Geschichte: Beim nächsten Mal klappt es bestimmt
Auf meinem Schreibtisch stand einst ein Einmachglas, das mein Töchterlein im Waldkindergarten mit formschönen Blättern beklebt hatte. Ein Teelicht im Glas zauberte ein wunderschönes Licht und bizarre Formen auf die Wände.
Damit es nicht so zustaubt, haben wir das Einmachglas am Tage einfach umgedreht. Da sich eines Morgens ein Bleistift unter den Rand des Glases gemogelt hatte, gab es einen Spalt zwischen Tischplatte und Glas. Hier hinein quetschte sich eine dicke Fliege.
Nachdem der Brummer den Schreibtischboden unter dem Einmachglas ausreichend erkundet hatte, hob er nach Fliegenart ganz normal ab. Da er sich aber nun mal noch unter dem Einmachglas befand, prallte er mit seinem Fliegenkopf oben gegen den Glasboden. Verwirrt landete Brummerchen wieder am Boden.
Zweimal kurz geschüttelt und einen neuen Versuch gestartet. Diesmal schwungvoller. Rums – Brummerchen landete wieder auf dem Boden, nun deutlich weniger elegant. Brummerchen wollte es nicht wahrhaben. Immer wieder flog er gegen die Wände und die Decke des Einmachglases, mit jeder Wiederholung schwirrte er hektischer umher. Auch als seine Flügel schon schmerzten, verstärkte Brummerchen seine Bemühungen weiter. Bis Brummerchen nicht mehr konnte. Bis zu Brummerchen’s Tod.
Das Tragische daran: Den Ausgang hatte Brummerchen stets in Sichtweite. Was veranlasste ihn, jedes Mal wieder denselben, erfolglosen Ausweg zu versuchen? Warum meinte er, dass ein Verstärken immer derselben Vorgehensweise irgendwann zum Erfolg führen würde? Warum hielt Brummerchen nicht einfach inne, um über das Problem nachzudenken? Um sich umzuschauen und aus der Ruhe am Boden den richtigen Weg zu erkennen?
Zum Glück sind wir Menschen da ganz anders ...
Nacherzählt von Peter Bödeker
Bezüge zur Philosophie des Yoga in dieser Erzählung
Die Geschichte vom Brummerchen unter dem Einmachglas ist mehr als nur eine makabre Anekdote über ein hartnäckiges Insekt. Sie lässt sich als kraftvolle Metapher für den inneren Kampf des Menschen lesen – für das, was im Yoga als Identifikation mit Mustern und das Festhalten an alten Reaktionsweisen beschrieben wird.
Was passiert hier? Eine Fliege könnte den Ausgang klar vor Augen sehen, nimmt ihn vielleicht sogar wahr – und dennoch wiederholt sie unermüdlich eine erfolgslose Strategie. Sie fliegt immer wieder gegen eine Barriere an, die sie noch in Sichtweite hat. Dieses Verhalten spiegelt zentrale Themen der yogischen Philosophie wider:
- Pratyahara – das Zurückziehen der Sinne
Yoga lehrt, dass wir nicht ausschließlich auf äußere Reize reagieren sollen, sondern unsere Aufmerksamkeit nach innen richten. Die Fliege lässt sich aber von dem Licht, dem Ausgang, dem Drang zu entkommen hinreißen – sie ist „sensitiv gefangen“ in dem, was sie gerade als Lösung sieht, und kann sich nicht innerlich lösen. - Vrittis – die Muster des Geistes
In den Yoga Sutras werden die ständigen Fluktuationen und Wiederholungen des Geistes als vrittis beschrieben. Ohne bewusste Achtsamkeit wiederholen wir etablierte Denkmuster, selbst wenn sie uns nicht mehr dienen. Die Fliege könnte als Bild für genau dieses unbewusste Festhalten an Automatismen stehen. - Avidya – Unwissenheit als Ursache des Leidens
Der Begriff avidya bezeichnet im Yoga das grundlegende Unwissen über die wahre Natur des Selbst. Die Fliege weiß nicht, dass sie auch einen anderen Auswehl wählen kann, sie kennt nur ihre eingeübte Reaktion auf Hindernisse. So sind auch wir oft überzeugt, es müsse genau dieser eine Weg zum Ziel führen – obwohl wir innerlich längst wahrnehmen, dass es vielleicht andere Strategien oder Perspektiven geben könnte. - Smriti und Viparyaya – festgefahrene Erinnerungen und falsche Wahrnehmungen
Was die Fliege immer wieder tun lässt, ist ein „Programm“, eine alte Erinnerung an Erfolg („ich habe es schon mal geschafft“). Yoga verbietet nicht das Denken, aber es lädt dazu ein, zu beobachten, wie Gedanken und Muster unser Handeln beeinflussen. - Die Bedeutung von Santi/Schweigen und Sadhana/Praxis
Im Yoga ist es nicht Aufgeben, das Ziel ist – sondern bewusste Praxis, bei der du innehalten kannst, die Situation wahrnimmst, tief atmest und daraus neue Entscheidungen triffst. Während die Fliege impulsiv reagiert, kannst du durch Pranayama und Meditation lernen, innezuhalten und bewusst zu reflektieren.
Was ist dein größtes Glas-Dilemma im Alltag – also eine wiederholte Reaktion, die dir nicht (mehr) dient?
Ergänzende Inhalte aus der Yogawelt
- Die Achtergliedrige Praxis als Entwirrungsstrategie
Patanjalis Ashtanga beschreibt acht Schritte – von Yama/Niyama (ethische Haltung) über Asana und Pranayama bis Samadhi (tiefe Versenkung). Diese „Landkarte“ will nicht nur körperliche Bewegungen, sondern einen geistigen Orientierungsrahmen bieten, um wiederkehrende Verhaltensschleifen zu durchbrechen.
Der achtfache Yoga-Pfad
Das Ziel des Yoga ist ein stiller Geist, siehe dazu Yoga-Sutra I-2. Patanjali empfiehlt hierfür dem achtfachen Pfad zu folgen:
- Yama – 5 ethische Verhaltensregeln
- Niyama – 5 Regeln der Selbstdisziplin
- Asana – Körperstellungen, bei Patanjali nur Sitzhaltungen
- Pranayama – Atemübungen zur Atemkontrolle
- Pratyahara – Zurückziehen der Sinne nach innen
- Dharana – Konzentration auf ein einzelnes Objekt
- Dhyana – Meditation; Ziel: die Stille
- Samadhi – Nach längerer Stille und innerer Entwicklung kommt es zum Überbewusstsein, zu völliger Selbsterkenntnis; Erleuchtung
Wichtig: Alle Stufen sind wichtig und notwendig zur Erreichung des Yoga-Zieles. Also auch Yama und Niyama nicht vergessen ;-)
➔ Hintergründe und alte Schriften zum achtfachen Pfad des Raja Yoga
- Wenn du achtsam deine eigenen Reaktionen beobachtest – ohne sie gleich zu bewerten – erkennst du leichter, wann du wie die Fliege gegen die Wand rennst. Achtsamkeit ist hier kein Modewort, sondern eine praktische Haltung, die es dir erlaubt, innezuhalten und auf neue Optionen zu achten.
- Pranayama – den Atem als Anker im eigenen Inneren
Viele Yogalehrer betonen, dass Atemübungen nicht nur körperlich wirken, sondern uns helfen, von äußeren Impulsen Abstand zu nehmen. Wo der Brummer spontan reagiert, kann ein Mensch durch bewusste Atmung Stabilität gewinnen. - Unterschied zwischen unbewusstem Reagieren und bewusstem Handeln
Im Yoga wird oft gesagt: Du bist nicht deine Gedanken – du kannst sie beobachten. Während die Fliege ganz im Automatismus verhaftet bleibt, bietet Yoga die Werkzeuge, dich von Automatismen zu lösen und bewusst innezuhalten.
Das Yogsutra zur Geschichte
Die folgenden Sutras beschäftigen sich mit den Themen Irrtum und Selbsterkenntnis:
Viparyayo mithyâ–jñânam atad–rûpa–pratishtham
विपर्ययो मिथ्याज्ञानमतद्रूप प्रतिष्ठम्
In dieser Sutra geht es um Fehleinschätzungen. Nicht schön: Viele Yogalehrer betrachten unser Leben als ein Schwimmen im Meer des Irrtums. Doch es gibt bewährte Wege, Viparyaya zu besiegen.
tataḥ pratyak-cetana-adhigamo-py-antarāya-abhavaś-caततः प्रत्यक्चेतनाधिगमोऽप्यन्तरायाभावश्च
Man kann sagen, dass Patanjali der bewussten OM-Rezitation wahre Wunderwirkungen attestiert. Hindernisse werden überwunden, Probleme gelöst. Die Kommentatoren erläutern dies ausführlicher:
Vîta-râga-vishayam vâ chittam
वीतरागविषयं वा चित्तम्
Hier kommt die Kraft des Vorbildes zur Wirkung, die traditionelle yogische Guru-Verehrung im positiven Sinne. Aber auch wenn du nicht der Typ für die Verehrung eines Menschen bist, kannst du die Empfehlung dieser Sutra nutzbringend anwenden.
Yoga Sutra I-38: Oder durch Meditation über Trauminhalte oder den Zustand des traumlosen Schlafes
Svapna-nidrâ-jnânâlambanam vâ
स्वप्ननिद्रा ज्ञानालम्बनम् वा
Patanjali schreibt, dass die Meditation über Trauminhalte zur Ruhe des Geistes führen kann. Lese hier, welche Arten von Traumerfahrungen dafür geeignet sind.
Yoga Sutra I-39: Oder durch Meditation über irgendetwas, das man mag
yathā-abhimata-dhyānād-vā
यथाभिमतध्यानाद्वा
Hier scheint Patanjali jegliches Objekt zur Meditation freizugeben. Die Kommentatoren schränken das dann jedoch ein klein wenig ein:
Hier weiterlesen: Yoga Sutra I-39: Oder durch Meditation über irgendetwas, das man mag
Satyapratiṣṭhāyāṁ kriyāphalāśrayatvam
सत्यप्रतिष्ठायां क्रियाफलाश्रयत्वम्
Die Übersetzung dieser Sutra ist nicht ganz eindeutig. Viele Kommentatoren deuten sie wie ein wundersames Versprechen von Patanjali: Konsequente Wahrhaftigkeit führt zur Fähigkeit, Wirklichkeit zu schaffen, ohne zu handeln. Wie ist das zu verstehen?
In II-36 werden die Folgen eines Lebens ohne Lüge beschrieben ► verschiedene Deutungen dieser Sutra ► mögliche Wirkungsabläufe ► Gedankenkraft ► rechte Rede ► Übung zur Sutra

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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
Hier weiterlesen: Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Der Hase vor der Möhre
Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.
Hier weiterlesen: Der Hase vor der Möhre

Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?
Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.
Hier weiterlesen: Die Schuld und ihr Zorn
Der Alte am Fenster
Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.
Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.
Hier weiterlesen: Der Alte am Fenster
Geschichte: Der übereifrige Dschinn
Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.
Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.
Hier weiterlesen: Der übereifrige Dschinn


tataḥ pratyak-cetana-adhigamo-py-antarāya-abhavaś-caततः प्रत्यक्चेतनाधिगमोऽप्यन्तरायाभावश्च
Vîta-râga-vishayam vâ chittam
Svapna-nidrâ-jnânâlambanam vâ
yathā-abhimata-dhyānād-vā
Satyapratiṣṭhāyāṁ kriyāphalāśrayatvam
