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dṛṣṭa-anuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśīkāra-saṁjṇā vairāgyam
दृष्टानुश्रविकविषयवितृष्णस्य वशीकारसञ्ज्ञा वैराग्यम्

In dieser Sutra beschreibt Patanjali den Endzustand des Übens der Nicht-Anhaftung. Interessant ist, dass viele Kommentatoren diese Sutra dahingehend auslegen, dass Patanjali hierbei auch das Begehren rein spiritueller Wonnezustände im Auge hatte. Sivananda hält (ein wenig) dagegen.

Müssen wir unseren Willen bemühen oder kommt die Freiheit durch das Yoga-Praktizieren quasi "von alleine"?

Punkt 1

Bedeutung und Übersetzung des verwendeten Sanskrits

Zunächst hier die Übersetzungsmöglichkeiten für die einzelnen Worte, damit du die Übersetzung selbst für ein besseres Verständnis variieren kannst:

  • Drishta, Drîshta = gesehen, sichtbar;
  • Anushravika, ânushravika = gehört (von anderen), verheißen, enthüllt, gelernt;
  • Vishaya = Objekte (der Erfahrung), Dinge, Phänomene;
  • Vitrishna-sya, vitëæñasya = von dem, der aufgehört hat zu dürsten, der Durstlose, ohne Wollen oder Anhaftung, Durstlosigkeit;
  • Vashikara-Samjna, vashîkâra–samjñâ, vaåîkâra saäjõâ = Bewusstsein vollkommener Beherrschung, im Gleichgewicht, Meisterung des Verständnis;
  • Vairagyam, vairâgyam = Nichtanhaften, Losgelöstsein, leidenschaftslos, ohne Reaktion,

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Übersetzungsvarianten und -hinweise (Quellen)

Hervorhebungen weisen auf Besonderheiten der jeweiligen Übersetzung hin. Übertragungen aus dem Englischen sind Eigenübersetzungen.

  • Vairagya ist der Bewusstseinszustand der Verhaftungslosigkeit, indem das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Dingen durch einen starken Willen beherrscht wird.
  • Das Nicht-Verlangen nach sichtbaren oder hörbaren Objekten ist die Loslösung, die Selbstbeherrschung genannt wird.
  • Verzicht ist das Üben des inneren Freiseins von Wünschen.
  • Wenn der Durst nach erfahrenen oder gehörten Objekten erlischt, bleibt der Geist im Gleichgewicht und Gleichmut tritt auf.
  • Wenn der Yogi die völlige Loslösung von der Welt der Erscheinungen erreicht hat, ist jener Zustand, der bindungslos genannt wird, erreicht.
  • Gelassenheit ist gemeistert, wenn man nach dem, was man sieht oder hört, nicht mehr verlangt.
  • Man kann den Erfolg des Übens daran erkennen, dass keinerlei Anhaften an irgendetwas mehr aufkommt, weder an direkt Erfahrenem noch an Gelerntem.
  • Die Überwindung, geschaute oder gehörte Objekte nicht mehr zu verlangen, nennt sich Entsagung.
  • Wenn der Geist jeden Wunsch für alle Objekte, gesehene oder beschriebene, verliert, hat er einen Status von völliger Wunschlosigkeit erreicht, der Ablösung genannt wird.
  • Das Bewusstsein von perfekter Beherrschung der Wünsche von Einem, der aufgehört hat, sichtbare oder unsichtbare Objekte zu begehren, ist Vairagya.
  • Vairagya-Nicht-Anhaften ist das volle Wissen von einem, der nicht an Visaya-Objekten klammert, welche erfahren oder beschrieben werden können.
  • Leidenschaftslosigkeit ist das Zeichen der Meisterung über das Verlangen von sinnlichen Objekten.
  • Das Bewusstsein der Selbstmeisterung in einem, der frei ist vom Verlangen nach sehbaren oder hörbaren Objekten, ist Nicht-Anhaftung.
  • Nicht-Anhaften ist Selbstbeherrschung; es ist Freiheit vom Wünschen nach dem, was gesehen oder gehört werden kann.
  • Der Effekt, der zu jenen kommt, die ihren Durst nach sichtbaren oder hörbaren Objekten aufgegeben haben, und deren Wille die Objekte steuert, ist Nicht-Anhaften.
  • Verhaftungslosigkeit ist jener Zustand, in dem der Wille den Durst nach den Dingen besänftigt hat.
  • Vairagya oder Verzicht ist bekannt als der Akt des Bezwingens der Wünsche nach sichtbaren oder wiederholt in den heiligen Schriften gehörten Objekten.
  • Gelassenheit ist die Balance im Geist, wenn der Wunsch nach allen sichtbaren oder hörbaren Dingen verlischt.
  • Leidenschaftslosigkeit ist die elegante Willenskraft von jemanden, der ohne Durst für sinnliche und offenbarte Objekte ist.

Zu den Quellen

Buchbesprechungen, Erläuterungen zur Auswahl der Übersetzungsvarianten und allgemeine Hinweise zur Sutraübersetzung findest du im zugehörigen Artikel. Hier nun die Kurzauflistung:

Bücher

Internetseiten

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Wie würdest du diese Sutra übersetzen? Manchmal ergeben schon kleine Wortveränderungen ganz neue Aspekte. Trau dich ... :-)

 

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Punkt 3

Siehe als Einführung zunächst die Erläuterungen zu Sutra I-12.

Yoga Sutra I-12: Die bewusste Kontrolle der Bewegungen im Geist wird durch Übung und Verhaftungslosigkeit erlangt

Der Wille

Für Vairagya ist laut Patanjali gemäß der meisten Kommentatoren - zumindest am Anfang - Willenskraft vonnöten. Später, nach beharrlicher Bemühung, siehe die nächste Sutra I-16, kommt die gewünschte Geisteshaltung (mehr oder weniger) von alleine.

Dem Yogi ist es übrigens freigestellt, alle auch nicht-yogischen Techniken zum Erreichen der Nicht-Anhaftung zu nutzen. Im Yoga zählt lediglich das Resultat, es gibt kein "Stammesdünkel".

Wenn du eher dem Pfad des Bhakti-Yogas, der Hingabe, folgst, wirst du vermutlich weniger Willenskraft aufbringen müssen als im Raja-Yoga, bei dem die Willenskraft stärker zur Erlangung der Freiheit im Fokus steht.

schritt fuer schritt

Citta in Balance

Das hier beschriebene Nicht-Anhaften muss also zunächst mit Willenskraft geübt werden. So es sich fester und fester manifestiert, bringt es unseren Geist (=Citta) in ein Gleichgewicht. Nicht mehr hin- und hergerissen zu Wünschen nach diesem oder jenem. Das Citta kommt zur Ruhe und das wahre Selbst kann erkannt werden.

Sich von selbst auflösende Wünsche

Wir hatten in Sutra I-13 von Deshpande gehört: Wenn die Vrittis - die Bewegungen im Geist - eine Pause einlegen, nennt sich dies Sthiti - Ruhezustand. Deshpande betont, dass Sthiti in der Erscheinungswelt unbekannt ist, da es darin eine ununterbrochene Kontinuität von Ereignissen gibt. Sthiti gehört bereits einer anderen "Seinsordnung" an, das Bemühen um diese Pause der Ruhe wird "Übung oder Praxis" (Abhyasa) genannt.

Warum wiederhole ich das hier? Weil Deshpande davon ausgeht, dass ein immer längeres und konstantes Verweilen in diesen Sthitis direkt zu einem Abnehmen des Begehrens führt. Ohne - Erläuterung von mir - dass der Yogi diesen Verzicht dann noch zusätzlich willentlich erzwingen muss.

Deshpande definiert übrigens Vairagya als "Loslösung aus der Identifizierung mit den Vrittis".

Verzicht auf allen Ebenen

Es geht bei Vairagya also nicht um gelegentliche Askese, den Fastentag oder die Beschränkung auf zwei Glas Bier am Abend. Vielmehr ist eine Geisteshaltung das Ziel, welche das Verlangen nach sinnlichen Objekten oder den Versprechungen der spirituellen Offenbarungen abschreckt. Wohlgemerkt schreckt das Verlangen, nicht die Dinge an sich.

blume nacht 2 700

Sivananda hatte wohl einen ähnlichen Kompromiss im Sinne, als er dazu riet, durchaus weiterhin den Duft einer Blume genießen zu können, während man seine weltliche Aufgabe im Leben erfüllt ...

Motivation erhalten

Sukadev verweist darauf, dass Konsequenz im Bemühen um Verzicht den Weg erleichtert. Lieber mit kleinen Dingen beginnen, diese dann aber konsequent sein lassen. Zudem empfiehlt er zusätzlich, den eigenen Geist für das Durchhalten zu loben.

Gleichzeitig mahnt er, den eigenen Geist nicht zu überfordern, wenn der Beginn von Vairagya gut geklappt hat. Dann sollte man nicht gleich auf alles verzichten wollen. Irgendwann kommt es dadurch unweigerlich zu Rebellion des eigenen Unbewussten und man wird wieder weit zurückgeworfen. Hier muss jeder sich sensibel an jene Bemühung herantasten, die fordert aber nicht über-fordert.

Der Lohn

Manche betrachten Verzicht als das Zeichen eines reifen Geistes. Govindan beschreibt den Zustand so, dass in einem freien Geist die Dinge wie Wolken an einem vorüberziehen, ohne dass man danach haschen mag.

Govindan sagt als einer der wenigen relativ klar, dass Nicht-Anhaften nicht bedeutet, dass wir auf die jeweiligen Objekte verzichten müssen. Es geht (lediglich) um das Aufgeben des Begehrens nach diesen Objekten oder Zuständen. Er definiert Verlangen als "... sich vorzustellen, wie reizvoll eine Sache wäre, wenn man sie besitzen würde."

Grade der Nicht-Anhaftung

Nach Iyengar unterteilt sich Vairagya in fünf Stufen:

  1. Stufe I: Yatama: Kontrolle der Sinne
    Den Sinnen wird abgewöhnt, an den wahrgenommenen Objekten Freude zu empfinden. Man muss die Sinne nacheinander bezwingen, nicht alle auf einmal.
  2. Stufe II: Vyatireka - Kontrolle der Begierden
    Der Geist soll so der Anziehungskraft des wahren Selbstes folgen können.
  3. Stufe III: Meisterung des inneren Sinnes
    Wenn die beiden vorhergehenden Stufen gemeistert sind, bleibt noch ein schwaches Begehren des inneren Sinnes (Ekendriya). Dies teilt in das Begehren nach äußeren Objekten und nach Selbstverwirklichung auf. Ersteres ist zu zügeln, damit Letzteres zum Tragen kommt.
  4. Stufe IV: Vasikara
    Alles Begehren ist überwunden, alle Sinne gebändigt. Der Yogi lässt nun auch den Wunsch nach geistigen Phantasien abklingen.
  5. Stufe V: Paravairagya
    Frei von Sattva, Rajas und Tamas nimmt sich der Yogi selbst und andere nicht mehr für wichtig.

Durchhalten!

Iyengar mahnt am Schluss der Besprechung dieser Sutra, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben. Er kenne viele, die zunächst wirksam Verzicht geübt haben und dann doch wieder den weltlichen Freuden verfallen sind. Er meint, Yoga könne als das Fliegen eines Vogels betrachtet werden, dass ja auch beider Flügel, Abhyasa (Übung) und Vairagya (Verzicht), bedarf.

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Der Stoff der Sutras ist für uns heutige Menschen nicht leicht zu verstehen. Ist im obigen Text irgendetwas nicht ganz klar geworden? Vielen Dank vorab für jeden entsprechenden Hinweis oder eine Anregung:

 

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Übung zu Yoga Sutra I-15

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche:

Liste einige Objekte, Menschen oder Zustände auf, die du (immer noch :-) ) begehrst. Suche dir einen(!) Punkt deiner Liste aus (einen einfachen), bei dem du diese Woche Vairagya üben willst. Ziehe nach dieser Woche Bilanz, wie sich dieses Bemühen um Nicht-Wünschen nach diesem "Objekt oder Geisteszustand" ausgewirkt hat.

Dies könnte - ein beliebiges Beispiel - beim Joggen das Unterdrücken des Verlangens nach Erreichen einer bestimmten Zeit oder Strecke sein. Wie fühlt sich "reines Joggen" ohne inneren Wunsch nach einem bestimmten So-Soll-Das-Joggen-Sein an?

 

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Yoga Sutra II-55: Dadurch wird die Beherrschung der Sinne gemeistert

 
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Video zu Sutra I-15

Erfolg in der Meditation - die Sutras I-12 bis I-16.

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