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dṛṣṭa-anuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśīkāra-saṁjṇā vairāgyam
दृष्टानुश्रविकविषयवितृष्णस्य वशीकारसञ्ज्ञा वैराग्यम्

 

In dieser Sutra beschreibt Patanjali den Endzustand des Übens der Nicht-Anhaftung. Interessant ist, dass viele Kommentatoren diese Sutra dahingehend auslegen, dass Patanjali hierbei auch das Begehren rein spiritueller Wonnezustände im Auge hatte. Sivananda hält (ein wenig) dagegen.

Müssen wir unseren Willen bemühen oder kommt die Freiheit durch das Yoga-Praktizieren quasi "von alleine"?

Siehe als Einführung zunächst die Erläuterungen zu Sutra I-12.

Yoga Sutra I-12: Die bewusste Kontrolle der Bewegungen im Geist wird durch Übung und Verhaftungslosigkeit erlangt

Der Wille

Für Vairagya ist laut Patanjali gemäß der meisten Kommentatoren - zumindest am Anfang - Willenskraft vonnöten. Später, nach beharrlicher Bemühung, siehe die nächste Sutra I-16, kommt die gewünschte Geisteshaltung (mehr oder weniger) von alleine.

Dem Yogi ist es übrigens freigestellt, alle auch nicht-yogischen Techniken zum Erreichen der Nicht-Anhaftung zu nutzen. Im Yoga zählt lediglich das Resultat, es gibt kein "Stammesdünkel".

Wenn du eher dem Pfad des Bhakti-Yogas, der Hingabe, folgst, wirst du vermutlich weniger Willenskraft aufbringen müssen als im Raja-Yoga, bei dem die Willenskraft stärker zur Erlangung der Freiheit im Fokus steht.

schritt fuer schritt

 
 

Citta in Balance

Das hier beschriebene Nicht-Anhaften muss also zunächst mit Willenskraft geübt werden. So es sich fester und fester manifestiert, bringt es unseren Geist (=Citta) in ein Gleichgewicht. Nicht mehr hin- und hergerissen zu Wünschen nach diesem oder jenem. Das Citta kommt zur Ruhe und das wahre Selbst kann erkannt werden.

Sich von selbst auflösende Wünsche

Wir hatten in Sutra I-13 von Deshpande gehört: Wenn die Vrittis - die Bewegungen im Geist - eine Pause einlegen, nennt sich dies Sthiti - Ruhezustand. Deshpande betont, dass Sthiti in der Erscheinungswelt unbekannt ist, da es darin eine ununterbrochene Kontinuität von Ereignissen gibt. Sthiti gehört bereits einer anderen "Seinsordnung" an, das Bemühen um diese Pause der Ruhe wird "Übung oder Praxis" (Abhyasa) genannt.

Warum wiederhole ich das hier? Weil Deshpande davon ausgeht, dass ein immer längeres und konstantes Verweilen in diesen Sthitis direkt zu einem Abnehmen des Begehrens führt. Ohne - Erläuterung von mir - dass der Yogi diesen Verzicht dann noch zusätzlich willentlich erzwingen muss.

Deshpande definiert übrigens Vairagya als "Loslösung aus der Identifizierung mit den Vrittis".

Verzicht auf allen Ebenen

Es geht bei Vairagya also nicht um gelegentliche Askese, den Fastentag oder die Beschränkung auf zwei Glas Bier am Abend. Vielmehr ist eine Geisteshaltung das Ziel, welche das Verlangen nach sinnlichen Objekten oder den Versprechungen der spirituellen Offenbarungen abschreckt. Wohlgemerkt schreckt das Verlangen, nicht die Dinge an sich.

blume nacht 2 700

Sivananda hatte wohl einen ähnlichen Kompromiss im Sinne, als er dazu riet, durchaus weiterhin den Duft einer Blume genießen zu können, während man seine weltliche Aufgabe im Leben erfüllt ...

Motivation erhalten

Sukadev verweist darauf, dass Konsequenz im Bemühen um Verzicht den Weg erleichtert. Lieber mit kleinen Dingen beginnen, diese dann aber konsequent sein lassen. Zudem empfiehlt er zusätzlich, den eigenen Geist für das Durchhalten zu loben.

Gleichzeitig mahnt er, den eigenen Geist nicht zu überfordern, wenn der Beginn von Vairagya gut geklappt hat. Dann sollte man nicht gleich auf alles verzichten wollen. Irgendwann kommt es dadurch unweigerlich zu Rebellion des eigenen Unbewussten und man wird wieder weit zurückgeworfen. Hier muss jeder sich sensibel an jene Bemühung herantasten, die fordert aber nicht über-fordert.

Der Lohn

Manche betrachten Verzicht als das Zeichen eines reifen Geistes. Govindan beschreibt den Zustand so, dass in einem freien Geist die Dinge wie Wolken an einem vorüberziehen, ohne dass man danach haschen mag.

Govindan sagt als einer der wenigen relativ klar, dass Nicht-Anhaften nicht bedeutet, dass wir auf die jeweiligen Objekte verzichten müssen. Es geht (lediglich) um das Aufgeben des Begehrens nach diesen Objekten oder Zuständen. Er definiert Verlangen als "... sich vorzustellen, wie reizvoll eine Sache wäre, wenn man sie besitzen würde."

Grade der Nicht-Anhaftung

Nach Iyengar unterteilt sich Vairagya in fünf Stufen:

  1. Stufe I: Yatama: Kontrolle der Sinne
    Den Sinnen wird abgewöhnt, an den wahrgenommenen Objekten Freude zu empfinden. Man muss die Sinne nacheinander bezwingen, nicht alle auf einmal.
  2. Stufe II: Vyatireka - Kontrolle der Begierden
    Der Geist soll so der Anziehungskraft des wahren Selbstes folgen können.
  3. Stufe III: Meisterung des inneren Sinnes
    Wenn die beiden vorhergehenden Stufen gemeistert sind, bleibt noch ein schwaches Begehren des inneren Sinnes (Ekendriya). Dies teilt in das Begehren nach äußeren Objekten und nach Selbstverwirklichung auf. Ersteres ist zu zügeln, damit Letzteres zum Tragen kommt.
  4. Stufe IV: Vasikara
    Alles Begehren ist überwunden, alle Sinne gebändigt. Der Yogi lässt nun auch den Wunsch nach geistigen Phantasien abklingen.
  5. Stufe V: Paravairagya
    Frei von Sattva, Rajas und Tamas nimmt sich der Yogi selbst und andere nicht mehr für wichtig.

Durchhalten!

Iyengar mahnt am Schluss der Besprechung dieser Sutra, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben. Er kenne viele, die zunächst wirksam Verzicht geübt haben und dann doch wieder den weltlichen Freuden verfallen sind. Er meint, Yoga könne als das Fliegen eines Vogels betrachtet werden, dass ja auch beider Flügel, Abhyasa (Übung) und Vairagya (Verzicht), bedarf.

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