Enthaltsamkeit und sexuelle Energie

Anonymus fragt:

Hallo miteinander!

Ich interessiere mich für sexuelle Enthaltsamkeit und würde mich freuen, Eure Erfahrungen zu diesem Thema zu lesen.

Ich bin ein junger Mann und es geht darum, dass mir aufgefallen ist, dass ich in der Zeit, in der ich keinen GV habe, viel leistungsfähiger werde. Aber manchmal reize ich mich versehentlich. Es passiert auf rein mechanische weise, dass ich mich irgendwie ungeschickt berühre, z. B. beim Duschen oder beim sitzen auf einer weichen Couch, oder durch die Vibrationen beim Busfahren. Danach ist meine ganze Geschmeidigkeit hin und ich kann mich kaum auf irgendwas konzentrieren.

Ich höre aber schon seit langer Zeit, dass verschiedene Yoga-Lehrer - spirituelle Meister auf sexuelle Enthaltsamkeit Wert legten und ihr eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von neuen Fähigkeiten zuschrieben. Oder z. B. sollte Mohammad Ali 6 Wochen vor den wichtigen Wettkämpfen auf Sex verzichtet haben.

Ich treibe auch gern Sport und verzichte auch deshalb nicht auf den Konsum von tierischen Lebensmitteln, da sie aus meiner Erfahrung sehr viel Energie enthalten. Mittlerweile überlege ich es mir, mich doch zumindest episodisch vegan zu ernähren.

Nun, weil ich angenommen habe, dass Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin auch ein Thema beim Yoga sind, habe ich hier gepostet und bin sehr gespannt, ob Ihr auch ähnliche Erfahrungen gemacht habt und wie Ihr damit umgeht.

Ich freue mich auf eure Geschichten!

Die Antworten lauten wie folgt:

azraazra

Liebe Männer,
als Frau möchte ich nur dazu sagen, dass jeder spirituelle Weg, der das Leben, mit allem, was dazu gehört, ausschließt, in meinen Augen eine Flucht ist.

Wir sind keine Mönche in Tibet. Wir leben in Österreich oder Deutschland. Unsere Aufgabe ist es, inmitten der Stadt unsere Spiritualität zu leben und unsere Liebe und unser Wissen an unsere Mitmenschen weiterzugeben.

Sexuelle Energie ist eine sehr starke Kraft und wir müssen uns davon lösen, Sex als etwas Negatives zu sehen. Wir sind keine Tiere, die sich nur der Fortpflanzung wegen paaren. Wir sind Menschen, die ihre sexuelle Energie mit viel Freude und Spaß ausleben dürfen und sollen. Sonst staut sich viel Energie auf.

Man kann sich dabei toll aufladen.

Ich weiß, es gibt einige Lehren, die das Gegenteil behaupten. Aber ich steh im Leben und sitze nicht auf einem Berg allein. Und deswegen sage ich, dass Sex dazugehört, und Spaß macht und ganz wichtig ist. Er hält uns nicht davon ab, die Energie der Bäume, der Natur, des Geistes, der Mitmenschen, des Universums zu spüren. All-eins-Sein geht auch im Austausch mit einem anderen Körper. Die größte spirituelle Erfahrung kann man beim Sex haben. Wenn es der richtige Partner ist.

Bitte kasteit euch nicht und seid nicht so streng zu euch! Lasst es fließen, nehmt das Leben und den Sex als Geschenk an und habt Freude damit! Bitte!

YogiNils

Taucht ein Wunschgedanke im Geist auf und verbindet er sich mit einem Gefühl, entsteht bereits eine innere Tendenz. Die Tendenz wird verstärkt, wenn der Wunsch dann auch tatsächlich gelebt wird. Die größte Anhaftung an die Sexualität wird erzeugt, wenn alle sexuellen Wünsche sofort ausgelebt wird.

Der Weg aus der Anhaftung ins Sein/die Wunschlosigkeit kann nur durch die schrittweise sensible Auflösung der Wünsche geschehen. Für mich war es eine Zeitlang gut Sex total zu leben. Dadurch lösten sich viele innere Verspannungen.

Der Hauptweg zur Auflösung der Sexanhaftung und der Beziehungsanhaftung besteht darin, sie immer weniger zu leben, bis man in der Lage ist, ganz ohne Beziehungen auszukommen. Wenn man sich ganz über die Körperebene erhoben hat, kann man Sex leben oder nicht. Für fortgeschrittene Yogis gibt es auch den Weg, eine Beziehung primär als Karma-Yoga zu leben. Ein Buddha :) ist mit einer Beziehung und ohne eine Beziehung glücklich. Er lebt alles im richtigen Moment und im richtigen Maß und wächst so innerlich an allen äußeren Erscheinungen.

Der Weg der Erleuchtung ist sehr individuell. Jeder sollte genau erkennen, was ihm guttut und ihn spirituell voranbringt. Für mich ist das Ideal der Weg der zwei Lebensstufen aus weltlichem Leben und einer Zeit als abgeschiedener Yogi. Ich vertrete den gemischten Tantra-Yoga aus Zeiten der Enthaltsamkeit und Zeiten der Beziehung. Jedes intensive Ausleben von körperlichen Bedürfnissen (Sex, Essen) bindet einen an die Welt. Der Weg der sensiblen Askese befreit einen von der Welt. Das ist der Hauptweg im indischen Yoga. Mögen wir alle unseren Weg ins Licht und in die umfassende Liebe finden.

: :) :) :) :) )
Yogi Nils

anandadeva

Also ich weiß nicht, was ihr alle mit Enthaltsamkeit habt. Den Yogaweg zu gehen bedeutet doch zur Einheit zurückzukommen, und durch die Rückführung in dieses Einheitsbewusstsein durch Selbsterkenntnis reift das Wissen und die Gewissheit, dass ALLES Gott / das Göttliche / Das Absolute ist und Gott / das Göttliche / Das Absolute in Allem enthalten ist.

Natürlich ist auch Sex absolut heilig, man überlege sich doch nur einmal, was die sexuelle Vereinigung ausdrückt: Es symbolisiert die höchste Vermschelzung des Materiellen mit dem Geistigen: Nirwana, Eins-Sein, Eins-Werdung.

Wir leben hier in der Dualität, also ist es unseres all das auszukosten und zu genießen, was sich uns bietet. Je weiter du vorankommst auf dem spirituellen Weg, desto mehr erkennst du, dass alles spirituell ist, desto mehr ist alles, was du tust, spirituelle Praxis, weil du Mitgefühl und Achtsamkeit in jedem Moment praktizierst.

Auch Sex praktizierst du dann nicht mehr rein körperlich, sondern du meditierst dabei.

Enthaltsamkeit ist nur einigen sehr wenigen Wesen zugeschrieben, diese haben aber überhaupt kein Bedürfnis nach Sex. Wer Enthaltsamkeit anstrebt und das Bedürfnis hat nach Sex, geht den Weg der Verdrängung und Unterdrückung, das ist Unwissenheit oder falsch verstandene Lehre, dies ist kein spiritueller Weg.

Woherwig

Hallo anandadeva ,

Du sprichst mir aus dem Herzen.
Ich hoffe, dass noch mehr den Weg der Erkenntnis beschreiten (werden) ...

beate

Anandadeva schreibt: „Wir leben hier in der Dualität, also ist es unseres all das auszukosten und zu genießen, was sich uns bietet.

Vor dem aktuellen Hintergrund der Missbrauchsfälle innerhalb der kath. Kirche sollte man, meiner vielleicht unmaßgeblichen Meinung nach, mit diesem Thema sehr behutsam umgehen.

Alles Gute
Beate

alu2009

Moin zusammen,

der Austausch über Sex und Enthaltsamkeit ist schon länger her, ich lese ihn gerade:

Dazu möchte ich ganz deutlich meine Zustimmung zu woherwig’s , anandadeva’s und azra’s Beiträgen äußern!

Und sehe uns als Menschen des 21. Jahrhunderts aufgefordert, alles zu spüren, was in uns passiert, sonst sind es keine Erfahrungen, sondern nur abgeschriebene Lehrmeinungen, deren Nutzen hohl wird.

Ich bin sicherlich hin und wieder verhaftet (buh!, oh weia) an Zärtlichkeit, Sex, zusammen im Bett liegen, Hautkontakt, in eine tiefe und sanfte, manchmal auch kraftvolle Schwingung miteinander zu gehen, dabei zu spüren und zu fühlen und sich und der anderen Person wohlzutun, Freude zu bereiten, sich miteinander ganz anders zu öffnen, empfinde ich als ein Geschenk der Liebe, des Lebens an mich und meinen Körper! Dass mein Körper so fühlen, geben, im Kontakt sein kann, empfinde ich als ein wunderbares Geschenk!

Ich wüsste nicht, warum etwas so Kreatives und Schönes wie Sex, der ja uns (nebenbei) kreiert hat, kein ebenso wunderbarer Ausdruck der göttlichen Energie sein sollte wie das Wachstum einer schönen Blume, der gemeinsame Flug von 2 Falken ....

Aber was solls, an dem Thema scheiden sich wohl auch im 21. Jahrhundert nach wie vor die Geister und es ist natürlich auch sehr stark von den eigenen Vorerfahrungen und der Sozialisation abhängig.

In diesem Sinn, möge jedes Wesen glücklich sein, jetzt!

alu

alu2009

Bei all dem gilt grundsätzlich:

Sexueller Missbrauch
Sexuelle Handlungen an Kindern
Sexuelle Handlungen und verbale Äußerungen gegenüber erwachsenen, die die< nicht möchten.
Vergewaltigung in jeder Form
Etc. ...

Sind Straftaten nach dem Gesetz der Bundesrepublik!

Und das ist es, was die katholische Kirche zulässt: Straftaten!

Was in der katholischen Kirche geschieht, ist völlig inakzeptabel, ohne jegliche Diskussion! Und ist völlig außerhalb der Diskussion unter Menschen auf gleicher Augenhöhe, die wir hier im Forum führen!

Namaste, alu

Walnuss3

Stell dir vor, alle Menschen leben sexuell enthaltsam. Wo wäre da die Menschheit?

Ist der Weg des Yoga gegen die Natur des Menschen?

GMvidia

Das ist er natürlich nicht. Ich persönlich präferiere Phasen der Enthaltsamkeit, aber nur 2 bis 3 Wochen. Die Kontrast-Erfahrung macht die Dinge doch erst interessant.

Janaria

Vor allem ist der Sex nach einer Phase der Enthaltsamkeit wieder richtig intensiv. :)

Jochen

Bei Paarschwierigkeiten ist es ein anerkannter Wert, ein Jahr auszusetzen.
Der Nutzen daraus ist es, zu erkennen, dass man seine Schwierigkeiten auf den Partner projiziert.

Gruß Jochen

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Siehe auch

brahmacharya statue sonne 250brahmacarya pratiṣṭhāyāṁ vīrya-lābhaḥ
ब्रह्मचर्यप्रतिष्ठायां वीर्यलाभः

Brahmacharya – vermeintlich ein klarer Begriff und in diesem Sinne oft mit „sexuelle Enthaltsamkeit“ übersetzt. Doch es gibt viele unterschiedliche Sichtweisen zur Deutung von Brahmacharya, die sich teilweise sogar widersprechen.

Sollte ein(e) YogiNi sexuell enthaltsam leben oder ist das eine „Korruption eines lebensfeindlichen und naturfeindlichen Vorurteils“, das den Zielen des Yogas widerspricht? Im Folgenden finden sich die Deutungen von Iyengar bis Ramana Maharshi.

In II-38 beschreibt Patanjali die Folgen von Brahmacharya. Doch was ist das? ► sexuelle Enthaltsamkeit ► Wandel in Brahma ► Schöpferische Aktivität ► Magische Kraft ► Wirkungsabläufe ► Umfrage

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Woher stammen diese Beiträge?

Früher gab es auf Yoga-Welten.de einen Forumsbereich. Dieser musste aus technischen Gründen abgeschaltet werden, es gab aber auch fast keine neuen Diskussionen mehr. 

Um die oftmals sehr wertvollen Beiträge der Forumsteilnehmer zu "retten", wurden die Forenposts in dieses Format übertragen. Dabei wurden Dopplungen, Rechtschreibfehler und auch themenfremde Postings korrigiert, gekürzt oder ganz weggelassen. Diese "Straffung" erleichtert den Einstieg ins Thema.

Unter jedem Posts gibt es die Möglichkeit, diesen weiterhin zu ergänzen, auf Fehler aufmerksam zu machen usw.

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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