Jnaneshwari erklärt: Yoga als Bewusstseinszustand verstehen

Dieser Artikel zeigt, warum die Jnaneshwari weit mehr ist als ein historischer Text – nämlich ein überraschend aktueller Zugang zu einem tieferen Verständnis von Yoga als Bewusstseinszustand. Wer seine Praxis nicht nur körperlich, sondern auch geistig und existenziell hinterfragen möchte, findet hier Orientierung, Reibung und neue Perspektiven – jenseits von Trends, Routinen und Selbstoptimierung.

Ein junger Yogi meditiert über der Bhagavad Gita an einem Fluss. Text: Yogaschrift Jnaneshwari - die Gita erläutert

Inhalt: Zusammenfassung Jnaneshwari, Bedeutung, Yoga Philosophie

  1. Die Janeshwari
  2. Die Inhalte der Jnaneshwari – mit Versangaben und Bezug zur Bhagavad Gita
    1. Kapitel 1 – Arjuna Vishada Yoga
    2. Kapitel 2 – Sankhya Yoga
    3. Kapitel 3 – Karma Yoga – Handeln ohne Anhaften
    4. Kapitel 4 – Jnana Karma Sannyasa Yoga
    5. Kapitel 5 – Karma Sannyasa Yoga
    6. Kapitel 6 🧘  Atmasanyam Yoga / Dhyana Yoga (Meditation und Kundalini)
      1. Kapitel 6 textnah
        1. 🧘‍♂️ Der wahre Yogi
        2. ⚖️ Der Weg zur Sammlung
        3. 🧘 Die Haltung der Meditation
        4. Beschreibung des Ortes der Meditation
        5. 🧠 Der Geist – unstet und schwer zu bändigen
        6. 🔁 Übung und Loslassen
        7. Wenn der Geist zur Ruhe kommt
        8. ✨ Die Erfahrung des Selbst
        9. Einheit
        10. ⚠️ Rückfälle und Zweifel
        11. Der gefestigte Yogi
        12. Die Essenz des Kapitels
        13. Nüchterne Einordnung
        14. 🧘 Kurzform in einem Satz
    7. Kapitel 7 – Jnana Vijnana Yoga
    8. Kapitel 8 ♾️ Akshara Brahma Yoga
    9. Kapitel 9 – Raja Vidya Raja Guhya Yoga (Das königliche Geheimnis)
    10. Kapitel 10 ✨ Vibhuti Yoga (Die göttliche Pracht)
    11. Kapitel 11 – Vishvarupa Darshana Yoga
    12. Kapitel 12 ❤️ Bhakti Yoga
    13. Kapitel 13 – Kshetra Kshetrajna Vibhaga Yoga
    14. Kapitel 14 – Gunatraya Vibhaga Yoga
    15. Kapitel 15 – Purushottama Yoga
    16. Kapitel 16 – Daivasura Sampad Vibhaga Yoga (Göttliche und dämonische Eigenschaften)
      1. Göttliche Eigenschaften:
      2. „Dämonische“ Eigenschaften:
    17. Kapitel 17 – Shraddhatraya Vibhaga Yoga
    18. Kapitel 18 – Moksha Sannyasa Yoga
  3. Kontext: Was ist die Jnaneshwari überhaupt?
  4. Der zentrale Gedanke: Yoga jenseits der Matte
  5. Die überraschenden Aspekte
  6. Bezug zum modernen Yoga
  7. Ein Blick unter die Oberfläche
  8. Fazit
  9. Ergänzung oder Frage von dir
  10. Im Zusammenhang interessant
    1. Quellen
    2. Fun-Facts zur Jnaneshwari
    3. Weitere alte Yogaschriften auf yoga-welten.de

Kurz zusammengefasst

  • Jnaneshwari – mehr als ein Yoga-Text
    Die Jnaneshwari ist keine Anleitung für Übungen, sondern eine poetische Auslegung der Bhagavad Gita. Sie verschiebt den Fokus von Technik hin zu innerem Erleben und Bewusstsein.
  • Yoga als Zustand, nicht als Handlung
    Yoga wird als Bewusstseinszustand verstanden – nicht als etwas, das du „tust“, sondern als etwas, das entsteht, wenn Wahrnehmung klar wird. Der Körper spielt eine Rolle, ist aber nicht das Zentrum.
  • Einheit statt Selbstoptimierung
    Die Jnaneshwari stellt die Idee infrage, dass Yoga zur Verbesserung dient. Stattdessen betont sie Einheit, Präsenz und Akzeptanz – eine klare Gegenposition zum modernen Leistungsdenken.
  • Alltag als spiritueller Weg
    Yoga findet nicht nur auf der Matte statt, sondern im alltäglichen Handeln, Denken und Fühlen. Jede Situation wird potenziell Teil der Praxis.
  • Radikale Zugänglichkeit
    Trotz komplexer Inhalte ist der Text bewusst verständlich und bildhaft geschrieben. Spirituelle Erkenntnis wird nicht elitären Kreisen vorbehalten.
  • Unterscheidung von Geist und Selbst
    Ein zentrales Konzept ist die Trennung zwischen dem aktiven, denkenden Geist und einem stillen, beobachtenden Selbst. Diese Differenz ist Grundlage für Meditation.
  • Relevanz für modernes Yoga
    In einer Zeit von Yoga als Lifestyle und Selbstoptimierung wirkt die Jnaneshwari wie ein Korrektiv – sie stellt grundlegende Fragen nach Sinn und Ziel der Praxis.

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Die Janeshwari

  • Andere Namen: Jnaneshvari, Jñāneśvarī, Jñāneśvarī, Jnaneshwari, Dnyaneshwari, Bhavartha Deepika (Licht auf die innere Bedeutung)
  • Einordnung: Hindu-Text, Kommentar zur Bhagavad Gita
  • Entstanden: 13. Jhd. nach Christus

Die Janeshwari ist ein von Jñānadeva (bzw. Jnanadeva, Jnanadev, Jnandev, Jnanesvar, Jñanadeva oder Dnyāneshwar) verfasster Kommentar zur Bhagavad Gita.

Jnanadeva war ein Hindu-Heiliger der Nath-Tradition, der in Maharasthra zur Zeit des 13. Jahrhunderts lebte. Es regierte der Yadava König Ramadevarao. Dieser sorgte für eine stabile Regierung – eine Ausnahme im damaligen turbulenten Indien. Auch die islamischen Invasionen begannen in jenem Teil von Indien erst um 1296. Die Bedingungen für die Yoga-Praxis waren gut.

Darum stand die Herrschaft von Ramadevarao auch unter dem Ruf, Heilige und Gelehrte angezogen zu haben. Maharashtra war ein Zentrum des Hinduismus zu jener Zeit.

Jnanadeva selbst soll nur 21 oder 22 Jahre alt geworden sein. Trotzdem soll er viele Werke verfasst haben: Amritanubhava, die Abhangas, die Jnanesvari und die Changadeva Pasashti sowie eine Übersetzung der Bhagavad Gita in Marathi. Damit brach er ein Tabu, welches verlangte, dass für die Gita nur Sanskrit möglich sei.

Stell dir einen jungen Mann vor. Kaum älter als ein Teenager, beim Verfassen der Jnaneshwari zwischen 16 und 19 Jahre alt. Er sitzt still, während um ihn herum das Leben pulsiert. Und er hat tiefe Einsichten zu den Worten der Bhagavadgita. Und schreibt diese auf.

Seinen umfangreichen Kommentar zur Bhagavad Gita kennen wir heute unter dem Namen Jnanesvari, hieß aber ursprünglich wohl Bhavartha Deepika (Licht auf die innere Bedeutung). Er enthält wunderschöne Lehren über den Aufstieg der Kundalini und ist ein Hatha-Yoga-Text.

Die Inhalte der Jnaneshwari – mit Versangaben und Bezug zur Bhagavad Gita

Die Jnaneshwari (Dnyaneshwari) ist ein fortlaufender Kommentar zur Bhagavad Gita. Jeder Abschnitt bezieht sich direkt auf konkrete Verse der Gita und erweitert sie poetisch.

Die folgenden Kapitel bauen logisch aufeinander auf. Sie beginnen mit Krise und Orientierungslosigkeit und führen Schritt für Schritt zu einer tieferen Erkenntnis von Handlung, Bewusstsein und Einheit.

Wichtig: Die Verszählung der Jnaneshwari variiert je nach Edition leicht. Die folgenden Angaben orientieren sich an gängigen Übersetzungen (v. a. Ranade/Prabhavananda-Tradition) und sind inhaltlich präzise, aber editionsabhängig.

Kapitel 1 – Arjuna Vishada Yoga

(Der Yoga der Verzweiflung Arjunas)

Dieses Kapitel ist kein klassischer „Yoga“-Text, sondern beschreibt einen inneren Zusammenbruch.

Arjuna steht vor einer Entscheidung, die er nicht treffen kann. Er sieht:

  • seine Familie
  • seine Lehrer
  • seine Vergangenheit

Und plötzlich verliert alles an Klarheit.

👉 Die Jnaneshwari macht daraus mehr als eine Kriegsszene:
Sie zeigt eine existenzielle Krise, wie sie jeder kennt.

  • Zweifel an der eigenen Rolle
  • moralische Überforderung
  • Fluchtimpuls statt Handlung

Die Jnaneshwari eröffnet mit dem Anspruch, spirituelles Wissen zugänglich zu machen:

„Ich will die Worte der Gita so erklären, dass selbst der Ungelehrte ihren Sinn erfassen kann.“

Zentrale Aussage:
Verwirrung ist kein Fehler – sie ist oft der Beginn von Erkenntnis.

👉 Kritisch betrachtet: Das Kapitel idealisiert Krise als spirituellen Einstieg. In der Realität kann Überforderung auch lähmen, ohne automatisch zu Einsicht zu führen.

Kapitel 2 – Sankhya Yoga

(Der Yoga des Wissens / der Erkenntnis)

Hier beginnt die eigentliche Lehre.

Die Jnaneshwari erklärt die grundlegende Unterscheidung:

  • Körper = vergänglich
  • Selbst = unveränderlich

Das ist keine abstrakte Theorie, sondern eine Perspektivverschiebung:

👉 Du bist nicht das, was sich verändert.
👉 Du bist das, was Veränderung wahrnimmt.

Weitere Inhalte:

  • Tod wird relativiert
  • Angst entsteht durch falsche Identifikation
  • Stabilität entsteht durch Erkenntnis

Zentrale Aussage:
Leiden entsteht durch Verwechslung von Vergänglichem mit dem Wesentlichen.

👉 Kritik: Diese Sicht kann tröstlich sein – aber auch dazu führen, reale Probleme zu spirituell zu relativieren.

Textauszüge:

Bhagavad Gita 6.34

„Der Geist ist unruhig, stürmisch, stark und schwer zu beherrschen.“

→ Jnaneshwari Kapitel 6 (Dhyana Yoga), Verse ca. 6.210–220

„Der Geist ist wie ein Affe, der betrunken ist und von einem Skorpion gestochen wurde – unaufhörlich in Bewegung.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Interpretation: Die Jnaneshwari verstärkt die Gita-Aussage durch drastische Bilder. Der Geist ist nicht nur unruhig – er ist radikal instabil.

Grenzen der Sprache

 

„Einige sehen es als Wunder, andere sprechen davon als Wunder.“

Bhagavad Gita 2.29

„Worte können es nicht fassen – sie zeigen nur darauf, wie ein Finger auf den Mond.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Kritischer Punkt: Die Lehre bleibt bewusst offen und interpretierbar.

Kapitel 3 – Karma Yoga – Handeln ohne Anhaften

(Der Yoga des Handelns)

Jetzt wird es praktisch.

Die Jnaneshwari stellt klar:

Du kannst nicht nicht handeln

Rückzug ist keine Lösung

Aber entscheidend ist die innere Haltung:

👉 Handle – aber ohne dich an das Ergebnis zu binden

Das bedeutet konkret:

Engagement ohne Kontrollzwang

Aktivität ohne Selbstdefinition über Erfolg

Zentrale Aussage: 

Nicht Handlung bindet – sondern Anhaftung an Ergebnisse.

👉 Spannungsfeld: In modernen Kontexten (Beruf, Leistung) ist völlige Ergebnisloslösung schwer umsetzbar.

Textauszüge

Bhagavad Gita 2.47

„Du hast ein Recht auf Handlung, aber niemals auf deren Früchte.“

→ Jnaneshwari Kapitel 3, Verse ca. 3.19–30

„Handle, doch sei wie der Wind, der weht, ohne sich an etwas zu binden.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

„Wer handelt und doch innerlich still bleibt, der ist frei, auch mitten im Tun.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

Kapitel 4 – Jnana Karma Sannyasa Yoga

(Wissen und Entsagung im Handeln)

Dieses Kapitel verbindet zwei scheinbare Gegensätze:

Handeln (Karma)

Erkenntnis (Jnana)

Die Jnaneshwari zeigt:

👉 Wahres Wissen verändert die Art, wie du handelst.

Handlung wird weniger egozentriert

Motivation wird klarer

Reaktionen werden ruhiger

Zentrale Aussage:
Erkenntnis führt nicht zum Rückzug – sondern zu bewussterem Handeln.

👉 Kritik: Der Übergang von „Wissen“ zu tatsächlicher Veränderung wird idealisiert. In der Praxis bleibt Erkenntnis oft rein intellektuell.

Kapitel 5 – Karma Sannyasa Yoga

(Der Yoga der Entsagung)

Hier wird ein verbreitetes Missverständnis korrigiert:

👉 Entsagung bedeutet nicht, alles aufzugeben.

Sondern:

Loslassen von Kontrolle

Loslassen von Identifikation

Loslassen von „Ich handle“

Die Jnaneshwari betont:

Äußerlich aktiv bleiben

Innerlich frei werden

Zentrale Aussage:
Echte Entsagung ist ein innerer Zustand, kein äußerer Lebensstil.

👉 Kritischer Punkt: Diese Haltung kann missverstanden werden als Gleichgültigkeit oder Passivität – was der Text eigentlich nicht intendiert.

Textauszug

„Der Wissende denkt: Ich tue nichts, auch wenn er sieht, hört, handelt.“

Bhagavad Gita 5.8–9

„Der Weise handelt, doch er weiß: Die Handlung geschieht – nicht ich bin ihr Ursprung.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Interpretation: Ego ist eine nachträgliche Zuschreibung, keine Notwendigkeit.

Kapitel 6 🧘  Atmasanyam Yoga / Dhyana Yoga (Meditation und Kundalini)

(Der Yoga der Meditation)

Dieses Kapitel widmet sich dem Geist.

Zentrale Themen:

Unruhe des Denkens

Schwierigkeit von Konzentration

Bedeutung von Übung

Die Jnaneshwari beschreibt Meditation als:

Beobachtung statt Kontrolle

Stille, die sich zeigt – nicht erzwungen wird

Praktische Hinweise:

regelmäßige Praxis

geeignete Umgebung

innere Disziplin

Zentrale Aussage: Meditation ist kein Technik-Trick, sondern ein Reifungsprozess der Wahrnehmung.

👉 Kritik: Konkrete Methoden bleiben vage – für Einsteiger oft unzureichend.

„Wenn der Geist zur Ruhe kommt, erfährt man das Selbst durch das Selbst.“

Bhagavad Gita 6.20–21

„Wenn die Bewegungen des Geistes enden, erscheint das Selbst von selbst – wie der Mond, wenn die Wolken weichen.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Weiterer wichtiger Punkt: Meditation = Erkennen, nicht Erzwingen.

 

Kapitel 6 textnah

(textnah, poetisch rekonstruiert, am Original orientiert)

🧘‍♂️ Der wahre Yogi

Wer handelt, ohne sich an das Ergebnis zu binden,
wer tut, was getan werden muss, ohne innerlich daran zu haften –
der ist der wahre Yogi, nicht der, der nur äußere Handlungen aufgibt.

Nicht derjenige, der das Feuer meidet, 
nicht der, der sich von der Welt zurückzieht,
sondern derjenige, der ohne Verlangen handelt,
hat die Essenz des Yoga verstanden.

Denn:

Wer innerlich losgelöst ist,
der hat bereits entsagt –
auch wenn er mitten im Leben steht.

⚖️ Der Weg zur Sammlung

Doch dieser Zustand entsteht nicht zufällig. Der Geist muss vorbereitet werden.

Ein Mensch, der Yoga sucht, soll Maß halten:

  • im Essen
  • im Schlaf
  • in der Bewegung
  • in der Tätigkeit

Weder Übermaß noch Entbehrung führen zur Klarheit.

Ausgewogenheit ist der Boden, auf dem Meditation wächst.

🧘 Die Haltung der Meditation

Der Übende wählt einen stillen Ort.

Nicht zu hoch, nicht zu niedrig, nicht unruhig, nicht ablenkend.

Er sitzt:

  • aufrecht
  • gesammelt
  • stabil

Der Blick ist ruhig, 
der Körper still,
der Atem gleichmäßig.

Doch all dies ist nur Vorbereitung.

Denn das Eigentliche geschieht im Inneren.

Beschreibung des Ortes der Meditation

Janeshwari, Kapitel 6, Vers 163 ... Hierfür soll einer nach einem Platz suchen,

6.164 der zufriedenstellend ist, wenn man sich niedergelassen hat, von dem man nicht aufstehen möchte, und der, wenn man ihn gesehen hat, die Leidenschaftslosigkeit doppelt so groß wird.

6.165 Einen Ort der, wenn man dort residiert, Zufriedenheit und Festigkeit des Geistes wie ein Panzer bringt,

6.166 wo sich die Praxis [quasi] automatisch ausführt und die Erfahrung selbst das Herz lehrt, ...

6.167 ... wo der Wunsch nach asketischen Übungen ansteigt und die Hingabe Wurzeln fasst,

6.169 ... [ein Ort] wo jemand, der nicht bleiben möchte, bleibt, jemand, der herumstreift, sich niederlässt ...

6.172 Eine weitere Sache sollte verstanden werden: Es sollte von Yoga-Praktizierenden bewohnt sein und es sollten nicht ständig Leute kommen und gehen.

6.173 Es sollten dichte Bäume in der Nähe sein, die stets Früchte tragen, die süß wie Nektar sind.

6.174 Es sollte überall klares Wasser verfügbar sein, auch in der Regenzeit; eine Quelle, die stets leicht erreichbar ist.

6.175 ... es wäre gut, wenn ein wenig Sonnenwärme spürbar wäre und eine leichte Brise weht ...

6.176 Es ist meist ruhig, es kommen keine Tiergruppen herein, keine Papageien- oder Bienenschwärme.

🧠 Der Geist – unstet und schwer zu bändigen

Der Geist entzieht sich leicht.

Er schweift ab, er greift nach Erinnerungen, er jagt Vorstellungen nach.

Er ist unruhig, kraftvoll und schwer zu lenken.

Wie der Wind sich nicht festhalten lässt, so scheint auch der Geist kaum zu fassen.

Doch:

Durch Übung und Loslassen wird er still.

Nicht durch Zwang. Nicht durch Kampf.

🔁 Übung und Loslassen

Zwei Kräfte wirken zusammen:

  • beständige Übung
  • Loslassen von Anhaftung

Immer wieder kehrt der Übende zurück:

  • von Gedanken zur Stille
  • von Zerstreuung zur Sammlung

Ohne Ärger. Ohne Ungeduld.

So wird der Geist allmählich ruhiger.

Wenn der Geist zur Ruhe kommt

Mit der Zeit geschieht etwas Unauffälliges:

Die Bewegung des Geistes wird schwächer.

Gedanken verlieren ihre Dringlichkeit. Reaktionen lösen sich schneller auf.

Und dann:

Stille entsteht.

Nicht erzwungen. Nicht gemacht.

Sondern wie ein See, dessen Oberfläche sich glättet, wenn der Wind nachlässt.

✨ Die Erfahrung des Selbst

In dieser Stille offenbart sich etwas, das immer da war:

  • unveränderlich
  • ruhig
  • klar

Der Übende erkennt:

Er ist nicht die Gedanken.
Nicht die Bewegung.
Nicht die Unruhe.

Er ist das, was all dies wahrnimmt. Wie eine Lampe, die alles beleuchtet, ohne selbst verändert zu werden.

Einheit

In diesem Zustand verschwindet die Trennung:

  • zwischen innen und außen
  • zwischen Beobachter und Beobachtetem

Alles erscheint verbunden. Wie Wellen, die unterschiedlich wirken, aber alle Wasser sind.

Der Yogi sieht sich selbst in allem – und alles in sich.

🧘‍♂️ Eine Interpretation der Kundalinierweckung

Die Kundalinierweckung in Kapitel 6 der Janeshwari – sinngemäß und textnah formuliert, aber nicht textgleich!

Im Verlauf der Praxis zeigen sich bestimmte Veränderungen. 
Diese betreffen sowohl den Körper als auch den inneren Zustand.

Äußerlich können sich Zeichen im Körper bemerkbar machen, während innerlich der Geist (Manas) allmählich zur Ruhe kommt.
Gedankliche Aktivität lässt nach, die mentale Energie wird stiller, und ein Zustand von tiefer Ruhe entsteht.

Gewohnte Impulse wie Hunger und Schlaf treten in den Hintergrund.
Sie verlieren an Bedeutung, bis selbst die Erinnerung daran vorübergehend verblasst.

🔁 Bewegung der Vitalkraft (Prana)

Die im Körper wirkende Vitalkraft (Prana) verändert ihre Richtung.
Anstatt sich überwiegend nach unten zu bewegen, kehrt sie um und richtet sich nach innen und aufwärts aus.

Dabei kann sie sich verdichten und verstärken.
Diese Bewegung kann sich wie ein innerer Druck oder eine Aktivität im Bereich des Körpers anfühlen, insbesondere im Bereich des Solar Plexus.

Wenn diese Phase nachlässt, können körperliche Reaktionen auftreten, etwa feine Erschütterungen oder Zittern.
Diese werden als ein Prozess verstanden, bei dem sich angesammelte Spannungen oder Prägungen (Karma) lösen.

⚙️ Reinigung und körperliche Prozesse

Im weiteren Verlauf wird beschrieben, dass die Vitalkraft:

  • innere Prozesse aktiviert

  • körperliche Blockaden löst

  • den Organismus durchlässiger macht

Dabei können sich Veränderungen im Körpergefühl zeigen:

  • Leichtigkeit oder Lockerung

  • veränderte Wahrnehmung von Energie

  • verstärkte innere Aktivität

Der Übende wird darauf hingewiesen, keine Angst vor diesen Prozessen zu entwickeln, sondern sie als Teil der Praxis zu verstehen.

Zugleich wird angedeutet, dass dadurch:

  • bestehende Ungleichgewichte sichtbar werden

  • Regulationsprozesse im Körper angestoßen werden

🔥 Aktivierung von Kundalini

Durch die Praxis – insbesondere durch eine stabile Sitzhaltung (z. B. Vajrasana) und konzentrierte Ausrichtung (z. B. Blick zur Nasenspitze) – wird eine Kraft aktiviert, die als Kundalini bezeichnet wird.

Diese wird beschrieben als:

  • im Körper ruhend

  • zusammengerollt

  • in latenter Form vorhanden

Bildhafte Vergleiche verdeutlichen ihren Zustand:

  • wie eine schlafende Schlange

  • eng zusammengerollt

  • mit nach unten gerichteter Ausrichtung

Gleichzeitig wird ihre Natur als kraftvoll beschrieben:

  • leuchtend

  • intensiv

  • von energetischer Qualität

⚡ Erwachen und Aufstieg

Wird diese Kraft aktiviert, beginnt sie sich zu bewegen.

Dieser Prozess wird mit starken Bildern beschrieben:

  • wie ein plötzlich aufleuchtendes Licht

  • wie eine Bewegung, die sich schnell nach oben richtet

  • wie ein Durchbruch aus einem gebundenen Zustand

Dabei wird geschildert, dass sie:

  • ihre Begrenzungen überwindet

  • sich im Körper ausbreitet

  • im Bereich des Nabels deutlich wahrnehmbar wird

🌌 Dynamik der Erfahrung

Die aktivierte Kundalini wird als kraftvoll und zielgerichtet dargestellt:

  • lange Zeit ruhend
  • nun in Bewegung
  • mit einer deutlichen Aufwärtsdynamik

Diese Bewegung wird nicht als willentlich gesteuert beschrieben, sondern als ein Prozess, der sich aus der Praxis heraus entfaltet.

🧱 Einordnung

Diese Übersetzung enthält Elemente, die tatsächlich in der Jnaneshwari (Kapitel 6) vorkommen, ist aber keine saubere, textgetreue Wiedergabe im engeren philologischen Sinn. Es handelt sich eher um eine stark interpretierte, teils hatha-/tantra-inspirierte Lesart.

Hier die präzise Einordnung:

✅ Was inhaltlich korrekt bzw. authentisch ist

Diese Aspekte passen gut zur Jnaneshwari:

  • Der Geist kommt zur Ruhe (Manas wird still)

    → Das ist ein zentrales Thema von Kapitel 6

  • Gedanken lassen nach / mentale Aktivität reduziert sich

    → entspricht der klassischen Dhyana-Beschreibung

  • Vergessen von Hunger und Schlaf

    → wird in ähnlicher Form erwähnt (als Zeichen tiefer Sammlung)

  • Starke Bildsprache (z. B. Schlange, Energie, Licht)

    → typisch für die Jnaneshwari

👉 Fazit: Der meditative Kern (Geist beruhigt sich, Wahrnehmung verändert sich) ist korrekt wiedergegeben.

⚠️ Was problematisch oder verzerrt ist

Hier wird es kritisch:

1. Kundalini-Darstellung ist wahrscheinlich überinterpretiert

  • Die Jnaneshwari nutzt Schlangenbilder, ja

  • Aber:  👉 Eine systematische Kundalini-Lehre im späteren Hatha-Yoga-Sinn steht dort nicht im Zentrum

Die Passage, wie du sie hast, klingt stark nach:

  • späteren Tantra-/Hatha-Yoga-Traditionen

  • nicht nach der ursprünglichen Intention des Textes

2. Physiologische Details sind überzeichnet

Formulierungen wie:

  • „zieht das Mark aus den Knochen“

  • „stößt Körperflüssigkeiten hinaus“

  • „reinigt Arterien“

👉 Das ist so nicht typisch für die Jnaneshwari.

Die Originalsprache ist:

  • bildhaft

  • symbolisch

  • nicht anatomisch-technisch

Hier liegt vermutlich eine modernisierte oder esoterisch-biologische Interpretation vor.

3. Prana-Bewegung ist überkonkretisiert

  • Ja: Bewegung von Prana wird beschrieben

  • Aber:  👉 Nicht in dieser mechanisch-physiologischen Detailtiefe

Diese Übertragung ist eher eine Mischung aus:

  • Jnaneshwari

  • späteren Yoga-Kommentaren

  • moderner Energiearbeit-Sprache

4. Tonfall ist zu technisch für die Jnaneshwari

Die Jnaneshwari ist:

  • poetisch
  • metaphorisch
  • erfahrungsnah

Obiger Text ist teilweise:

  • technisch
  • körpermechanisch
  • fast „anleitend“ im modernen Sinne

👉 Das passt stilistisch nicht wirklich zum Original.

 

⚠️ Rückfälle und Zweifel

Doch der Weg ist nicht gleichmäßig.

Der Geist fällt zurück.
Zweifel tauchen auf.
Unruhe kehrt wieder.

Das ist kein Scheitern. Sondern Teil des Weges.

Der Übende beginnt erneut – ruhig, geduldig, ohne Selbstvorwurf.

Der gefestigte Yogi

Mit der Zeit entsteht Stabilität:

  • äußere Umstände verlieren ihre Macht
  • Freude und Leid werden ausgeglichener erlebt
  • Handlungen bleiben, aber ohne Verstrickung

Der Yogi lebt weiterhin in der Welt, doch er ist nicht mehr von ihr abhängig.

Die Essenz des Kapitels

Yoga ist kein Rückzug.
Keine Technik.
Keine kurzfristige Erfahrung.

Es ist:

  • ein Prozess der Klärung
  • ein Zur-Ruhe-Kommen des Geistes
  • ein Erkennen dessen, was immer da ist

👉 Wenn der Geist still wird, zeigt sich das Selbst von selbst.

Nicht neu. Nicht geschaffen. Sondern erkannt.

Nüchterne Einordnung

Dieses Kapitel ist tief – aber anspruchsvoll:

  • Es beschreibt Zustände, keine Methoden
  • Es setzt Geduld voraus
  • Es idealisiert die Entwicklung

👉 Für moderne Leser bedeutet das: Ohne ergänzende Praxis (z. B. strukturierte Meditation) bleibt vieles schwer greifbar.

🧘 Kurzform in einem Satz

Meditation ist kein Tun – sondern das allmähliche Stillwerden des Geistes, bis das Bewusstsein sich selbst erkennt.

Kapitel 7 – Jnana Vijnana Yoga

(Wissen und Weisheit)

Hier wird Wissen vertieft:

Jnana = theoretisches Wissen

Vijnana = erfahrenes Wissen

Die Jnaneshwari betont:

👉 Es reicht nicht zu verstehen – du musst erkennen.

Zentrale Inhalte:

Das Göttliche ist in allem präsent

Trennung ist eine Perspektive, keine absolute Realität

Zentrale Aussage:

Wirkliche Erkenntnis ist erlebte Einheit, nicht intellektuelles Konzept.

👉 Kritik: Die Grenze zwischen Erfahrung und Interpretation bleibt unscharf.

Kapitel 8 ♾️ Akshara Brahma Yoga

(Das Unvergängliche)

Dieses Kapitel richtet den Blick auf:

Tod

Vergänglichkeit

das Absolute

Die Jnaneshwari erklärt:

Alles Wandelbare ist nicht endgültig

Das Unveränderliche bleibt bestehen

👉 Der Tod wird nicht als Ende gesehen, sondern als Übergang.

Zentrale Aussage:

Angst entsteht aus Identifikation mit dem Vergänglichen.

👉 Kritische Perspektive: Diese Sicht kann helfen – aber auch dazu führen, existenzielle Themen zu abstrahieren statt konkret zu verarbeiten.

Textauszüge

„Das Unwirkliche hat kein Sein, das Wirkliche hört nie auf zu sein.“

Bhagavad Gita 2.16

„Was vergeht, war nie wirklich – und was wirklich ist, kann nicht vergehen.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Kernaussage:
Unterscheide zwischen:

Vergänglichem (Körper, Gedanken)

Unveränderlichem (Bewusstsein)

Kapitel 9 – Raja Vidya Raja Guhya Yoga (Das königliche Geheimnis)

(Höchstes Wissen, tiefstes Geheimnis)

Dieses Kapitel gilt als ein Höhepunkt.

Die Jnaneshwari beschreibt:

das höchste Wissen als einfach und direkt

das größte Geheimnis als offensichtlich, aber übersehen

Zentrale Inhalte:

Alles ist durchdrungen vom Göttlichen

Hingabe ist ein direkter Zugang

👉 Wichtig:

keine komplizierten Rituale notwendig

keine intellektuelle Überforderung

Zentrale Aussage:

Das „Geheimnis“ ist kein verborgenes Wissen – sondern etwas, das ständig da ist, aber nicht erkannt wird.

👉 Kritik: Der Begriff „Göttliches“ bleibt offen – je nach Leser unterschiedlich interpretierbar.

Kapitel 10 ✨ Vibhuti Yoga (Die göttliche Pracht)

(Der Yoga der göttlichen Manifestationen)

Dieses Kapitel verändert die Perspektive grundlegend: 👉 Das Göttliche ist nicht fern – es zeigt sich in allem, was existiert.

Die Jnaneshwari beschreibt:

Naturphänomene

menschliche Fähigkeiten

außergewöhnliche Qualitäten

als Ausdruck des einen Prinzips.

Beispiele:

Stärke

Weisheit

Schönheit

Ordnung

Zentrale Aussage: Das Besondere im Alltag ist ein Hinweis auf das Universelle.

👉 Kritisch: Diese Sicht kann inspirierend sein, aber auch dazu führen, alles zu „vergeistigen“ und Unterschiede zu verwischen.

Textauszug:

„Der Yogi sieht das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst.“

Bhagavad Gita 6.29

„So wie viele Wellen erscheinen, doch alle Wasser sind, so ist alles eins im Wesen.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Erweiterung: Die Jnaneshwari nutzt durchgehend Naturbilder, um Nicht-Dualität erfahrbar zu machen.

Kapitel 11 – Vishvarupa Darshana Yoga

(Die Schau der universellen Form)

Hier erreicht die Darstellung ihren dramatischen Höhepunkt.

Arjuna erhält eine Vision:

das gesamte Universum in einer Form

Geburt und Zerstörung gleichzeitig

Schönheit und Schrecken vereint

Die Jnaneshwari beschreibt diese Erfahrung als: 👉 überwältigend, nicht kontrollierbar

Zentrale Aussage: Die Wirklichkeit ist größer, als der menschliche Verstand erfassen kann.

👉 Wichtig:

Diese Erfahrung ist keine Methode, sondern ein Ausnahmezustand

Sie sprengt jede gewohnte Perspektive

👉 Kritik: Solche Visionen sind schwer einzuordnen und können leicht symbolisch oder psychologisch interpretiert werden.

Kapitel 12 ❤️ Bhakti Yoga

(Der Yoga der Hingabe)

Nach der kosmischen Vision folgt eine Rückkehr zum Menschlichen.

Die Jnaneshwari betont: 👉 Der direkteste Weg ist nicht Wissen – sondern Hingabe.

Das bedeutet:

Vertrauen statt Kontrolle

Beziehung statt Analyse

Einfachheit statt Komplexität

Typische Merkmale:

Demut

Beständigkeit

innere Ausrichtung

Zentrale Aussage:
Hingabe ist kein Verlust von Kontrolle, sondern eine andere Form von Stabilität.

👉 Kritik: Der Begriff Hingabe kann missverstanden werden – zwischen reifer Öffnung und blinder Unterordnung liegt ein schmaler Grat.

Textauszug:

„Diejenigen, die mir mit Hingabe dienen, denen gebe ich, was ihnen fehlt.“

Bhagavad Gita 9.22

„So wie ein Kind sich ohne Zweifel der Mutter anvertraut, so ruht der Hingebungsvolle im Göttlichen.“

(Jnaneshwari, sinngemäß) 

👉 Besonderheit: Für viele Leser macht die Jnaneshwari Bhakti emotional greifbar, nicht nur philosophisch erfassbar.

Kapitel 13 – Kshetra Kshetrajna Vibhaga Yoga

(Feld und Kenner des Feldes)

Dieses Kapitel wird analytischer.

Die Jnaneshwari unterscheidet:

Kshetra (Feld) = Körper, Geist, Erfahrungen

Kshetrajna (Kenner) = das, was alles wahrnimmt

👉 Entscheidender Punkt: Du bist nicht das Feld – sondern der, der es erkennt.

Inhalte:

Aufbau von Wahrnehmung

Rolle des Körpers

Funktion des Geistes

Zentrale Aussage: Freiheit entsteht durch Unterscheidung.

👉 Kritik: Diese Trennung kann hilfreich sein – aber auch zu einer künstlichen Distanz vom eigenen Erleben führen.

Kapitel 14 – Gunatraya Vibhaga Yoga

(Die drei Qualitäten der Natur)

Hier wird das menschliche Verhalten erklärt.

Die Jnaneshwari beschreibt drei Grundqualitäten:

Sattva → Klarheit, Ruhe, Ausgewogenheit

Rajas → Aktivität, Unruhe, Antrieb

Tamas → Trägheit, Verwirrung, Passivität

👉 Jeder Mensch bewegt sich zwischen diesen Zuständen.

Wichtig:

Keine Qualität ist „nur schlecht“

Aber sie beeinflussen Wahrnehmung und Entscheidungen stark

Zentrale Aussage: Dein Erleben ist geprägt von inneren Zuständen – nicht nur äußeren Umständen.

👉 Kritik: Die Einteilung ist hilfreich, aber vereinfacht komplexe psychologische Prozesse.

Kapitel 15 – Purushottama Yoga

(Das höchste Selbst)

Dieses Kapitel führt über alle bisherigen Konzepte hinaus.

Die Jnaneshwari beschreibt:

eine Realität, die jenseits von:

Veränderung

Eigenschaften

Dualität

liegt.

Ein zentrales Bild:

👉 die Welt als „umgekehrter Baum“ – sichtbar, aber nicht die eigentliche Quelle.

Zentrale Aussage: Das Absolute ist nicht Teil der Welt – es ist ihre Grundlage.

👉 Kritik: Dieses Konzept ist schwer greifbar und bleibt zwangsläufig abstrakt.

Textauszug

„Erhebe dich durch dein Selbst, erniedrige dich nicht durch dich selbst.“

Bhagavad Gita 6.5

„Das Selbst ist Zeuge – es sieht alles, doch bleibt unberührt, wie die Sonne vom Spiegelbild im Wasser.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Bedeutung:

Geist = aktiv, veränderlich

Selbst = beobachtend, konstant

Kapitel 16 – Daivasura Sampad Vibhaga Yoga (Göttliche und dämonische Eigenschaften)

(Göttliche und dämonische Eigenschaften)

Jetzt wird es praktisch-ethisch.

Die Jnaneshwari unterscheidet:

Göttliche Eigenschaften:

Klarheit

Mitgefühl

Wahrhaftigkeit

Selbstkontrolle

„Dämonische“ Eigenschaften:

Egozentrik

Gier

Aggression

Ignoranz

👉 Wichtig:

Das sind keine festen Kategorien von Menschen – sondern Zustände und Tendenzen.

Zentrale Aussage: Dein innerer Zustand bestimmt dein Handeln – und damit dein Leben.

👉 Kritik: Die moralische Einteilung kann zu stark vereinfachen und Grauzonen übersehen.

Kapitel 17 – Shraddhatraya Vibhaga Yoga

(Drei Arten von Glauben)

Hier geht es um Überzeugungen.

Die Jnaneshwari erklärt:

👉 Was du glaubst, beeinflusst, wie du handelst.

Drei Arten von „Glauben“:

klar und reflektiert (Sattva)

ehrgeizig und zielorientiert (Rajas)

unreflektiert und träge (Tamas)

Diese zeigen sich in:

Ernährung

Verhalten

Entscheidungen

Zentrale Aussage: Deine innere Haltung formt deine Realität.

👉 Kritik: Die Einteilung ist hilfreich, aber nicht immer eindeutig im Alltag anwendbar.

Kapitel 18 – Moksha Sannyasa Yoga

(Befreiung und Entsagung)

Das letzte Kapitel bündelt alles.

Die Jnaneshwari fasst zusammen:

Erkenntnis

Handlung

Hingabe

👉 und zeigt, wie sie zusammenwirken.

Zentrale Punkte:

Freiheit entsteht durch Verstehen, nicht durch Flucht

Entsagung ist innerlich, nicht äußerlich

Verantwortung bleibt bestehen

Zentrale Aussagen: 

Befreiung ist kein Zustand nach dem Leben – sondern eine Veränderung der Sichtweise im Leben.

👉 Gedanke:

Suche endet nicht im Finden von etwas Neuem

sondern im Erkennen dessen, was immer da war

👉 Kritik: Diese Perspektive kann tief wirken – aber auch schwer konkret umzusetzen sein.

„Gib alle Vorstellungen von Pflicht auf und suche Zuflucht bei mir allein.“

Bhagavad Gita 18.66

„Du bist bereits das, was du suchst – doch du suchst es, als wäre es getrennt von dir.“

(Jnaneshwari, sinngemäß)

👉 Endpunkt der Lehre:

Suche endet in Selbsterkenntnis

Yoga = Auflösung von Trennung

Kontext: Was ist die Jnaneshwari überhaupt?

Die Jnaneshwari ist kein klassisches Yoga-Handbuch. Kein Trainingsplan. Keine Sammlung von Übungen.

Sie ist etwas anderes.

Geschrieben im 13. Jahrhundert von dem indischen Mystiker Jnaneshwar, ist sie eine poetische Auslegung der Bhagavad Gita – eines der zentralen spirituellen Texte Indiens.

Doch was sie besonders macht, ist nicht nur ihr Inhalt, sondern wie sie diesen vermittelt:

  • verständlich, obwohl es um komplexe Philosophie geht
  • poetisch, ohne abstrakt zu werden
  • lebendig, statt dogmatisch

Jnaneshwar schrieb nicht für Gelehrte. Er schrieb für Menschen. Für den Alltag. Für das Leben, das stattfindet, während du arbeitest, zweifelst, suchst.

Und genau hier liegt ihre heutige Relevanz: In einer Zeit, in der Yoga oft auf Bewegung und Ästhetik reduziert wird, erinnert die Jnaneshwari daran, dass Yoga ursprünglich etwas viel Radikaleres war: ein Weg, die eigene Wahrnehmung zu verändern.

Der zentrale Gedanke: Yoga jenseits der Matte

Wenn man die Jnaneshwari auf einen Kern verdichtet, dann ist es dieser:

Yoga ist kein Tun. Yoga ist ein Zustand.

Nicht etwas, das du machst – sondern etwas, das geschieht, wenn bestimmte innere Bedingungen erfüllt sind.

Das stellt vieles auf den Kopf.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum:

wie tief du in eine Haltung kommst

wie oft du praktizierst

wie „gut“ deine Technik ist

Sondern darum:

  • wie du wahrnimmst
  • wie du denkst
  • wie du dich selbst erfährst

Die Jnaneshwari beschreibt Yoga als einen Zustand der Einheit:

  • zwischen dir und deiner Umgebung
  • zwischen Handlung und Bewusstsein
  • zwischen dem, was du tust, und dem, was du bist

Das klingt abstrakt – wird aber konkret, wenn du es ernst nimmst.

Denn dann bedeutet Yoga nicht mehr nur die Stunde auf der Matte.
Sondern auch:

  • wie du sprichst
  • wie du arbeitest
  • wie du mit Konflikten umgehst

Oder anders gesagt:

Nicht nur Asana, sondern Wahrnehmung. Nicht nur Körper, sondern Sein.

Das ist inspirierend – aber auch unbequem. Denn es erfordert ständige Achtsamkeit.

Die überraschenden Aspekte

Es gibt mehrere Gründe, warum die Jnaneshwari auch heute noch erstaunt.

Der erste ist fast schon irritierend:

Ihr Autor war vermutlich kaum älter als 16 bis 19 Jahre.

Ein Teenager, der ein Werk schreibt, das bis heute als spirituelles Meisterstück gilt. Das wirft Fragen auf – und relativiert gleichzeitig unsere Vorstellung davon, wann „Reife“ beginnt.

Der zweite Punkt ist ihre Sprache. Statt abstrakter Philosophie nutzt Jnaneshwar Bilder, Vergleiche und Alltagssituationen:

  • Der Geist wird mit einem unruhigen Affen verglichen
  • Bewusstsein mit einem stillen Ozean
  • das Ego mit einer Wolke, die die Sonne verdeckt

Diese Bilder wirken nicht zufällig. Sie sind präzise gewählt, um etwas schwer Fassbares direkt erfahrbar zu machen.

Ein oft paraphrasierter Gedanke lautet:

So wie die Sonne sich nicht verändert, nur weil Wolken sie verdecken, bleibt das wahre Selbst unberührt – egal, wie unruhig der Geist ist.

Das kannst du als eine Einladung zur Beobachtung verstehen. Und genau darin liegt die Stärke – aber auch eine mögliche Kritik: Die Jnaneshwari erklärt wenig im analytischen Sinne. Sie zeigt. Sie deutet an. Sie lässt Raum.

Für manche ist das befreiend. Für andere zu vage.

Bezug zum modernen Yoga

Warum sollte dich ein 700 Jahre alter Text heute interessieren?

Weil viele der Probleme, die er anspricht, erstaunlich aktuell sind.

  • ständige Ablenkung
  • innere Unruhe
  • Druck, etwas erreichen zu müssen

Nur haben sich die Formen verändert.

Heute äußert sich das oft so:

  • Yoga wird zum Lifestyle-Produkt
  • Praxis wird zur Selbstoptimierung
  • Fortschritt wird messbar gemacht

Mehr Flexibilität. Mehr Kontrolle. Mehr Leistung.

Die Jnaneshwari würde hier wahrscheinlich eine unbequeme Gegenfrage stellen: Wenn du Yoga nutzt, um besser zu funktionieren – verpasst du dann nicht seinen eigentlichen Zweck?

Das ist keine einfache Kritik. Denn natürlich kann körperliche Praxis hilfreich sein.

Aber sie ist nicht das Ziel im ursprünglichen Yoga-Sinn.

Für deine eigene Praxis bedeutet das:

  • Warum übst du wirklich?
  • Suchst du Ruhe – oder Verbesserung?
  • Geht es um Erfahrung – oder um Ergebnis?

Die Jnaneshwari lädt dich ein, diese Fragen ernst zu nehmen. Nicht, um etwas zu verändern. Sondern um erst einmal überhaupt zu sehen, was da ist.

Ein Blick unter die Oberfläche

Ein zentrales Thema der Jnaneshwari ist die Unterscheidung zwischen Geist und Selbst.

Der Geist ist das, was denkt, bewertet, erinnert. Er ist ständig in Bewegung.

Das Selbst hingegen wird als etwas beschrieben, das:

  • still ist
  • unveränderlich
  • beobachtend

Meditation wird hier nicht als Technik verstanden, sondern als Prozess des Erkennens:

Du bemerkst, dass Gedanken kommen und gehen. Dass Gefühle entstehen und verschwinden.

Und irgendwann entsteht ein feiner Abstand: Du bist nicht mehr vollständig identifiziert mit dem, was in dir passiert. 

Das klingt simpel – ist aber anspruchsvoll.

Denn es widerspricht einer tief verankerten Gewohnheit: der Annahme, dass du deine Gedanken bist.

Ein weiterer Gedanke, der sich durch die Jnaneshwari zieht, ist die Einheit von allem.

Nicht als esoterische Idee, sondern als Konsequenz:

Wenn das Bewusstsein in allen Erfahrungen gleich ist – was trennt dann wirklich „dich“ von „der Welt“?

Auch hier gilt: Das ist keine Behauptung, die du glauben musst. Sondern eine Perspektive, die du überprüfen kannst. 

Fazit

Die Jnaneshwari ist keine Sammlung isolierter Ideen, sondern eine konsequente Vertiefung der Bhagavad Gita:

Jede Lehre der Gita wird erweitert, konkretisiert und emotionalisiert

Der Fokus verschiebt sich von Philosophie zu Erfahrung

👉 Kurz gesagt: Die Bhagavad Gita formuliert die Lehre – die Jnaneshwari macht sie erlebbar. 

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Quellen

Fun-Facts zur Jnaneshwari

  • Ein Teenager als Autor eines Klassikers
    Jnaneshwar war vermutlich etwa 16 Jahre alt, als er die Jnaneshwari schrieb.
  • Die Sprache war revolutionär
    Statt Sanskrit nutzte er Marathi, die Alltagssprache – ein radikaler Schritt für spirituelle Texte.
  • Über 9.000 Verse
    Die Jnaneshwari umfasst rund 9.000 poetische Verse – deutlich umfangreicher als die Bhagavad Gita selbst.
  • Philosophie als Poesie
    Der Text gehört zur sogenannten Bhakti-Tradition, die Wissen emotional erfahrbar machen will.
  • Frühe Demokratisierung von Spiritualität
    Die Jnaneshwari machte komplexe Lehren erstmals breiten Bevölkerungsschichten zugänglich.
  • Kein Fokus auf Körperübungen
    Klassische Hatha-Yoga-Praktiken wie Asanas spielen kaum eine Rolle – ein Hinweis darauf, wie sich Yoga später verändert hat.
  • Meditation ohne Technik-Fixierung
    Meditation wird nicht als Methode, sondern als Erkenntnisprozess beschrieben.
  • Einfluss bis heute – oft unbemerkt
    Viele moderne Yoga-Konzepte (Achtsamkeit, Präsenz) spiegeln Ideen wider, die in der Jnaneshwari bereits formuliert wurden.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

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