Hatha Ratnavali: Bedeutung, 84 Asanas und Ursprung des Hatha Yoga

Dieser Artikel über die Yogaschrift Hatha Ratnavali aus dem 17. Jahrhundert zeigt dir, wie sich der moderne Yoga von seinen historischen Wurzeln unterscheidet – und warum das keine Nebensache ist. Anhand der Hatha Ratnavali wird deutlich, dass Asanas ursprünglich Teil eines präzisen energetischen Systems waren. Du erfährst, was wirklich aus alten Quellen stammt, welche Missverständnisse sich im Laufe der Zeit entwickelt haben und wie du deine eigene Praxis mit mehr Hintergrundwissen vertiefen kannst. 

Yogi meditiert vor Tempel in den Bergen. Text: hatha Ratnavali - Yogaschrift zum Hatha Yoga

Inhalt: Hatha Ratnavali Bedeutung

Kurz zusammengefasst

  • Andere Namen: Haṭharatnâvalî, Haṭharatnāvalī, Hatharatnavali, Haṭharatnâvalî
  • Hatha-Yoga-Schrift
  • 17. Jhd. nach Christus

Die Hatha Ratnavali wird als ein Ergänzungswerk zur Hatha Yoga Pradipika betrachtet. Autor ist Srinivasa Bhatta Mahayogendra (1625-1695), der die Hatha Ratnavali im 17. Jahrhundert schrieb. Die Schrift umfasst 397 Verse und wird auch als "Juwelenkette des Hatha Yoga" gelobt.

Die Hatha Ratnavali wird als ein Ergänzungswerk zur Hatha Yoga Pradipika betrachtet. Autor ist Shrinivasa Bhatta, der die Hatha Ratnavali im 17. Jahrhundert schrieb. Die Schrift umfasst 397 Verse und wird auch als "Juwelenkette des Hatha Yoga" gelobt.

  • 84 Asanas, 36 davon werden näher beschrieben
    Die Zahl 84 steht in der Haṭha-Tradition für Vollständigkeit und verweist auf die 84 Siddhas. In der Hatha Ratnavali wird sie als systematische Sammlung von Haltungen verstanden – nicht als beliebige Übungsauswahl.
  • Historischer Kontext
    Die Hatha Ratnavali entstand im 17. Jahrhundert und wird Srinivasa Yogi zugeschrieben. Sie steht in einer Traditionslinie mit der Hatha Yoga Pradipika, der Gheranda Samhita und der Shiva Samhita.
  • System statt Sammlung
    Im Unterschied zu früheren Texten ordnet die Schrift Asanas stärker in ein strukturiertes Gesamtsystem ein. Körperhaltungen sind Teil einer energetischen Gesamtarchitektur.
  • Transformation statt Fitness
    Haṭha-Yoga diente ursprünglich der Erweckung der Kundalini und der Vorbereitung auf Raja Yoga. Der Körper war ein Mittel zur Bewusstseinsveränderung, kein Selbstzweck.
  • Moderne Praxis im Vergleich
    Viele heutige Yogastile sind historisch jünger und stärker von moderner Körperkultur beeinflusst. Dynamische Sequenzen oder Fitnessorientierung finden sich in vormodernen Texten kaum.
  • Missverständnisse über Hatha
    „Hatha = sanft“ ist eine moderne Zuschreibung. Klassischer Haṭha war oft fordernd, diszipliniert und energetisch ausgerichtet.
  • Siddhāsana als Beispiel
    Eine unscheinbare Sitzhaltung gilt als energetisch hochwirksam. Der Fokus liegt auf Stabilität, Atemlenkung und innerer Sammlung, nicht auf äußerer Form.
  • Tradition und Gegenwart
    Die Hatha Ratnavali zwingt nicht zur Rückkehr in die Vergangenheit. Sie lädt dazu ein, Yoga bewusster zu praktizieren – mit Blick auf seine historische Tiefe.

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Mythos statt Definition

Was, wenn die 84 Asanas, die wir heute praktizieren, ursprünglich Teil eines geheimen Systems waren, das nur Eingeweihten zugänglich war?

Nicht als Fitnessprogramm. Nicht als Dehnroutine.
Sondern als präzise Choreografie innerer Transformation.

Die Zahl 84 taucht in der Yoga-Tradition immer wieder auf. 84 vollendete Meister. 84 Haupt-Asanas. 84 Wege zur Befreiung. In vielen modernen Yogastudios wirkt diese Zahl wie ein dekoratives Relikt – ehrwürdig, aber vage. Doch in den klassischen Haṭha-Yoga-Schriften hatte sie Gewicht. Sie stand für Vollständigkeit, für ein geschlossenes System, das Körper, Atem und Bewusstsein miteinander verknüpft.

Über Jahrhunderte kursierten Listen von Asanas, verstreut in unterschiedlichen Texten. Manche beschrieben nur wenige Sitzhaltungen. Andere erwähnten geheimnisvolle Praktiken ohne klare Systematik. Und dann gibt es eine Quelle, die versucht, Ordnung in dieses Wissen zu bringen – eine Art Kristallisationspunkt der Tradition.

Diese Quelle trägt den Namen Hatha Ratnavali.

Sie ist weniger bekannt als andere Klassiker. Kaum jemand zitiert sie im Unterricht. Doch wer sich mit der Entwicklung des Haṭha-Yoga beschäftigt, stößt früher oder später auf dieses Werk. Und merkt schnell: Hier wird nicht nur gesammelt – hier wird strukturiert, gewichtet, eingeordnet.

Die Hatha Ratnavali wirkt wie ein Versuch, ein überliefertes, teilweise fragmentiertes System noch einmal klar zu fassen – bevor es sich in den Strömungen der Zeit auflöst. Sie listet 84 Asanas auf und beschreibt 36 davon näher.

Die 36 ausführlich beschriebenen Asanas (mit deutschem Namen)

Hier die in der Forschung anerkannte Liste der 36 beschriebenen Asanas in der Hatha Ratnavali (ohne exakte Verszahlen, da editionsabhängig), mit sachlich angemessener deutscher Bezeichnung:

  1. Siddhāsana – Vollkommenheitssitz
  2. Padmāsana – Lotossitz
  3. Bhadrasana – Glückverheißender Sitz
  4. Muktāsana – Befreiungssitz
  5. Vajrāsana – Diamantsitz / Donnersitz
  6. Svastikāsana – Glückszeichen-Sitz
  7. Siṁhāsana – Löwenhaltung
  8. Gomukhāsana – Kuhgesichtshaltung
  9. Vīrāsana – Heldensitz
  10. Dhanurāsana – Bogenhaltung
  11. Mṛtāsana – Totenhaltung
  12. Guptāsana – Verborgener Sitz
  13. Matsyāsana – Fischhaltung
  14. Matsyendrāsana – Drehsitz des Matsyendra
  15. Gorakṣāsana – Sitz des Goraksha
  16. Paścimottānāsana – Weststreckung / Vorbeuge
  17. Utkatāsana – Kraftvolle Haltung
  18. Saṅkaṭāsana – Enger / gebundener Sitz
  19. Mayūrāsana – Pfauenhaltung
  20. Kukkuṭāsana – Hahnenhaltung
  21. Kūrmasana – Schildkrötenhaltung
  22. Uttāna Kūrmasana – Gestreckte Schildkröte
  23. Uṣṭrāsana – Kamelhaltung
  24. Vṛkṣāsana – Baumhaltung
  25. Maṇḍūkāsana – Froschhaltung
  26. Garudāsana – Adlerhaltung
  27. Śalabhāsana – Heuschreckenhaltung
  28. Makārāsana – Krokodilhaltung
  29. Bhujangāsana – Kobrahaltung
  30. Yogāsana – Yogahaltung
  31. Brahmāsana – Haltung des Brahma
  32. Siṁhagarjanasana – Löwengebrüllhaltung
  33. Kandapīḍāsana – Wurzel-/Knoten-Druckhaltung
  34. Tāḍāsana – Palmbaumhaltung
  35. Pavanamuktāsana – Windbefreiungshaltung
  36. Śavāsana – Leichenhaltung

Quelle (abgerufen bei ChatGPT 2026): James Mallinson (Hrsg. & Übers.):
The Haṭha Ratnāvalī of Śrīnivāsa Yogi: A Critical Edition and Annotated Translation. 2014.

Ein Großteil der Asanas findest du in der Kategorie "Yoga Übungen" hier auf Yoga-Welten.de beschrieben.

Historischer Kontext

Die Hatha Ratnavali entstand vermutlich im 17. Jahrhundert. Ihr Autor wird als Srinivasa Yogi (Śrīnivāsa) genannt – eine Gestalt, über die wir historisch nur wenig wissen. Gerade diese Lücken sind typisch für viele Haṭha-Texte: Sie stammen aus Praxislinien, nicht aus akademischen Institutionen.

Inhaltlich steht die Schrift in einer Reihe mit drei zentralen Werken des klassischen Haṭha-Yoga:

Diese Texte bilden so etwas wie das Rückgrat der Haṭha-Tradition. Sie beschreiben Asanas, Atemtechniken (Prāṇāyāma), Reinigungspraktiken (Ṣaṭkarma), Mudras und energetische Konzepte wie Nāḍīs und Kuṇḍalinī.

Die Hatha Ratnavali greift dieses Wissen auf – doch sie bleibt nicht beim Wiederholen. Sie wirkt wie eine späte Systematisierung. Während frühere Werke stärker didaktisch oder mystisch geprägt sind, zeigt sich hier ein deutliches Bemühen um Struktur und Vollständigkeit.

Wichtig ist dabei: Die Hatha Ratnavali ist kein isoliertes Genieprodukt. Sie steht in einem Netz von Überlieferungen. Ihr Wert liegt weniger in radikaler Neuerung als in der präzisen Zusammenführung vorhandener Traditionen. Das macht sie für die historische Entwicklung des Yoga bedeutsam.

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Der Kern: Warum ist die Hatha Ratnavali besonders?

Die 84 Asanas – Symbol und System

Die Zahl 84 ist im indischen Kontext nicht zufällig gewählt. Sie steht symbolisch für Ganzheit. In der Yogatradition verweist sie häufig auf die 84 Siddhas – legendäre vollendete Meister, die als Verkörperung spiritueller Vollendung gelten.

Indem die Hatha Ratnavali 84 Asanas benennt, setzt sie ein klares Signal: Hier geht es nicht um eine lose Sammlung, sondern um ein abgeschlossenes System.

Was unterscheidet sie von früheren Texten?

  1. Umfang
    Frühere Werke wie die Hatha Yoga Pradipika beschreiben nur eine vergleichsweise kleine Auswahl von Haltungen. Die Hatha Ratnavali erweitert dieses Spektrum deutlich.
  2. Systematisierung
    Die Asanas erscheinen nicht als beiläufige Ergänzung zur Meditation, sondern als integraler Bestandteil eines umfassenden Praxiswegs.
  3. Verschiebung des Schwerpunkts
    Während ältere Texte vor allem Meditationssitze betonen, rückt hier der Körper in seiner Vielfalt stärker in den Vordergrund.

Das ist historisch bemerkenswert. Es zeigt eine Entwicklung: Der Haṭha-Yoga wird zunehmend körperorientierter – ohne jedoch seinen spirituellen Kern zu verlieren.

Kritische Perspektive

Manche moderne Darstellungen interpretieren die 84 Asanas als direkte Vorlage für heutige Yogasequenzen. Das ist historisch problematisch.

  • Die beschriebenen Haltungen unterscheiden sich teilweise stark von modernen Varianten.
  • Dynamische Vinyasa-Formen sind nicht Bestandteil dieses Systems.
  • Ziel war nicht Fitness, sondern energetische Steuerung.

Die Hatha Ratnavali ist daher keine „Ursprungsliste“ moderner Yogastile. Sie ist ein Dokument einer Übergangsphase – zwischen asketischer Praxis und zunehmender Körperdifferenzierung.

Hatha als Transformationsweg

Wer die Hatha Ratnavali nur als Asana-Katalog liest, verfehlt ihren Kern.

Im Zentrum steht ein Ziel:

Die Erweckung der Kuṇḍalinī.

Kuṇḍalinī wird als latente Energie beschrieben, die im Körper ruht – oft symbolisiert als zusammengerollte Schlange. Durch gezielte Praxis soll sie aufsteigen, die Energiekanäle (Nāḍīs) reinigen und das Bewusstsein transformieren.

Hier zeigt sich deutlich: Haṭha-Yoga ist kein Selbstzweck. Er ist Vorbereitung. Er ist Werkzeug.

Das übergeordnete Ziel ist Rāja Yoga – der Zustand geistiger Sammlung und letztlich Befreiung. Der Körper dient dabei als Instrument.

Oder präziser: Als Alchemiegefäß.

Der Praktizierende arbeitet nicht am Körper, um ihn zu optimieren. Er arbeitet durch den Körper, um Bewusstsein zu verfeinern.

  • Asana stabilisiert und stärkt.
  • Prāṇāyāma reguliert die Lebensenergie.
  • Mudrā und Bandha lenken diese Energie gezielt.

Die Praxis folgt einer inneren Logik. Sie ist aufeinander abgestimmt.

Und genau hier liegt die Relevanz der Hatha Ratnavali: Sie dokumentiert diesen Zusammenhang in einer Phase, in der der Haṭha-Yoga bereits ausgereift, aber noch nicht modernisiert ist.

Kontroverse Punkte

Aus heutiger Perspektive werfen die beschriebenen Konzepte Fragen auf:

  • Die energetischen Modelle sind nicht empirisch messbar.
  • Die Idee einer wörtlich aufsteigenden Energie wird unterschiedlich interpretiert – symbolisch, psychologisch oder metaphysisch.
  • Einige Praktiken können bei falscher Anwendung körperlich belastend sein.

Eine seriöse Auseinandersetzung mit der Hatha Ratnavali bedeutet daher zweierlei: Respekt vor der Tradition – und kritische Distanz. 

Brücke zur Gegenwart

Die entscheidende Frage lautet: Was bedeutet das alles für uns – hier und heute auf der Yogamatte?

Viele moderne Praktizierende verbinden „Hatha“ mit einem ruhigen, eher sanften Kursformat. In Stundenplänen steht „Hatha Yoga“ oft als Gegenpol zu dynamischen Stilen. Doch historisch betrachtet war Haṭha kein Synonym für Langsamkeit.

Haṭha bedeutete Kraft, Beharrlichkeit, manchmal sogar radikale Disziplin. Die klassischen Texte – darunter die Hatha Ratnavali – beschreiben fordernde Atemtechniken, intensive Reinigungspraktiken und präzise Körperhaltungen mit klarer energetischer Zielsetzung.

War Hatha ursprünglich „sanft“?

Nein – zumindest nicht im heutigen Sinn.

Die Praxis war:

  • zielgerichtet, nicht entspannungsorientiert
  • asketisch geprägt, nicht wellnessnah
  • energetisch motiviert, nicht ästhetisch

Das bedeutet nicht, dass moderne ruhige Formate „falsch“ sind. Aber sie sind eine Neudeutung, keine direkte Fortsetzung der vormodernen Praxis.

Wie viel stammt wirklich aus den alten Texten?

Hier lohnt sich eine nüchterne Betrachtung.

  • Die Idee, dass es 84 Haupt-Asanas gibt, findet sich tatsächlich in der Tradition.
  • Viele heute bekannte Haltungen tauchen in vormodernen Texten jedoch nicht auf – zumindest nicht in der heute praktizierten Form.
  • Dynamische Sequenzen, fließende Übergänge oder stark gymnastisch geprägte Positionen sind historisch jünger.

Die klassische Haṭha-Praxis war stärker auf:

  • Sitzhaltungen
  • Atemkontrolle
  • Energiearbeit
  • Meditative Stabilität

ausgerichtet.

Das heißt: Moderne Yogapraxis ist kein Betrug – aber sie ist ein Produkt kultureller Entwicklung, insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts, als Yoga mit westlicher Körperkultur in Kontakt kam.

Missverständnisse – und was wir daraus lernen können

  •  „Asanas sind der Kern des Yoga.“
    Historisch gesehen waren Asanas ein Baustein. Sie bereiteten den Körper auf subtilere Praktiken vor. In der Hatha Ratnavali sind sie eingebettet in ein umfassendes energetisches System.
  • „Mehr Haltungen bedeuten mehr Fortschritt.“
    Die 84 Asanas stehen nicht für Vielfalt um ihrer selbst willen, sondern für Vollständigkeit im Sinne innerer Balance. Qualität war wichtiger als Quantität.
  • „Yoga ist primär Fitness.“
    Die Texte widersprechen dem deutlich. Der Körper ist Mittel – nicht Ziel.

Das bedeutet nicht, dass körperliche Vorteile irrelevant wären. Aber sie waren nicht der Endpunkt der Praxis.

Kritische Reflexion: Zwischen Tradition und Markt

Heute ist Yoga globalisiert, kommerzialisiert, diversifiziert. Das bringt Chancen – und Spannungen.

Chancen:

  • Zugänglichkeit für Millionen Menschen
  • Medizinische und therapeutische Anwendungen
  • Integration in den Alltag

Spannungen:

  • Reduktion auf äußere Form
  • Verlust energetischer und meditativer Tiefe
  • Vermarktung von „Authentizität“ ohne historische Genauigkeit

Die Hatha Ratnavali erinnert uns daran, dass Yoga ursprünglich ein Transformationsweg war – kein Lifestyle-Accessoire.

Sie zwingt uns jedoch nicht, in die Vergangenheit zurückzukehren. Sie lädt uns ein, bewusster zu wählen, was wir aus der Tradition übernehmen – und warum.

Ein Beispiel vertieft: Siddhāsana – der Sitz der Vollendung

Um die Substanz der Hatha Ratnavali greifbar zu machen, lohnt ein Blick auf eine klassische Sitzhaltung: Siddhāsana.

Diese Haltung gilt in vielen Haṭha-Texten als besonders bedeutsam. Auch in der Hatha Ratnavali wird sie hervorgehoben.

Beschreibung der Haltung

  • Ein Fuß wird so platziert, dass die Ferse am Damm (Perineum) anliegt. 
  • Der andere Fuß liegt darüber, ebenfalls nah am Schambein.
  • Die Wirbelsäule bleibt aufrecht.
  • Hände ruhen in Mudra auf den Knien.
  • Der Blick wird ruhig, oft leicht nach innen gerichtet.

Es ist keine spektakuläre Position. Keine extreme Dehnung. Kein akrobatischer Reiz. Und doch wird sie als besonders wirksam beschrieben.

Sinngemäße Übertragung einer klassischen Passage

Inhaltlich heißt es sinngemäß:

Wer in Siddhāsana verweilt und den Atem kontrolliert, reinigt die Energiekanäle und führt Prāṇa in die zentrale Bahn.

Der entscheidende Punkt liegt hier nicht im äußeren Bild, sondern im inneren Effekt.

Energetische Bedeutung

Siddhāsana soll laut Tradition:

  • Nāḍīs reinigen (insbesondere Iḍā und Piṅgalā)
  • den Energiefluss in die Suṣumṇā lenken
  • die Grundlage für die Erweckung der Kuṇḍalinī schaffen

Aus moderner Sicht können diese Aussagen unterschiedlich interpretiert werden:

  • Symbolisch als Beschreibung psychophysiologischer Prozesse
  • Psychologisch als Fokus- und Zentrierungstechnik
  • Spirituell-metaphysisch im wörtlichen Sinne

Wissenschaftlich sind diese Energiekanäle nicht nachweisbar. Dennoch berichten Praktizierende seit Jahrhunderten von spürbaren Effekten: Stabilität, Sammlung, innere Ruhe.

Hier zeigt sich ein wichtiger Unterschied zur modernen Asana-Praxis: Die Wirkung wird nicht über Muskelaktivität definiert, sondern über Bewusstseinsveränderung.

Warum dieser Blick wichtig ist

Wenn wir heute eine einfache Sitzhaltung einnehmen, sehen wir vielleicht nur eine Vorstufe zur „eigentlichen“ Praxis.

Die Hatha Ratnavali kehrt diese Perspektive um:
Die äußere Form ist minimal – die innere Arbeit maximal.

Das fordert heraus. Und es relativiert den Fokus auf spektakuläre Positionen.

Fazit

Am Anfang stand die Frage:
Was, wenn die 84 Asanas Teil eines geschlossenen, tief durchdachten Systems waren?

Die Auseinandersetzung mit der Hatha Ratnavali zeigt:
Diese Möglichkeit ist real.

Hinter jeder Haltung stand eine Idee.
Hinter jeder Technik ein Ziel.
Hinter jeder körperlichen Form ein energetisches Konzept.

Das bedeutet nicht, dass wir heute exakt so praktizieren müssen wie im 17. Jahrhundert. Tradition ist kein Museum. Sie ist ein lebendiger Prozess.

Aber vielleicht verändert sich etwas, wenn wir wissen, dass:

  • eine Sitzhaltung nicht nur „bequem“ sein sollte, sondern stabilisierend
  • ein Atemzug nicht nur entspannend, sondern bewusst gelenkt sein kann
  • eine Asana mehr ist als Dehnung – nämlich Teil einer inneren Architektur

Die Hatha Ratnavali zwingt uns nicht zu einer bestimmten Praxis. Sie stellt uns eine Frage: 

Praktizieren wir Yoga als äußere Form – oder als inneren Weg?

Vielleicht beginnt bewusste Praxis genau dann, wenn wir uns immer wieder diese Frage stellen.

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Fun-Facts zur Hatha Ratnavali

  • Die 84 Asanas waren nie vollständig überliefert
  • Die Haṭha Ratnāvalī ist eines der frühesten Texte, die tatsächlich 84 Asanas namentlich nennen; sie beschreibt nur 36 davon im Detail – frühere Manuskripte nannten oft nur die Zahl ohne konkrete Liste.
  • Mittelalterliche Yogis praktizierten oft mit Ohrringen
  •  Es gibt Hinweise, dass Yogis in historischen Bildern Ohrringe trugen – z. B. in Mogul-Manuskripten oder frühen Darstellungen. Historische Miniaturen zeigen Yogis mit Schmuck, und Nath-Yogis trugen traditionell Markierungen und Ornamente.
  • Frühe Darstellungen von Asanas finden sich in Tempelskulpturen
    Einige Körperhaltungen sind bereits in mittelalterlicher indischer Kunst zu sehen.
  • Kundalini wurde nicht immer als „Schlange“ dargestellt
    Verschiedene Traditionen nutzen unterschiedliche Bilder für energetische Konzepte. Zum Beispiel als Göttin, als Feuer oder als Klang.
  • Die meisten stehenden Asanas sind modern
    Mark Singleton argumentiert, dass viele heute gebräuchliche stehende Posen erst im 20. Jh. in Krishnamacharya-Linien auftauchen und nicht in klassischen Texten überliefert sind.
  • Haṭha bedeutete ursprünglich ‚Kraft‘ oder ‚Anstrengung‘
  • Einige klassische Techniken gelten heute als riskant
    Als potenziell riskant gelten heute vor allem stark forcierte Atemanhalte-Techniken (Kumbhaka), intensive Reinigungspraktiken wie Dhauti (z. B. Schlucken von Tüchern) oder Basti (Darmreinigung), sowie extremes Bandha- und Mudra-Training, wenn sie ohne fachkundige Anleitung und medizinische Abklärung ausgeführt werden.

Textauszüge aus der Hatha Ratnavali

Zusätzliche und alternative Reinigungstechniken

(I-25) In der ersten Phase der Praxis fließen Kapha und andere [Flüssigkeiten] vorwärts. Wenn man die reinigenden Praktiken vernachlässigt, werden viele Krankheiten entstehen. Von diesen [Reinigungspraktiken] werden wir gemäß der Tradition unseres Gurus die acht Reinigungstechniken, beginnend mit Cakri, aufzählen.

(I-26) Die acht Reinigungstechniken werden genannt: cakri, nauli, dhauti, neti, basti, gajakaraṇī, trāṭaka und mastakabhrānti.

(I-27) In der Haṭhapradīpikā [es gibt den folgenden Vers]: „Sie sagen, dass es sechs Reinigungstechniken gibt: basti, dhauti, neti, trāṭaka, nauli und kapālabhrānti.“ Wie kann eine solche Lehre berücksichtigt werden, wenn cakri nicht enthalten ist? Diese Lehre ist falsch, weil sie dem Zweck [der Unterweisung in den Reinigungstechniken] zuwiderläuft.
Das Bestreben, das, was in Haṭhapradīpikā gelehrt wird, abzulehnen und zu widerlegen, wäre so, als würde man sich beim Erklimmen eines hohen Gipfels den Körper brechen. Ich werde davon ablassen: Es hat keinen Sinn, Fingernägel mit einer Axt zu schneiden.

(I-28) Diese acht Reinigungstechniken, die zur Reinigung des Körpers dienen, sollten geheim gehalten werden. Man sollte mit niemandem darüber sprechen, so wie man nicht über das Sexualleben einer ehrbaren Frau spricht.

Nun zur Cakri-Technik:

(I-29) Führe einen Finger halbwegs in den Enddarm ein und bewegen Sie ihn furchtlos herum, bis sich der Anus erweitert. Dies nennt man die Cakri-Technik.

(I-30) mit Hilfe der Cakri-Technik werden Störungen des Afters und Erkrankungen der Milz sowie Wassersucht geheilt, Unreinheiten gereinigt und [das Verdauungsfeuer] entfacht.

(I-31) Ich erkläre, dass Cakri über allen anderen Reinigungstechniken steht, aber der Meister Svātmārāma [Verfasser der Hatha Yoga Pradipika] empfiehlt Cakri nicht. […]

(I-52) Als Alternative [zu der im 2. Kapitel der Haṭhapradīpikā Vers 38 unterrichteten gajakaraṇī (Erbrechen des Mageninhaltes)]: Trinke Wasser gemischt mit Sesam und Jaggery oder Kokosnusswasser bis zur Höhe des Rachens und halte den Atem und das Wasser in der Speiseröhre so lange wie möglich an. Wenn der Atem überwunden ist, das Wasser und den Atem in der Kehle mit der Luftvariante der Basti vollständig reinigen. Experten in haṭha nennen dies die Elefantentechnik.

(I-53) So wie der Königselefant einer Herde majestätisch ist, so ist auch die Elefantentechnik an erster Stelle unter den Techniken von haṭha. […]

Nun zum Schädel-Blasebalg (kapālabhastrikā):

(I-56) Schnell ein- und ausatmen wie bei einem Blasebalg in der Schmiede. Dies wird der Schädel-Blasebalg genannt und trocknet alle Krankheiten aus. Alternativ dazu kann

(I-57) der Kopf zusammen mit dem Ausatmen und Einatmen schnell nach links und rechts bewegt werden. Dies wird [auch] der Schädel-Blasebalg genannt. […]

(I-59) Die Zeichen für den Erfolg von haṭha sind Schlankheit des Körpers, Ausstrahlung des Gesichts, Manifestation des inneren Klanges, klare Augen, gute Gesundheit, Eroberung des Samens, Entzündung des [Verdauungs-]Feuers [und] Reinigung der Kanäle.

(I-60) Wenn Schwere und Unreinheiten wie Schleim und Fett durch die acht Reinigungspraktiken entfernt worden sind, sollte man Atemkontrolle üben: Sie ist [dann] leicht zu beherrschen.

(I-61 und I-62) Durch die Kraft der acht Reinigungstechniken werden die sechs Kakras vollständig gereinigt, die Atemkontrolle wird ermöglicht, alle Krankheiten werden vernichtet, man wird auf den Pfad zur Befreiung gebracht und man erlangt körperliche Gesundheit. Das Basis-Chakra wird durch Cakri und das Penis-Chakra durch die Vajroli-Technik gereinigt.

(I-63) Die Technik namens Nauli [reinigt] das Maṇipūra-Chakra im Nabel. Die Technik, die als Dhauti bekannt ist, reinigt Herz- und Hals-Chakra.

(I-64) Die Reinigung des Ajna-Chakras soll unter Verwendung der Techniken von neti und trāṭaka durchgeführt werden. Die Basti und der Schädel-Blasebalg reinigen den ganzen Körper.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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