atem, aber immer noch einen unruhigen Menschen.
Gerade darin liegt die Aktualität dieses alten Textes. Er stellt nicht die bequeme Frage: „Fühlst du dich besser?“ Er stellt die strengere Frage: „Bist du freier geworden?“

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Fun Facts zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika
- Die Hatha Yoga Pradipika ist viel weniger „Asana-lastig“, als viele erwarten würden
Obwohl der Text heute oft mit Hatha Yoga und Körperübungen verbunden wird, beschreibt das erste Kapitel nur 15 Asanas ausführlich. Der Schwerpunkt des Werkes liegt viel stärker auf Pranayama, Mudras, Kundalini, Nada und Samadhi.
Moderne Yogastunden mit Dutzenden Haltungen hätten Svatmarama vermutlich etwas atemlos gemacht – und das wäre bei ihm kein Kompliment gewesen. - Das vierte Kapitel ist nicht einfach ein Schlusskapitel, sondern der Zielpunkt des ganzen Werkes
Die Kapitelstruktur zeigt deutlich: Erst kommen Asana, dann Pranayama, dann Mudra, und schließlich Samadhi. Das vierte Kapitel behandelt ausdrücklich Samadhi, Laya, Nada, zwei Mudras und die vier Stadien des Yoga. Der Text baut also nicht zufällig auf Samadhi hin, sondern führt seine Techniken dort zusammen. - „Hatha“ bedeutet historisch nicht nur „Sonne und Mond“
In modernen Yogakreisen wird Hatha oft als Verbindung von Ha = Sonne und Tha = Mond erklärt. Die Forschung weist jedoch darauf hin, dass frühe Verwendungen von haṭha auch mit „Kraft“, „Gewalt“ oder „Anstrengung“ verbunden sind. Das macht den Begriff kantiger: Hatha Yoga ist dann nicht nur harmonische Balance, sondern auch ein entschlossener, kraftvoller Übungsweg. - Der Text nennt Shiva nicht nur als Gottheit, sondern als ursprünglichen Lehrer
Die Hatha Yoga Pradipika stellt sich in eine Traditionslinie, in der Shiva beziehungsweise Adinath als ursprünglicher Lehrer des Hatha Yoga gilt. Das ist mehr als fromme Verzierung: Der Text verankert seine Praxis damit in einer autoritativen yogisch-tantrischen Überlieferung. - Der berühmte Salz-Wasser-Vergleich ist erstaunlich schlicht
Samadhi wird im vierten Kapitel mit einem sehr einfachen Bild erklärt: Wie Salz sich im Wasser auflöst und mit ihm eins wird, so entsteht im Samadhi die Einheit von Geist und Atman. Kein Donner, kein Blitz, keine kosmische Oper – nur Salz im Wasser. Manchmal sind die stärksten Bilder die stillsten. - Die Pradipika stellt eine direkte Wechselwirkung zwischen Atem und Geist her
Ein zentraler Gedanke lautet: Wer den Atem kontrolliert, kontrolliert den Geist; wer den Geist kontrolliert, kontrolliert den Atem. Das ist einer der Gründe, warum Pranayama im Hatha Yoga nicht nur als Atemgymnastik verstanden wird, sondern als Arbeit am Bewusstsein. - Die vier Stadien der Nada-Praxis wirken fast wie eine innere Dramaturgie
Das vierte Kapitel nennt vier Zustände: Arambha, Ghata, Parichaya und Nishpatti. Sie beschreiben den Weg vom Anfang über Sammlung und Vertrautheit bis zur Vollendung. Interessant ist: Der Weg wird nicht durch äußere Leistung beschrieben, sondern durch immer feinere innere Wahrnehmung. - Patanjalis Yoga-Sutra ist bei Asanas erstaunlich sparsam
Im Vergleich zur späteren Hatha-Yoga-Literatur sagt Patanjali über Asana sehr wenig. Im achtgliedrigen Pfad stehen zwar Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi, doch die körperliche Ausarbeitung vieler Haltungen findet sich vor allem in späteren Hatha-Yoga-Texten. Das ist eine hübsche Korrektur für alle, die meinen, Patanjali habe schon den modernen Yogastundenplan erfunden. - Moderne Yoga-Geschichte hat die Wahrnehmung des Hatha Yoga stark verschoben
Heute wird Hatha Yoga oft zuerst mit Körperhaltungen, Gesundheit und Beweglichkeit verbunden. Historisch war der klassische Hatha Yoga jedoch deutlich stärker mit Atem, Energie, Mudra, Kundalini und Samadhi verbunden. Die moderne Asana-Kultur hat also nicht einfach „den alten Yoga“ fortgesetzt, sondern ihn auch neu gewichtet.
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Hatha Yoga Pradipika 1. Kapitel: Zusammenfassung der Verse

Zusammenfassung vom 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika: Über Verhaltensregeln und Asanas
Wenn du das 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika suchst, willst du meist keine romantische Yoga-Erzählung, sondern Orientierung: Was steht da wirklich drin – und warum beginnt ein Hatha-Yoga-Text ausgerechnet mit Verhaltensregeln, Ortsempfehlungen und dann erst mit Asanas? Dieser Artikel führt dich sauber durch die Kernaussagen, erklärt zentrale Begriffe und zeigt, wo der Text überraschend streng, stellenweise übermütig in seinen Versprechen und zugleich ziemlich lebensnah ist.
Themen: Wozu Hatha Yoga üben? Yoga- Voraussetzungen: Yamas und Niyamas, Lebensgestaltung, Ernährung. Wirkungen und Beschreibung der Asanas. Das große Hatha-Yoga - Versprechen.
Die Verse im Einzelnen zusammengefasst:
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II. Kapitel: Über Pranayama und Kriya | Hatha Yoga Pradipika

Das zweite Kapitel der Hatha Yoga Pradipika widmet sich dem Atem und dessen Beherrschung, kurz: Pranayama. Die Themen lauten: Wann mit Pranayama beginnen? Reinigungs- und Pranayama-Techniken. Was muss der Yogi dabei unbedingt beachten? Welche segensreichen Wirkungen ergeben sich durch Pranayama?
Die Verse im Einzelnen in einer kommentierten Zusammenfassung:
Hier weiterlesen: II. Kapitel: Über Pranayama und Kriya | Hatha Yoga Pradipika
Zusammenfassung III. Kapitel: Über Mudras, Bandhas und Kundalini | Hatha Yoga Pradipika

Im dritten Kapitel der Hatha Yoga Pradipika wird vor allem die Kundalini und deren Erweckung besprochen. Genauer gesagt: In diesem Kapitel stehen vor allem Mudras und Bandhas im Mittelpunkt. Sie werden als fortgeschrittene Praktiken beschrieben, die den Energiefluss im Körper beeinflussen und nach traditioneller Auffassung zur Erweckung der Kundalini beitragen.
An einigen Stellen finden sich sexuelle Praktiken, welche dem spirituellen Fortschritt dienlich sein sollen. Interessant: In einigen Übersetzungen wurden diese einfach weggelassen. Im Kontext wird immer wieder auf Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi und Nada Yoga eingegangen.
- Das Yogasutra – jede Sutra detailliert erläutert
- Die Hatha-Yoga-Pradipika – kapitelweise zusammengefasst
- Zusammenfassung der Bhagavad-Gita
- Eine kurze Zusammenfassung der Upanishaden und des Mahabharata
- Die Mandukya Upanishad – deutsche Übertragung
- Die Gheranda Samhita – kapitelweise zusammengefasst
- Yoga in der Bhagavad Gita – die bunte Vielfalt
➔ Zu allen alten Schriften auf Yoga-Welten.de
Weitere oft aufgerufene alte Schriften
- Yoga im Mahabmarata – erste Systematik
- Goraksa-Sataka – die älteste Hatha-Abhandlung
- Brahma-Sutra Bhashya von Sankara – der Kommentar von Sankara
- Mrigendra Tantra Yoga Pada
- Die Shiva Samhita

