pferd auge 564

Einst lebte in einem abgeschiedenen Dorf ein alter Mann, der ein bescheidenes Leben führte. Er widmete sein Leben dem Streben nach Weisheit und hielt sich aus den Geschäften der anderen Dorfbewohner weitestgehend heraus. Doch eine Kostbarkeit nannte der Alte sein eigen: Einen perlweißen Hengst von solch imposanter Gestalt, dass selbst der König des Landes ihm das Tier zu einem hohen Preis hatte abkaufen wollen. Der alte Mann hat alle Kaufwilligen zurückgewiesen. Dadurch konnte das Schicksal seinen Lauf nehmen – auch das seines Sohnes.

Eines Morgens im Frühling fand sich der Stall des edlen Tieres verlassen. Der weiße Hengst war fort, die Suche auf den anliegenden Wiesen und Wäldern brachte keinen Erfolg. Das halbe Dorf versammelte sich im Stall des Mannes und spöttelte: "Schön blöd warst. Warum hast das Pferd nicht an den König verkauft. Geld hätst gehabt, mehr als de ausgeben könntst. Nun bleibt dir nix."

Der Alte blieb gelassen und sagte nur: "Ihr könntet recht haben oder auch nicht. Wer weiß schon, was hieraus folgt. Bisher kann ich nur erkennen, dass mein Pferd nicht mehr da ist. Mehr nicht. Was daraus folgen mag, wir werden es sehen." Dann setzte er sich erst einmal in seinen Schaukelstuhl und ließ die anderen vom Hof ziehen.

Die Dorfbewohner trollten sich kopfschüttelnd zu ihrer Arbeit zurück. Der Narr war doch schon immer verrückt gewesen. Nun zeigte sich, was daraus folgte.

Doch siehe da, zwei Wochen später kehrte der weiße Hengst zu dem Alten zurück. Damit nicht genug, der Hengst hatte ein Dutzend prachtvoller Wildpferde im Schlepptau mit auf die Weide des Alten geführt. Es war eine Augenweide, die herumtollende Herde im Gatter zu bestaunen. Wildpferde gehörten nach dem Gesetz des Landes demjenigen, der sie einfangen konnte. Damit war der Alte so reich wie sonst niemand im Dorf.

Die Neuigkeit vom unerwarteten Glück des Alten verbreitete sich in Windeseile im Dorf. Die Bewohner eilten zur Wiese mit der imposanten Herde und staunten. "Hat der Irre doch recht behalten." "Hat sich das Unglück doch noch als Segen erwiesen." Sie gratulierten dem Alten und beglückwünschten ihn zu den herrlichen Tieren.

Der Alte schien völlig ungerührt und meinte bloß: "Mag es gut sein oder auch nicht. Wir können nur sicher sagen, dass mein Pferd zurückgekommen ist und dass es noch einige Pferde mitgebracht hat. Alles Weitere wird uns die Zukunft zeigen." Die Nachbarn schüttelten ob dieses Undankes verständnislos ihre Köpfe und zogen wieder vom Hof.

Der Sohn des Alten begann, die Wildpferde zuzureiten. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Am zweiten Tag wurde er von einem der Pferde so heftig hinabgeschleudert, dass sein Bein brach. Wieder kamen einige Anwohner und beklagten das Unglück, und der alte Mann entgegnete erneut: "Wer weiß, ob es ein Unglück ist oder nicht. Wir können nur erkennen, dass mein Sohn sich ein Bein gebrochen hat, Schmerzen leidet und nicht mehr zureiten kann. Ob das etwas Gutes nach sich zieht oder nicht, wird uns die Zukunft zeigen."

Jetzt wunderten sich die Dorfbewohner schon weniger. Einige hoben an, über die Worte des Mannes zu diskutieren. Der Alte hatte schon mehrfach nicht ganz falsch mit seinen Worten gelegen. Vielleicht war er doch nicht so verrückt, wie manche behaupteten. Dennoch – keiner konnte sich vorstellen, wie ein Beinbruch etwas Gutes bewirken sollte.

Am nächsten Morgen kam ein Ausrufer des Königs ins Dorf geritten. Das gefürchtete Nachbarland im Norden hatte ihnen den Krieg erklärt. Der König rief alle einsatzbereiten Männer zu den Waffen. Eine Weigerung oder Fahnenflucht würde wie üblich mit dem Tode bestraft. Alle jungen Männer im Dorf bis auf den Sohn des Alten wurden ohne Rücksicht auf Einzelschicksale eingezogen.

Das ganze Dorf brach in Wehklagen aus. Sie wussten aus der Vergangenheit: Nur wenige der jungen Männer würden aus einem Krieg unversehrt in das Dorf zurückkehren. Die Frauen des Dorfes versammelten sich beim Alten und jammerten: "Du hast wieder einmal recht behalten. Alle unsere Männer müssen in den Krieg. Dein Sohn darf dank seines Beinbruches daheim bleiben. So ist doch noch etwas Gutes daraus gefolgt."

Der alte Mann wippte weiter gelassen im Schaukelstuhl: "Mag sein oder auch nicht. Ihr urteilt in einem fort und irrt euch stets aufs Neue. Wir können nur feststellen, dass mein Sohn zuhause bleibt und eure Männer eingezogen werden. Alles Weitere wird sich zeigen. Nur ein allwissendes Wesen, das alles überblickt, könnte über die Geschehnisse richten. Wir irren uns allzu oft und bringen damit unseren Geist völlig unnötig aus seiner Gelassenheit. Darum urteile ich nicht."

 

Nacherzählt von Peter Bödeker

Sutras zum Thema "Gelassen bleiben"

bewegungen geist

Abhyâsa–vairâgyâbhyâm tan–nirodhah
अभ्यासवैराग्याभ्यां तन्निरोधः

In den folgenden Sutras wendet sich Patanjali einem neuen Bereich zu. Es geht um zwei zentrale Konzepte (oder Prinzipien bzw. Vorgehensweisen) für die eigene spirituelle Entwicklung:

Abhyasa und Vairagya
Übung und Nichtanhaften

Somit kann auch diese Sutra als grundlegend eingeordnet werden. Sie begründet die tägliche Praxis des Yogi und fordert eine bestimmte Geisteshaltung zu "weltlichen Dingen" und emotionalen Verstrickungen.

Eine Geschichte verdeutlicht die anzustrebende Geistesverfassung ...

Zur Sutra

om

dṛṣṭa-anuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśīkāra-saṁjṇā vairāgyam
दृष्टानुश्रविकविषयवितृष्णस्य वशीकारसञ्ज्ञा वैराग्यम्

In dieser Sutra beschreibt Patanjali den Endzustand des Übens der Nicht-Anhaftung. Interessant ist, dass viele Kommentatoren diese Sutra dahingehend auslegen, dass Patanjali hierbei auch das Begehren rein spiritueller Wonnezustände im Auge hatte. Sivananda hält (ein wenig) dagegen.

Müssen wir unseren Willen bemühen oder kommt die Freiheit durch das Yoga-Praktizieren quasi "von alleine"?

Zur Sutra

omTatparaṁ puruṣa khyāte rguṇa vaitṛṣṇyam
तत्परं पुरुषख्यातेर्गुणवैतृष्ण्यम्

 

In dieser Sutra geht es um die Frucht fortgeschrittener yogischer Praxis. Patanjali formuliert, dass wir durch den irgendwann voll integrierten Verzicht in der Lage sein werden, unser wahres Selbst (Purusha) von dem zu unterscheiden, was nicht unser wahres Selbst ist. Dadurch sinkt das Begehren weiter. So kann uns die Freude des Purushas immer häufiger erreichen.

Doch wie werde ich zum unbeteiligten Betrachter meines eigenen Lebens?

Zur Sutra

uebung sutre

Übungsvorschlag für die kommende Woche:

Formuliere aus, was für dich momentan "beharrliches Üben" und "Verhaftungslosigkeit" bedeutet. Beantworte schriftlich: Wann willst du üben? Besteht dein Üben nur aus der Yogastunde oder willst du weitere Bereiche deines Lebens zum Üben nutzen. Wen ja: Welche?

Ebenso: Wo willst du in Zukunft Verhaftungslosigkeit/Nicht-Anhaftung anstreben? Werde konkret. Benenne auch, wo du dich erst einmal nicht heranwagst (z.B. Gleichmut bei Lob und Tadel, in deiner Partnerschaft etc.)

 

Zur Sutra

Yoga-Welten Beiträge zum Thema "Gelassenheit"

meditation gedanken beruhigen 564Besser meditieren – Gedanken stoppen – im Hier bleiben

41 Tipps und Hilfsmittel, die Gedanken in der Meditation zu beruhigen

Wer anfängt zu meditieren, wird schnell merken, dass Gedanken sich in den Vordergrund drängen. Nach einer motivierenden Anfangsphase mit eindrücklichen Meditationserfahrungen leiden viele Meditierende darunter, am Ende der Meditation festzustellen, dass sie wieder einmal nur geträumt, geplant, gesorgt, innerlich geplaudert haben.

In Jahrtausenden der Meditationstradition haben die unterschiedlichen Meditationsschulen Tipps und Hilfen entdeckt, welche die Gedanken bei der Meditation beruhigen.

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 ShavasanaJoseph RENGER, Shavasana, CC BY-SA 3.0

Shavasana – die Totenstellung – ist die Abschlussübung jeder Yogasitzung. Die Übung unterstützt die Wirksamkeit aller Übungen, der Körper zieht großen Nutzen von dieser Abschluss-Asana. Auch der Geist kann die vorige Übungsrunde verdauen.

Hier erfährst du die genaue Übungshaltung und findest Tipps und Anregungen für Geistesübungen während Shavasana.

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gorilla boese 8d 564

Nach einer alten Hindhu-Geschichte aus dem Panchatantra.

An einem winterlichen Tag beobachtete ein Spatz aus seinem trockenen Nest heraus einen Affen, der missmutig im kalten Regen auf dem Ast gegenüber saß. In bester Absicht erteilte er dem Affen einen Rat. Dabei hätte er besser geschwiegen ...

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Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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