Comte de Gabalis: Meditation nach westlicher Art aus dem 17. Jahrhundert 

Im 17 Jahrhundert schrieb Abt Henri de Montfaucon de Villars (1635–1673) das Buch „Le Comte de Gabalis“. Hierin finden wir eine Anleitung für den „Pfad der Weisheit“, in dem verblüffend gleichlautend zu heutigen Anleitungen die Meditation und die Verlangsamung des Atmens beschrieben und beworben werden. Die folgende Übersetzung beschreibt, welches Üben der alte Abt zur Erlangung höherer Erkenntnis- und Bewusstseinszustände empfohlen hat.

Comte de Gabalis: Meditation nach westlicher Art  - Symbolbild

Inhalt: Comte de Gabalis – Meditation nach westlicher Art

Kurz zusammengefasst

  • Westliche Meditation
    Der Artikel zeigt, dass Meditation nicht nur in Yoga und Buddhismus eine Rolle spielt. Auch in der westlichen Esoterik und Kontemplation finden sich frühe Hinweise auf Sammlung, Atemordnung und innere Erkenntnis.
  • Comte de Gabalis
    Le Comte de Gabalis ist kein modernes Meditationshandbuch, sondern ein eigenwilliger Text aus dem 17. Jahrhundert. Er bewegt sich zwischen Hermetik, christlicher Gottesvorstellung, Naturphilosophie, Esoterik und möglicherweise auch Satire.
  • Atem und Konzentration
    Im Zentrum der beschriebenen Praxis stehen ein gleichmäßiger Atem und die Konzentration auf ein Objekt, Symbol oder Thema. Der Geist soll dadurch gesammelt werden, sodass ablenkende Gedanken weniger Raum erhalten.
  • Innere Erkenntnis
    Der Text vertritt die Vorstellung, dass Erkenntnis nicht nur durch Denken entsteht, sondern auch durch innere Erfahrung. Damit berührt er ein Motiv, das auch in vielen meditativen Traditionen bekannt ist: Wissen wird nicht nur gelesen, sondern geübt.
  • Nähe zum Yoga
    Die Parallelen zu Yoga, Prāṇāyāma und Konzentrationspraxis sind auffällig. Trotzdem sollte der Text nicht vorschnell mit Yoga gleichgesetzt werden, denn seine Begriffe stammen aus einem anderen kulturellen und religiösen Weltbild.
  • Vorsicht bei Deutungen
    Begriffe wie Sonnenkraft, Ganglien, innere Göttlichkeit oder verborgene Wahrnehmungsorgane können symbolisch gelesen werden. Eine direkte naturwissenschaftliche oder yogische Deutung wäre zu glatt und würde dem historischen Text nicht gerecht.
  • Historischer Wert
    Der Artikel macht sichtbar, dass alte Texte oft unbequem, widersprüchlich und gerade deshalb interessant sind. Sie zeigen, wie Menschen früher über Atem, Geist, Gott, Natur und Bewusstsein nachdachten. 

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Überschrift des fraglichen Textabschnittes bei de Montfaucon:

Originaltext: PHILOSOPHISCHE VERFAHREN

Durch die Konzentration in der Meditation auf ein Thema/Gegenstand und durch die BEMÜHUNG [Hervorhebung im Original] regelmäßig zu atmen – das Einatmen und das Ausatmen nehmen den gleichen Zeitraum ein – kann der Geist so gehalten werden, dass er keinem anderen Gedanken unterworfen ist als die zu dem Objekt oder Symbol, über den/das der Mensch Wissen erlangen möchte.

Und wenn der Mensch an dieser Praxis festhält [= lange Zeit übt], kann er eine harmonische Beziehung mit der inneren Göttlichkeit eingehen und von dieser Quelle Erkenntnis erlangen. Dieses Wissen ist das Ergebnis der eigenen Erfahrung der Seele, während sie durch die höheren und niedrigeren Zustände der Materie wandert.

Gleichzeitig kann der Mensch, wenn er sich auf das Höchste konzentriert, aus seinem Inneren jene Sonnenstärke und -Kraft hervorrufen, die, wenn sie nach oben gerichtet wird, jene Nervenknoten [Ganglien] oder Wahrnehmungsorgane erweckt und wiederbelebt, welche ihm bisher vorenthalten wurden.

[Einschub: Eventuell ist hier der Aufstieg der Kundalini gemeint.]

Die Stelle erinnert an Vorstellungen, die im Yoga mit Kundalinī, Energiezentren oder einer inneren Aufwärtsbewegung verbunden werden. Eine direkte Gleichsetzung wäre jedoch vorsichtig zu behandeln. Der Text spricht in einer westlich-esoterischen Bildsprache von Sonnenkraft, Nervenknoten und verborgenen Wahrnehmungsorganen. Das kann vergleichend gelesen werden, sollte aber nicht so dargestellt werden, als habe der Autor hier eindeutig die indische Kundalinī-Lehre gemeint.

Wenn Folgendes wahr ist: „Von Gott sind wir gekommen, zu Gott kehren wir zurück“, ist das Leben nur die Verwirklichung dieses Bewusstseins, das von Gott ist. Und deshalb ist der Mensch von dem Wissen über sein wahres Sein und das, was er besitzt, ausgeschlossen, bis er versucht, sich mit seinem eigenen göttlichen Lebensprinzip zu vereinigen und dies in sich entwickelt und manifestiert.

So wird die Konzentration in der Meditation, die den Geist für die innere Göttlichkeit empfänglich macht und in einer positiven Weise alle äußeren Gedanken unterdrückt, als eine erhabene Form des Gebets oder der Gemeinschaft mit Gott, der Natur, angesehen. Hierdurch kann der Mensch an den Wundern der Allmacht Gottes teilhaben und sich seine verlorene Souveränität zurückholen.

„Denn der Verstand hütet dein Wort, o Geist, der den Schöpfer trägt!“ Hermes Trismegistos, Geheime Hymnendichtung

Der Text entstammt einer Fußnote. Die Quelle findet sich hier: sacred-texts.com/eso/cdg/cdg05.htm. Dort ist das ganze Buch umsonst zu lesen, die Kindle-Version kostet bei Amazon aber auch nur gut 1 Dollar.

Bei obigem Text handelt sich um eine Eigenübersetzung. Eine etwas andere Übersetzung  (ohne den Gottesbezug) findet sich im Buch: Das „Dritte Auge aktivieren“  von Dr. Ulrich Warnke auf Seite 364. Einfügungen in [] stammen von mir.

Ein Hinweis zur Quelle

Bei historischen Texten aus dem Bereich der Esoterik ist Vorsicht ratsam. Das gilt auch hier. Le Comte de Gabalis erschien ursprünglich 1670 in Paris und wurde später mehrfach übersetzt, kommentiert und neu gerahmt. Die bei sacred-texts.com zugängliche Fassung beruht auf einer englischen Ausgabe von 1913. Diese Ausgabe enthält nicht nur den eigentlichen Text, sondern auch umfangreiche Kommentare, Fußnoten und esoterische Deutungen späterer Herausgeber.

Der obige Abschnitt ist deshalb besonders interessant, aber nicht ohne Weiteres als wörtliche Meditationsanleitung aus der Feder Montfaucon de Villars’ zu lesen. Er zeigt vielmehr, wie das Werk in einer späteren esoterischen Lesart verstanden wurde: als Hinweis auf Konzentration, geregelten Atem, innere Sammlung und eine Verbindung mit dem Göttlichen im Menschen.

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Was ist Le Comte de Gabalis eigentlich?

Le Comte de Gabalis ist kein Meditationsbuch im heutigen Sinn. Es ist eher ein gelehrtes, schillerndes Gesprächsbuch über die „geheimen Wissenschaften“. Darin begegnet ein Ich-Erzähler einem geheimnisvollen Grafen Gabalis, der ihn in die verborgene Ordnung der Natur, in die Welt der Elementarwesen und in die Denkweise der „Weisen“ einführt.

Das klingt nach okkulter Lehrschrift. Zugleich hat der Text aber auch etwas Spielerisches, Spöttisches und Literarisches. In der Forschung wird immer wieder diskutiert, ob das Werk ernst gemeinte Esoterik, Satire auf die Geheimwissenschaften oder beides zugleich ist. Vielleicht liegt gerade darin sein Reiz: Der Text tritt mit ernster Miene auf, während im Hintergrund manchmal ein Lächeln zu hören ist.

Für den vorliegenden Artikel ist vor allem eines wichtig: Le Comte de Gabalis zeigt, dass im Europa des 17. Jahrhunderts Gedanken über innere Erkenntnis, geistige Sammlung, Naturkräfte, göttliches Prinzip im Menschen und Verfeinerung der Wahrnehmung durchaus präsent waren. Meditation erscheint hier nicht als Import aus Indien, sondern als eine Form innerer Praxis, die auch im westlichen Denken eigene Spuren hinterlassen hat.

Meditation im Westen: mehr als nur stilles Sitzen

Wenn heute von Meditation gesprochen wird, denken viele zuerst an Yoga, Buddhismus oder moderne Achtsamkeit. Das ist verständlich, aber historisch etwas eng. Auch im Westen gab es Formen der inneren Sammlung, der kontemplativen Versenkung und des Gebets mit Atembezug.

In der christlichen Tradition finden sich etwa kontemplative Gebetsformen, bei denen ein kurzer Satz, ein Name Gottes oder ein inneres Bild wiederholt wird. In der ostkirchlichen Hesychasmus-Tradition wurde das Jesusgebet teilweise mit Atem und Körperhaltung verbunden. In der Hermetik und westlichen Esoterik wiederum taucht häufig die Vorstellung auf, dass der Mensch durch Sammlung, Läuterung und innere Ausrichtung Zugang zu einer tieferen Ordnung der Wirklichkeit erhält.

Der Text aus dem Umfeld von Comte de Gabalis steht in dieser Nachbarschaft. Er spricht nicht von „Achtsamkeit“ und nicht von „Stressreduktion“. Er denkt größer, vielleicht auch übermütiger: Der Mensch soll durch Konzentration, geregeltes Atmen und Hinwendung zum inneren göttlichen Prinzip eine andere Art von Erkenntnis gewinnen. Ob man diese Sprache heute wörtlich nimmt, symbolisch liest oder freundlich beiseitelegt, bleibt der Leserin und dem Leser überlassen. Aber die Grundstruktur ist erstaunlich vertraut: Der Atem wird beruhigt, der Geist gesammelt, die Aufmerksamkeit auf ein Objekt gerichtet.

Was wird hier praktisch empfohlen?

Aus heutiger Sicht lässt sich die beschriebene Übung in einige einfache Elemente übersetzen:

1. Der Geist wird auf ein Objekt gerichtet.
Der Text spricht davon, den Geist auf ein Thema, einen Gegenstand oder ein Symbol zu konzentrieren. Das entspricht dem, was viele Meditationswege als Einpunktigkeit kennen. Die Aufmerksamkeit soll nicht wahllos von Gedanke zu Gedanke springen, sondern bei einem gewählten Inhalt bleiben.

2. Der Atem wird verlangsamt und gleichmäßig geführt.
Besonders auffällig ist der Hinweis, dass Einatmung und Ausatmung den gleichen Zeitraum einnehmen sollen. Das ist keine nebensächliche technische Bemerkung. Ein gleichmäßiger Atem wirkt ordnend. Er gibt dem Geist einen Takt, wie ein Metronom, das nicht musiziert, aber das Üben erleichtert.

3. Äußere Gedanken sollen nicht bekämpft, sondern überlagert werden.
Der Text spricht davon, dass der Geist keinem anderen Gedanken unterworfen sein soll als dem gewählten Objekt. Modern formuliert: Die Aufmerksamkeit wird so stetig ausgerichtet, dass ablenkende Gedanken weniger Raum erhalten. Das ist kein Gewaltakt gegen das Denken. Es ist eher ein beharrliches Zurückholen.

4. Erkenntnis entsteht nicht nur durch Nachdenken.
Besonders interessant ist die Vorstellung, dass Wissen aus innerer Erfahrung hervorgehen kann. Damit unterscheidet sich der Text von einem rein begrifflichen Erkenntnisideal. Er sagt nicht: Lies mehr, diskutiere schärfer, bilde dir eine Meinung. Er sagt: Übe, sammle dich, verändere deinen Bewusstseinszustand. Dann kann sich etwas zeigen, das dem gewöhnlichen Denken verborgen bleibt.

Fazit

Der Abschnitt aus dem Umfeld von Comte de Gabalis ist kein Beweis dafür, dass westliche Esoterik und Yoga dasselbe lehren. Das wäre zu bequem. Er zeigt aber, dass bestimmte Motive immer wieder auftauchen: Sammlung des Geistes, Regulierung des Atems, Hinwendung zum Inneren und die Hoffnung, dadurch zu einer tieferen Erkenntnis zu gelangen.

Für Yoga-Interessierte ist der Text deshalb wertvoll, weil er den Blick weitet. Meditation ist nicht nur eine Technik aus einem einzigen Kulturraum. Sie ist auch ein menschliches Grundexperiment: Was geschieht, wenn der Mensch still wird, den Atem ordnet und seine Aufmerksamkeit nicht mehr an jeden vorbeifliegenden Gedanken verschenkt?

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FunFacts zur

  • Der „Comte“ ist vermutlich literarische Figur, nicht historischer Graf.
    Der Graf Gabalis tritt als geheimnisvoller Lehrer auf, doch das Werk ist als Dialog- und Ideentext gebaut. Gerade diese Form macht es so schwer, den Text eindeutig als Bekenntnis, Satire oder Lehrschrift zu lesen.
  • Das Buch erschien ursprünglich anonym.
    Le Comte de Gabalis wurde 1670 in Paris veröffentlicht; die Autorschaft Montfaucon de Villars’ wurde später bekannt. Das passt gut zu einem Werk, das ohnehin gern mit Masken, Andeutungen und gelehrter Mehrdeutigkeit spielt.
  • Die berühmten Sylphen bei Alexander Pope haben hier eine wichtige Quelle.
    In The Rape of the Lock verwendet Alexander Pope ein System von Elementargeistern; als eine wichtige Vorlage gilt Le Comte de Gabalis. So wanderte westliche Esoterik in die englische Spott- und Gesellschaftsdichtung hinein.
  • Die Elementarwesen sind sauber nach den vier Elementen sortiert.
    In der späteren Rezeption stehen Gnome für Erde, Undinen oder Nymphen für Wasser, Sylphen für Luft und Salamander für Feuer.
  • Der Text wurde als „okkultes Buch“ und zugleich als mögliche Satire gelesen.
    Genau darin liegt seine eigentümliche Kraft. Er kann wie eine ernsthafte Geheimlehre wirken, aber auch wie ein Text, der die Geheimlehren seiner Zeit mit feiner Nadel ansticht. 
  • Montfaucon de Villars starb jung und gewaltsam.
    Der Autor wurde 1673 ermordet, nach manchen Darstellungen auf dem Weg zwischen Lyon und Languedoc. Für ein Buch voller geheimer Wissenschaften ist das eine Biografie, die fast zu romanhaft klingt; leider ist sie nicht nur literarische Kulisse. Quelle: Internet Sacred Text Archive – Comte de Gabalis Index
  • Die bekannte englische Online-Fassung ist keine einfache Originalausgabe.
    Die bei Sacred Texts zugängliche Version beruht auf einer englischen Ausgabe mit Kommentarapparat. Deshalb sollte man sehr genau unterscheiden zwischen dem ursprünglichen Werk, Übersetzung, Herausgeberkommentar und späterer esoterischer Deutung.
  • Der Text gehört zu den Werken, die Elementargeister literarisch populär machten.
    Die Idee, dass Naturbereiche von eigenen Geistwesen bevölkert sind, wurde durch solche Texte in der europäischen Literatur anschlussfähig. Aus heutiger Sicht wirkt das fremd; kulturgeschichtlich war es aber ein bemerkenswert langlebiges Motiv.
  • Der Begriff „Kabbala“ im Titel ist nicht schlicht jüdische Kabbala.
    Der „Comte de Gabalis“ bewegt sich in einer breiteren frühneuzeitlichen Geheimwissenschaft, in der Kabbala, Hermetik, Paracelsismus, Naturphilosophie und christliche Spekulation ineinanderlaufen. Wer hier nur nach einer einzelnen Tradition sucht, greift zu kurz.

Quellen

 

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

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