Die fünf Phasen der Bewusstheit

Ich gehe eine Straße entlang.
Ein Loch ist im Bürgersteig.
Ich falle hinein.
Ich sage mir verärgert, dass die hier mal das Loch zumachen müssten.
Ich brauche lange, um wieder herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Ein Loch ist im Bürgersteig.
Ich will es nicht glauben.
Ich falle wieder hinein.
Ich bin perplex, erneut hineingefallen zu sein. Dass die das Loch immer noch nicht zugemacht haben ...
Ich brauche wieder lange, um herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Ein Loch ist im Bürgersteig.
Diesmal sehe ich es.
Dennoch falle ich hinein.
Alte Gewohnheit ...
Ich erkenne die Schuld bei mir. Das Herauskommen geht deutlich schneller.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Ein Loch ist im Bürgersteig.
Ich gehe um das Loch herum.

Ich gehe eine andere Straße.
Nach der "Autobiographie in fünf Kapiteln" aus dem Buch: "Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben". Umgeschrieben von Peter Bödeker
Yoga-Bezüge der Geschichte
Die fünf Phasen der Bewusstheit: Eine Reise durch die Yogaphilosophie
Vielleicht kennst du diese kurze, aber tiefgründige Geschichte: Eine Person geht immer wieder dieselbe Straße entlang und fällt wiederholt in ein Loch im Bürgersteig. Erst nach mehreren Versuchen erkennt sie das Muster und entscheidet sich schließlich, eine andere Straße zu nehmen. Aber was hat das mit Yoga zu tun? Mehr als du vielleicht denkst!
- Die Falle der Gewohnheiten: Samskaras erkennen
In den ersten beiden Phasen fällt die Person unbewusst in das Loch und gibt anderen die Schuld. Hier spiegeln sich die Samskaras wider, die im Yoga als tief verwurzelte Gewohnheitsmuster oder Eindrücke verstanden werden. Diese Muster beeinflussen unser Handeln oft, ohne dass wir es merken. Wie oft laufen wir auf Autopilot und wundern uns, warum wir immer wieder dieselben Fehler machen? - Die Schleier der Unwissenheit: Avidya durchbrechen
Die Verweigerung, das Loch zu sehen, obwohl es offensichtlich ist, steht für Avidya, die Unwissenheit oder falsche Wahrnehmung in der Yogaphilosophie. Dieser Schleier hindert uns daran, die Realität klar zu sehen. Wir neigen dazu, Wahrheiten auszublenden, die unangenehm sind, und bleiben so in leidvollen Situationen stecken. - Verantwortung übernehmen: Vom Opfer zum Schöpfer
Als die Person endlich erkennt, dass sie selbst für das Hineinfallen verantwortlich ist, beginnt ein Wandel. Im Yoga ist dies der Schritt zur Selbsterkenntnis und zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben. Anstatt die Schuld im Außen zu suchen, schauen wir nach innen und erkennen unsere eigenen Anteile am Geschehen. - Achtsamkeit im Alltag: Bewusste Entscheidungen treffen
Das bewusste Umgehen des Lochs symbolisiert die Praxis der Achtsamkeit. Wir sind präsent, erkennen Hindernisse und treffen bewusste Entscheidungen, anstatt impulsiv zu handeln. Im Yoga trainieren wir diesen Zustand durch Meditation und Atemübungen, um im Alltag klarer und fokussierter zu sein. - Der neue Weg: Transformation und Wachstum
Die Entscheidung, eine andere Straße zu gehen, steht für Transformation und persönliches Wachstum. Wir lösen uns von alten Mustern und öffnen uns für neue Erfahrungen. Das ist der Kern der Yogaphilosophie: den Mut zu haben, Veränderungen anzunehmen und dem Pfad zu folgen, der uns zu innerem Frieden und Glück führt. Eventuell sogar zur Erleuchtung ...
Diese Geschichte lädt uns ein, über unsere eigenen Lebensmuster nachzudenken. Wo sind die "Löcher" in deinem Leben, in die du immer wieder fällst? Vielleicht ist es an der Zeit, innezuhalten, die Augen zu öffnen und bewusst einen neuen Weg einzuschlagen.
Samskaras im Yogasutra:
Yoga Sutra I-18: Ein weiterer Zustand des Samadhi – Virama Pratyaya – ist nach intensiver Übung erreicht, wenn alle geistigen Aktivitäten aufhören und nur (ein Rest) unmanifestierter Eindrücke im Geist (eine Form der Leere) verbleiben
Yoga Sutra I-50: Dieses neue Wissen aus Nirvichara Sampatti erzeugte neue Eindrücke im Unterbewusstsein, welche die ungünstigen bisherigen Samskaras ersetzen
Yoga Sutra II-15: Für jemanden mit Unterscheidungsfähigkeit ist alles in dieser Welt leidvoll; das liegt an der Vergänglichkeit, unserem Verlangen, den unbewussten Prägungen (Samskaras) und an der Wechselhaftigkeit der Grundeigenschaften der Natur (Gunas)
Yoga Sutra III-9: Wenn die störenden Prägungen bzw. Aktivitäten des Geistes [immer wieder] durch solche der Ruhe und Sammlung ersetzt werden, transformiert der Geist zur inneren Stille (das ist Nirodha-Parinama)
Yoga Sutra III-18: Durch die direkte Wahrnehmung unbewusster Prägungen (Samskaras) entsteht Wissen über vorige Leben
Yoga Sutra IV-27: Jedoch kommt es aufgrund noch vorhandener Prägungen (Samskaras) immer wieder zu andersartigen Vorstellungen und damit zu Unterbrechungen (Brüchen – chidreṣu) dieser Unterscheidungskraft
Yoga Sutra IV-28: Die allmähliche Beseitigung dieser restlichen Prägungen (Samskaras) erfolgt so, wie es für die Überwindung der Kleshas (Leiden) beschrieben wurde
Yoga bietet uns dabei nicht nur körperliche Übungen, sondern auch philosophische Ansätze, um Bewusstheit zu erlangen und unser Leben positiver zu gestalten. Es ermutigt uns, Verantwortung zu übernehmen, achtsam zu sein und uns ständig weiterzuentwickeln.
Also, warum nicht heute damit beginnen, deine eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen und neue Pfade zu erkunden? Manchmal ist der erste Schritt einfach, eine andere Straße zu wählen.

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Achte auf Deine Gedanken,
denn sie werden Deine Worte.
Achte auf Deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten,
denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter,
denn er wird Dein Schicksal!
Von Charles Reade (1814 - 1884), englischer Schriftsteller, zumindest verbreitet, eventuell von ihm aus dem Chinesischen übernommen
Das weltberühmte Zitat, das C. Reade zugesprochen wird ► Ursprung bzw. Herkunft ► Umfrage zum Zitat ► Yogabeiträge zum Umgang mit Gedanken
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Was bedeutet Achtsamkeit im Buddhismus? Antworten in der Satipatthana Sutta
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