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Dann trat ein Einsiedler, der einmal im Jahr die Stadt besuchte, vor und sagte:

"Sprich zu uns vom Vergnügen."

Und er antwortete und sprach:

[er=der Prophet Almustafa, der 12 Jahre auf sein Schiff gewartet hatte, das ihn jetzt endlich in seine Heimat zurückbringen sollte. Vor seiner Abreise baten ihn einzelne Einwohner der Stadt Orphalese, ihnen ein letztes Mal seine Einsichten zu einem bestimmten Thema zu erläutern]

Vergnügen ist ein Freiheitslied,
Aber es ist keine Freiheit.
Es ist das Aufblühen eurer Wünsche,
Aber es ist nicht ihre Frucht.
Es ist eine Tiefe, die zur Höhe ruft,
Aber es ist weder das Tiefe noch das Hohe.
Es ist das Eingeschlossene, das sich auf Flügeln emporschwingt,
Aber es ist nicht vom Raum umschlossen.
Ja, das Vergnügen ist wahrlich ein Freiheitslied.
Und ich möchte, dass ihr es mit der Fülle eurer Herzen singt; doch ich möchte nicht, dass ihr euer Herz bei diesem Singen verliert.

Einige Jugendliche unter euch suchen das Vergnügen, als ob es alles wäre, und sie werden [von euch] gerichtet und zurechtgewiesen.
Ich würde sie weder verurteilen noch zurechtweisen. Ich würde sie suchen lassen.
Denn sie werden Vergnügen finden, aber nicht dies allein;
Sieben sind des Vergnügens Schwestern, und die geringste von ihnen ist schöner als das Vergnügen.
Habt ihr nicht von dem Mann gehört, der in der Erde nach Wurzeln grub und einen Schatz fand?

Und einige eurer Ältesten erinnern sich an ihre Vergnügungen mit Bedauern wie an ein Unrecht, das sie in Trunkenheit begingen.
Aber Bedauern ist die Verdunkelung des Geistes und nicht seine Züchtigung.
Sie sollten sich dankbar an ihre Vergnügungen erinnern, wie an die Ernte eines Sommers.
Doch wenn es sie tröstet, es zu bereuen, so lasst sie sich trösten.

Und es gibt unter euch diejenigen, die weder jung sind, um zu suchen, noch alt, um sich zu erinnern;
Und in ihrer Angst, zu suchen und sich zu erinnern, meiden sie alle Vergnügungen, damit sie den Geist nicht vernachlässigen oder sich eines Unrechts gegen ihn schuldig machen.
Aber sogar in ihrem Verzicht liegt ihr Vergnügen.
Und so finden auch sie einen Schatz, obwohl sie mit zitternden Händen nach Wurzeln graben.

Aber sagt mir, wer ist derjenige, der dem Geist ein Unrecht zufügen kann?
Wird die Nachtigall die Stille der Nacht verletzen oder das Glühwürmchen die Sterne?
Und wird eure Flamme oder euer Rauch den Wind belasten?
Denkt ihr, der Geist ist wie ein stiller Teich, den ihr mit einem Stab in Aufruhr versetzen könnt?

Wenn ihr euch dem Vergnügen verweigert, speichert ihr das Verlangen häufig in den Nischen eures Wesens.
Wer weiß denn, ob das, was heute ausgelassen zu sein scheint, nicht nur auf morgen wartet?
Sogar euer Körper kennt sein Erbe und sein berechtigtes Bedürfnis und will nicht betrogen werden.
Und euer Körper ist die Harfe eurer Seele,
Und es liegt an euch, süße Musik oder verwirrte Geräusche darauf hervorzubringen.

Und jetzt fragt euch in euren Herzen: „Wie sollen wir das, was gut ist, von dem, was nicht gut ist, unterscheiden?“
Geht zu euren Feldern und euren Gärten, und ihr werdet lernen, dass es das Vergnügen der Biene ist, Honig von der Blume zu sammeln,
Es ist aber auch das Vergnügen der Blume, der Biene ihren Honig zu geben.
Für die Biene ist eine Blume eine Quelle des Lebens.
Und für die Blume ist eine Biene ein Bote der Liebe,
Für Biene und Blume ist das Geben und Empfangen von Vergnügen ein Bedürfnis und eine Ekstase.

Menschen von Orphalese, seid in euren Freuden wie die Blumen und die Bienen.

Aus: Khalil Gibran "Der Prophet"; Übersetzung mit Anmerkungen: Peter Bödeker (2019)
[...] = Einfügungen von Peter Bödeker

 

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