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oder: Von Verbrechen und Bestrafung

kind betet auf teppich l 564

Da trat einer der Richter der Stadt hervor und sprach:

"Sprich zu uns von Schuld (Verbrechen) und Sühne (Strafe)."

Und er antwortete und sprach:

[er=der Prophet Almustafa, der 12 Jahre auf sein Schiff gewartet hatte, das ihn jetzt endlich in seine Heimat zurückbringen sollte. Vor seiner Abreise baten ihn einzelne Einwohner der Stadt Orphalese, ihnen ein letztes Mal seine Einsichten zu einem bestimmten Thema zu erläutern]

Es geschieht, wenn euer Geist auf dem Wind wandert,
dass ihr, allein und unbewacht, an anderen und damit an euch selbst Unrecht begeht.

Und für das Unrecht, das ihr begangen habt, müsst ihr an das Tor der Gesegneten klopfen und eine Weile unbeachtet dort warten.

Wie der Ozean ist euer göttliches Selbst;

es bleibt für immer unbefleckt.

Und wie der Äther hebt es nur die, welche Flügel haben.

Euer göttliches Selbst ist auch wie die Sonne;

es kennt weder die Wege des Maulwurfs, noch sucht es die Löcher der Schlange.

Aber euer göttliches Selbst bewohnt euch nicht allein.

Vieles in euch ist noch Mensch und vieles in euch ist noch kein Mensch,

aber ein formloser Zwerg  [= zwergenhaftes Ich], der im Nebel schläft und nach seinem eigenen Erwachen sucht.

Und von dem Menschen in euch würde ich jetzt sprechen.

Denn er und nicht euer Gott selbst oder der Zwerg im Nebel kennen das Verbrechen (die Schuld) und die Bestrafung des Verbrechens (die Sühne).

Oft habe ich gehört, dass ihr von jemandem sprecht, der ein Unrecht begeht, als wäre er nicht einer von euch, sondern ein Fremder für euch und ein Eindringling in eure Welt.

Aber ich sage, dass, so wie der Heilige und der Gerechte nicht über das Höchste hinausgehen können, was in jedem von euch ist, so können die Gottlosen und die Schwachen nicht tiefer fallen als das Niedrigste, das auch in euch ist.

Und da ein einzelnes Blatt nicht gelb wird, sondern mit dem stillen Wissen des ganzen Baumes,
so kann der falsch Handelnde genauso nichts falsch machen ohne den verborgenen Willen von euch allen.

Wie eine Prozession geht ihr zusammen auf euer göttliches Selbst zu.

Ihr seid der Weg und die Wanderer.

Und wenn einer von euch hinfällt, fällt er auf die hinter ihm, eine Warnung vor dem Stolperstein.

Ja, und er fällt auch für diejenigen vor ihm, die zwar schneller und sicherer zu Fuß sind, aber den Stolperstein nicht entfernen.

Und auch noch dies, obwohl das Wort schwer auf eurem Herzen liegen wird:

Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung für seinen eigenen Mord und der Beraubte ist nicht schuldlos, wenn er beraubt wird.

Der Gerechte ist nicht unschuldig an den Taten der Bösen und der mit [scheinbar] sauberen Händen ist nicht ohne Anteil an den Taten des Verbrechers.

Ja, der Schuldige ist oft das Opfer des Geschädigten.

Und noch öfter ist der Verurteilte der Lastenträger für die Schuldlosen und Unbeschuldigten.

Ihr könnt nicht die Gerechten von den Ungerechten und die Guten von den Bösen trennen;

denn sie stehen zusammen vor dem Angesicht der Sonne, wie der schwarze Faden und der weiße zusammengewebt sind.

Und wenn der schwarze Faden reißt, wird der Weber in das ganze Tuch schauen, und er wird auch den Webstuhl untersuchen.

Wenn jemand von euch die untreue Frau zur Rechenschaft zieht,

lass ihn auch das Herz ihres Mannes in die Waagschale legen und seine Seele mit gleichem Maß messen.

Und wer den Täter auspeitscht, der schaue auf den Geist des Beleidigten.

Und wenn einer von euch im Namen der Gerechtigkeit bestrafen und die Axt an den bösen Baum legen möchte, lass ihn nach seinen Wurzeln sehen;

und wahrlich, er wird die Wurzeln des Guten und des Bösen, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren finden, die alle im stillen Herzen der Erde miteinander verwoben sind.

Und ihr Richter, die ihr gerecht sein möchtet.

Welches Urteil sprecht ihr über den aus, der zwar ehrlich im Fleische handelt, aber ein Dieb im Geiste ist?

Welche Strafe habt ihr für den, der im Fleisch tötet und doch selbst im Geist erschlagen wird?

Und wie verfolgt ihr den, der im Handeln ein Betrüger und ein Unterdrücker ist, der aber auch selbst verletzt wurde und empört ist?

Und wie sollt ihr diejenigen bestrafen, deren Reue bereits größer ist als ihre Missetaten?

Ist Reue nicht die Gerechtigkeit, die durch das Gesetz verabreicht wird, dem ihr gern dienen würdet?

Doch ihr könnt die Reue weder über die Unschuldigen legen, noch diese von den Herzen der Schuldigen fortnehmen.

Ungebeten soll sie in der Nacht anklopfen, damit die Menschen aufwachen und sich selbst anschauen.

Und ihr, die ihr die Gerechtigkeit verstehen möchtet, wie sollt ihr das erreichen, wenn ihr nicht alle Taten bei hellstem Licht betrachtet?

Nur dann werdet ihr wissen, dass der Aufrechte und der Gefallene beide nur ein Mensch sind, der in der Dämmerung zwischen der Nacht seines zwergenhaften Selbst und dem Tag seines göttlichen Selbst steht.

Und dass der Eckstein des Tempels nicht höher ist als der niedrigste Stein in seinem Fundament.

Aus: Khalil Gibran "Der Prophet"; Übersetzung mit Anmerkungen: Peter Bödeker (2019)
[...] = Einfügungen von Peter Bödeker

 

Bücher von Khalil Gibran

 

Siehe auch:

Yoga Sutra II-13: Solange die Wurzeln [der Kleshas, der leidbringenden Hindernisse] verbleiben, muss es [das Karma] erfüllt werden, und erschafft die allgemeine Lebenssituation, die Lebensspanne und das Maß an freudvollen Erfahrungen in unserem Leben

schienen bogen wolken 250sati mūle tad-vipāko jāty-āyur-bhogāḥ
सति मूले तद्विपाको जात्यायुर्भोगाः

Weiter geht es mit der Karmalehre in den Yogasutras. In dieser Sutra schildert Patanjali in knapper Form, wovon unser Leben abhängt und warum es kein Entrinnen aus den Fängen des Karmas gibt. Schauen wir, wie sich unsere Gedanken, Worte und Handlungen auf Lebenszeit, den Erlebnissen in unserem Leben und unser menschliches Umfeld auswirkt.

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