Geschichte: Der König und der Schuster

Der frischgekrönte König von Sapienta, seine Hoheit Trubor Dallante, gerade einmal 28 Jahre jung, strebte danach, ein guter und gerechter Herrscher zu werden. Er war überzeugt davon, dass der oberste Führer eines Königreiches nach weisem Rat streben sollte. Aber wie sollte er diesen finden? Wer konnte ihn als Herrscher kompetent beraten?
Die Lehrer des vorigen Königs buhlten wohl um seine Gunst. Doch ihn störte deren Geltungsdrang und er erkannte in ihren Ratschlägen allzu oft die Verstrickungen in die Interessen ihrer Familien. So beschloss er, in seinem Reich auf die Suche nach Weisheit zu gehen. Jedoch fand er zunächst etwas anderes ...
König Dallante kleidete sich als einfacher Mann und verließ am Nachmittag durch den Hinterausgang seinen Palast. Er streifte durch die Gassen der Hauptstadt und hielt Ausschau nach Zeichen von Klugheit, von Lebensweisheit. Nach einigen Stunden Wanderschaft in der Kälte fror ihm und sein Magen verlangte ein warmes Mahl.

Er kam an einer kärglichen Hütte vorbei, deren Dach notdürftig mit Treibgut geflickt war. Angelockt von flackerndem Schein trat er an das kleine Fenster. Drinnen saß ein vollbärtiger Mann alleine bei Tisch vor einer dampfenden Suppe. Eine einzelne Kerze mitten auf der Anrichte verstrahlte anheimelndes Licht. Die Hände des Mannes waren wie zum Gebet gefaltet und seine Lippen bewegten sich bei geschlossenen Augen. Die Atmosphäre des Raumes weckte im König ein Gefühl warmer Geborgenheit. Spontan klopfte er an.
"Was wünscht Ihr zu solch später Stunde, guter Mann?", begrüßte ihn der Vollbärtige.
"Würdet Ihr vielleicht Euer Mahl mit mir teilen? Die Geschäfte heute liefen schlecht, so dass mir kein Geld für ein warmes Essen geblieben ist", entgegnete der König.
"Dann tretet ein, meine Suppe genügt für uns beide."
Der König begab sich zum Tisch und begann, seinen großgewachsenen Gastgeber auszufragen, während dieser einen zweiten Teller aufdeckte. "Womit verdient Ihr Euren Lebensunterhalt, guter Mann?"
"Ich flicke kaputte Schuhe", antwortete der Mann, der sich als Orman Callum zu erkennen gab, und reichte dem König einen Löffel. "Ich mache mich morgens mit meinem Handwerkszeug auf in die Stadt und repariere alle Schuhe, die mir von den Leuten vor die Tür gestellt werden. Am Abend kaufe ich mir vom Lohn mein Essen, hin und wieder kann ich sogar mein Werkzeug ergänzen. Je nachdem, wie der Tag seinen Segen verteilt hat."

"Eure Bescheidenheit gefällt mir", murmelte König Dallante. "Aber was würdet Ihr tun, wenn morgen keiner mehr einen Schuh zum Flicken herausstellen würde?"
"Morgen?", lächelt Callum, "Morgen? Wieso soll ich über eine morgige Eventualität grübeln, an der ich doch jetzt ohnehin nichts zu ändern vermag? Oder mir gar Sorgen darüber bereiten? Das Leben sei gelebt Tag für Tag, Moment für Moment."
Nachdenklich verabschiedete sich der König.
Am nächsten Morgen trat Callum in aller Frühe ins Freie und las direkt an einem Laternenmast gegenüber:
Erlass des Königs:
Das Schusterhandwerk ist ab heute auf den Straßen
der Hauptstadt Sapienta verboten.
"Merkwürdig", dachte Callum, "was doch dem König für seltsame Erlasse in den Sinn kommen. Nun gut, dann werde ich mich heute als Wasserträger verdingen. Wasser benötigen die Bürger immer und der Weg vom Brunnen mitsamt der Wasserlast ist für viele beschwerlich."

Am Abend hatte er wieder genug Geld für eine warme Mahlzeit verdient. Wieder kam der – weiterhin verkleidete – König nach Eintritt der Dämmerung zu ihm zum Essen.
"Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als ich heute früh den Erlass des Königs bemerkte", begann er scheinheilig das Gespräch. "Wie kommt es, dass Ihr trotzdem wieder ein warmes Mahl vor Euch stehen habt?"
Der ehemalige Schuster berichtete von seinem Einfall, sich als Wasserträger feilzubieten.
"Aber was wird morgen sein, guter Mann, wenn Ihr keinen findet, der Euch fürs Wassertragen entlohnt?"
"Morgen", entgegnete Callum, wieder lächelnd. "Morgen? Das Leben sei gelebt Tag für Tag, Moment für Moment."
Wie es der Zufall wollte, war am nächsten Morgen ein neuer Erlass des Königs am Laternenpfahl angeschlagen:
Erlass des Königs:
Ab heute dürfen sich nur Bürger als Wasserträger verdingen,
die eine Sondererlaubnis des Königs vorweisen können.
"Seltsam", dachte der Mann wieder, "die Einfälle des Königs werden immer sonderbarer." Sein Blick fiel auf den Holzhaufen neben der Gartenpforte. Er griff sich die Axt und entschied, sich heute als Holzhacker anzubieten. Er würde die Scheite zerkleinern und die Holzscheite stapeln.

Am folgenden Abend lugte der König abermals zum Fenster herein. Und wieder sah er Callum beim Dankgebet vor der dampfenden Mahlzeit sitzen. Diesmal trat er ohne anzuklopfen ein und ließ sich das Tageswerk von Callum erzählen. Erneut konnte er sich die Frage nicht verkneifen: "Wie ich sehe, konntet Ihr heute wieder ein Mahl verdienen. Aber was wird sein, wenn Ihr morgen keine Arbeit als Holzfäller findet?"
"Morgen?" Callum schmunzelte den König an.
Dieser schaute ihn unschlüssig an, lächelte kurz zurück und entschwand.
Der nächste Morgen begrüßte Callum mit Vogelgezwitscher und Sonnenschein. Tatendurstig griff er zur Axt und machte sich auf den Weg zu den Häusern der Stadt. Da kam wie aus dem Nichts ein Trupp Soldaten um die Ecke.
"Ihr da mit der Axt", rief ihm der Truppführer entgegen, "Erlass des Königs: Ihr müsst heute vor den Toren des Königspalastes Wache stehen. Last die Axt zuhause, Ihr erhaltet ein Schwert von uns. Folgt mir."

Callum stand den ganzen Tag vor dem Eingangsportal des Palastes. Er erhielt keinen Lohn außer dem Schwert, das er für künftige Wachaufträge behalten sollte. Erst am späten Nachmittag kam er zum Stadtmarkt. Dort sprach er zu seinem Stammhändler: "Heute habe ich keinen Lohn für meine Arbeit bekommen. Doch in diesen Tagen habe ich neuerdings jeden Abend einen Gast zu Tisch. Ich lasse Euch dieses Schwert zum Pfand, bitte gebt mir, was ich für ein Mahl benötige."
Als der König am Abend bei ihm eintrat, ließ er sich die Geschichte vom ausbleibenden Lohn und dem Schwert als Pfandleihe erzählen. Verwundert hakte er nach: "Aber ich sehe doch ein Schwert in eurer Scheide." Der Mann blinzelte ihm zu und zog das Schwert heraus. Es war aus Holz. Callum hatte es noch am Abend in seiner Werkstatt nachgebaut, da er morgen schon wieder Wache halten musste.
"Aber was macht Ihr, wenn der Soldat morgen Eure Waffe inspizieren möchte und Ihr kein richtiges Schwert vorweisen könnt?"
"Morgen", entgegnete Callum, wieder lächelnd. "Morgen? Das Leben sei gelebt Tag für Tag, Moment für Moment. Der morgige Tag bringe das Seinige."

Am nächsten Morgen trat Callum beim Betreten des Palasthofes eine Palastwache entgegen. Der Wächter zog einen an den Händen gefesselten Gefangenen hinter sich her.
"Ihr da, mit dem Schwert, kommt rüber. Ich habe hier einen Mörder. Du wirst ihn jetzt sofort hinrichten", herrschte ihn die Palastwache an.
"Ich?", fragte Callum verwirrt, "ich werde keinen Menschen töten."
"Du musst", entgegnete die Palastwache, "der Befehl kommt direkt vom König."
Mittlerweile hatten sich mehrere Schaulustige um die Drei versammelt, man wollte sich die anstehende Hinrichtung nicht entgehen lassen. Die Palastwache zwang den Gefangenen auf die Knie und deutete Callum unmissverständlich, nun sein Schwert zu zücken und das notwendige Werk zu vollziehen.
Callum suchte den verzweifelten Blick des Gefangenen. Rund um dessen Augen und Mund zeigten sich unzählige Lachfalten. Konnte dies wirklich ein Mörder sein?
Einer Eingebung folgend warf sich Callum ebenfalls auf die Knie, faltete die Hände gen Himmel und rief mit lauter Stimme: "Gott im Himmel, weise mir den Weg. Wenn dieser Gefangene zurecht sterben soll, lasse mein Schwert in der Sonne blitzen. So er aber unschuldig ist, wandle mein Schwert zu Holz."
Alle Blicke richteten sich auf die Schwertscheide Callums. Mit einem Ruck zog er die Waffe heraus und hielt sie in die Höhe.
"Seht doch, es ist aus Holz. Der Mann ist unschuldig", rief die Menge aus. Ein Jubel ob des göttlichen Eingreifens brach unter den Schaulustigen aus.
Da bahnten die Soldaten eine Gasse durch die Gaffer und König Dallante trat vor Callum. Er gab sich als Herrscher zu erkennen, legte Callum eine Hand auf die Schulter und fragte mit lauter Stimme, so dass alle Umherstehenden es hören konnten: "Zu Beginn habe ich Eurer Gelassenheit nicht getraut, verehrter Mann. Viermal habe ich Euch geprüft. Und ebenso oft habt Ihr gezeigt, dass Ihr Eure Weisheit wirklich zu leben wisst. Wollt Ihr ab heute Eure Lebensklugheit als mein Berater allen Menschen unseres Landes zur Verfügung stellen?"
Nacherzählt von Peter Bödeker
Bezüge zur Philosophie des Yoga
Die Erzählung „Der König und der Schuster“ lässt sich sehr schön mit zentralen Elementen der yogischen Philosophie verbinden, weil sie zeigt, wie alltägliches Leben und spirituelle Einsicht zusammengehen können. Hier einige markante Bezüge:
Gelassenheit & Präsenz
Der Schuster Orman Callum lebt nach dem Motto: „Morgen …? Das Leben sei gelebt Tag für Tag, Moment für Moment.“ Diese Haltung erinnert an den yogischen Wert der Gegenwärtigkeit (engl. mindfulness) und der bewussten Ausrichtung auf den Jetzt-Moment. In der Yogaphilosophie geht es darum, das Gedankenkarussell über Vergangenheit und Zukunft zu durchbrechen, um im „Moment“ zu verweilen.
Und: Diese Haltung zeigt Nicht-Anhaftung (wir könnten sagen: Vairāgya) – also nicht ständig Sorge tragen um das Kommende, sondern im Hier und Jetzt handeln.
Weisheit in der Einfachheit
Callums Lebensweise ist schlicht, er verzichtet auf Pomp und große Pläne, sondern repariert Schuhe, trägt Wasser, hackt Holz – je nachdem, was möglich ist. Das erinnert an den yogischen Grundsatz, dass Handeln (Karma) nicht zwangsläufig spektakulär sein muss, sondern mit Achtsamkeit, Dienst und Integrität geschehen kann. In der Philosophie des Yoga etwa wird das Konzept des Karma-Yoga beschrieben: eine Handlung mit innerer Haltung, losgelöst vom Ergebnis.
Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt Dieser Artikel zeigt dir, wie Karma Yoga – der Yoga der Tat – in einer fordernden Gegenwart trägt: mit klaren Prinzipien, geerdeten Übungen und ehrlicher Selbstprüfung. Ein jahrtausendealter spiritueller Pfad, den eigenen Alltag yogisch zu durchweben. Statt Erfolgsfixierung lernst du, im Tun selbst Halt zu finden: aufmerksam arbeiten, dienen ohne Pose, Ergebnisse loslassen und dabei innerlich frei werden. Theorie und Praxis greifen zusammen – ohne Hochglanz, mit Kanten, damit du den Weg im ganz normalen Alltag gehen kannst. Hier weiterlesen: Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärtBeitrag: Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt
Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt – Philosophie, Ethik, Beispiele
Zudem zeigt der König durch sein Vermumm-Spielen: wahre Weisheit ist nicht unbedingt laut und sichtbar – Yoga lehrt vielfach, dass das wahre Selbst verborgen und doch wirksam ist.
Prüfung von Charakter statt Äußerem
Der König prüft Callum durch mehrere Situationen – und erkennt dann dessen Lebensklugheit. Im Yoga wird oft gelehrt, dass äußere Umstände uns nicht definieren, sondern wie wir innerlich damit umgehen. Die Yamas und Niyamas – ethische Richtlinien wie Wahrhaftigkeit, Gewaltfreiheit, Selbstdisziplin – spielen hier eine Rolle.
Yamas und Niyamas im täglichen Leben Keine spirituelle Richtung kommt ohne Verhaltensregeln aus. Diese legen fest, welche ethischen Handlungsweisen für einen Aspiranten (oder auch jeden Menschen) förderlich sind. Was dem Christen die zehn Gebote, das sind dem Yogi die Yamas und Niyamas. Gleichzeitig sind sie die ersten beiden Stufen im Raja Yoga, dem achtgliedrigen Yoga-Pfad (auch Ashtanga- oder Kriya-Yoga genannt). Patanjali definiert Yama und Nyama im Yogasutra. Die alten Yogis hätten sich wohl nicht träumen lassen, dass ihre Regeln Jahrtausende später im Großraumbüro, beim Online-Shopping oder in WhatsApp-Chats auf die Probe gestellt würden. Und doch: Die Yamas und Niyamas im täglichen Leben sind verblüffend aktuell. Wer sie nicht als starre Gebote liest, sondern als praktische Orientierung, entdeckt, wie Gewaltlosigkeit beim Autofahren aussieht, warum Wahrheit auch mal Schweigen bedeutet und weshalb ein bisschen Maßhalten beim zweiten Glas Wein oft heilsamer ist als jeder Verzicht. Dieser Artikel zeigt, wie sich alte Weisheit im modernen Alltag verankern lässt: Was sind die Yamas und Niyamas? Wie werden diese in den alten Schriften ausgelegt? Und wie wende ich die Yamas und Niyamas im Alltag an? Der Artikel gibt Antwort und hält zwei Downloads (Poster & Merkkarte) parat.Beitrag: Yamas und Niyamas im täglichen Leben
Callums Besonnenheit, sein einfaches Vertrauen und seine innere Stabilität stehen für jene Qualitäten, die Yoga-Philosophen als „reife Persönlichkeit“ ansehen.
Nicht-Anhaften, Wandel akzeptieren
In der Geschichte ändern sich die Umstände: Erlasse, die das Handwerk verbieten; Umorientierung auf eine andere Tätigkeit. Callum bleibt dennoch in sich ruhend. Das entspricht der yogischen Idee von Anicca (Vergänglichkeit) – alles ist im Wandel, und wir tun gut daran, flexibel mit Veränderungen umzugehen. Auch das Konzept von Prakṛti und Puruṣa (Materie und Bewusstsein) zeigt, dass äußere Umstände (Prakṛti) uns nicht vollständig bestimmen müssen, wenn wir uns auf das Bewusstsein (Puruṣa) richten.
Yoga Sutra III-36: Sinnliche Erfahrungen beruhen auf einer Wahrnehmung, die nicht zwischen dem wahren Selbst (Purusha) und dem reinen Intellekt (sattviger Buddhi) unterscheidet – durch Samyama auf das wahre Selbst (Purusha) entsteht Wissen über Purusha
Kurz: Yoga heißt nicht, dass äußere Widrigkeiten entfallen, sondern dass wir unsere Haltung gegenüber ihnen kultivieren.
Dienst und Verantwortung
Am Ende wird Callum vom König gefragt, ob er sein Lebenswissen als Berater zur Verfügung stellen möchte – also nicht nur für sich leben, sondern anderen dienen. Das ist ebenso ein yogisches Thema: Das Ego nicht im Zentrum haben, sondern im Dienst sein – sei es durch Mitgefühl, Beratung, Gemeinschaft. In den Yoga-Sutras wird etwa das Ethos der guten Beziehung zu anderen als wesentlicher Teil gesehen.
Yoga Sutra III-24: Durch Samyama auf die Freundlichkeit und anderen Tugenden, erhält der Yogi deren Stärke

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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
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Der Hase vor der Möhre
Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.
Hier weiterlesen: Der Hase vor der Möhre

Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?
Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.
Hier weiterlesen: Die Schuld und ihr Zorn
Der Alte am Fenster
Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.
Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.
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Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.
Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.
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