Yesudian Yoga – Philosophie, Praxis und Alltag verständlich erklärt
Yesudian Yoga steht für einen Yogaweg, der nicht auf Effekte, Trends oder körperliche Höchstleistungen setzt, sondern auf Klarheit, Bewusstheit und innere Stabilität. Dieser Artikel bietet eine fundierte Orientierung für alle, die verstehen möchten, wie Yesudian Yoga entstanden ist, wofür er steht und wie sich seine Prinzipien sinnvoll in den Alltag integrieren lassen. Der Fokus liegt dabei auf praktischer Einordnung, realistischer Wirkung und der Frage, für wen dieser ruhige, konsequente Yogaweg wirklich geeignet ist.
Kurz zusammengefasst
- Ganzheitlicher Yogaweg
Yesudian Yoga verbindet Körper, Atem, Geist und Lebensführung zu einem geschlossenen Übungssystem. Ziel ist nicht Leistung, sondern innere Ordnung und bewusste Selbstführung. - Ursprung und Ansatz
Der Yogaweg geht auf Selvarajan Yesudian zurück und entstand bewusst im europäischen Kontext des 20. Jahrhunderts. Yoga wird hier als praktikabler Lebensweg für den modernen Alltag verstanden. - Philosophische Ausrichtung
Im Mittelpunkt stehen Selbstbeobachtung, Achtsamkeit und ethische Klarheit. Die klassische Yogaphilosophie wird nicht theoretisch, sondern alltagsnah vermittelt. - Körperarbeit mit Bewusstsein
Asanas sind Mittel zum Zweck, nicht Ziel an sich. Die Praxis legt Wert auf präzise Ausführung, individuelle Anpassung und die Schulung von Wahrnehmung statt äußerer Form. - Atem und Geistesschulung
Pranayama, Konzentrationsübungen und Meditation dienen der Regulierung des Nervensystems und der Entwicklung geistiger Klarheit – ohne esoterische Überhöhung. - Alltagstauglichkeit
Yesudian Yoga zeigt seine Wirkung besonders im Umgang mit Stress, Emotionen und Konflikten. Yoga endet nicht auf der Matte, sondern begleitet Entscheidungen und Beziehungen. - Zielgruppe und Charakter
Geeignet für Einsteiger, für Menschen mit Interesse an persönlicher Entwicklung und für Praktizierende, die Tiefe statt Perfektion suchen. Die Praxis ist ruhig, konsequent und langfristig angelegt. - Abgrenzung zu anderen Yogastilen
Im Unterschied zu dynamischen Yogastilen oder rein meditativen Wegen zeichnet sich Yesudian Yoga durch die Balance von Praxis, Ethik und Alltagstauglichkeit aus.
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Einleitung: Was ist Yesudian Yoga?
Yesudian Yoga ist kein weiterer modischer Yogastil, der mit spektakulären Körperhaltungen oder fließenden Choreografien um Aufmerksamkeit wirbt. Vielmehr handelt es sich um einen ganzheitlichen Yogaweg, der den Menschen in seiner Gesamtheit anspricht – mit Körper, Atem, Geist und Lebensführung. Genau darin liegt seine besondere Stärke, aber auch seine klare Position innerhalb der vielfältigen Yogalandschaft.
Innerhalb der großen Yoga-Traditionen lässt sich Yesudian Yoga nicht eindeutig einer einzelnen Schule zuordnen. Es ist weder rein körperlich orientiert wie viele moderne Yogarichtungen, noch ausschließlich philosophisch oder meditativ. Stattdessen verbindet es klassische yogische Prinzipien mit einer alltagstauglichen Praxis, die bewusst auf den westlichen Menschen zugeschnitten ist. Yoga wird hier nicht als Rückzug aus dem Leben verstanden, sondern als Werkzeug, um mitten im Alltag wacher, stabiler und klarer zu werden.
Die zentrale Leitfrage lautet daher: Was unterscheidet Yesudian Yoga von anderen Yogawegen?
Die Antwort ist ebenso schlicht wie anspruchsvoll: Haltung vor Leistung. Im Yesudian Yoga geht es weniger darum, wie tief du in eine Asana kommst, sondern darum, wie du ihr begegnest. Aufmerksamkeit, innere Ruhe und bewusste Steuerung stehen über äußerer Form. Körperübungen dienen nicht der Selbstdarstellung, sondern der Schulung von Wahrnehmung und Selbstführung.
Typisch für Yesudian Yoga ist der konsequente Dreiklang aus Körperarbeit, Atemlenkung und geistiger Ausrichtung. Jede Bewegung ist eingebettet in den Atem, jede Übung wird von innerer Beobachtung begleitet. Daraus entsteht ein Praxisgefühl, das viele als ruhig, klärend und überraschend tief beschreiben. Nicht selten berichten Übende, dass sich die Wirkung weniger spektakulär, dafür nachhaltiger entfaltet – wie ein leiser, aber stetiger Strom.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Lebensführung. Yesudian Yoga endet nicht auf der Matte. Die Praxis soll helfen, im Alltag bewusster zu handeln, Emotionen besser zu regulieren und Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen. Das macht diesen Yogaweg besonders interessant für Menschen, die nicht nur entspannen, sondern sich innerlich weiterentwickeln möchten – ohne dogmatisch oder weltfremd zu werden.
Was sind die wichtigsten Kennzeichen von Yesudian-Yoga?
Yesudian-Yoga enthält Elemente aus Hatha-Yoga, Raja-Yoga, Jnana-Yoga, Bhakti-Yoga und Karma-Yoga. Die Übungen – Pranayama und Asanas – sind Hatha-Yoga-Übungen, aber durch die Bewusstseinslenkung, die kontemplativ ausgeführten Atem- und Körperübungen, das Einfühlen in die Position und die abschließenden Affirmationen wird der Wert des geistigen Yogas betont.
Erläuterungen zum Yesudian-Hatha-Yoga im Video
Mit Klick auf dem Button wird eine Verbindung zu Youtube hergestellt und die bei Youtube üblichen Daten erhoben und Cookies gesetzt.
Auch die zu Beginn der Stunde gehaltenen kurzen Vorträge über Yogaphilosophie und Lebensphilosophie sind ein wichtiger Bestandteil von Yesudian-Yoga. Sie fördern ein tieferes Verständnis von Yoga und den Zusammenhängen des Lebens und dienen somit der Charakterbildung und der mentalen und körperlichen Stärkung des Übenden. Yesudian-Yoga zeichnet sich auch dadurch aus, dass es von jedem Menschen geübt werden kann, vom Kind bis ins hohe Alter.
Selvarajan Yesudian hat in seinem Buch auch auf weitere gesunde Betätigungen, zum Beispiel das Schwimmen, hingewiesen und vertritt eine breite Auslegung des Yoga-Lebens. Er selbst schildert in seinem Buch die Geschichte seiner Genesung durch Yoga. (Dies war übrigens mein erstes Yogabuch und hat mir sehr gut gefallen)
Eine Yogastunde im Stil von Yesudian hat eine klare Strukturierung:
- Kurze Versenkung – in aufrechter Sitzhaltung Ruhe erleben (mit Affirmation, Sankalpa ...),
- kurze Vorträge über Yoga-Philosophie,
- Atemübungen mit vollständiger Yogi-Atmung,
- Pranayama und Asanas mit Affirmationen,
- umgekehrte Übung (Regeneration),
- Meditation,
- Tiefenentspannung (Savasana, Yoga Nidra, Entspannungstechniken).
Beispiele für Affirmationen während der Übungen sind:
- Ich bin elastisch im Körper, auch in den Gedanken.
- Mein ganzes Nervensystem ist voller Lebenskraft.
- Meine inneren Organe arbeiten besser und besser, von Moment zu Moment.
Ursprung und Begründer
Begründer dieses Yogaweges ist Selvarajan Yesudian, 1916 in Indien geboren. Er kam 1937 nach Ungarn und brachte als einer der ersten Yoga nach Europa des 20. Jahrhunderts – einer Zeit, in der Yoga zwar zunehmend bekannt, aber oft missverstanden war. In diesem Spannungsfeld zwischen östlicher Weisheit und westlicher Lebensrealität entwickelte sich ein Ansatz, der bis heute bemerkenswert aktuell wirkt. Zusammen mit der Ungarin Elisabeth Haich gründete er in Budapest die erste Yogaschule, die schnell auf großes Interesse in der Bevölkerung stieß und sich einer wachsenden Beliebtheit erfreute. Ihre Bücher erfuhren große Verbreitung und waren für viele westliche Yogalehrer ein erster Inspirationsschritt.
Nach dem Krieg eröffnete die Yogaschule Yesudian-Haich in der Schweiz Schulen in mehreren großen Städten (Zürich, St. Gallen, Luzern, Bern) und die Yoga-Sommerschule in Ponte Tresa, die jährlich tausende von Besuchern anzog. 1990 übergab Selvarajan Yesudian die Schule in St. Gallen seinem langjährigen Mitarbeiter Rolf Heim, der zusammen mit seiner Frau Susy Heim seither die Schule weiterführt. Der Tradition verpflichtet unterrichten Rolf und Susy Heim Yesudian-Yoga, das man als klassische und ursprüngliche Yogaform bezeichnen kann.
Yesudian erkannte früh, dass viele klassische yogische Methoden ohne Anpassung an den westlichen Alltag entweder missverstanden oder überfordert aufgenommen wurden. Stattdessen entwickelte er eine klare, strukturierte Vermittlung, die Disziplin mit Menschlichkeit verband. Seine Lehre betonte Selbsterziehung, Verantwortungsbewusstsein und innere Ordnung – Themen, die besonders im Nachkriegseuropa auf fruchtbaren Boden fielen.
Ein wesentlicher Teil seines Wirkens bestand darin, Yoga entmystifiziert und zugleich vertieft zu vermitteln. Yesudian sprach offen darüber, dass Yoga kein schneller Weg zu Glück oder Erleuchtung sei. Fortschritt entstehe durch regelmäßige Übung, ehrliche Selbstbeobachtung und die Bereitschaft, sich auch den eigenen Schwächen zu stellen. Diese nüchterne Klarheit unterscheidet Yesudian Yoga bis heute von vielen idealisierten oder kommerzialisierten Yogaformen.
Die Zielsetzung war klar formuliert: Yoga als praktikabler Lebensweg für den modernen Menschen. Nicht asketischer Rückzug, sondern innere Stabilität im Berufsleben. Nicht spirituelle Flucht, sondern bewusste Gestaltung von Beziehungen, Arbeit und Gesundheit. Genau dieser Anspruch macht Yesudian Yoga für viele Menschen in Deutschland besonders zugänglich – gerade für jene, die Bodenhaftung schätzen und dennoch Tiefe suchen.
Kritisch betrachtet lässt sich anmerken, dass Yesudian Yoga weniger Raum für freie Interpretation oder kreative Spielformen lässt als manche zeitgenössischen Yogastile. Die klare Struktur und der erzieherische Anspruch können als fordernd empfunden werden. Doch gerade darin liegt für viele der Reiz: ein Yogaweg mit Haltung, Klarheit und Substanz, der nicht jedem Trend hinterherläuft.
Philosophische Grundlagen
Im Kern versteht Yesudian Yoga Yoga nicht als Sammlung von Techniken, sondern als Schulung von Bewusstsein und Charakter. Diese Perspektive wirkt zunächst unspektakulär, entfaltet ihre Tragweite jedoch erst mit der Zeit. Denn hier geht es nicht um kurzfristige Effekte, sondern um eine nachhaltige innere Ausrichtung: Wie denkst du? Wie reagierst du? Und wie gehst du mit dir selbst und anderen um, wenn es unbequem wird?
Philosophisch steht Yesudian Yoga fest auf dem Boden der klassischen Yogaphilosophie, insbesondere jener Gedanken, die im Yoga Sutra formuliert wurden. Doch diese Konzepte werden nicht als abstraktes Gedankengebäude behandelt. Sie dienen vielmehr als praktische Orientierung für den Alltag. Begriffe wie Disziplin, Selbstverantwortung oder innere Sammlung bekommen dadurch eine greifbare Bedeutung – nicht im stillen Kämmerlein, sondern im echten Leben.
Zentral ist die Verbindung von drei Ebenen:
- klassische Yogaphilosophie,
- ethische Grundsätze und
- westliche Lebensrealität.
Yesudian Yoga stellt dabei unbequeme Fragen. Wie ehrlich bist du mit dir selbst? Wo reagierst du automatisch, statt bewusst zu handeln? Und wie sehr bestimmst du dein Leben – oder wirst du von Gewohnheiten gesteuert? Ethik ist hier kein moralischer Zeigefinger, sondern ein Instrument zur inneren Klärung.
Ein Schlüsselbegriff ist die Selbstbeobachtung. Sie gilt als Voraussetzung für jede Veränderung. Wer sich selbst nicht wahrnimmt, kann auch nichts lenken. In der Praxis bedeutet das: Gedanken, Emotionen und körperliche Reaktionen werden registriert, ohne sie sofort zu bewerten. Diese Form der Achtsamkeit ist nüchtern, klar und manchmal ernüchternd. Sie schärft den Blick für eigene Muster – und genau darin liegt ihre Kraft.
Ebenso wichtig ist die innere Haltung, mit der geübt und gelebt wird. Yesudian Yoga legt Wert auf Ernsthaftigkeit ohne Verbissenheit. Fortschritt entsteht nicht durch Druck, sondern durch Konsequenz. Das kann fordernd sein, weil es keine Abkürzungen gibt. Gleichzeitig empfinden viele diese Klarheit als entlastend: Man weiß, woran man ist, und muss sich nichts vormachen.

Die Rolle des Körpers im Yesudian Yoga
Der Körper spielt im Yesudian Yoga eine zentrale Rolle – allerdings nicht als Bühne für Leistung oder Perfektion. Asanas sind Mittel, nicht Selbstzweck. Sie dienen dazu, den Körper zu ordnen, den Atem zu vertiefen und die Wahrnehmung zu schärfen. Wer erwartet, hier ständig neue, spektakuläre Haltungen zu lernen, wird möglicherweise enttäuscht. Wer bereit ist, bekannte Übungen neu zu erleben, hingegen nicht.
Im Vordergrund steht die bewusste Ausführung. Jede Bewegung wird langsam aufgebaut, jede Haltung aufmerksam eingenommen. Kleine Korrekturen sind wichtiger als große Fortschritte. Die Frage lautet nicht: Wie weit komme ich?, sondern: Wie präsent bin ich? Diese Herangehensweise verändert das Körpergefühl spürbar. Übungen fühlen sich oft intensiver an, obwohl sie äußerlich unscheinbarer wirken.
Ein weiterer Grundpfeiler ist die individuelle Anpassung. Yesudian Yoga geht davon aus, dass kein Körper dem anderen gleicht – weder anatomisch noch funktionell. Übungen werden daher nicht normiert, sondern angepasst. Das schützt nicht nur vor Überforderung, sondern fördert auch ein realistisches Verhältnis zum eigenen Körper. Ehrgeiz wird bewusst gebremst, Selbstwahrnehmung gestärkt.
Charakteristisch ist zudem die enge Verbindung von Bewegung und Wahrnehmung. Der Körper wird zum Übungsfeld für geistige Klarheit. Spannungen, Ausweichbewegungen oder innere Unruhe werden nicht ignoriert, sondern bewusst wahrgenommen. Genau hier unterscheidet sich Yesudian Yoga deutlich von leistungs- oder fitnessorientierten Yogastilen, bei denen häufig Dynamik, Schweiß oder äußere Form dominieren.
Kritisch betrachtet kann diese reduzierte Praxis für manche Menschen zunächst monoton wirken. Es fehlt der „Flow“, das Tempo, der sichtbare Kick. Doch wer bleibt, stellt oft fest: Die Tiefe entsteht nicht durch Vielfalt, sondern durch Wiederholung mit Bewusstsein. Und genau das macht die Körperarbeit im Yesudian Yoga so nachhaltig.
Atem, Konzentration und Geistesschulung
Der Atem nimmt im Yesudian Yoga eine Schlüsselrolle ein. Pranayama wird nicht als isolierte Technik verstanden, sondern als Brücke zwischen Körper und Geist. Über den Atem lässt sich das Nervensystem direkt beeinflussen – ein Aspekt, der gerade im stressgeprägten Alltag moderner Menschen enorm relevant ist.
Die Atemlenkung erfolgt ruhig, präzise und ohne Zwang. Es geht nicht um Atemrekorde oder intensive Effekte, sondern um Regulierung und Verfeinerung. Viele Übende berichten, dass sich schon nach kurzer Zeit ein stabileres inneres Gleichgewicht einstellt. Der Atem wird gleichmäßiger, Gedanken verlieren an Schärfe, Reaktionen werden bewusster.
Eng damit verbunden ist die Schulung der Konzentration. Yesudian Yoga geht davon aus, dass ein unruhiger Geist nicht durch Ablenkung zur Ruhe kommt, sondern durch klare Ausrichtung. Konzentrationsübungen werden daher systematisch aufgebaut – oft unspektakulär, aber wirkungsvoll. Der Geist lernt, bei einer Sache zu bleiben, ohne sich ständig zu verzetteln.
Meditative Elemente sind fester Bestandteil der Praxis, jedoch ohne esoterische Überhöhung. Es gibt keine Versprechen von Erleuchtung oder transzendenten Erfahrungen. Meditation wird als nüchternes Training verstanden: Sitzen, wahrnehmen, beobachten. Gedanken dürfen kommen und gehen, ohne verfolgt oder bekämpft zu werden. Diese Schlichtheit ist für viele zunächst ungewohnt, entpuppt sich aber als erstaunlich befreiend.
Zusammen bilden Atem, Konzentration und Meditation eine Art innere Infrastruktur. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Yoga nicht an der Oberfläche bleibt. Im Yesudian Yoga wird der Geist nicht beruhigt, um sich gut zu fühlen, sondern um klarer zu sehen. Und genau diese Klarheit wirkt oft weit über die Übung hinaus – hinein in Entscheidungen, Beziehungen und den Umgang mit sich selbst.
Yesudian Yoga im Alltag
Der eigentliche Prüfstein für Yesudian Yoga ist nicht die Yogamatte, sondern der Alltag. Die Praxis will sich bewähren, wenn Termine drängen, Konflikte schwelen oder Emotionen hochkochen. Genau hier zeigt sich, ob Yoga mehr ist als eine angenehme Auszeit. Im Yesudian Yoga wird bewusst darauf hingearbeitet, das im Üben Entwickelte in Beruf, Familie und soziale Beziehungen zu übertragen.
Konkret bedeutet das: innehalten, bevor man reagiert. Den Atem wahrnehmen, wenn Stress aufkommt. Gedanken beobachten, statt sich reflexhaft mit ihnen zu identifizieren. Diese Fähigkeiten entstehen nicht über Nacht, sie wachsen schrittweise. Doch viele Übende berichten, dass sich ihr Umgang mit Belastungen verändert – nicht dramatisch, aber spürbar. Man wird weniger getrieben, etwas klarer im Kopf, ein wenig souveräner im Auftreten.
Der Umgang mit Stress, Emotionen und inneren Konflikten ist dabei ein zentrales Thema. Yesudian Yoga verspricht keine dauerhafte Gelassenheit. Ärger, Angst oder Zweifel gehören weiterhin zum Leben. Der Unterschied liegt im Umgang damit. Statt Emotionen zu unterdrücken oder auszuleben, wird gelernt, sie bewusst wahrzunehmen und zu regulieren. Das schafft Handlungsspielraum – gerade in Situationen, in denen man früher automatisch reagiert hätte.
In diesem Sinne versteht sich Yesudian Yoga als Lebenskunst, nicht als isolierte Technik. Yoga findet statt, wenn du im Gespräch zuhörst, statt innerlich zu kontern. Wenn du Pausen zulässt, statt dich dauerhaft zu überfordern. Oder wenn du bereit bist, Verantwortung für dein Denken und Handeln zu übernehmen. Die Matte ist Trainingsraum – das Leben das eigentliche Spielfeld.
Für wen ist Yesudian Yoga geeignet?
Yesudian Yoga richtet sich an Menschen, die Tiefe suchen, ohne sich von großen Versprechen blenden zu lassen. Besonders geeignet ist dieser Yogaweg für Einsteiger ohne Vorkenntnisse. Die Praxis setzt kein besonderes Maß an Beweglichkeit oder spirituelle Erfahrung voraus. Stattdessen wird Schritt für Schritt aufgebaut, mit klaren Anleitungen und realistischen Erwartungen.
Auch Menschen mit Interesse an persönlicher Entwicklung finden hier einen verlässlichen Rahmen. Yesudian Yoga spricht jene an, die sich selbst besser verstehen, bewusster handeln und innerlich stabiler werden möchten. Die Verbindung von Körperarbeit, Atemschulung und geistiger Ausrichtung bietet dafür ein solides Fundament – frei von Dogmatismus, aber nicht beliebig.
Darüber hinaus ist dieser Ansatz besonders für Praktizierende geeignet, die Tiefe statt äußerer Perfektion suchen. Wer wenig Interesse an akrobatischen Haltungen oder ständigem Fortschrittsdruck hat, fühlt sich hier oft gut aufgehoben. Die Praxis ist sanft, nachhaltig und langfristig ausgerichtet. Fortschritt wird nicht an äußeren Formen gemessen, sondern an innerer Klarheit und Stabilität.
Wichtig zu wissen: Yesudian Yoga verlangt Geduld. Die Effekte sind subtiler als bei sehr dynamischen Yogastilen. Wer schnelle Erfolge oder starke körperliche Reize sucht, könnte sich anfangs unterfordert fühlen. Wer jedoch bereit ist, dranzubleiben, entdeckt häufig eine Tiefe, die sich nicht so schnell wieder verliert.
Abgrenzung zu anderen Yogastilen
Im Vergleich zu körperlich dynamischen Yogastilen wie Vinyasa oder Ashtanga setzt Yesudian Yoga bewusst andere Schwerpunkte. Dynamik, Kraft und fließende Übergänge stehen hier nicht im Vordergrund. Stattdessen dominieren Präzision, Ruhe und bewusste Ausführung. Der Körper wird geschult, aber nicht an seine Grenzen getrieben. Leistung ist kein Maßstab.
Gleichzeitig unterscheidet sich Yesudian Yoga auch von rein meditativ-philosophischen Wegen, bei denen der Körper oft eine untergeordnete Rolle spielt. Die körperliche Praxis bleibt ein zentrales Element, jedoch eingebettet in einen größeren Zusammenhang. Körper, Atem und Geist werden als untrennbare Einheit betrachtet – keiner dieser Aspekte soll isoliert entwickelt werden.
Das Alleinstellungsmerkmal von Yesudian Yoga liegt in der Balance zwischen Praxis, Ethik und Alltagstauglichkeit. Die Übungen sind konkret, die philosophischen Grundlagen klar, der Bezug zum täglichen Leben ausdrücklich gewollt. Das macht diesen Yogaweg weniger spektakulär, aber ausgesprochen belastbar. Er funktioniert nicht nur im Kursraum, sondern auch dann, wenn es schwierig wird.
Fazit: Der Kern des Yesudian Yoga
Der Kern von Yesudian Yoga lässt sich auf wenige, aber anspruchsvolle Prinzipien verdichten: Bewusstheit statt Automatismus, Haltung statt Leistung, Kontinuität statt schneller Effekte. Yoga wird hier als Schulungsweg verstanden, der Körper, Atem und Geist gleichermaßen einbezieht und auf langfristige Entwicklung ausgerichtet ist.
Yesudian Yoga lädt nicht dazu ein, etwas Besonderes darzustellen, sondern sich selbst besser kennenzulernen. Die Praxis fordert Ehrlichkeit, Geduld und Bereitschaft zur Selbstbeobachtung. Sie belohnt nicht mit Sensationen, sondern mit Klarheit, Stabilität und einem wachsenden Gefühl innerer Ordnung.
Am Ende bleibt eine Einladung: Mach dir selbst ein Bild. Nicht durch Lesen allein, sondern durch eigene Erfahrung. Yesudian Yoga entfaltet seine Wirkung leise, aber nachhaltig. Wer bereit ist, diesen Weg über längere Zeit zu gehen, entdeckt oft, dass Yoga nicht nur etwas ist, das man tut – sondern etwas, das man lebt.
Bücher zum Yesudian Yoga
🛒 "Selvarajan Yesudian" auf Amazon anschauen ❯

Ergänzung oder Frage von dir
Gibt es eine Frage zum Beitrag, etwas zu ergänzen oder vielleicht sogar zu korrigieren?
Fehlt etwas im Beitrag? Kannst du etwas beisteuern? Jeder kleine Hinweis/Frage bringt uns weiter und wird in den Text eingearbeitet. Vielen Dank!

Im Zusammenhang interessant
FunFacts über Yesudian-Yoga
- Selvarajan Yesudian war einer der ersten Yogalehrer, die Yoga gezielt für Europäer didaktisch aufbereiteten.
- Yesudian betonte bereits in den 1950er-Jahren, dass Yoga ohne ethische Haltung langfristig wirkungslos bleibt.
- Studien zeigen, dass langsame Atemübungen messbar den Vagusnerv aktivieren können – ein Kernelement der Yesudian-Atempraxis.
- Viele moderne Yogastile entstanden erst Jahrzehnte nach Yesudians Wirken – Yesudian Yoga zählt damit zu den frühen europäischen Yogatraditionen.
- In Yesudians Büchern wird das Wort „Disziplin“ häufiger verwendet als „Entspannung“ – bewusst gegen den Wellness-Trend.
- Wiederholung gilt im Yesudian Yoga als Qualität: dieselbe Übung kann über Jahre praktiziert werden, ohne als „veraltet“ zu gelten.
- Neurowissenschaftlich gilt fokussierte Selbstbeobachtung heute als wirksames Training der Selbstregulation – ein Kernprinzip des Yesudian Yoga.
Weiterlesen
Was ist Tao Yoga? Bedeutung, Übungen, Wirkungen
Was ist Tao Yoga? Bedeutung, Übungen und Wirkung erklärt
In einer Welt, in der du ständig im Außen getrieben bist – von Terminen, Erwartungen und Gedankenkarussellen – gibt es einen Weg, wieder in deinen Rhythmus zurückzufinden: die Praxis des Tao Yoga.
Im chinesischen Taoismus bzw. Daoismus spielt das Qi (auch Chi oder im Japanischen Ki, in Indien Prana), die Lebensenergie, eine zentrale Rolle. Körperübungen und Meditationen haben Ansammlung, Lenkung und Kultivierung des Qis zum Ziel. Dauerhaftes und wahres Glück ist eines der Ziele des Daoismus. Tao Yoga entstand vor dem Hintergrund dieser Philosophie und will das Konzept des Qis mit Yogaübungen verbinden.
Hier erfährst du, wie du mit bewusster Atmung, achtsamer Bewegung und einer Haltung des Loslassens nicht nur körperlich entlastet wirst, sondern auch emotional und mental eine tiefe Ruhe finden kannst. Der Artikel bietet dir pragmatische Übungen, philosophische Hintergründe und Inspirationen, damit du Tao Yoga in deinen Alltag integrieren und spürbar davon profitieren kannst.
Hier weiterlesen: Was ist Tao Yoga? Bedeutung, Übungen, Wirkungen
Iyengar Yoga – Einführung, Übungsreihen, Videos
Iyengar Yoga – Einführung, Übungsreihen, Videos
Yoga kann viel – beruhigen, stärken, aufwecken, ja manchmal auch schlicht überfordern. Zwischen Fitnesshype und spirituellen Versprechen sticht ein Stil heraus, der sich mit großer Präzision hervorhebt: Iyengar Yoga. Hier geht es weniger ums Schwitzen, mehr um Genauigkeit, Hilfsmittel und das geduldige Verweilen. Iyengar Yoga beruht auf den Lehren von B.K.S. Iyengar. Die Körperübungen und Atemübungen werden langsam, konzentriert und genau ausgeführt. Zahlreiche Hilfsmittel sollen die Ausführung der Übungen insbesondere für Anfänger und körperlich behinderte Menschen vereinfachen.
Dieser Artikel zeigt, warum das gerade für dich spannend sein kann – ob du Anfänger bist, dich therapieorientiert bewegst oder einfach nach einem klaren Kompass im Yogadschungel suchst.
Hier weiterlesen: Iyengar Yoga – Einführung, Übungsreihen, Videos
Was ist Chakra Yoga? Bedeutung, Praxis & Alltag | Sachlich erklärt
Was ist Chakra Yoga? Bedeutung, Praxis & Alltag | Sachlich erklärt
Die Energiezentren des Körpers und Yoga-Asanas sind unzertrennlich miteinander verbunden. Yogi Bhajan schreibt: "Eines Tages fanden weise Menschen die Wirkungsweise der Chakren heraus […]. Sie entdeckten, dass das Leben eines Menschen ganz auf diesen Chakren gründet. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelten sie eine ganze Wissenschaft. Und die Gesamtheit dieses Wissens brachte schlussendlich das Kundalini Yoga hervor."
In diesem Artikel erfährst du, was Chakra Yoga wirklich meint, wie es historisch gewachsen ist und wie du es in deiner Praxis sinnvoll einordnen kannst – ohne Mystifizierung, ohne Heilsversprechen, dafür mit klarer Sprache und ehrlichen Einordnungen. Du bekommst Orientierung und praktische Einsichten in ein Thema, das oft in esoterischen Bildern statt nüchterner Beschreibung verhandelt wird, und kannst so für dich entscheiden, ob und wie Chakra Yoga in dein Leben passt.
Hier weiterlesen: Was ist Chakra Yoga? Bedeutung, Praxis & Alltag | Sachlich erklärt
Kundalini Yoga – die Wege zur Urkraft im Menschen
Wie bei vielen Yoga Stilrichtungen üblich, betont der Name den Aspekt des Yogas, den diese Richtung vorrangig fördern will. Beim Bhakti Yoga ist dies die liebende Hingabe an Gott, beim Raja Yoga der "königliche" achtfache Yoga-Pfad, beim Jnana Yoga der eigene Intellekt (Jnana = Wissen) und beim Karma Yoga gilt es, das moralische Konto der Seele ins Plus zu bringen.
Kundalini Yoga will die Schlangenkraft am Fuße der Wirbelsäule erwecken und durch die Nadis über die einzelnen Chakren nach oben ins oberste Chakra, dem Sahasrara-Chakra, leiten, um hierdurch den Menschen zur Erleuchtung zu führen. Alle körperlichen Übungen, Mantras, Meditationen und Atemübungen im Kundalini Yoga sind auf dieses Ziel ausgerichtet.
Es gibt unterschiedliche Herangehensweise im Yoga, diese Urkraft im Menschen zu erwecken:
Hier weiterlesen: Kundalini Yoga

TriYoga – der meditative Tanz
TriYoga ist eine Yogaart mit fließenden Bewegungen, welches die Elemente Asana (Stellungen), Pranayama (Atem) und Mudra (Siegel) miteinander verbindet. Die charismatische Begründerin dieses Stils, Kali Ray (besser als Kaliji bekannt), hat 1980 nach der spontanen Erweckung ihrer Kundalini mit einer fließenden Serie von Yogastellungen begonnen. TriYoga war geboren, obwohl Kaliji zuvor nur wenig Hatha Yoga praktiziert hatte.
Hier weiterlesen: Was ist TriYoga?

