Yoga ohne Selbstoptimierung: Üben, ohne dich zum Projekt zu machen

Manchmal beginnt es ganz harmlos.

Du möchtest regelmäßiger Yoga machen. Also nimmst du dir vor, jeden Morgen zwanzig Minuten zu üben. Nach einer Woche sind es dreißig. Bald möchtest du beweglicher werden, länger meditieren, ruhiger atmen und dich weniger aufregen. Willst abnehmen. Vielleicht vergleichst du deine Praxis mit anderen. Vielleicht nur mit dir selbst.

Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges: Ausgerechnet Yoga, das dir mehr Freiheit bringen sollte, wird zu einem weiteren Bereich, in dem du nicht gut genug bist.

  • Du sitzt in der Meditation und denkst: Warum bin ich immer noch so unruhig?
  • Du lässt zwei Tage die Praxis aus und hast ein schlechtes Gewissen.
  • Du kommst aus einer Yogastunde und erinnerst dich vor allem daran, welche Haltung du noch immer nicht kannst.

Ist das noch Yoga – oder schon Selbstoptimierung?

Die kurze Antwort lautet: Yoga ohne Selbstoptimierung bedeutet nicht, dass du dich nicht entwickeln darfst. Es bedeutet, dass du dein gegenwärtiges Selbst nicht ständig als unzureichendes Projekt behandeln musst.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Yoga kann spirituelle Entwicklung, Kraft, Beweglichkeit, Konzentration und Selbstkenntnis fördern. Er kann Gewohnheiten verändern. Er kann durchaus anspruchsvoll sein. Gleichzeitig reicht der innere Weg weiter als die Herstellung einer immer besseren Version deiner selbst. Im redaktionellen Verständnis von Yoga-Welten gehört gerade die Spannung zwischen der Entfaltung des Selbst und dem Durchschauen der Bindung an ein bestimmtes Selbstbild zum Kern des Weges.

Yoga ohne Selbstoptimierung - Symbolbild

Inhalt: Yoga ohne Selbstoptimierung

Kurz zusammengefasst

  • Entwicklung ist nicht dasselbe wie Selbstoptimierung. Ziele, regelmäßiges Üben und persönliche Entwicklung widersprechen Yoga nicht. Problematisch wird es dort, wo das gegenwärtige Selbst ständig als mangelhaft erlebt wird und Verbesserung zur Voraussetzung für Selbstwert wird.
  • Yoga kann selbst zum Leistungsprojekt werden. Beweglichkeit, schwierige Asanas und Trainingshäufigkeit sind offensichtliche Vergleichsfelder. Der gleiche Mechanismus kann sich aber auch auf vermeintlich „innere“ Ziele wie Gelassenheit, Achtsamkeit, Disziplin oder Spiritualität verlagern.
  • Abhyasa (üben) und Vairagya (loslassen) gehören zusammen. Beständiges Üben und Nicht-Anhaften bilden in der Yogatradition keinen Widerspruch. Eine Praxis kann ernsthaft verfolgt werden, ohne den eigenen Wert davon abhängig zu machen, ob ein bestimmtes Ergebnis erreicht wird.
  • Ziele dürfen bleiben. Die entscheidende Frage lautet weniger „Habe ich ein Ziel?“ als: „Was geschieht mit mir, wenn ich es nicht erreiche?“ Enttäuschung ist etwas anderes als Selbstabwertung.
  • Selbstbilder können zur Falle werden. Auch Eigenschaften wie „achtsam“, „gesund“, „diszipliniert“ oder „spirituell“ können zu Identitäten werden, die verteidigt werden müssen. Yoga kann deshalb nicht nur bei der Entwicklung von Fähigkeiten helfen, sondern auch dabei, die Bindung an bevorzugte Selbstbilder zu erkennen.
  • Akzeptanz bedeutet nicht Passivität. Eine nicht optimierende Haltung verlangt weder Stillstand noch das Ignorieren körperlicher oder psychischer Grenzen. Veränderung kann aus Fürsorge, Interesse und Klarheit entstehen – statt aus dem Gefühl, nicht zu genügen.
  • Perfektionismus ist nicht einfach hoher Anspruch. Besonders problematisch sind Sorgen über Fehler, Bewertungen und nicht erreichte Standards. Hohe Ziele allein sind psychologisch nicht dasselbe wie die ständige Befürchtung, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.
  • Vergleich verstärkt den Druck. Yoga findet heute nicht im luftleeren Raum statt. Soziale Medien, idealisierte Körperbilder, Apps und öffentlich sichtbare Fortschritte können aus einer persönlichen Praxis leicht ein messbares Leistungsprojekt machen.
  • Der Kontext verdient mehr Aufmerksamkeit. Nicht jeder Optimierungsdruck entsteht „im eigenen Kopf“. Unterrichtskultur, soziale Erwartungen, digitale Plattformen und die Vermarktung von Wellness können mitbestimmen, ob Yoga als Erfahrungsraum oder als weiteres Verbesserungsprogramm erlebt wird.
  • Eine nicht bewertende Praxis lässt sich konkret erproben. Zehn Minuten zu üben, ohne einen bestimmten Zustand erreichen zu müssen, kann sichtbar machen, wie häufig während der Praxis Vergleiche, Korrekturen und Erfolgsurteile auftauchen.
  • Rückkehr ist kein Rückschritt. Eine kürzere Praxis, eine leichtere Haltung, eine Pause oder die Rückkehr zu einfachen Übungen können angemessener sein als stetige Steigerung. Fortschritt muss nicht linear verlaufen.
  • Die eigentliche Frage reicht über Yoga hinaus. Schlaf, Ernährung, Arbeit, Fitness und selbst Erholung können zu Optimierungsfeldern werden. Hilfreich ist die Unterscheidung: Dient mir dieses Werkzeug noch – oder beginne ich, seinen Vorgaben zu dienen?

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Wenn aus Entwicklung Selbstoptimierung wird

Nicht jedes Ziel ist Selbstoptimierung.

Wenn du Rückenschmerzen vermeiden möchtest und dafür deine Rumpfmuskulatur kräftigst, ist daran nichts grundsätzlich problematisch. Wenn du jeden Morgen zehn Minuten meditieren möchtest, weil dir die Praxis guttut, du dich spirituell entwickeln möchtest, ebenfalls nicht. Auch der Wunsch, gelassener, konzentrierter oder körperlich beweglicher zu werden, muss nicht gegen Yoga sprechen.

Interessanter ist die Frage, welche Beziehung du zu deinem Ziel entwickelst.

Ein Ziel kann Orientierung geben:

Dort möchte ich hin.

Es kann aber auch zu einem Urteil über die Gegenwart werden:

Solange ich dort nicht angekommen bin, stimmt mit mir etwas nicht. Ohne dies, das, jenes fehlt mir etwas, um ...

Genau an dieser Stelle beginnt Selbstoptimierung problematisch zu werden. Nicht Veränderung an sich ist das Problem, sondern die Vorstellung, dass das jetzige Ich fortwährend korrigiert werden müsse.

Das kann beim Yoga ausgesprochen subtil geschehen. Die offensichtlichste Form ist der körperliche Vergleich: entspannter in der Meditation, länger den Atem anhalten, tiefer in die Vorbeuge, länger im Kopfstand, schlanker, stärker oder beweglicher werden. Doch der gleiche Mechanismus kann sich auf vermeintlich „innere“ Ziele verlagern.

Dann möchte man nicht mehr nur einen Handstand können, sondern endlich ein achtsamer Mensch sein. Immer gelassen. Weniger egoistisch. Spiritueller. Dankbarer. Unberührter von Kritik. Frei von negativen Gedanken.

Selbst Gelassenheit kann zum Leistungsziel werden.

Und dann sitzt jemand zehn Minuten in der Meditation und bewertet anschließend nicht etwa, was er bemerkt hat, sondern ob er gut meditiert hat.

Die spirituelle Version des Leistungsdrucks

Selbstoptimierung trägt im Yoga manchmal besonders perfide (Ver-)Kleidung.

  • Sie sagt nicht unbedingt: „Du musst produktiver werden.“
  • Sie sagt vielleicht: „Du solltest bewusster leben.“
  • Nicht: „Du musst erfolgreicher sein.“
  • Sondern: „Du solltest dein Ego endlich loslassen.“
  • Nicht: „Du musst mehr leisten.“
  • Sondern: „Du müsstest nach fünf Jahren Yoga doch inzwischen gelassener sein.“

Damit wird aus einer Einladung zur Selbsterkenntnis ein neues Idealbild.

Das ist deshalb interessant, weil sich das Problem nicht lösen lässt, indem man einfach ein anderes Ideal übernimmt. Auch die Vorstellung „Ich bin ein Mensch, der sich überhaupt nicht mehr optimiert“ kann zur neuen Identität werden, die verteidigt werden muss.

Yoga-Welten versteht spirituelle Vertiefung deshalb ausdrücklich nicht als Rangordnung, in der ein Mensch irgendwann einen besonders gelungenen Zustand erreicht. Der Kompass warnt sowohl vor spirituellem Leistungsdruck als auch vor der Vorstellung, alle Menschen müssten dieselben Ziele oder Erfahrungen anstreben. Auch wenn ein gleicher Weg gegangen wird.

Die spannendere Frage lautet daher nicht:

Wie höre ich auf, mich zu entwickeln?

Sondern:

Kann Entwicklung stattfinden, ohne dass mein Wert davon abhängt?

Abhyasa und Vairagya: üben und zugleich loslassen

Die Yogatradition kennt eine bemerkenswerte Doppelbewegung.

  • Auf der einen Seite steht Abhyasa: kontinuierliches Üben, Wiederholen, Zurückkehren. Yoga ist kein einmaliger Erkenntnismoment. Fähigkeiten und Gewohnheiten entwickeln sich durch Praxis.
  • Auf der anderen Seite steht Vairagya: das Lockern des Festhaltens.

Im Yogasutra:

Yoga Sutra I-12: Übung (Abhyasa) und Nichtanhaften (Vairagya) führen zur Beruhigung der Bewegungen des Geistes (Nirodha)

Zur Sutra: Yoga Sutra I-12: Übung (Abhyasa) und Nichtanhaften (Vairagya) führen zur Beruhigung der Bewegungen des Geistes (Nirodha)

Yoga-Welten nimmt diese Verbindung von Abhyasa und Vairagya ausdrücklich in seine Praxisfelder auf. Daneben stehen Selbstbeobachtung, Viveka – die unterscheidende Erkenntnis – und Nichtidentifikation.

Das ergibt ein interessantes Paradox:

Merksatz

Übe ernsthaft – aber halte nicht verkrampft am Ergebnis fest.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Wenn mir ein Ergebnis egal ist, warum sollte ich überhaupt üben?

Doch Vairagya verlangt keine Gleichgültigkeit. Du kannst dich einer Sache mit großer Sorgfalt widmen, ohne deinen Selbstwert an ihren Erfolg zu hängen.

Du kannst versuchen, eine Asana zu lernen und trotzdem akzeptieren, dass dein Körper sie heute nicht ausführen kann.

Du kannst regelmäßig meditieren und einen Morgen erleben, an dem dein Kopf voller Gedanken ist, ohne daraus zu schließen, du seist gescheitert.

Du kannst an deinem Verhalten arbeiten und zugleich anerkennen, dass du nicht erst nach erfolgreicher Persönlichkeitsentwicklung ein vollwertiger Mensch wirst.

Gerade diese Verbindung macht Abhyasa und Vairagya für das Thema Selbstoptimierung so interessant:

Zum Mitnehmen

Yoga verlangt weder Stillstand noch permanente Verbesserung. Er übt Veränderung ohne den Zwang, durch Veränderung endlich „richtig“ zu werden.

Das Selbst entwickeln – und das Bild vom Selbst durchschauen

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen persönlicher Entwicklung und dem weiteren inneren Weg.

Du kannst durchaus lernen, besser für dich zu sorgen. Du kannst Bedürfnisse erkennen, Fähigkeiten entfalten, authentischer entscheiden und weniger aus Angst oder Anerkennungsbedürfnis handeln. All das gehört im Yoga-Welten-Modell zum „stimmiger leben“, wird auf unserem inneren Weg angestrebt.

Beitrag: Der innere Weg auf Yoga-Welten.de

Doch eine weitere Bewegung besteht darin, automatische Muster zu erkennen, die Identifikation mit Gedanken und Selbstbildern zu lockern und gegenüber innerem Zwang freier zu werden.

Damit verändert sich die Fragestellung.

Selbstoptimierung fragt häufig:

Wie werde ich die Person, die ich gerne wäre?

Selbsterforschung kann zusätzlich fragen:

Warum muss ich unbedingt diese Person sein?

Vielleicht möchtest du als diszipliniert gelten. Oder als entspannt. Besonders gesund. Achtsam. Erfolgreich. Bescheiden. Spirituell.

Keines dieser Merkmale ist an sich problematisch.

Interessant wird es dort, wo ein bevorzugtes Selbstbild entsteht, von dem das eigene Wohlbefinden zunehmend abhängt.

Dann bedroht ein ausgelassener Yogamorgen nicht nur deine Routine. Er bedroht die Geschichte: Ich bin ein disziplinierter Mensch.

Eine schwierige Meditation bedeutet dann nicht lediglich: Heute war viel Unruhe da.

Sie kann sich anfühlen wie: Ich kann das immer noch nicht.

Erkenne

Genau hier beginnt Durchschauen: nicht indem du solche Gedanken beseitigst, sondern indem du bemerkst, was dein Geist gerade aus einer Erfahrung macht.

Was die Psychologie dazu beitragen kann

Moderne Psychologie und Yogatradition sollten hier nicht gleichgesetzt werden. Psychologische Forschung beweist weder die Wirkung von Vairagya noch irgendeine spirituelle Lehre. Sie kann aber bestimmte gegenwärtige Formen des Leistungs- und Verbesserungsdrucks beleuchten.

Besonders interessant ist die Forschung zum Perfektionismus. Eine große systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 416 Studien und mehr als 113.000 Erwachsenen fand deutlich stärkere Zusammenhänge psychischer Belastung mit perfectionistic concerns – also Sorgen über Fehler, Bewertungen und das Nichterreichen eigener Standards – als mit dem bloßen Streben nach hohen Standards. Die Autoren betonen zugleich, dass daraus nicht einfach Kausalität abgeleitet werden kann. (Quelle)

Das passt zu einer wichtigen Unterscheidung dieses Artikels:

Anspruch und Übungsbereitschaft sind nicht dasselbe wie die Angst, nicht zu genügen.

Auch die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet zwischen stärker selbstbestimmter Motivation und Formen des Handelns, die stärker von äußerem oder verinnerlichtem Druck gesteuert werden. Autonomie bedeutet dort nicht Ziellosigkeit, sondern das Erleben, das eigene Handeln wirklich zu bejahen und als das eigene zu erleben.

Für die Yogapraxis lässt sich daraus keine wissenschaftliche Yoga-Regel ableiten. Aber eine hilfreiche Frage ergibt sich:

Übe ich, weil mir diese Praxis etwas bedeutet – oder weil ich glaube, dass ich mich schuldig fühlen müsste, wenn ich sie nicht mache?

ziel der selbstoptimierung

Sechs Fragen: Wann wird Yoga zum Optimierungsprojekt?

Hier hilft keine Punktzahl und kein Test mit dem Ergebnis „Du bist zu leistungsorientiert“. Nimm die Fragen eher als Beobachtungshilfe:

  • Was denke ich über mich, wenn ich meine geplante Praxis auslasse?
  • Vergleiche ich meine Beweglichkeit, Meditationsdauer oder „Entwicklung“ häufig mit anderen oder mit einer idealisierten Version meiner selbst?
  • Halte ich Unruhe, Müdigkeit, Ablenkung oder eine schwierige Yogastunde automatisch für einen Misserfolg?
  • Erhöhe ich Dauer, Häufigkeit oder Schwierigkeit meiner Praxis, obwohl mein Körper oder mein Alltag eigentlich etwas anderes brauchen?
  • Gibt es Eigenschaften wie „achtsam“, „gesund“, „gelassen“ oder „spirituell“, die ich unbedingt verkörpern möchte?
  • Wenn ich ein Yogaziel nicht erreiche: Kann ich enttäuscht sein, ohne mich deshalb selbst abzuwerten?

Es geht nicht darum, möglichst oft „Nein“ zu antworten.

Vielleicht entdeckst du tatsächlich Ehrgeiz, Vergleich oder Ungeduld. Auch das muss nicht sofort verschwinden. Der erste Schritt kann schlicht darin bestehen, es zu bemerken.

Damit wird aus Selbstoptimierung Selbsterforschung.

Dieser Beitrag auf dem inneren Weg

Für den inneren Weg von Yoga-Welten liegt das Thema vor allem zwischen Durchschauen, Loslassen und Integrieren.

Beim Durchschauen bemerkst du Bewertungen, Erwartungen und Selbstbilder, die deine Praxis begleiten. Beim Loslassen geht es darum, weniger fest an ihnen zu hängen. Beim Integrieren stellt sich schließlich die Frage, wie sich diese größere Freiheit im Alltag zeigt.

Der Kompass beschreibt diese drei Bewegungen entsprechend als das Erkennen von Mustern und Konstruktionen, das geringere Festhalten und schließlich das Verkörpern von Einsicht im verantwortlichen Handeln.

  • Kernziel: freier leben.
  • Übungsprinzip: ernsthaft praktizieren, ohne den eigenen Wert vom Ergebnis der Praxis abhängig zu machen.
  • Mögliche Falle: aus „Ich will mich nicht mehr optimieren“ ein neues Ideal zu machen.
  • Nächster Schritt: beobachten, wann aus hilfreicher Orientierung innerer Zwang entsteht.
Beitrag: Der innere Weg auf Yoga-Welten.de

Praxis: Zehn Minuten, in denen nichts besser werden muss

Wähle eine einfache Praxis, die du bereits kennst. Das kann ruhiges Sitzen, eine kurze Atembeobachtung oder eine unkomplizierte Asana sein.

Stelle dir einen Timer auf zehn Minuten.

Bevor du beginnst, formuliere für dich einen Satz:

„In diesen zehn Minuten muss ich keinen bestimmten Zustand erreichen.“

Dann übe ganz gewöhnlich.

Du musst absichtlich nichts schlechter machen. Du sollst auch Schmerzen oder deutliche Körpersignale nicht ignorieren. Passe eine Haltung an, wenn eine Anpassung sinnvoll ist. Öffne die Augen, wenn dir das angenehmer ist. Beende eine Übung, wenn sie dir nicht guttut.

Der interessante Teil liegt woanders.

Beobachte, wann der innere Kommentar beginnt.

  • Mein Atem müsste ruhiger sein.
  • Gestern konnte ich das besser.
  • Ich bin viel zu abgelenkt.
  • Eigentlich sollte ich länger sitzen.

Wenn du einen solchen Gedanken bemerkst, versuche nicht, ihn loszuwerden. Registriere lediglich: Hier wird gerade bewertet.

Und kehre zur Übung zurück.

Das kann zehnmal geschehen. Oder hundertmal.

Dann sind hundert Bewertungen Teil dessen, was du heute erkennen konntest.

Nicht hundert Beweise dafür, dass die Übung misslungen ist.

Timer für deine Übung

Praxistimer

Fünf Minuten für deine Praxis

Wähle Sitzen, Atembeobachtung oder stilles Stehen. Der Timer gibt nur den Rahmen – du bestimmst das Maß.

Der Timer ist bereit.

Nach den zehn Minuten

Frage dich anschließend:

  • Was wollte ich während der Praxis verändern?
  • Was durfte für einen Moment einfach vorhanden sein?
  • Und wo war eine Veränderung trotzdem sinnvoll – aus Fürsorge statt aus Selbstabwertung?

Gerade die letzte Frage ist wichtig. Akzeptanz bedeutet nicht, jedes Verhalten, jeden Zustand oder jedes körperliche Signal einfach hinzunehmen. Yoga ohne Selbstoptimierung ist kein Plädoyer für Passivität.

Es geht um die Art der Beziehung, aus der Veränderung entsteht.

Ziele sind nicht der Feind

Vielleicht zeigt sich nach dieser Übung sogar, dass du ein Ziel weiterhin verfolgen möchtest.

Du möchtest kräftiger werden.

Du möchtest fünfmal pro Woche meditieren.

Du möchtest eine bestimmte Asana lernen.

Du möchtest in Konflikten weniger impulsiv reagieren.

Das alles darf bleiben.

Ein guter Prüfstein ist nicht: „Habe ich ein Ziel?“

Sondern:

„Was passiert in mir, wenn ich es nicht erreiche?“

Kannst du deine Praxis anpassen?

Kannst du pausieren?

Kannst du einen Rückschritt erleben, ohne daraus ein Urteil über deinen Wert zu machen?

Kannst du feststellen, dass ein Ziel nicht mehr zu deinem Leben passt?

Oder muss es erreicht werden, weil andernfalls etwas mit dir nicht stimmt?

Die sechs Bewegungen des inneren Weges sind deshalb auch keine Leiter, auf der du dich immer weiter nach oben arbeiten musst. Yoga-Welten versteht sie ausdrücklich nicht als starre Einbahnstraße. Auch erfahrene Menschen kehren immer wieder zu Stabilisierung und Sammlung zurück.

Ein Rückweg ist also nicht automatisch ein Rückschritt.

Manchmal ist er die angemessenste Praxis.

Wenn aus Selbstfürsorge eine weitere Pflicht wird

Der Mechanismus zeigt sich längst nicht nur beim Yoga.

Schlaf kann optimiert werden. Ernährung. Schrittzahl. Körpergewicht. Arbeitsleistung. Morgenroutine. Konzentration. Beziehungen. Freizeit. Meditation.

Selbst Erholung kann unter Leistungsdruck geraten.

Dann wird nicht mehr einfach geschlafen, sondern die Schlafqualität bewertet. Nicht spazieren gegangen, sondern das Tagesziel erreicht. Nicht meditiert, sondern die Serie in der App aufrechterhalten.

Solche Werkzeuge können hilfreich sein. Ein Timer, eine Erinnerung oder eine Aufzeichnung ist nicht automatisch problematisch.

Die interessantere Frage lautet wieder:

Dient mir das Werkzeug – oder beginne ich ihm zu dienen?

Auf dem inneren Weg soll Einsicht sich letztlich im Verhalten, in Beziehungen und in Entscheidungen bewähren. Der Yoga-Welten-Kompass macht gerade diese Integration ausdrücklich zum Bestandteil des Weges.

Vielleicht besteht Yoga ohne Selbstoptimierung deshalb manchmal darin, die Matte auszurollen.

Und manchmal darin, sie eingerollt zu lassen.

Nicht aus Bequemlichkeit und nicht aus einer neuen Regel gegen Disziplin, sondern weil du genauer wahrgenommen hast, was heute angemessen ist.

Die eigentliche Frage

Yoga kann dich verändern.

Mit regelmäßiger Praxis können Fähigkeiten wachsen. Gewohnheiten können sich verschieben. Du kannst gelassen werden, deinen Körper besser kennenlernen, deine Aufmerksamkeit schulen oder automatische Reaktionen früher bemerken.

Aber vielleicht liegt eine tiefere Freiheit darin, Veränderung nicht mehr als Voraussetzung dafür zu behandeln, mit dir selbst in Ordnung zu sein.

Dann lautet die Frage nicht mehr nur:

Wie kann ich besser werden?

Sondern auch:

Wer behauptet eigentlich, dass ich erst noch jemand anderes werden müsste?

  • Du darfst üben.
  • Du darfst lernen.
  • Du darfst ehrgeizig sein.
  • Du darfst dir Ziele setzen und dich über Fortschritte freuen.

Und gleichzeitig kannst du immer wieder untersuchen, ob du gerade übst, um freier zu werden – oder um endlich der Mensch zu werden, von dem du glaubst, dass du ihn darstellen müsstest.

Vielleicht ist genau das die besondere Herausforderung von Yoga ohne Selbstoptimierung:

Zum Mitnehmen

Das Selbst entfalten, ohne es zum endlosen Verbesserungsprojekt zu machen – und allmählich auch die Bindung an das Bild zu durchschauen, das du von diesem Selbst hast.

Das entspricht der Grundidee des inneren Weges bei Yoga-Welten: Persönliche Entfaltung ist wichtig – aber Yoga geht darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, sich zu entwickeln, sondern auch darum, die eigene Bindung an bestimmte Ziele und Selbstbilder zu erkennen und zu lockern.

 

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Geschrieben von

Peter Bödeker

Peter Bödeker

Yoga

Einstiege in die Yoga-Welt vor über 30 Jahren in Hamburg bei Clife, Hubi und Co.

Studium

Peter hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik.

Berufsleben

Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten.

Freizeit

Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach.

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