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brahmacharya statue sonne 250brahmacarya pratiṣṭhāyāṁ vīrya-lābhaḥ
ब्रह्मचर्यप्रतिष्ठायां वीर्यलाभः

Brahmacharya – vermeintlich ein klarer Begriff und in diesem Sinne oft mit „sexuelle Enthaltsamkeit“ übersetzt. Doch es gibt viele unterschiedliche Sichtweisen zur Deutung von Brahmacharya, die sich teilweise sogar widersprechen.

Sollte ein(e) YogiNi sexuell enthaltsam leben oder ist das eine „Korruption eines lebensfeindlichen und naturfeindlichen Vorurteils“, das den Zielen des Yogas widerspricht? Im Folgenden finden sich die Deutungen von Iyengar bis Ramana Maharshi.

In II-38 beschreibt Patanjali die Folgen von Brahmacharya. Doch was ist das? ► sexuelle Enthaltsamkeit ► Wandel in Brahma ► Schöpferische Aktivität ► Magische Kraft ► Wirkungsabläufe ► Umfrage

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Brahma = das Absolute; Gott; das kosmisch Unendliche; das Nichtendende; die Allseele;
  • Carya = gehen; wandeln; Beschäftigung mit; Engagement; Fortgang; Verhalten; folgen; einziehen; nachgehen; Aktivität; Verhaltensweise;
  • Brahmacharya, brahmacarya = im weiteren Sinne: Wandeln im Bewusstsein des Absoluten; sich der göttlichen Präsenz immer bewusst sein;Vermeiden von sexuellem Fehlverhalten; im engeren Sinne: sexuelle Mäßigung, Enthaltsamkeit; Wandeln in der Gewahrsamkeit des Absoluten; Zölibat; Mönch sein; Keuschheit; Zurückhaltung;
  • Pratistha, Pratisthâyâm, pratiṣṭha = fest, stabil; durch feste Verankerung; beständig; gegründet in; basierend auf; zur Grundlage gemacht;
  • Virya, vîrya = Lebenskraft; Stärke; Kraft; Vitalität; Männlichkeit; Energie; Elan;
  • Labhaha, lābha, lâbhaha = Gewinn; erlangen; erreichen;

2

Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin. Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Roots: „Wenn die sexuelle Zurückhaltung [im Yogi] etabliert ist, dann erlangt er Männlichkeit.“
  • Sukadev: „Ist Brahmacharya (Enthaltsamkeit) fest begründet ...“
  • Deshpande/Bäumer: „... reinen Lebenswandel ... erlangt man große Kraft.“
  • Dr. R. Steiner: „Wird jede Handlung im Bewusstsein eines höheren Ideals ausgeführt ...“
  • Coster: „... gibt Kraft und schöpferische Fähigkeit.“
  • Feuerstein: „Wer ständig und fest in sexueller Enthaltsamkeit ... lebt ...“
  • R. Palm: „Beim Feststehen in [sexueller] Zurückhaltung ...“
  • R. Sriram: „... der im Bewusstsein des Brahma [der Allseele] handelt ...“
  • Govindan: „Wer sich Enthaltsamkeit zum Prinzip gemacht hat ...“
  • Iyengar: „Wenn man in reinem Lebenswandel fest gegründet ist ...“
  • Chip Hartranft: „Die Keuschen erwerben Vitalität.“
  • R. Skuban: „Wer fest verankert ist im Bewusstsein um die Quelle, aus der wir kommen ...“
  • T.K.V. Desikachar: „Durch Mäßigung ... Kraft und Vitalität ...“
  • G. Pradīpaka: „Bei der Errichtung (pratiṣṭhāyām) von Brahmacarya oder Enthaltsamkeit (brahmacarya) (in diesem Yogī, gibt es) Erwerb (lābhaḥ) von Vīrya ... Energie, Vitalität, ... usw.“
  • 12koerbe.de: „bei Keuschheits- Grundlagen ... Männlichkeits-Erlangung“
  • Hariharananda Aranya: „Wenn die Zurückhaltung hergestellt ist, wird Virya erworben.“
  • I. K. Taimni: „Wenn die sexuelle Enthaltsamkeit fest etabliert ist, (wird) Kraft erlangt.“
  • Swami Satchidananda: „Wer in der Enthaltsamkeit etabliert ist, gewinnt an Kraft.“
  • Swami Prabhavananda: „Wenn ein Mann standhaft wird in seiner Enthaltsamkeit von Hemmungslosigkeit, erwirbt er geistige Energie.“
  • Swami Vivekananda: „Durch die Etablierung der Enthaltsamkeit wird Energie gewonnen.“
  • Wim van den Dungen (buddhistischer Kommentar zum Yogasutra): „Wenn man in Keuschheit gegründet ist, erhält man Vitalität.“
  • Rainbowbody: „Wenn man beständig darin geworden ist, sein Gewahrsein kontinuierlich (pratisthayam) als mit der schöpferischen, evolutionären Kraft ohne Ende verbunden zu halten (Brahmacharya), dann werden Kraft, Stärke und Vitalität selbst gestärkt (virya-labah).“

Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

Dein Übersetzungsvorschlag

Hast du einen eigenen Übersetzungsvorschlag?

Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

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Punkt 3

Wo wir stehen

Hier findest du eine kurze Zusammenfassung des 2. Kapitels des Yogasutras bis zu Sutra II-37:

Yoga Sutra - 2. Kapitel - bis hierher

Wir befinden uns im zweiten Kapitel des Yogasutra von Patanjali. Es handelt von der „Praxis“. Patanjali beginnt das Kapitel mit dem Versprechen, dass Yoga die Leiden des Yogis vermindere und (irgendwann) zu Samadhi, zur allumfassenden Freiheit führe.

In Sutra II-3 bis II-11 schildert Patanjali die fünf Haupt-Hindernisse auf dem Yogapfad, die sogenannten Kleshas (Unwissenheit, Anhaftung, Ablehnung, Ego, Lebensdrang). Erste Wege zur Überwindung der Hindernisse werden angerissen (Gegenschöpfung, Meditation).

Sutra II-12 bis II-15 handeln von Karma (Folgen von Handlungen und Gedanken, die aufgrund der Kleshas geschehen) und dem inhärenten Leid von allem und jedem in dieser Welt. Grundübel ist dabei unsere Identifikation mit dem, was wir nicht sind.

Dann geht es bei den Sutras weiter mit den Schritten, das Leiden zu besiegen. Patanjali sieht es als „die“ Aufgabe des Yogis an, den Unterschied zwischen Sehenden und Gesehenem zu erkennen. Nach und nach sollte diese Erfahrung kultiviert und ausgebaut werden. So gelange man zur Freiheit – Kaivalya (auch mit „letzter Freiheit“, Isoliertheit (Alleinheit), höchster Befreiung oder „vollkommener Erlösung“ übersetzt.

Nachdem Patanjali in den Sutras II-18 und II-19 über Prakriti, die Natur/unsere Welt, gesprochen hat, geht er dann auf deren Beobachter, den Seher (Purusha) und dessen Wahrnehmung ein. Von Sutra II-20 bis Sutra II-27 erläutert Patanjali Grund und das Zustandekommen unserer Existenz, wie die Unwissenheit unser Dasein bestimmt und  dass Viveka Khyati, die Unterschreidungskraft oder unterscheidende Wahrnehmung, dauerhaft angewendet unsere Unwissenheit beendet. In den Sutras II-28 bis Sutra III-8 gibt Patanjali die konkrete Praxisempfehlung Ashtanga Yoga, um unser falsches Bild von der Welt – das Leid verursacht und unsere Befreiung verhindert – auch ohne großes spirituelles Talent zu überwinden. Den achtfachen Pfad des Raja Yoga, des königlichen Yoga.

In Sutra II-30 zählt Patanjali auf, was zur ersten Stufe des Pfades, den Yamas, gehört, in II-31 betont er deren universelle Gültigkeit. In II-32 listet er die Niyamas auf, die yogischen Empfehlungen für den Umgang mit uns selbst. In II-33 und II-34 benennt er, welche Folgen sich daraus ergeben, wenn unser Geist sich weigert, die Yamas und Niyamas zu befolgen und was wir dagegen tun können: die Kultivierung des gegenteiligen Gedankens/Zweifels (Pratipaksha Bhavana). Die Sutra II-35 (Ahimsa-Nichtverletzen) bis II-39 (Aparigraha-Begierdelosigkeit) schildern die besonderen Kräfte und Fähigkeiten, die ein Mensch erlangt, wenn er die Yamas tief in sich verwurzelt.

Punkt 4

Was bedeutet Brahmacharya?

Brahmacharya wird recht unterschiedlich übersetzt. Oft wird es als sexuelle Enthaltsamkeit oder sexuelle Zurückhaltung interpretiert. Manchmal als Aufforderung, treu zu sein. Ein andermal als Aufforderung zum reinen Lebenswandel. In modernen Interpretationen gerne auch als „Maß halten“.

Brahmacharya heißt wörtlich „brahmischer Wandel“ und meint ein Verhalten, das zum Ziel die Allseele (R. Palm) oder im yogischen Sinne auch „Purusha – das wahre Selbst“ hat. Also eine Lebensweise, die zur Erleuchtung, zum höchsten Ziel führt. Enthaltsamkeit in diesem Sinne würde „das rechte Maß einhalten“ bedeuten, vernünftig leben. Ein Zuviel aber auch ein Zuwenig vermeiden. In diesem Sinne wäre es zu kurz gegriffen, Brahmacharya nur auf den Sex zu beziehen.

Meist wird Brahmacharya aber auf sexuelle Enthaltsamkeit bezogen oder als Aufforderung zu moralisch einwandfreier Sexualität verstanden (zu deuten als: Sex, der niemanden verletzt, erniedrigt oder Lügen nach sich zieht). Siehe auch:

Beitrag: Sutra II-30 – die Yamas

Yoga Sutra II-30: Die förderlichen Selbstbeschränkungen (yamas) sind Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit und Begierdelosigkeit

richtig falsch 250Ahimsâ-satyâsteya-brahamacharyâparigrahâ yamah
अहिंसासत्यास्तेय ब्रह्मचर्यापरिग्रहाः यमाः

Kern des Yogasutra und damit auch des Raja-Yoga sind die acht Elemente des achtfachen Pfades. Die Yamas sind die erste Etappe auf diesem Pfad. In Verbindung mit den Niyamas helfen diese Regeln und Einschränkungen dem Yogi dabei, heiter, ruhig und entspannt zu bleiben und sie fördern den spirituellen Fortschritt. Zudem glätten sie den zukünftigen Lebenspfad des Yogi, so dass dieser kein Leid befürchten muss und zukünftig weiter gute Bedingungen für seine Yoga-Bemühungen vorfinden wird.

Das sind Gründe genug, die Yamas und Niyamas genau anzuschauen und zu verstehen. Wir – und Patanjali – starten in II-30 mit den Yamas.

Beitrag: Yamas und Niyamas im täglichen Leben

Yamas und Niyamas im täglichen Leben

Die Gebote im Yoga

Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas. Gleichzeitig sind sie die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga- oder Kriya-Yoga genannt). Patanjali definiert Yama und Nyama im Yogasutra.

Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat.

Punkt 5

Brahmacharya = sexuelle Enthaltsamkeit?

In seiner gängigen Nutzung steht Brahmacharya also für sexuelle Enthaltsamkeit. Govindan fordert sogar: „Enthaltsamkeit (brahmacarya) heißt, sich sexueller Phantasien zu enthalten.“ Denn dieses würde den Geist zerstreuen. Der sexuelle Akt an sich führe „zum Verlust an Lebenskraft“. Wer enthaltsam (auch im Geist) lebe, der würde die Lebensenergie sublimieren können, um damit höhere Bewusstseinszentren zu öffnen. Govindan empfiehlt, selbst in der Ehe Mäßigung beim Sex walten zu lassen.

Eliade

Eliade schreibt in "Yoga" auf Seite 58: "Der Yoga legt ein besonderes Gewicht auf jene -verborgenen Kräfte der Zeugungsfähigkeit-, deren Ausgeben die kostbarste Energie verschwendet, die Kraft des Gehirns schwächt und die Konzentration erschwert ... Und zwar bedeute sexuelle Enthaltsamkeit (brahmacarya) nicht nur Verzicht auf sexuelle Akte, sondern auch das -Verbrennen- der fleischlichen Versuchung selbst. Der Instinkt darf weder ... im Unterbewusstsein sich ausbreitend erhalten bleiben , noch ... sublimiert werden, sondern er wird ganz einfach zertstört ..."

Vyasa

Im Patanjalayogasastra (beinhaltet den Kommentar zum Yogasutra vom mystischen Vyasa, zitiert aus „Roots of Yoga“) heißt es ähnlich:

„Wenn die sexuelle Zurückhaltung [im Yogi] etabliert ist, dann erlangt er Männlichkeit, wodurch er ungehindert übernatürliche Kräfte anhäuft, und [wenn er] vervollkommnet ist, wird er fähig, seinen Schülern Wissen einzuflößen.“

Quelle: Roots of Yoga

Satchidananda

Swami Satchidananda antwortet auf die Frage: „Wenn man jemanden liebt, wie kann ich mich dann [beim Sex] zurückhalten?“ mit einem Vergleich. Wie wir einem Kind nur eine begrenzte Menge Süßigkeiten zugestehen, weil wir wissen, dass diese seiner Gesundheit abträglich sind, so sollten wir es auch mit den sexuellen Aktivitäten halten.

Alternative Interpretationen

Aber warum sagt Patanjali das nicht direkt? Stattdessen verwendet er einen Begriff mit Brama. Rainbowbody schreibt: „Wir weisen ... darauf hin, dass Patanjali das Wort „Sex“ oder „Enthaltsamkeit“ in dieser Sutra überhaupt nicht verwendet hat. Womit brahmacarya in Verbindung gebracht werden sollte, ist die bejahende Praxis der bewussten Auseinandersetzung mit Brahma im täglichen Leben und das Finden von spiritueller Kraft und Stärke in dieser.“

Brahmacharya auf „sexuelle Entsagung“ zu reduzieren sei laut Rainbowbody eine „institutionalisierte autoritative Interpretation“ und zudem „eine Korruption eines lebensfeindlichen und naturfeindlichen Vorurteils.“ Die ursprünglichen Worte würden „pervertiert, schräg gestellt und korrumpiert, um in vielen Fällen das Gegenteil zu bedeuten.“

Ramana Maharsh: Ist Brahmacharya (Zölibat) notwendig für die Verwirklichung des Selbst?

Ähnliches lesen wir in einem Interview mit Ramana Maharshi (Quelle, hier eigene Übersetzung): 

Frage : Ich glaube, dass das Zölibat sogar für einen Hausherrn notwendig ist, wenn er in der Selbsterforschung erfolgreich sein will. Liege ich richtig?
Ramana Maharshi : Finde zuerst heraus, wer die Frau und der Mann sind. Dann wird sich die Frage nicht stellen.

Frage : Ist Brahmacharya (Zölibat) nicht notwendig für die Verwirklichung des Selbst?
Ramana Maharshi: Brahmacharya bedeutet ›Leben in Brahman‹; es hat keinen Zusammenhang mit dem Zölibat, wie es gemeinhin verstanden wird. Ein echter Brahmachari ist jemand, der in Brahman lebt und Glückseligkeit in Brahman findet, was dasselbe wie das Selbst ist. Warum sollte er dann nach anderen Quellen des Glücks suchen? In der Tat ist es das Entweichen aus dem Selbst, das die Ursache allen Elends ist.

Frage : Aber ist das Zölibat [also] nicht notwendig für Yoga?
Ramana Maharshi: Es ist eine Hilfe zur Verwirklichung unter vielen anderen.

Frage: Ist es dann nicht unerlässlich? Kann ein verheirateter Mann das Selbst verwirklichen?
Ramana Maharshi: Sicherlich. Es ist eine Frage der Eignung des Geistes. Verheiratet oder unverheiratet, ein Mann kann das Selbst verwirklichen, denn das Selbst ist hier und jetzt. ...

Zur Person Ramana Maharshi

Ramana Maharshi (1879-1950) lebte schweigend, antwortete aber auf Fragen. Er war ein Vertreter des Advaita-Vedanta (wesentliches Merkmal des Advaita-Vedanta ist die Wesensidentität von Atman (individuelle Seele) und Brahman (Weltseele), deshalb die Bezeichnung Advaita-Vedanta = „Vedanta der Nichtzweiheit“. Durch das Überwinden von avidya (Unwissenheit) und maya (Illusion) kann der Mensch diese Wahrheit erkennen, das Selbst vom Nicht-Selbst befreien und Moksha (Erlösung) erlangen.) des 20. Jahrhunderts und empfahl Ratsuchenden, die nach einer Übung fragten, die Methode Atma Vichara, die Ergründung des Selbst auf Grundlage der Frage: „Wer bin ich?“

 Punkt 6

Schöpferisch tätig sein – mit der Schöpfung verbinden

Brahmacharya. Nehmen wir das Wort nochmal auseinander:

  • Brahma: Schöpfer; Erzeuger;
  • Acharya: Lehrer;
  • Charya: Wagen, Fahrzeug; aktives Prinzip; Aktivität; verbinden; vermählen;

Rainbowbody schlägt vor, Brahmacharya als Aktivität der Schöpfung oder der schöpferischen Tätigkeit zu übersetzen. Oder, in ähnlichem Sinne, Brahma als Chef des Wagens - als Lehrer (acharya).

Wenn man charya mit „sich zu verbinden“ oder sich zu vermählen (wie in der Ehe) übersetzt, dann kann man Brahmacharya auch so übersetzen, dass man sich mit Brahma (der schöpferischen Kraft) wie in einer heiligen Ehe verbindet. Mit ihr verbunden, integriert und in Harmonie zu sein. R. Skuban: „Wer fest verankert ist im Bewusstsein um die Quelle, aus der wir kommen ...“

In diesem Sinne wäre ein langer täglicher Spaziergang in der Natur, entlang von Flussufern, Wäldern oder Bergpfaden, während man sich um Resonanz und Verbindung mit dem Schöpfer bemüht, als Brahmacharya anzusehen.

Punkt 7

Swami Venkatesananda über Brahmacharya

„Brahmacharya heißt wörtlich, wenn das ganze innere Bewusstsein ständig auf die Wahrheit hinfließt, auf das, was ist, auf Gott, Brahman. Das ist schwierig! Und so schränkten einige Heilige die Bedeutung ein. Sie fragten: ›Was ist es, das die Aufmerksamkeit eines Menschen am meisten ablenkt?‹ Das andere Geschlecht ... Also interpretierten sie Brahmacharya so, dass es Enthaltsamkeit, Keuschheit bedeutet. Das ist zweifellos einer der Bestandteile von Brahmacharya, aber Brahmacharya bedeutet viel mehr als das. Brahmacharya ist auch Teil der Suche nach der Wahrheit. Es bedeutet, dass sich der Geist immer im Unendlichen (Brahman) bewegt, dem Unendlichen entgegen, ständig auf der Suche nach Brahman. Das selbst ist wieder Meditation.
...

Wenn dein Geist, dein Herz und dein ganzes Wesen ständig in diese Suche nach Wahrheit, nach Erleuchtung, vertieft sind, dann entsteht kein Verlangen und Kontinuität geschieht [spontan]. Auf der anderen Seite ist das Unterdrücken all dieser Emotionen gefährlich, denn es ist Gewalt, es ist Unwahrheit ...“

Aus: „The Yoga Sutras of Patanjali with Commentary by Swami Venkatesananda“ S. 198 -199, The Divine Life Society, U.P., Indien , 1998, gefunden auf Rainbowbody

Punkt 8

Vitalität durch sexuelle Zurückhaltung

Skuban sieht hingegen (wie viele andere Kommentierende) bei dieser Sutra die sexuelle Energie im Fokus: Wer achtsam mit dieser Energie umgehe, gewinne an Kraft. Das gilt vor allem für Männer, die bei zügellos ausgelebter Sexualität „starke energetische Verluste erfahren“. Selbstbeschränkung wäre nötig, um genügend Energie für das Ziel des Yoga zu bewahren.

Ähnlich äußert sich Iyengar: „... sexuelle Enthaltsamkeit verwandelt die Zeugungsenergie in lichtvolle spirituelle Energie (ojas).“ Wenn wir genug Energie zur Verfügung haben, wären wir „zuversichtlich und unser Denken und Fühlen wendet sich ganz von selbst den höheren Dingen zu.“ Er mahnt aber: „Wer sein sexuelles Feuer nur unter Verschluss halten oder ganz austreten möchte, bringt damit die Verachtung seiner eigenen Natur zum Ausdruck.“

Er verweist darauf, dass der große Yogi Vasista 100 Kinder gehabt haben soll und man ihn dennoch als „Brahmacarin“ bezeichnet habe. Die meisten Yogis seien Familienväter. Aber er sagt auch: „Wenn ein junger Mensch sexuell aktiv würde, sobald er biologisch reif dazu ist, käme das der Verschwendung eines großen Teils seines Potentials gleich.“ Stattdessen sollten diese Energien „kanalisiert werden“, damit es „zu einem harmonischen Wachstum der Persönlichkeit kommt.“

Punkt 9

Was bleibt sexuell erlaubt?

Iyengar verweist darauf, dass in den Kulturen viele verschiedene Ansichten zu Treue und Co. bestehen. Die Antwort auf „rechte Sexualität“ müsse darum auch im kulturellen Kontext beantwortet werden. Denn statt eines sexuellen Fehlverhaltens würden die daraus folgenden Abweichungen von den anderen Yamas (Nicht-Lügen, Gewaltlosigkeit) viel schwerer wiegen als der Energieverlust durch ungezügelten Sex.

Andere, z. B. die Hatha-Yoga-Schriften, empfehlen Techniken, durch welche sie sexuellen Sekrete beim Sex nicht ausgestoßen, sondern kontrolliert „angesaugt und ausgetauscht“ (R. Palm) werden. Einer der zahlreichen Namen von Shiva ist urdhva-reat: der, welcher den Samen nach oben zieht.

Punkt 10

Ständige Selbstreflexion

Rainbowbody sieht eine weitere Auslegung für Brahmacharya. Es könne als „alltägliche Praxis, auf Brahma und das cit-prana fokussiert zu sein (wobei Brahma die Quelle des Prana ist), auf den eigenen Kern der Güte zentriert zu bleiben und nicht zuzulassen, dass man sich aufregt, ablenkt, abschreckt oder in citta vrtti (neurotische Aktivitäten) verstrickt.“

Rainbowbody weiter: „In Kontakt mit Brahma zu sein, gibt einem also eine vitale Verbindung, ein Gefühl von Lebendigkeit und Lebhaftigkeit, ein Gefühl von Stärke und Kraft, sowohl geistig als auch körperlich. Brahma verleiht Kraft, Lebendigkeit und Vitalität, sowohl auf einfache als auch auf direktem Wege. Nur durch kulturelle Konditionierung oder unnatürliche Institutionalisierungsprozesse kann der Mensch vom evolutionären Fluss, der Schöpfung/Evolution, abgekoppelt und blockiert werden.“

Aus diesem Grund, schlussfolgert Rainbowbody, betont Patanjali, dass authentische Praxis alte Energiemuster, Tendenzen, Karma, Klesha [Hindernisse] und Samskara [unbewusste Prägungen] beseitigt. Eine Hauptverschleierung des Bewusstseins und ein Hindernis für reines Sein ... ist asmita-klesha, die falsche oder fragmentierte Selbstidentifikation als ein separates Selbst, das Ego und der Stolz; ... Brahmacharya [ist] eine von Hunderten solcher Praktiken ist, die darauf abzielt, diese Fixierung zu lösen und gleichzeitig unseren Platz innerhalb der größeren, impliziten Integrität wiederherzustellen ... Als Praxis können wir dann eine kontinuierliche und unerschütterliche Absicht der Selbsterforschung ohne Ablenkung versuchen.“

Punkt 11

Magische Kräfte: wie gewonnen, so wieder loszulassen

R. Skuban: „Die Früchte, die erntet, wer fest in Yamas und Niyamas gegründet ist, sind wundersam.“

Eliade schreibt auf Seite 60: „Auf eine Versuchung verzichten ist nicht nur ein sich "Reinigen" im negativen Sinn, sondern zugleich das Erreichen eines realen, positiven Gewinns; der Yogin dehnt dadurch seine Macht aus auf das, worauf er zuerst verzichtet hat.

Mehr noch: Er gelangt zur Meisterschaft nicht nur über die Gegenstände, auf welche er verzichtet hat, sondern über eine magische Kraft, die viel kostbarer ist als alle Gegenstände als solche."

 Weiter schreibt Eliade: „Allerdings fühlt er sich getrieben, auf diese „magische Kraft“ (siddhi) wieder zu verzichten, wie er auf die menschlichen Leidenschaften verzichtet hat, wofür ihm diese Kraft zuteil wurde.“

Punkt 12

Dein Feedback / deine offene Frage an den Text

Ist etwas unklar geblieben?

Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

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Punkt 13

Übung zu Sutra II-38

Übung zu Yoga Sutra II-38

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche zu Sutra II-38:

Probiere es aus und lebe eine gewisse Zeit enthaltsam. Wie wirkt sich das auf deine Vitalität aus?

Denke in dieser Zeit darüber nach, was Brahmacharya (im wortwörtlichen Sinne: Wandeln im Bewusstsein des Absoluten) für dich bedeutet. Wie könnte eine solche permanente Geisteshaltung aussehen?

 

Punkt 14

Videos zu Sutra II-38

In den Tabs finden sich Videos zu dieser Sutra

 

Punkt 15

Beliebt & gut bewertet: Bücher zum Yogasutra



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