Yoga im Mahabharata – Bedeutung, Konzepte und Lehren des Epos
Dieser Artikel bietet dir einen Überblick darüber, wie Yoga im Mahābhārata erscheint – nicht als exotische Fußnote, sondern als lebendige, oft widersprüchliche Idee im größten vorhandenen indischen Epos. Du erfährst, wie Yoga dort gedacht, gelebt und philosophisch eingeordnet wird, welche Rollen es spielt und warum es sich von späteren klassischen Systemen unterscheidet, ohne seinen historischen Wert zu verlieren.
Kurz zusammengefasst
- Mahābhārata und Yoga
Das Mahābhārata ist ein bedeutendes indisches Epos, das neben seiner erzählerischen Struktur zahlreiche Erwähnungen von Yoga und yogischen Praktiken enthält, besonders im Mokṣadharma-Abschnitt. Dieses Yoga-Konzept ist plural und nicht identisch mit späteren klassischen Yoga-Systemen. - Philosophischer Hintergrund
Im Text sind Yoga und die Sāṃkhya-Philosophie eng verwoben; Yoga wird als praktische Umsetzung philosophischer Einsichten verstanden, die das Verhältnis von Bewusstsein und Natur thematisieren. - Bhagavad Gītā als Yoga-Dialog
Die Bhagavad Gītā innerhalb des Mahābhārata enthält zentrale yogische Lehren, etwa über Karma-Yoga, Jñāna-Yoga und Bhakti-Yoga, und zeigt, wie Yoga als Lebensführung im Alltag gedacht wird. - Praktische Übungen und Vorstellungen
Der Text bietet Hinweise auf Atem, innere Sammlung, meditative Haltung und ethische Disziplin, auch wenn er keine später klassischen Techniken wie Asanas systematisch darlegt. - Yoga im narrativen Kontext
Yoga ist im Epos nicht ausschließlich eine spirituelle Praxis jenseits der Welt, sondern ein Weg, der in verschiedenen Lebenssituationen – Handlung, Erkenntnis, Pflicht – Bedeutung erhält. - Begriffsvielfalt
Begrifflichkeiten wie „Yogi“, „Tapas“ oder „Yoga“ werden in unterschiedlichen Kontexten verwendet: als Asket, als Lebensform oder als philosophische Richtung ohne eindeutige Systematik. - Historische Tiefe und Vielfalt
Die yogischen Konzepte im Mahābhārata sind Ausdruck einer frühen Phase yogischer Ideen, die sowohl philosophisch als auch praktisch geprägt sind und die spätere Entwicklung des Yoga beeinflusst haben.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Überblick Mahabharata
- Andere Schreibweisen: Mahâbhârata
- Einordnung: Grundlegende Yoga-Schrift; bekanntestes indisches Epos;
- Entstehungszeit: 400 v. Chr. – 400 n. Chr. (endgültige Form ungefähr 300 n. Chr.)
Die Entstehung des Mahābhārata erstreckt sich nach heutiger Forschung über mehrere Jahrhunderte, etwa vom 4. Jh. v. Chr. bis in die ersten Jahrhunderte n. Chr. Die heute überlieferte Textgestalt entstand vermutlich durch einen langen Redaktionsprozess, dessen Abschluss häufig zwischen dem 2. und 4. Jh. n. Chr. angesetzt wird.
Der Mokṣadharma-Abschnitt am Ende des zwölften Buches (Śāntiparvan) enthält eine der frühesten umfangreichen Darstellungen yogischer Praxisformen und gilt als zentrale Quelle für das Verständnis früher Yoga-Konzepte, wie sie vor der klassischen Systematisierung überliefert wurden. Laut Roots of Yoga vermutlich die älteste Systematisierung der Yoga-Praxis
Die 18 Bücher (Parvas ) des Mahabharata:
- Adiparva – Einführung, Geburt und frühe Jahre der Prinzen
- Sabhaparva – Leben im Königshof, das Würfelspiel, und das Exil der Pandavas.
- Aranyakaparva (auch Vanaparva, Aranyaparva) – Die 12 Jahre im Exil.
➔ Darin die bekannte Liebesgeschichte von Nala und Damayanti. - Virataparva – Das letzte Jahr im Exil
- Udyogaparva – Vorbereitungen für den Krieg
- Bhishmaparva – Der erste Teil des großen Kriegs, mit Bhisma als Kommandant der Kauravas.
➔ Darin die Bhagavad Gita, bestehend aus 700 Strophen, die in 18 Kapitel unterteilt sind. Es handelt sich um die Gesänge 25 bis 42 des 6. Buches. - Dronaparva – Der Krieg geht weiter, mit Drona als Kommandant.
- Karnaparva – Wieder der Krieg, mit Karna als Kommandant.
- Salyaparva – Der letzte Teil der Schlacht, mit Salya als Kommandant.
- Sauptikaparva – Ashvattama und die letzten Kauravas töten die Pandava Armee im Schlaf.
- Striparva – Gandhari und andere Frauen trauern um die Toten.
- Shantiparva – Die Krönung von Yudhishthira, und seine Instruktionen von Bhishma
➔ Enthält am Ende das Mokadharam mit der vermutlich ältesten Systematisierung der Yoga-Praxis. - Anushasanaparva – Die letzten Instruktionen von Bhisma.
- Ashvamedhikaparva – Die königliche Zeremonie oder Ashvameda, ausgeführt von Yudhisthira.
- Ashramavasikaparva – Dhritarashtra, Gandhari, Kunti gehen in ein Ashram, und sterben später
- Mausalaparva – Der Kampf unter den Yadavas.
- Mahaprasthanikaparva – Der erste Teil des Pfads zum Tod der Pandavas
- Svargarohanaparva – Die Pandavas erreichen die spirituelle Welt.
Im Mahabharata wird der Pfad des Yoga als das Überwinden einer schrecklichen, schlangenverseuchten Wildnis voller Verbrecher beschrieben. Tapas-Praktizierende werden synonym als Yogis bezeichnet, siehe dazu unten.
An mehreren Stellen enthält das Mahābhārata Lehrverse und Passagen mit yogischem Inhalt, wie sie auch im Yogasutra von Patanjali stehen könnten. Ein expliziter Verweis auf ein eigenständiges Werk namens Yogasūtra findet sich jedoch nicht, auch der Name Patanjali taucht nicht auf. Im Mahabharata und in den älteren Puranas wird Kapila (und andere) als Begründer des Yogas genannt, in den jüngeren Puranas hingegen Patanjali. In älteren Textschichten wird Kapila vor allem als Begründer der Sāṃkhya-Lehre genannt, deren metaphysische Konzepte eng mit frühen Yoga-Vorstellungen verbunden sind. Eine eindeutige Zuschreibung Kapilas als Begründer des Yoga im engeren Sinne ist jedoch nicht belegbar.
In der Tradition wird das Mahābhārata dem mythischen Weisen Vyāsa zugeschrieben, der als legendäre Autorfigur gilt und nicht als historisch eindeutig fassbare Person.Vyasa soll das Mahabharata komponiert und es dann dem Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf, diktiert haben.
Das Mahabharata beinhaltet etwa 100 000 Doppelverse. Im folgenden Artikel sammeln wir yoga-relevante Textstellen und erläutern diese.
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Yoga im Mahabharata ≠ Raja-Yoga
Wer im Mahābhārata nach Yoga im Sinne eines klar definierten Meditationssystems sucht, wird zunächst irritiert sein. Der Text kennt keinen einheitlichen Yoga, keine festgelegte Abfolge von Stufen, keine kanonische Methode. Stattdessen begegnet man einem vielstimmigen Feld yogischer Praktiken, das sich zwischen Askese, Ethik, Meditation, Weltentsagung und metaphysischer Erkenntnis bewegt.
Yoga erscheint im Mahābhārata weniger als Technik, sondern als existenzielle Haltung: als innere Ausrichtung auf Befreiung, als Schulung von Geist und Verhalten, als Disziplin im Angesicht von Leid, Krieg und moralischer Ambivalenz. In diesem Sinn ist Yoga hier kein Sonderweg, sondern ein integraler Bestandteil der großen Fragen des Epos: Wie lebt man richtig? Wie handelt man, ohne sich zu verstricken? Und wie kann der Mensch frei werden, obwohl er handeln muss?
Diese Offenheit erklärt, warum der Yoga des Mahābhārata nicht deckungsgleich ist mit späteren Systemen wie dem Aṣṭāṅga-Yoga nach Patanjali. Das Epos bewahrt ältere, teilweise rohe, teilweise überraschend moderne Formen yogischen Denkens – unaufgeräumt, widersprüchlich und gerade dadurch interessant für heutige Yogainteressierte.

Krishna der Wagenlenker
Textauszüge zum Yoga im Mahâbhârata
Erste Zahl: Das jeweilige Buch. Zweite Zahl: Der Abschnitt im Buch. Dritte Zahl: Vers oder Satz in diesem Abschnitt.
3.2.71-77 Der achtfache Pfad des Dharma
Die im Mahābhārata beschriebenen achtfachen Pfade beziehen sich primär auf ethische und asketische Lebensweisen im Rahmen des Dharma. Sie stellen keine einheitliche yogische Systematik im späteren Sinne dar, weisen jedoch inhaltliche Überschneidungen mit späteren Yoga-Konzepten auf.
3.2.71 Opfer, Studium, Nächstenliebe, Strenge, Wahrhaftigkeit, Geduld, Zurückhaltung und Mangel an Gier: Es wird gesagt, dass dies der achtfache Pfad des Dharma ist.
3.2.72 Von diesen befindet sich die erste Vierergruppe auf dem Weg der Väter. Man sollte es als Pflicht praktizieren, nicht aus Stolz, weil es getan werden muss.
3.2.73 Die zweite [Vierergruppe] ist der Weg der Götter. Gute Leute beobachten es immer.
Rein von sich selbst, sollte er nur den Pfad der acht Hilfsmittel praktizieren:3.2.74 richtiger Fokus und rechte Zurückhaltung der Sinne und richtige besondere Befolgung und richtiger Dienst des Gurus,
3.2.75 und richtige Kontrolle des Essens und des richtigen Studiums [und ] richtiger Verzicht auf rituelle Handlung, [und] richtiges Stoppen des Geistes. Indem sie dies taten, wurden die Götter, die die Reinkarnation zu überwinden wünschten,
3.2.76 von der Leidenschaft und dem Haß befreit und erlangten die Souveränität. Die Rudras, die Sâdhyas, die Âdityas, die Vasus und die Aúvins, ausgestattet mit yogischer Souveränität, unterstützen Lebewesen.
3.2.77 Auf diese Weise solltest auch du, oh Sohn der Kunti, großen Frieden erlangen und durch Askese Erfolg und Erfolg im Yoga, oh Bhârata, verfolgen.
12.178.15a-16b Die Kanäle und Atemzüge
12.178.15 Die zehn Kanäle, die vom Herzen ausgehen, tragen alle die ernährende Essenz der Nahrung seitwärts, aufwärts und abwärts, angetrieben von den Atemzügen.
12.178.16 Und dies ist der Weg der Yogis, durch den sie zum höchsten Zustand (tatpadam) gehen.
Körper, Atem und subtile Anatomie
Die kurzen Hinweise auf Kanäle (nāḍīs) und Atemzüge (prāṇa) im Mahābhārata markieren eine frühe Phase yogischer Körperkonzepte. Es handelt sich noch nicht um ein ausgearbeitetes System subtiler Anatomie, wie es später im Haṭha-Yoga begegnet, sondern vielleicht um fragmentarische Beobachtungen, die den Körper als Träger und Hindernis spiritueller Praxis zugleich begreifen.
Der Atem erscheint hier weniger als Technik, sondern als Vermittler zwischen Körper und Geist. Dass der Weg der Yogis „durch die Atemzüge“ führt, verweist auf eine frühe Einsicht: Befreiung ist nicht rein geistig. Sie geschieht im Leib – oder gar nicht.
12.210.17-12.232.11 Tipps für die Yoga-Praxis (Yamas und Niyamas)
Die folgenden Passagen beschreiben ethische und asketische Disziplinen, die inhaltlich mit späteren Konzepten wie Yama und Niyama vergleichbar sind, jedoch noch nicht in dieser terminologischen Systematik formuliert werden.
12.210.17 Enthaltsamkeit (Brahmacharya) und Gewaltlosigkeit (Ahimsa) werden als Tapas des Körpers bezeichnet.
Die Beherrschung von Rede und Geist sowie Gleichmut werden als Tapas des Geistes bezeichnet.12.232.4 Der Mensch sollte die fünf Probleme überwinden, die dem Yoga entgegenstehen, wie von den Weisen gelehrt: Lust, Zorn (Ärger, Wut), Gier, Furcht und das fünfte, Schlaf.
12.232.5 Zorn wird durch Ruhe überwunden, die Lust durch das Aufgeben von Wünschen; der entschlossene Yogi überwindet den Schlaf durch die Kultivierung der Energie-Prinzipien (sattva) [Sattva verkörpert in der Samkhya-Lehre Reinheit und Ausgeglichenheit, leicht, erhellend].
12.232.6 Er soll seinen Penis und seinen Magen mit Willenskraft bewachen, seine Hände und Füße mit seinen Augen, seine Augen und sein Hören mit seinem Geist und seinen Geist und sein Sprechen mit seinen Handlungen.
12.232.7 Er soll seine Furcht mit den Mitteln der Wachsamkeit abschütteln und seine Gier durch die Kultivierung von Weisheit.
...
12.232.10 Meditation, Studium, Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Geduld, Reinheit, eine reine Ernährung und Zurückhalten der Sinne:
12.232.11 Mit diesen Mitteln steigt die Vitalität des Yogis und tilgt er seine Sünden. Er erreicht alle seine Ziele und entwickelt Einsicht ...
...
12.232.23-26 Anweisungen zur Meditation
12.232.23 Mit den Bräuchen verbunden soll der Weise zu drei Zeiten im Yoga fortschreiten: in der Morgendämmerung, zur Mittagszeit und in der Abenddämmerung. Er sollte die Praxis an der Spitze eines Berges vollziehen, in einem Heiligtum oder am Fuße eines Baumes.
12.232.24 Alle seine Sinne zurückhaltend, soll der Yogi auf nichts anderes in seinem Geist an den Yoga denken und fokussiert bleiben. Wie ein Händler auf dem Markt, der nur an seine Ware denkt. Nichts darf seinen Geist stören.
12.232.25 Er soll beharrlich jegliche Methode nutzen, die seinen launischen Geist zurückhält und nicht davon abweichen.
12.232.26 Konzentriert übend soll er leere Höhlen in Bergen finden oder Tempel oder leere Häuser, um darin zu leben.
Das Versprechen
12.262.37 Freundlichkeit, Nachsicht, Ruhe, Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Abwesenheit von Bosheit, Fehlen von Stolz, Bescheidenheit, Geduld und Frieden.
12.262.38 Durch diese erreichen die Brahmanen auf dem Pfad jenen höchsten Ort, den der Weise mit seinem Geist erkennen sollte, der durch [seine] Handlungen bestimmt wird. [...]
Keine Macht wie Yoga
12.304.2 Es gibt kein Wissen, das Sâṃkhya entspricht, und keine Macht, die dem Yoga entspricht.
Yoga als "achtfältiges" System im Mahabharata
Wie gesagt: Aus den obigen Versen kann man eine achtfache Sicht auf den Yoga im Mahabharata herauslesen, die aber nicht in allen Punkten deckungsgleich mit dem achtfachten Raja-Yoga-Pfad aus dem Yogasutra ausfällt.
Ashtanga: Der achtfache Pfad nach Patanjali
Ashtanga Yoga nach Patanjali: die 8 Glieder des ursprünglichen Yoga
Mit Ashtanga Yoga ist ursprünglich der achtfache Yogapfad gemeint, wie ihn Patanjali im Yogasutra beschreibt. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Power-Yoga-Stil. In diesem Beitrag findest du die zugehörigen Sutras und Erläuterungen zu den einzelnen Stufen des achtfachen Pfades.
Hier weiterlesen: Ashtanga Yoga nach Patanjali
Der achtfache Pfad des Dharma im Mahabharata
"Weg der Väter"
- Opfer
- Studium
- Wohltätigkeit
- Enthaltsamkeit
"Weg der Götter"
- Wahrhaftigkeit
- Geduld
- Selbstbeschränkung
- Vermeiden von Gier
Der Pfad der acht Hilfsmittel
- Rechter Fokus
- Rechte Beschränkung der Sinne
- Rechte besondere Bräuche
- Rechter Dienst am Guru
- Rechte Kontrolle der Ernährung
- Rechtes Studium
- Rechter Verzicht auf rituelle Handlungen
- Rechtes Anhalten des Geistes
Was der Yoga des Mahabharata nicht ist
So aufschlussreich die Parallelen zu späteren Yogasystemen sind, so wichtig ist eine klare Abgrenzung. Der Yoga des Mahābhārata ist kein Vorläufer im Sinne einer linearen Entwicklung, sondern ein eigenständiger Traditionsraum.
Er kennt keine festgelegte Sitzhaltung, keine detaillierten Atemtechniken, keine systematische Versenkungslehre. Sein Schwerpunkt liegt auf Ethik, Askese, Erkenntnis und innerer Sammlung. Wer ihn mit modernen Yoga-Vorstellungen gleichsetzt, riskiert Missverständnisse – und übersieht gerade das, was ihn historisch interessant macht.
Verhältnis von Yoga und Sāṃkhya
Die yogischen Vorstellungen im Mahābhārata sind eng mit der Sāṃkhya-Philosophie verflochten. Immer wieder tauchen deren Grundannahmen auf: die Unterscheidung von Bewusstsein (puruṣa) und Natur (prakṛti), die Analyse der Leidursachen, das Ziel der Loslösung durch Erkenntnis.
Yoga erscheint hier häufig als praktische Konsequenz einer sāṃkhyischen Weltsicht. Erkenntnis allein genügt nicht; sie muss verkörpert, geübt, durchgehalten werden. Umgekehrt bleibt Yoga ohne Erkenntnis blind. Diese Spannung – zwischen Wissen und Übung, Einsicht und Disziplin – zieht sich durch viele Passagen des Mokṣadharma.
Bemerkenswert ist, dass das Mahābhārata keine klare Trennung zwischen Sāṃkhya und Yoga vollzieht. Beide werden teils parallel genannt, teils ineinander geschoben. Erst spätere Texte werden beginnen, diese Strömungen systematisch auseinanderzuhalten.
Wahrgenommenes und Wahrnehmendes – Auszug aus der Samkhya-Lehre

Wahrgenommenes und Wahrnehmendes – Auszug aus der Samkhya-Lehre
Das Samkhya ist eines der ältesten philosophischen Systeme indischer Herkunft. „Samkyha“ bedeutet wörtlich „Zahl“, „Aufzählung“ oder „das, was etwas in allen Einzelheiten beschreibt“. Hiermit ist die Aufzählung und Analyse jener Elemente gemeint, die gemäß Samkyha die Wirklichkeit bestimmen.
Allein das Wissen um diese Elemente soll bereits zur Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburten führen. Damit einher geht die Beendigung von drei Arten des Leidens (duhkha):
- adhyatmika (Leiden unter physischen oder psychischen Krankheiten),
- adhibhautika (von Außen zugefügtes Leid durch menschliche Gewalt oder Umwelteinflüsse),
- adhidaivika (Leid durch Naturgewalt, Umweltkatastrophen oder übernatürliche Phänomene).
Purusha, Prakriti, Guna
Das Universum und die Abläufe darin beruhen gemäß Samkyha auf zwei fundamentalen Prinzipien:
- Purusha: passiver aber bewusster Geist, auch Urseele, Weltgeist oder kosmisches Selbst genannt. Steht im Dualismus für Subjekt und das Wahre Selbst.
- Prakriti: aktive aber unbewusste „Urmaterie“, das Wahrnehmbare, das Benennbare oder „Natur“. Steht im Dualismus für Objekt und das Universum
Swami Satchidananda schreibt:
„Das Purusha ist das Wahre Selbst, das Purusha sieht. Prakriti ist alles andere.“
Es herrscht Uneinigkeit: Die Samkhya Philosophie sagt, dass es ein real existierendes Universum gibt. Die Vedanta-Lehre sieht alles als Maya, als Illusion an.
Prakriti und die Gunas
Der Urnatur Prakriti werden im Samkhya drei Gunas (Merkmale, Eigenschaften, von Hauer „Weltstoffenergien“ genannt) zugerechnet:
- Sattva (das Seiende, Reinheit, Klarheit). Gemäß Ayurveda-Lehre steht Sattva für Reinheit, Ausgeglichenheit, Balance und Neutralität. Charakterlich zeigt sich eine Sattva-Vorherschaft in Freigebigkeit, Gelassenheit, Zufriedenheit, Weisheit, Ausgeglichenheit und Toleranz. Menschen, die sich vorwiegend sattvisch ernähren sollen länger leben und gesünder alt werden. Als sattvische Nahrungsmittel gelten frische & reife Früchte, Honig, Milch, Reis, Weizen, Safran und Zimt.
- Rajas (Bewegung, Energie, Leidenschaft). Verantwortet Wandlung, Veränderung und Dynamik. Aber auch Zorn, Rastlosigkeit und Hektik.
- Tamas (Trägheit, Dumpfheit, Dunkelheit, Schwere). Eine Kraft, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit trübt und unsere Wirkkraft schwächt. Aber auch das Prinzip der Ruhe.
Sattva für den Yogi
Feuerstein (Buch bei Quellen ergänzen) schreibt: „Während aktive (rajas) und träge (tamas) Qualität dazu neigen, die Ich-Illusion aufrechtzuerhalten, erschafft die Qualität der Helligkeit (sattva), insoweit sie dominiert, die Vorbedingungen für das Befreiungsgeschehen. Daher erstrebt der yogin sattvische Konditionen und Zustände.“
Aber auch das Körper-Geist-System existiert auf Basis der drei Gunas. Als Yogi wisse man, dass alle drei Prinzipien miteinander wechselseitig verbunden sind. Jede Anhaftung an einen Zustand (Sattva ...) führt (ebenfalls) zu Leid.
Purusha
Purusha ist das Selbst, das allen fühlenden Wesen innewohnt. Durch Purusha erhalten Menschen, Tieren, Pflanzen und Götter ihre Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein.
Des Menschen wahre und ursprüngliche Identität ist einzig und allein Purusha, die sich zum Zwecke des Erfahrens in Prakriti manifestiert hat, siehe Sutra II-18.
Nun verstrickt sich dieses Purusha in Prakriti, hält die zur Sphäre der Prakriti gehörigen Elemente und Bereiche irrtümlicherweise für Bestandteile seiner selbst. Daraus entsteht Leid.
Grundelement der Lehre des Samkhya für den nach Erlösung Strebenden ist deshalb, die beiden Substanzen Purusha und Prakriti und ihre Merkmale streng voneinander unterscheiden zu lernen.
Vedanta
Im nondualen Vedanta ist Prakriti nur eine Täuschung, Maya.
Physik und Quantentheorie
Betrachten wir den Bildschirm vor uns, so sehen wir gemäß der Physik ein Konstrukt aus Neutronen, Elektronen und Protonen, die alle auf einer eigenen Frequenz schwingen und um sich kreisen. Nahezu 100 Prozent des Bildschirmes besteht aus Vakuum! Nur unsere Sinne – die Sinne des Wahrnehmenden – machen daraus einen Monitor.
Die Quantenphysik macht alles noch verschwommener: Ob sich ein subatomares Partikel als Teilchen oder als Welle verhält, hängt vom Beobachter ab. Anders ausgedrückt: vom beobachtenden Bewusstsein. Vom Wahrnehmenden und dessen Wahrnehmung. Eigenschaften der Partikel wie dessen Lokalität können nicht vom Betrachter getrennt werden. Dies geht mehr in Vedanta (und Buddhismus)-Richtung als die Samkhya-Behauptung eines unabhängig von Purusha existierenden Universums Prakriti.
Tapas-Praktizierender = Yogi
Im Mahābhārata werden Praktizierende von Tapas häufig als Yogis bezeichnet, wobei Tapas eine zentrale asketische Praxis innerhalb breiterer yogischer Lebensformen darstellt
Hier findest du eine Übersicht über diese Tapas:
Yogis treten im Mahābhārata aber nicht nur als Lehrer oder Asketen auf, sondern als soziale Figuren mit klarer Wirkung. Sie leben am Rand der Gesellschaft, in Wäldern, Einsiedeleien oder Übergangsräumen. Gleichzeitig greifen sie immer wieder ordnend oder störend in das Geschehen ein – durch Flüche, Segnungen, Einsicht oder bloße Präsenz.
Yoga ist hier keine private Praxis. Er hat konsequenzenreiche soziale Dimensionen. Der Yogi verkörpert eine Alternative zur königlichen, kriegerischen Ordnung – und ist doch niemals völlig außerhalb von ihr.
Der Yoga der Bhagavad Gītā im Kontext des Epos
Die Bhagavad Gītā ist der bekannteste Yoga-Text innerhalb des Mahābhārata – und zugleich einer der am häufigsten aus dem Gesamtzusammenhang herausgelösten. Dabei gewinnt ihr Yoga-Verständnis an Tiefe, wenn man es als Teil des größeren Epos liest.
Der Yoga der Gītā ist kein Rückzug aus der Welt, sondern ein Yoga des Handelns unter extremen Bedingungen. Karma-Yoga, Jñāna-Yoga und Bhakti-Yoga stehen hier nicht als getrennte Wege nebeneinander, sondern als unterschiedliche Akzentuierungen ein und derselben Grundfrage: Wie kann man handeln, ohne innerlich zu verhaften?
Die Bhagavad Gītā markiert innerhalb des Mahābhārata einen Grenzraum zwischen asketischer Weltverneinung und weltlicher Verpflichtung. Sie widerspricht nicht den asketischen Idealen des Mokṣadharma, sondern verschiebt deren Schwerpunkt. Während dort Rückzug, Entsagung und innere Loslösung dominieren, stellt die Gītā die Frage, wie diese Ideale innerhalb eines aktiven Lebens verwirklicht werden können.
Yoga wird hier zu einem inneren Modus des Handelns, nicht zu einer äußeren Lebensform. Entscheidend ist nicht, ob gehandelt wird, sondern wie gehandelt wird: ohne Anhaftung an Ergebnis, Rolle oder Selbstbild. Damit formuliert die Gītā eine Antwort auf eine der zentralen Spannungen des Epos.
Im Vergleich zu den asketischen Idealen des Mokṣadharma wirkt die Gītā pragmatisch. Sie akzeptiert Gewalt, Pflicht und Ambivalenz – und fordert dennoch innere Loslösung. Gerade dieser Kontrast macht deutlich, wie vielgestaltig das Yoga-Verständnis im Mahābhārata ist.
So zentral die Bhagavad Gītā für das Verständnis von Yoga ist, sie repräsentiert nicht den gesamten yogischen Horizont des Mahābhārata. Andere Textteile betonen Rückzug, Askese oder metaphysische Erkenntnis deutlich stärker. Erst im Zusammenspiel dieser Perspektiven wird sichtbar, wie plural und offen das Yoga-Verständnis des Epos tatsächlich ist.
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Zusammenfassung Upanishaden & Mahabharata Die Upanishaden sind eine Sammlung von Schriften, die im Hinduismus als Bestandteil des Veda (religiöse Texte) eingeordnet werden. "Upanisad" bedeutet im übertragenen Sinne "sich zu Füßen eines Lehrers setzen", die Upanischaden wollen uns also belehren. Viele Gedanken der Yoga Philosophie finden sich in diesen Lehrtexten, speziell in den sogenannten Yoga Upanischaden und im Mahabharata, dem größten Epos aus Indien. Die Texte bieten tiefe Einblicke in die menschliche Existenz, das Universum und die Beziehung zwischen den beiden. Lass uns tiefer in diese faszinierenden Schriften eintauchen und ihre Bedeutung und Anwendung in der heutigen Welt erforschen. Im Artikel findet sich (auch) eine Sammlung von Volltexten bekannter Upanishaden. Eine bunte Vielfalt: In der Bhagavad Gita (Kurzform Gita) finden sich darin ein ganzes Spektrum an Definitionen und Beschreibungen dessen, was Yoga ist und was dessen Praxis beinhaltet. Yoga wird mit Gleichmut/Gelassenheit, Fähigkeiten/Handlungsfähigkeit (Fähigkeiten in Aktion) und Separierung (Trennung von der Welt) gleichgesetzt. Im folgenden Beitrag findest du die relevantesten Yoga-Verse aus der Gita zusammengestellt und nach Yoga-Thema geordnet.Beitrag: Zusammenfassung Upanishaden & Mahabharata
Eine kurze Zusammenfassung der Upanishaden und des Mahabharata
Beitrag: Yoga in der Bhagavad Gita
Yoga in der Bhagavad Gita
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FunFacts zum Mahabharata
- Das Mahābhārata ist eines der längsten Epen der Welt.
Mit über 100.000 Versen ist es etwa zehnmal so lang wie die Ilias und Odyssee zusammen. - Die Bhagavad Gītā selbst bedeutet „Gesang des Erhabenen“ und ist ein dialogischer Yogatext, der auf einem Schlachtfeld statt in einer Höhle beginnt.
- Im Mahābhārata heißen nicht nur Menschen „Yogi“, sondern der Begriff steht synonym für jemanden, der tiefes Selbststudium und Askese praktiziert.
- Yoga im Epos ist kein „one-size-fits-all“-Konzept: Manche Verse verbinden Yoga mit ethischen Pflichten, andere mit meditativer Stille – oft im selben Abschnitt.
- Die linguistische Verwandtschaft: Der Sanskrit-Begriff yuj bedeutet wörtlich „verbinden oder vereinigen“ – nicht nur Körper und Geist, sondern auch Pflicht und Leben.
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