Eine Geschichte über vertrauensvolle Weltanschauung
Mantu, der unbeirrbar Zuversichtliche
Vor langer Zeit herrschte ein wohlhabender Maharaja über Teile des heutigen Goa. An seiner Seite befand sich nahezu ununterbrochen sein engster Vertrauter und Ratgeber Mantu. Wo der Herrscher erschien, war auch Mantu nicht weit. Der Grund dafür lag in einer außergewöhnlichen Eigenschaft des Beraters: Er verstand es, selbst die widrigsten Ereignisse stets von ihrer guten Seite zu betrachten. Ein solcher Mensch ist geschätzt – und der Maharaja schätzte ihn ganz besonders. Am Hof erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand, der Herrscher hätte lange gezögert, müsste er sich je zwischen seiner Gemahlin und Mantu entscheiden.
Doch eines Tages sollte Mantus unerschütterlicher Optimismus die Geduld seines Herrn auf eine harte Probe stellen.
Anlässlich einer Jagd begann der Tag unter günstigen Vorzeichen. Leichte Wolken minderten die Hitze, und die Tiere würden sich daher früher als gewöhnlich aus ihren Verstecken wagen. Der Maharaja war in bester Stimmung und voller Jagdeifer. Als sich ihm ein mächtiger Gaur (ein großes Rind) zeigte, ließ ihn seine Aufregung jedoch unachtsam werden. Er spannte den Bogen nicht korrekt, der Pfeil verhakte sich beim Abschuss – und riss dabei einen Teil seines rechten Zeigefingers ab.
Der herbeigerufene Arzt konnte die Verletzung lediglich notdürftig versorgen. Das fehlende Fingerglied war verloren; der Finger würde dauerhaft verstümmelt bleiben.
Mantu eilte herbei und sprach dem Maharaja tröstende Worte zu: „Mein Herr, verzweifelt nicht. Kein Schicksalsschlag trifft uns ohne Grund. Eines Tages werdet ihr erkennen, wozu dieser Verlust gut war.“
Diese Worte, so gut sie gemeint waren, trafen den Maharaja im falschen Moment. Schmerz und Zorn überwältigten ihn, und er ließ Mantu augenblicklich ins Gefängnis werfen. „Vielleicht findest du zwischen Ungeziefer und Stroh den Sinn meines Unglücks“, rief er ihm nach.
Der Maharaja ließ sich jedoch nicht lange von der Jagd abhalten. Bereits wenige Tage später ritt er erneut in den Wald. Da sich zunächst kein Wild zeigte, schickte er seine Begleiter fort, um unbemerkt weiterzuziehen. Dabei verirrte er sich immer tiefer im Dickicht.

Plötzlich wurde er von hinten niedergeschlagen und verlor das Bewusstsein.
Als er erwachte, war er gefesselt auf einem steinernen Altar. Um ihn herum tanzte ein Stamm wilder Eingeborener im Feuerschein, ihre Gesänge hallten durch die Nacht. Ein maskierter Mann trat hervor, ein großes Messer erhoben – offenbar bereit, das Opfer darzubringen.
In diesem Moment bemerkte der Maskenträger den verbundenen Finger des Maharaja. Zornig unterbrach er das Ritual und rief einen jungen Stammesangehörigen herbei.
„Wie konntest du übersehen, dass dieser Mann verstümmelt ist? Ein solches Opfer hätte unseren Stamm ins Verderben gestürzt. Bring ihn fort – und beschaffe Ersatz.“
So wurde der Maharaja freigelassen, mit einer Maske versehen und auf ein Pferd gebunden. Nach langer Nacht riss man ihn von dem Tier, schnitt seine Fesseln durch und ließ ihn allein zurück. Dankbar und erschöpft machte er sich auf den Heimweg.
Zurück im Palast ließ der Maharaja als Erstes Mantu aus der Haft holen. Reumütig entschuldigte er sich bei seinem Berater und bekannte, dessen Worte künftig ernster nehmen zu wollen.
Mit einem leichten Schmunzeln fragte er dennoch: „Und sag mir, Mantu – kannst du auch etwas Gutes an deiner Gefangenschaft erkennen? Dein Gesicht zeugt nicht gerade von Annehmlichkeiten.“
Mantu verneigte sich und antwortete ruhig: „Sehr wohl, mein Herr. Wäre ich bei jener Jagd an eurer Seite gewesen, hätten wir uns gemeinsam verirrt. Und dann hätten die Wilden vermutlich mich den Göttern geopfert – nicht euch.“
Nacherzählt von Peter Bödeker
Yogaphilosophische Bezüge in der Geschichte von Mantu
Die Erzählung über den Maharaja und den allzu zuversichtlichen Mantu lässt sich sehr gut an zentrale Themen der Yogaphilosophie anlehnen – ohne dass sie diese philosophischen Konzepte explizit nennt. Denn diese Geschichte kann als Metapher für innere Haltung, Erwartung, Handlung und Ergebnis gelesen werden.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma)
Ein Grundpfeiler der Yogaphilosophie ist das Karma-Prinzip: Jede Handlung hat eine Folge, nicht im moralisch-richterlichen Sinn, sondern als natürliches Wirkungsprinzip. Karma bedeutet „Handlung“ und zugleich „die Wirkung der Handlung“ – wir tragen die Folgen unserer Taten, Worte und inneren Haltungen mit uns.
In der Geschichte sehen wir ganz deutlich, wie Handlung und Folge miteinander verknüpft sind:
- Der Maharaja jagt voller Enthusiasmus und wird verletzt – ein Beispiel dafür, wie ungeprüfte Handlung (ohne Achtsamkeit) schwerwiegende Folgen haben kann.
- Mantus Ratschlag – zuversichtlich, aber ohne Achtsamkeit für den emotionalen Zustand des Maharajas – führt zu einem Konflikt und einer unmittelbaren Folge (Gefängnis).
Diese Erlebnisse spiegeln die Dynamik von Karma: Handlung (Kriya) und die darauf folgende Reaktion.
Das macht die Geschichte lesbar als ein Beispiel dafür, wie unser Tun, unser Reden und Denken im Alltag unmittelbare Wirkungen haben – und wie wir durch Bewusstheit vielleicht anders handeln könnten.
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Handeln ohne Anhaftung: Karma Yoga erklärt – Philosophie, Ethik, Beispiele
Loslassen von Erwartung und Ergebnis
Ein weiterer yogischer Gedanke ist jener des Karma Yoga – des selbstlosen Handelns ohne Anhaftung an das Ergebnis. Hier geht es nicht darum, keine Ziele zu haben, sondern vielmehr darum, die innere Fixierung auf das Ergebnis aufzugeben und mit Offenheit zu handeln.
Im Kontext der Geschichte:
- Mantu bleibt innerlich unerschütterlich positiv, unabhängig von äußeren Ergebnissen – ein Ausdruck von Gleichmut.
- Der Maharaja hingegen ist tief im Wunsch nach Kontrolle und Ergebnis verhaftet: Er will Jagderfolg, er will, dass seine Worte ernst genommen werden, er will nicht verletzt sein.
Das führt zu Leid. Genau hier greift ein yogisches Kernprinzip: Leid entsteht durch Anhaften an Erwartungen, nicht durch die Erfahrung selbst.
Das Yogasutra zum Thema Anhaftung:
Yoga Sutra I-15: Verhaftungslosigkeit ist erreicht, wenn das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Dingen erloschen ist
Yoga Sutra I-16: Das Nichtbegehren nach den Elementen der Erscheinungswelt führt zur Wahrnehmung des wahren Selbstes, des Purushas – die höchste Form der Verhaftungslosigkeit
Yoga Sutra I-30: Diese Hindernisse lauten körperliche Einschränkung, geistige Stumpfheit, Zweifel, Gleichgültigkeit, Faulheit, Haften an Dingen, falsche Anschauung und die Nichterreichung einer geistigen Stufe
Yoga Sutra I-37: Oder durch Meditation über einen Menschen, der völlig frei von Anhaftungen an Sinnesobjekte ist.
Yoga Sutra II-17: Die Identifikation des wahrnehmenden Selbstes mit den wahrgenommenen Objekten ist Ursache [des Leides] und sollte überwunden werden
Yoga Sutra III-51: Wenn ein Yogi auch an diese (Allmacht, Allwissenheit …) nicht anhaftet wird der letzte Samen des Bösen zerstört und vollständige Befreiung (Kaivalya) erlangt
Yoga Sutra III-52: Wenn himmliche Wesen ihn einladen, soll der Yogi weder Freude noch Stolz darüber empfinden, da es dadurch erneut zu ungewollter Anhaftung kommt
Gleichmut (Upekkha) und innere Haltung
Ein Begriff aus Yoga und verwandten tibetischen Traditionen ist Upekkha – der Zustand eines Gelassenen, der Ruhe inmitten aller Umstände findet.
Mantu verkörpert diese Haltung: Er bewertet Dinge nicht in „gut oder schlecht“, sondern bleibt innerlich gelassen. Der Maharaja hingegen reagiert eher impulsiv – ein Hinweis darauf, wie leicht unser Verstand wankend oder leidenschaftlich wird, wenn wir nicht innehalten.
Aus dem System des achtgliedrigen Pfades (Ashtanga Yoga)
Der achtfache Weg nach Patanjali umfasst praktische Schritte zur Befreiung – darunter Yamas (ethische Leitlinien), Niyamas (innere Disziplin), Dhyana (Meditation) und Samadhi (tiefe Versenkung).
- Ahimsa (Nicht-Gewalt): In Gedanken, Worten und Taten freundlich zu sein, auch in schwierigen Situationen, wäre ein direkter Gegensatz zur impulsiven Zornreaktion des Maharajas.
- Santosha (Zufriedenheit): Die Fähigkeit, innerlich zufrieden zu bleiben, unabhängig von äußeren Ereignissen, spiegelt sich in Mantus Haltung.
Der achtfache Yoga-Pfad
Das Ziel des Yoga ist ein stiller Geist, siehe dazu Yoga-Sutra I-2. Patanjali empfiehlt hierfür dem achtfachen Pfad zu folgen:
- Yama – 5 ethische Verhaltensregeln
- Niyama – 5 Regeln der Selbstdisziplin
- Asana – Körperstellungen, bei Patanjali nur Sitzhaltungen
- Pranayama – Atemübungen zur Atemkontrolle
- Pratyahara – Zurückziehen der Sinne nach innen
- Dharana – Konzentration auf ein einzelnes Objekt
- Dhyana – Meditation; Ziel: die Stille
- Samadhi – Nach längerer Stille und innerer Entwicklung kommt es zum Überbewusstsein, zu völliger Selbsterkenntnis; Erleuchtung
Wichtig: Alle Stufen sind wichtig und notwendig zur Erreichung des Yoga-Zieles. Also auch Yama und Niyama nicht vergessen ;-)
➔ Hintergründe und alte Schriften zum achtfachen Pfad des Raja Yoga

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Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Geschichte: Aidan Lavette und der wertvolle Krug
Aidan Lavette, der unsterbliche Geist, lebte auch mehrere Jahrhunderte in China. In einem Dorf am Huashan Berg, der für sein famoses Wolkenmeer weit über China hinaus berühmt ist, hörte er von folgender Geschichte:
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
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Vor langer Zeit lebte ein Hase am Rande eines kleinen Dorfes. An einem strahlenden Frühlingsmorgen entdeckte er eine saftige Möhre. Eine so große Möhre, wie er noch nie eine Möhre gesehen hatte. Die Rübe glänzte im morgendlichen Tau hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Vor Freude lief unserem Hasen das Wasser im Hasenmunde zusammen.
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Einst fragte Zen-Schüler Callum seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern?
Der Zen-Meister antwortete: "Stell dir vor, du gehst am frühen Morgen durch einen sonnigen Park. Du spürst einen zarten Wind im Gesicht, ansonsten ist alles ruhig. Dein Blick wird von hellgrün leuchtenden Trauerweiden angezogen, deren Zweige sanft die Oberfläche eines Teiches voller Seerosen streicheln. Ein zartblauer Eisvogel gleitet über das Wasser, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein zauberhaftes Lied an. Völlig versunken lauschst du dem Gesang des winzigen Stimmwunders. Plötzlich wirst du grob an der Schulter gerempelt.
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Der Alte am Fenster
Ein 48-jähriger Obsthändler mit Namen Callum erlitt eines Morgens auf dem Weg zum Marktplatz einen schweren Unfall mit seinem Transporter. Er schlug hart mit den Rippen auf das Lenkrad. Der Befund im Krankenhaus kam zu dem Ergebnis: mindestens zehn Wochen Bettruhe im Stützkorsett, ohne Aufrichten, ohne sonstige Bewegung im Rücken. Mit etwas Glück würde er danach wieder auf seinen Beinen gehen können.
Niedergeschlagen ließ Callum sich von der Schwester in ein Zwei-Bett-Zimmer schieben. Seinen Bettnachbarn an der Fensterseite, einen betagten Herrn mit ungesunder Gesichtsfarbe, grüßte er kaum. Ihn umhüllte düstere Schwermut. Würde er je wieder laufen? Wie würde es überhaupt mit ihm weitergehen? Würde er wieder auf dem Marktplatz verkaufen können? Welche Wahlmöglichkeiten gab es denn sonst? Apathisch starrte er auf die Decke.
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Einst lebte eine Mutter alleine mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus am Rande des Tronerwaldes. Tagein, tagaus wusch sie Wäsche, kochte für ihre Kinder, half bei den Hausaufgaben, putzte, hielt den Garen in Ordnung und kümmerte sich um auch alle sonstigen anfallenden Sorgen und Nöte der Familie. Am Vormittag arbeitete sie außerdem noch halbtags im Lebensmittelgeschäft des Ortes.
Viele Jahre hielt sie diesem belastenden Alltag stand, dann wurde es ihr zu viel. Sie begann um Hilfe zu beten. Und ein Gott war ihr gnädig.
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