Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 

fischer arbeit netze sunset 564

Dann sagte ein Pflüger: "Sprich zu uns von der Arbeit."

Und er [der Prophet Almustafa, der 12 Jahre auf sein Schiff gewartet hatte, das ihn jetzt endlich in seine Heimat zurückbringen soll. Vor seiner Abreise bitten ihn einzelne Einwohner der Stadt Orphalese, ihnen ein letztes Mal seine Einsichten zu einem bestimmten Thema zu erläutern] antwortete, sprach:

Ihr arbeitet dafür, dass ihr Schritt halten mögt mit der Erde und der Seele der Erde.

Denn untätig zu sein bedeutet, dass einem die Jahreszeiten fremd werden und man aus der Prozession des Lebens heraustritt, die in Majestät und stolzer Unterordnung in das Unendliche marschiert.

Wenn ihr arbeitet, seid ihr wie eine Flöte, durch deren Herz das Flüstern der Stunden zur Musik wird.

Wer von euch wäre stattdessen wie ein Rohr, dumm und still, wenn alle anderen in Einheit zusammen singen?

Euch wurde immer gesagt, dass Arbeit ein Fluch und Arbeit ein Unglück sei.

Aber ich sage euch, wenn ihr arbeitet, erfüllt ihr einen Teil des weitesten Traumes der Erde, der euch zugewiesen wurde, als dieser Traum geboren wurde,

und indem ihr euch mit der Arbeit beschäftigt, seid ihr in Wahrheit das liebende Leben,

und das Leben durch Arbeit zu lieben bedeutet, mit dem innersten Geheimnis des Lebens vertraut zu sein.

Aber wenn ihr in eurem Schmerz die Geburt ein Leiden nennt und die Erhaltung des Fleisches einen Fluch, der auf eure Stirn geschrieben steht, dann antworte ich darauf, dass der Schweiß auf eurer Stirn das wegwäscht, was darauf geschrieben steht.

Euch wurde auch gesagt, dass das Leben Dunkelheit sei, und in eurer Müdigkeit wiederholt ihr, was von den Müden gesagt wurde.

Und ich sage, dass das Leben in der Tat Dunkelheit ist, außer wenn es inneren Antrieb gibt,
[Anmerkung: Siehe Karma Yoga]

Und jeder innere Antrieb ist blind, außer wenn es da Wissen gibt,

Und alles Wissen ist eitel, außer wenn es da Arbeit gibt,

Und alle Arbeit ist leer, außer wenn es da Liebe gibt;

Und wenn ihr mit Liebe arbeitet, bindet ihr euch selbst und einander und Gott gegenüber.

Und was bedeutet es, mit Liebe zu arbeiten?

Es bedeutet, den Stoff mit Fäden zu flechten, die wie aus euren Herzen gezogen werden, als ob eure Geliebte das Tuch tragen würde.

Es ist, ein Haus mit solcher Zuneigung zu bauen, als ob eure Geliebte in diesem Haus leben würde.

Es ist, Samen mit Zartheit zu säen und die Ernte mit Freude zu ernten, so als ob eure Geliebte die Frucht essen würde.

Es ist, alle Dinge, die ihr macht, mit einem Atemzug eures eigenen Geistes aufzuladen,

und zu wissen, dass alle gesegneten Toten um euch herum stehen und euch bei der Arbeit zusehen.

Oft habe ich euch sagen hören, wie wenn man im Schlaf spricht: "Der, wer mit Marmor arbeitet und die Form seiner eigenen Seele im Stein findet, ist edler als der, der den Boden pflügt.

Und derjenige, der den Regenbogen erfasst, um ihn auf ein Kleidungsstück für einen Menschen abzubilden, mehr sei als der, der die Sandalen für unsere Füße macht."

Aber ich sage, nicht im Schlaf, sondern in der Wachheit der Mittagsstunde, dass der Wind nicht süßer zu den riesigen Eichen als zu den kleinsten Grashalmen spricht;

und der allein ist groß, der die Stimme des Windes in ein Lied verwandelt, das durch die eigene Liebe noch süßer gemacht wird.

Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.

Und wenn ihr nicht mit Liebe, sondern nur mit Widerwillen arbeiten könnt, ist es besser, dass ihr eure Arbeit hinter euch lasst und am Tor des Tempels sitzt und dort Almosen von denen nehmt, die [statt eurer] mit Freude arbeiten.

Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit Brot backt, dann backt ihr ein bitteres Brot, das den Hunger des Menschen nur halb stillt.

Und wenn ihr die Trauben mit Groll quetscht, destilliert ihr Groll als Gift in den Wein.

Und wenn ihr auch wie Engel singt und dabei euren Gesang nicht mit Liebe füllt, dämpft ihr die Ohren des Menschen für die Stimmen des Tages und für die Stimmen der Nacht.

Aus: Khalil Gibran "Der Prophet"; Übersetzung mit Anmerkungen: Peter Bödeker (2018)

Teilen macht Freude:

Der Beitrag ist eingeordnet unter:

Auch interessant