Gedicht
Glück und offenes Gewahrsein von Gendün Rinpoche
Glück kann nicht gefunden werden
durch große Anstrengung und Willenskraft,
es ist aber schon vorhanden,
in offener Entspannung und im Loslassen.
Überanstrenge dich nicht,
es gibt nichts zu tun oder rückgängig zu machen.
Was auch immer momentan im Körper-Geist auftaucht,
hat überhaupt keine wirkliche Bedeutung, hat überhaupt wenig Realität.
Warum sollten wir uns damit identifizieren und uns daran binden,
warum ein Urteil darüber oder über uns selbst fällen?
Viel besser um das Ganze zu vereinfachen
lasse das ganze Spiel von alleine geschehen,
wie Wellen aufwallen und zurückfallen –
ohne etwas zu verändern oder zu manipulieren –
und merke, wie alles verschwindet und
auf magische Weise immer wieder auftaucht,
[unaufhörlich,] Zeit ohne Ende.
Nur unsere Suche nach Glück
hindert uns daran, es so zu sehen.
Es ist wie ein lebendiger Regenbogen, den du verfolgst,
ohne ihn jemals fangen zu können,
oder als ob ein Hund seinen eigenen Schwanz jagt.
Obwohl Frieden und Glück nicht existieren,
so wie eine tatsächliche Sache oder ein Ort existiert,
ist es [doch] immer verfügbar
und begleitet dich jeden Augenblick.
Glaube nicht an die Realität
von guten und schlechten Erfahrungen;
Sie sind wie das flüchtige Wetter von heute,
wie ein Regenbogen am Himmel.
Das Unfassbare erfassen zu wollen,
dabei erschöpfst du dich vergebens.
Sobald du diese enge Faust des Ergreifen-Wollens öffnest und entspannst,
ist da unendlicher Raum – offen, einladend und komfortabel.
Nutze die Weitläufigkeit, diese Freiheit und die natürliche Leichtigkeit.
Suche nicht weiter.
Geh nicht in den verworrenen Dschungel
um nach dem großen erleuchteten Elefanten zu suchen,
welcher bereits in aller Stille zu Hause ruht,
direkt vor deinem eigenen Herd.
Nichts zu tun oder rückgängig zu machen,
nichts zu zwingen,
nichts zu wollen,
und nichts fehlt ----
Emaho! Wunderbar!
Alles passiert von selbst.
Von: Gendün Rinpoche, (* 1918 in Tibet; † 31. Oktober 1997)
Quelle : buddhachannel.tv, eigene Übersetzung, [= eigene Anmerkung]
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Bezüge zwischen Gendün Rinpoches Gedicht und der Philosophie des Yoga
Das Gedicht von Gendün Rinpoche, in dem Glück, Loslassen und offenes Gewahrsein im Zentrum stehen, berührt viele Grundthemen, die auch in der klassischen Yogaphilosophie zu finden sind – besonders in den Yoga Sutras des Patanjali und anderen alten Schriften. Diese Parallelen offenbaren sich trotz unterschiedlicher kultureller und religiöser Hintergründe als überraschend stark.
Loslassen statt Festhalten – Aparigraha und Vairagya
Ein Kernmotiv des Gedichts ist das Nicht-Ergreifen, Nicht-Binden, Nicht-Judizieren. Rinpoche schreibt, dass wir aufhören sollten, Erfahrungen und Gedanken zu bewerten und uns nicht mit ihnen zu identifizieren; Glück sei bereits vorhanden, wenn wir loslassen statt festhalten.
In der Yogaphilosophie gibt es ein sehr ähnliches Konzept: Aparigraha, das Nicht-Besitzen, Nicht-Anhangen oder Loslassen. Dieser Grundsatz gehört zu den Yamas, den ethischen Leitprinzipien im Yoga. Aparigraha lehrt uns, nicht nur materielle Dinge, sondern auch Erwartungen, Ergebnisse, Bewertungen und Anhaftungen loszulassen, weil genau diese dichten die Freiheit und das Gewahrsein blockieren.
Außerdem gibt es den Begriff Vairagya, der eine Haltung der Nicht-Gierigkeit und inneren Abgelöstheit vom Weltlichen beschreibt. Yoga sieht darin einen der wesentlichen Schritte zur Befreiung des Geistes.
Das Yogasutra zu Aparigraha und Vairagya:
Yoga Sutra I-12: Übung (Abhyasa) und Nichtanhaften (Vairagya) führen zur Beruhigung der Bewegungen des Geistes (Nirodha)
Yoga Sutra I-15: Verhaftungslosigkeit ist erreicht, wenn das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Dingen erloschen ist
Yoga Sutra I-16: Das Nichtbegehren nach den Elementen der Erscheinungswelt führt zur Wahrnehmung des wahren Selbstes, des Purushas – die höchste Form der Verhaftungslosigkeit
Yoga Sutra II-30: Die förderlichen Selbstbeschränkungen (yamas) sind Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit und Begierdelosigkeit
Yoga Sutra II-34: Gedanken und Zweifel, die zu schädigendem Verhalten führen – egal ob dies selbst getan, in Auftrag gegeben oder nur begünstigt wird, egal ob durch Gier, Ärger oder Verblendung motiviert, egal ob in der Ausführung mild, mittelmäßig
Yoga Sutra III-51: Wenn ein Yogi auch an diese (Allmacht, Allwissenheit …) nicht anhaftet wird der letzte Samen des Bösen zerstört und vollständige Befreiung (Kaivalya) erlangt
Glück als innerer Zustand – Santosha und Gewahrsein
Rinpoche betont, dass Glück nicht etwas ist, das wir finden, sondern dass es immer vorhanden ist, wenn wir uns nicht selbst durch Suche, Bewertung und Erwartungsdenken im Weg stehen.
Das erinnert stark an das Yoga-Konzept Santosha, eine der Niyamas (die persönlichen geistigen Disziplinen). Santosha bedeutet Zufriedenheit, inneres Ausruhen in dem, was ist, ohne besondere Bedingungen, Forderungen oder Hoffnungen an das Leben zu stellen. Yoga sieht darin eine Grundhaltung, die innere Ruhe und Stabilität fördert – jenseits äußerer Umstände.
Auch Patanjali beschreibt in den Yoga Sutras den geistigen Zustand, in dem die inneren Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen. Nur so wird wahres Gewahrsein (vgl. “Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des Geistes aufhören”) möglich.
Yoga Sutra I-2: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen im Geist
Yamas und Niyamas im täglichen Leben Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas. Gleichzeitig sind sie die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga- oder Kriya-Yoga genannt). Patanjali definiert Yama und Nyama im Yogasutra. Die alten Yogis hätten sich wohl nicht träumen lassen, dass ihre Regeln Jahrtausende später im Großraumbüro, beim Online-Shopping oder in WhatsApp-Chats auf die Probe gestellt würden. Und doch: Die Yamas und Niyamas im täglichen Leben sind verblüffend aktuell. Wer sie nicht als starre Gebote liest, sondern als praktische Orientierung, entdeckt, wie Gewaltlosigkeit beim Autofahren aussieht, warum Wahrheit auch mal Schweigen bedeutet und weshalb ein bisschen Maßhalten beim zweiten Glas Wein oft heilsamer ist als jeder Verzicht. Dieser Artikel zeigt, wie sich alte Weisheit im modernen Alltag verankern lässt: Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat.Beitrag: Yamas und Niyamas im täglichen Leben
Nicht-Tun und Präsenz – Chitta Vritti Nirodha
Im Gedicht heißt es: „Nichts zu tun oder rückgängig zu machen.“ Das klingt zunächst paradox – aber es weist auf eine tiefe Wahrheit im Yoga hin: Glück entsteht nicht durch willentliche Anstrengung um seiner selbst willen, sondern durch die Befreiung von unnötigem mentalem Widerstand.
Im Yoga lautet hierfür wie erwähnt die berühmte Definition „Yoga ist Chitta Vritti Nirodha“: die Beruhigung der Modifikationen des Geistes. Nur wenn der Geist nicht ständig bewertet, verfolgt, erwartet oder bewertet, kann reines Gewahrsein auftauchen. Dieser Zustand ist vergleichbar mit Rinpoche’s „offenem Gewahrsein“, in dem alles geschehen darf, ohne dass du es verändern musst.
Urteilslosigkeit und illusionäre Wahrnehmung
Rinpoche weist darauf hin, dass gute oder schlechte Erfahrungen keine objektive Realität besitzen, sondern wie das flüchtige Wetter oder ein Regenbogen sind – wunderbar, aber nicht dauerhaft.
Auch die Yogaphilosophie spricht davon, dass das Gewohnheits-Denken (Vrittis) die Wirklichkeit verfälscht und dass die Identifikation mit diesen Mustern genau die Ursache für Leid ist. Durch Meditation und innere Disziplin lernt man, die Realität mit weniger Verzerrung wahrzunehmen.

Gendün Rinpoche, Bild: ChatGPT
Leben und wichtigste Lehren von Gendün Rinpoche
Ein Leben zwischen Rückzug, Praxis und stiller Autorität
Gendün Rinpoche wurde 1918 in Osttibet geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens als zurückgezogener Meditationsmeister. Anders als viele spirituelle Lehrer seiner Zeit suchte er weder Öffentlichkeit noch institutionelle Macht. Nach der Flucht aus Tibet ließ er sich schließlich in Europa nieder, vor allem in Frankreich, wo er bis zu seinem Tod 1997 wirkte.
Seine Präsenz war unspektakulär, fast unauffällig – und genau darin lag ihre Kraft. Zeitzeugen berichten von einem Menschen, der radikal einfach lebte, Humor besaß und keinerlei spirituelles Gehabe pflegte. Er lehrte nicht durch große Systeme oder komplizierte Rituale, sondern vor allem durch direkte Erfahrung und persönliche Begegnung. Viele westliche Schüler erlebten ihn als jemand, der tiefe Weisheit mit einer erstaunlichen Bodenständigkeit verband.
Zentrale Lehren: Klar, direkt und kompromisslos einfach
Die Essenz von Gendün Rinpoches Lehre lässt sich nicht in komplizierten Begriffen einfangen. Im Gegenteil: Seine Botschaft war von einer fast provokanten Einfachheit.
1. Glück ist nichts, das erreicht werden muss
Eine seiner zentralen Aussagen lautet: Glück ist bereits da. Es fehlt nicht, es ist nicht verborgen – wir übersehen es nur, weil wir es verzweifelt suchen. Diese Suche erzeugt Spannung, Ehrgeiz und innere Unruhe. Genau diese Haltung steht dem Glück im Weg.
2. Loslassen statt verbessern
Gendün Rinpoche stellte sich entschieden gegen die Idee, man müsse sich selbst optimieren oder „spirituell weiterentwickeln“. Sein Ansatz war radikal entlastend:
Es gibt nichts zu reparieren, nichts rückgängig zu machen, nichts zu erzwingen. Gedanken, Gefühle und Empfindungen dürfen kommen und gehen – wie Wetterphänomene.
3. Nicht-Identifikation mit dem Geist
Ein wiederkehrendes Motiv in seinen Lehren ist die Einsicht, dass das, was im Geist auftaucht, keine feste Realität besitzt. Gedanken sind Ereignisse, keine Wahrheiten. Wer aufhört, sich mit ihnen zu identifizieren, erlebt eine natürliche Weite und innere Freiheit.
4. Offenes Gewahrsein statt Kontrolle
Anstelle von Konzentrationszwang oder geistiger Disziplin betonte er ein offenes, entspanntes Gewahrsein. Alles darf sein, nichts muss verändert werden. Gerade dieses Nicht-Tun öffnet den Raum für Klarheit und innere Ruhe.
5. Alltag ist Praxis
Für Gendün Rinpoche war Spiritualität nichts Abgehobenes. Sie geschieht mitten im Leben, beim Kochen, Gehen, Warten, Scheitern. Er warnte davor, Erleuchtung als fernes Ziel zu suchen, während sie im Alltäglichen übersehen wird – „direkt vor dem eigenen Herd“.
Warum seine Lehren bis heute berühren
Gendün Rinpoche sprach besonders viele Menschen im Westen an, weil seine Lehren keine neuen Ideale aufbauten, sondern alte Lasten abwarfen. In einer Welt der Selbstoptimierung wirkte seine Botschaft wie ein Gegenentwurf:
Du musst nichts werden. Du darfst entspannen.
Gerade für Yoga-Praktizierende ist diese Haltung vertraut: weniger Ehrgeiz, mehr Präsenz; weniger Wollen, mehr Sein. Seine Lehren erinnern daran, dass der tiefste Wandel oft nicht durch Anstrengung geschieht, sondern durch das Aufgeben unnötiger innerer Spannung.
Kurz gesagt:
Gendün Rinpoche lehrte nicht, wie man glücklich wird, sondern warum man es bereits ist – sobald man aufhört, es zu jagen.
Gendün Rinpoche letzter Video-Auftritt
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