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Eine Geschichte über vertrauensvolle Weltanschauung, nacherzählt von Peter

palast indien 564

Einst lebte ein reicher Maharaja im indischen Bundesstaat Goa. An seiner Seite fand sich stets der Berater Mantu. Nie sah man den Maharaja ohne seinen Ratgeber. Dieser besaß nämlich eine besondere Eigenschaft: Er bewertete alle Geschehnisse positiv. Mit solch einem Menschen umgibt sich jeder gern. Auch dem Maharaja ging es da nicht anders. Zungen bei Hof munkelten, dass der Maharaja, vor die Wahl gestellt, ob er sich lieber von seiner Frau oder von Mantu trennen würde, mit seiner Antwort gezögert hätte.

Doch eines Tages - bei einer Jagd - sollte sich ein Keil des Zorns zwischen den Maharaja und den allzu optimistischen Mantu schieben.

Der Morgen der Jagd begann hoffnungsvoll. Die Sonnenstrahlen wurden von durchziehenden Wolken gedämpft, so dass die Hitze nicht überhandnahm. Ansonsten verschliefen die großen Tiere den Vormittag im Schatten. So aber würde sie aktiv umherstreifen.

Der Maharaja war voller Vorfreude auf das kommende Jagdglück. So erklärte sich auch, dass er beim Anblick des stattlichen Gaurs die Sehne seines Bogens in seiner Aufregung nicht richtig spannte. Der Pfeil verhedderte sich beim Abschuss und das Ende des Pfeiles riss dadurch ein Glied seines rechten Zeigefingers ab. Der Arzt der Jagdgesellschaft konnte das fehlende Fingerteil nicht mehr annähen, er musste sich auf das Versorgen der Wunde beschränken. Der rechte Zeigefinger des Maharaja würde für immer verkrüppelt bleiben.

Mantu eilte zum Maharaja und wollte ihn trösten: "Oh Herr, seid nicht betrübt. Es wird sicherlich einen guten Grund haben, dass ihr einen Teil eures Fingers verloren habt. Wartet nur ab, bald werdet ihr erkennen, wozu euch dieser Schicksalsschlag dient."

Mit diesen vermeintlich tröstenden Worten hätte sich Mantu wohl besser etwas Zeit gelassen. Der Maharaja geriet in seinem Schmerz über diese Sätze derart in Zorn, dass er seinen doch so geschätzten Berater ins Gefängnis werfen ließ. "Vielleicht findet ihr zwischen dem Stroh und den Flöhen den Sinn meines Verlustes", rief er Mantu hinterher, als dieser von den Soldaten abgeführt wurde.

Das Unglück konnte den Maharaja nicht lange von der Jagd fernhalten. Schon in der Woche darauf zog er wieder in den Wald. Doch wollte sich diesmal kein großes Wild zeigen. So befahl er seinen Begleitern zurückzubleiben, damit die Tiere nicht durch übermäßigen Lärm frühzeitig gewarnt wären.

So kam es, dass sich der Maharaja weit von seiner Wache entfernte. Er drang immer tiefer in das Unterholz und musste sich irgendwann eingestehen, sich verlaufen zu haben. Als er gerade zu einem lauten Hilferuf ansetzen wollte, wurde er von hinten ohnmächtig geschlagen.

Nachdem er wieder zu sich gekommen war, fand er sich auf einem Opferstein gefesselt. Um ihn herum tanzten Wilde im Kreis und sangen kreischende Opfergesänge. Es war tiefe Nacht und das Feuer der Fackeln warf dunkle Schatten in die geschminkten Gesichter der Wilden.

Als ein Stammesangehöriger mit einer den gesamten Oberkörper bedeckenden Maske auf den Maharaja zutrat, konnte dieser nur auf dessen riesiges Messer starren. Der Maskenmann trug dieses hocherhoben vor sich her.

So würde er also dahinscheiden - als Gottesopfer eines wilden Eingeborenenstammes.

Doch das Schicksal hatte anderes mit ihm vor. Als der Maskenmann den Verband um den Zeigefinger des Maharaja erblickte, verlangte er wütend nach Ruhe und rief einen Namen. Aus dem Kreis der bis eben Tanzenden löste sich ein junger Mann und eilte mit gebeugten Kopf zum Maskenmann.

"Tarin, wie konnte dir entgehen, dass dieser Mensch verkrüppelt ist. Wenn ich dem Gott dieses Opfer gebracht hätte, wäre großes Unglück über unseren Stamm gekommen. Geh und bringe den Mann dorthin zurück, wo ihr ihn gefunden habt. Du wirst mir für einen Ersatz verantwortlich sein."

Der Maharaja konnte sein Glück kaum fassen. Der gescholtene Tarin zog ihm eine Maske über den Kopf und warf ihn gefesselt auf den Rücken eines Pferdes. Nach einstündigem Ritt schob Tarin den Maharaja achtlos vom Pferd, hieb dessen Stricke durch und galoppierte den dunklen Weg zurück. Der Maharaja dankte allen Göttern, zu denen er je ein Gebet gesprochen hatte.

Am nächsten Tag fand der Maharaja zurück in den Palast. Seine erste Amtshandlung bestand darin, Mantu aus dem Gefängnis kommen zu lassen. Der Maharaja entschuldigte sich vielmals bei seinem Berater und versprach, in Zukunft mehr Vertrauen in seine Worte zu haben.

Doch der Maharaja konnte sich nicht davon abhalten, Mantu einen kleinen Seitenhieb zu verpassen. Er fragte: "Sag mir, geschätzter Mantu, findest du auch einen Grund, warum dein Gefängnisaufenthalt etwas Gutes nach sich ziehen wird? Euer Gesicht ist voller Flohstiche, die kannst du wohl nicht als angenehmen Lohn ansehen."

"Oh verehrter Maharaja", hob Mantu an, "das liegt für mich auf der Hand. Wenn ich auf der letzten Jagd bei euch gewesen wäre, hätten wir uns wahrscheinlich zusammen verirrt. Und dann hätten die Wilden mich statt eurer den Göttern zum Opfer gebracht."

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